The Nutcracker Reloaded Foto Daniel Ohlsson
Spezial

Was vom Original übrig bleibt …

Das Typische an Klassikern ist ihre Zeitlosigkeit, besser noch: eine gewisse Überzeitlichkeit. Eine Definition bringt es auf den Punkt: „Das Klassische bildet den zeitlosen Kontrapunkt zur zeitabhängigen Mode.“ Doch was bleibt in Tanzkunstwerken, die als Klassiker gelten, tatsächlich zeitlos gültig und damit erhaltenswert? Die Musik? Eine bestimmte Technik? Die Kernaussage der Handlung? Oder die Choreografie, sofern sie überhaupt – in welcher Form auch immer – erhalten und überliefert wurde?

Eine Reihe bekannter Ballettklassiker des 19. Jahrhunderts verdankt ihre Überzeitlichkeit in erster Linie der Unsterblichkeit von Peter Tschaikowskis Musik. „Dornröschen“ beispielsweise, 1890 in St. Petersburg uraufgeführt, begann als Feerie in drei Akten. 1921 feierten die „Ballets Russes“ mit einer eigenen Fassung Erfolge, die zunächst als Rekonstruktion gedacht war, doch um neue Tänze, andere Kostüme und ein verändertes Bühnenbild von Léon Bakst sowie Musikstücke aus dem „Nussknacker“ ergänzt wurde. Als wenig später gespart werden musste, tourte die bekannte Truppe unter Diaghilew mit einer gekürzten, auf einen Akt reduzierten Version unter dem Titel „Le Marriage de la Belle au Bois Dormant“. Unter den choreografierenden Händen des Schweden Mats Ek mutierte „Dornröschen“ rund 70 Jahre später zum drogenabhängigen Teenager, die gefährliche Nadel gehörte nun zu einer Spritze, und das moderne Bewegungsvokabular bezieht sich auf den ursprünglichen Choreografen Marius Petipa nur noch durch sparsam eingeflochtene Zitate.

Foto Daniel Ohlsson

Und im 20. Jahrhundert? Scheitern junge Liebespaare immer noch an gesellschaftlichen Konventionen zu Prokofjews berühmter Komposition „Romeo und Julia“, doch das Schicksal der beiden kann an unterschiedlichste Orte und in verschiedene Zeiten verlegt werden.
John Neumeier zum Beispiel vermied es, sich in seiner Interpretation „durch Ballettklischees einengen zu lassen“, seine Julia kommt mit nassen Haaren in ein Handtuch gewickelt auf die Bühne. Und aus dem Bereich Tanztheater: Pina Bauschs „Le Sacre du Printemps“ hat mit dem skandalträchtigen Original nur die Musik und den Rahmen eines Rituals gemein.

Fazit? Es gibt keinen Leitfaden, wie sich tradierte und innovative Anteile eines Klassikers miteinander ins Verhältnis setzen sollen. Es läuft darauf hinaus, dass eine Reihe von Variablen – Partitur, Tanzstil(e), Bühnenbild, Kostüme, Figuren, Handlungsgerüst – neu und frei gemischt werden können, Geschmack und Stilsicherheit in künstlerischen Fragen entscheiden.

Über Bord mit allem unnötigen Ballast, denkt sich ein/e Choreograf/in. Fredrik Rydman aus Schweden entstaubte das populäre Nussknacker-Ballett sehr gründlich: „The Nutcracker Reloaded“ seziert Tschaikowskis Musik, verwandelt die Protagonistin Clara in ein Kind armer Bettler und Drosselmeier – sonst netter Onkel – in einen skrupellosen Organhändler. Was überzogen klingt, ist im Ergebnis indes überzeugend – es kommt auf den Einsatz der gewählten Mittel an.

 

Dagmar Ellen Fischer