"White Darkness", "Half Life" Ch. Sharon Eyal © Jubal Battisti
Kritiken

Die Kraft des Tanzes

Mit drei Meisterwerken des modernen Balletts verabschiedet sich Aaron Watkin in Dresden

Eigentlich war dieser Abschied noch gar nicht geplant. Dann aber, stürmisch gefeierter Abschied für Ballettdirektor Aaron Watkin zur letzten Premiere beim Semperoper Ballett in dieser Saison.  Nach 17 Jahren als Ballettdirektor und Chefchoreograf in Dresden folgt Watkin dem Ruf nach London und übernimmt die Leitung des National Ballet. Dies nun ein Jahr früher als ursprünglich vorgesehen.

Aaron Watkin © Nadja Moeller
Semperoper Dresden, Abschied von Aaron S. Watkin

Zufall oder nicht, dieser Abend fügt sich geradezu genial zum gar nicht so geplanten Anlass. In einem Interview für die Zeitschrift tanz beim Theaterverlag Berlin betont Aaron Watkin, dass für ihn die Arbeiten mit William Forsythe in Frankfurt und mit Nacho Duato in Madrid bis heute zu den wichtigsten Erfahrungen zählen, die er als jungen Tänzer gemacht habe. Es war natürlich an der Zeit, einen so wichtigen Choreografen wie Nacho Duato in Dresden vorzustellen, eine Arbeit von Sharon Eyal, aus Israel, von der Bathsheva Company, zur Diskussion zu stellen, und natürlich William Forsythe, mit dessen Werken das Semperoper Ballett unter Watkins Leitung weltweit gefeiert wurde.
Und mit einem Werk von Forsythe, „The Second Detail“ uraufgeführt 1991, seit 2007 im Dresdner Repertoire – wird der Abend eröffnet. Ungebrochen ist die Kraft dieses Werkes zur Musik von Tom Willems, auch nun mit den Tänzerinnen und Tänzern einer neuen Generation, die ganz eigenes Flair einbringen.

Fotos: © Jubal Battisti

“The Second Detail”, Ch. William Forsythe, Duosi Zhu und Ensemble
„The Second Detail“, Ch. William Forsythe

Die Anforderungen sind enorm. Die elektronischen Klänge geben keine Handlung vor. Eher Anregungen der Bewegungen, die sich bei hohen Ansprüchen aus klassischen Vorgaben des Balletts – auch Tanz auf der Spitze – Hebungen, schönsten Sprungvarianten der Tänzer, in natürlicher Wirkung ergeben. Das verblüfft. Zwölf Tänzerinnen und Tänzer, im Kommen und Gehen, im Miteinander, einzeln oder in raffinierten Bewegungsfolgen. Sie lösen einander ab. Eröffnen einen Kosmos des Balletts, von der Neoklassik bis in die Gegenwart. Balanchine und Cranko lassen grüßen. Und dann, Überraschung, am Ende, Duosi Zhu, die Tänzerin im weißen Kleid, auf bloßen Füßen, in wildem Tanz, mit der Gruppe, wie in einem beschwörenden Ritual: Nach allen typischen Varianten der Höhe, die dem Ballett eigen sind, ganz fest auf dem Boden, auf dem der Tatsachen, eben „The Second Detail”.  Das Publikum jubelt.

“Half Life”, Ch. Sharon Eyal

Drauf, erstmals in Dresden, mit „Half Life“ eine Choreografie von Sharon Eyal, in der Zusammenarbeit mit Gai Bahar, zum dem Technosound von DJ Ori Lichtig. Das wird laut. Der Sound wummert, knallt, schrammt und hämmert. Tänzerisch ist das auf den ersten Blick eher lau. Eine Gruppe von dreizehn Tänzerinnen und Tänzern, in einer Art von Gruppenzwang, entindividualisiert, im diffusen Halbdunkel.  Aber das scheint Absicht zu sein. Eine klingende und optische Reaktion auf Erfahrungen nur scheinbarer, gesellschaftlicher Freiheit und Individualität, die dann doch zu Zwängen wird, zu Vereinsamung in der Masse führt.

Ein Paar tanzt sich immer wieder heraus. Bewegungen wie ekstatisches Training des Beckenbodens bei ihm, aufstrebende Schultergymnastik auf halber Spitze bis zur Erschöpfung bei ihr. Aber kein Entrinnen, man fügt sich – welch bittere Ironie – so schmerzhaft wie lustvoll, in diesen Zwang eines donnernden Zeitgeistes. Euphorisch donnert der Applaus.

“White Darkness”, Ch. Nacho Duato

“White Darkness”, Ch. Nacho Duato

Der dritter Teil, Titel und Motto für den ganzen Abend, “White Darkness” vom spanischen Choreografen Nacho Duato, von 2001, Dresdner Erstaufführung, ist die erste Begegnung mit einem Choreografen, dessen Arbeiten vornan stehen im Repertoire des modernen Tanzes. Und natürlich auch ein Titel, der widersprüchlich erscheint: „Weiße Dunkelheit“.

Aber diese weiße Dunkelheit, diese Widersprüchlichkeit, steht im Grunde für das dramaturgisch überzeugende Konzept des ganzen Abends. Bei aller Widersprüchlichkeit fügen sich am Ende drei Teile – die je für sich nicht unterschiedlicher sein könnten – zu einem Ganzen. Es geht um Aufbrüche, um schmerzhafte Eingrenzung, und eben jetzt um diese Dunkelheit des weißen Todes, der in sanfter Pulverform aus vom Bühnenhimmel kommt: Leise rieselt der Tod.

Diese Choreografie widmet Nacho Duato seiner Schwester, die dieser weißen Dunkelheit, im Drogentod, erlegen ist. Zur Musik von Karl Jenkins, vornehmlich Streicherklänge, die schon Traurigkeit aufkommen lassen, versuchen Svetlana Gileva und Christian Bauch, im tänzerischen Dialog mit vier anonymeren Paaren, diesem tödlichen Irrtum der weißen Dunkelheit zu entkommen. Das sind berührende Szenen: Immer wieder der Versuch möglicher Nähe, dann Entfernung, Einsamkeit.  Sehr eindringlich ist eine Szene des Paares, wenn die Musik verstummt, wenn zur optischen auch die akustische Einsamkeit kommt.

Und doch, das vermag der Tanz zu vermitteln, wenn er immer wieder an die Grenzen körperlicher Möglichkeiten geht, die Hoffnung, sei es ein noch so kleiner Schimmer, verlischt nicht. Und so eröffnet dieses Motto von der weißen Dunkelheit, im Zusammenklang der drei Kreationen, zwar keine eindeutigen, aber doch wohl eher subversive Varianten individueller Visionen möglicher Hoffnungen.

Im eingangs erwähnten Interviews anlässlich seines Abschiedes betonte Aaron Watkin, dass ihm gerade dieses Werk von Nacho Duato sehr am Herzen läge. Es sei für ihn eines seiner kraftvollsten Werke. Das möchte man auch gerne ergänzen: In 17 Jahren hat er mit über 50 Premieren dem Publikum viele kraftvolle Werke geschenkt. Er hat es vermocht die Kraft des Tanzes, dieser „Muttersprache des Menschen“, wie es Dorion Weickmann in ihrem gleichnamigen Buch beschreibt, hell aufleuchten zu lassen. Dieses Leuchten hat Augen und Ohren geöffnet, hat die Herzen des Publikums erreicht, nicht nur in Dresden.

Boris Gruhl