von Evelyn KLÖTI
Im Rahmen des Ballettabends „Timeframed“ präsentierte Lucas Valente seine Choreografie „Bare“ für das Ballett Zürich, dem er viele Jahre angehörte. Diesen Frühling steht er zum letzten Mal als Tänzer auf der Bühne des Opernhauses, das ihm zur zweiten Heimat geworden ist, und zwar in Christian Spucks „Messa da Requiem“. Der Wechsel vom Tänzer zum Choreografen sei organisch verlaufen, stellt er beim Gespräch in der in der Kantine des Opernhauses Zürich fest. Er habe schon als Student in São Paolo choreografiert. In zwölf Jahren sind rund 30 Arbeiten, Soli und Gruppenstücke, zusammengekommen und einige Preise. „Und dennoch laufe ich immer noch unter dem Label Young Choreographer“, schmunzelt Valente, der Brasilianer, der in der Schweiz, in Zürich, so heimisch geworden ist, dass er als schweizerisch-brasilianischer Choreograf bezeichnet werden möchte.
Lucas Valente stammt aus Brasilien und absolvierte eine unkonventionelle Tanzausbildung zwischen Theater, Zirkus, Modern- und Jazz-Dance, bevor und während er in Sao Paolo einen Bachelor in Theater und Philosophie machte. Als Tänzer wirkte er in Brasilien, Kuba, Italien, Deutschland und in der Schweiz und arbeitete mit namhaften Choreografen, die sein Bewegungsspektrum kontinuierlich erweiterten. Ballerinos – klassische Tänzer – seien wie Superheroes für ihn gewesen, inzwischen ist er selbst einer von ihnen geworden. Und nun darf er als Choreograf den sensationellen „Timeframed“-Abend mit zwei anderen Superheroes teilen: William Forsythe und Hans van Manen.

Fotos: „Bare“, Ch. Lucas Valente © Admill Kuyler
„Ich fühlte mich sehr geehrt und gleichzeitig hatte ich die Befürchtung, nicht ernst genommen zu werden“, sagt Valente rückblickend, „aber da ich die Company gut kenne, hatte ich Vertrauen und konnte in nur drei Wochen ein komplexes Stück choreografieren.“ Dieses erhält Abend für Abend den herzlichsten Applaus des Publikums.
„Bare Bones“ (Nackte Knochen, auch im Sinn von: auf das Wesentliche reduziert) war der Ausgangspunkt des Auftrags von Cathy Marston. Valente hat ihn radikal umgesetzt, da er explizit auf musikalische Untermalung verzichtete: „Ich wollte, dass die Musik vollkommen von den Tänzern erzeugt wird.“ Diese stampfen, keuchen und rufen einander Worte zu, die sich zu rhythmisch faszinierenden Phrasen verdichten.
Grundsätzlich setzt Valente Musik gezielt als emotionalen Verstärker ein, fügt diese wie ein Filmregisseur erst während oder nach den Bewegungssequenzen hinzu. Vorgegebene Kompositionen empfindet er als Einschränkung. Le Sacre du Printemps für eine Aufführung in der Tonhalle Zürich (2022) zu choreografieren, sei eine Herausforderung gewesen, auch Musik von Mozart: „In meinen Stücken gibt es selten „glückliche“ Musik.“ Gelernt dabei habe er jedoch viel.
Lucas Valente ist gerade dabei, als gefragter junger Gastchoreograf die grossen Bühnen Europas einzunehmen: Berlin, Cottbus, Innsbruck, Heidelberg stehen an. Und auch Brasilien: „Bei der Projektplanung klingt es spannend, aber als Gastchoreograf ist man oft auch einsam, alleine im Hotelzimmer, in einer Stadt ohne Freunde.“ Sein Lebensmittelpunkt bleibt Zürich und projektbasierte Kollaborationen („Choreographic Collisions“) entlang der „Berlin-Zürich-Achse“ bleiben für ihn weiterhin zentral, da zwar viele und prägende Tänzer:innen mit Christian Spuck nach Berlin gegangen sind, die Freundschaften aber geblieben sind. Und so wird sein Freundeskreis an exzellenten Tänzer:innen auch weiterhin für kleinere Produktionen engagiert.
Besonders hervorzuheben sind jene Stücke, die Valente für das Origen Festival Cultural im kleinen Bergdorf Riom kreiert hat. „Cain“ 2024 und „Fast-Nacht“ 2025. Kleine, aber professionelle Formationen proben und performen in Riom in einer alten Scheune auf einer 360 Grad-Bühne: „Das war ein wichtiger Schritt in meiner künstlerischen Reifung“, sagt Lucas Valente, der im nächsten Sommer seine dritte Produktion in den Schweizer Bergen präsentiert. „Ich suche für jedes Stück eine neue Sprache. Ich muss keinen Stil etablieren, an dem man mich erkennt.“ Offenheit und Vielfalt zeichnen Lucas Valente aus, da wird noch viel entstehen.







