Gyula Rab, Juan Carlos Falcón, Anna-Katharina Tonauer, Ludwig Mittelhammer, Ilia Staple, © Marie-Laure Briane
Kritiken

„Amors Fest“ am Münchner Gärtnerplatztheater

Barocker Bühnenzauber: die Wiederbelebung des Oper Ballet

Opulenz muss es sein, wenn die Theater wieder vor vollem Haus spielen dürfen, und so hat sich das Gärtnerplatztheater in München etwas ganz Besonderes ausgedacht, um in die Saison zu starten: die Wiederbelebung des Opera Ballet. Barocker Prunk, Wein und Gesang gehören da ebenso dazu wie wunderbare Elegie, Trauer um Verlorenes. Kurz: eine durchaus auch allegorische Sicht auf die Welt des Vergänglichen, die aber trotz allem die überbordende Lebensfreude nicht vergisst. „Amors Fest“ ist ein Gesamtkunstwerk aus Bühnenzauber, Musik, Gesang und Tanz. Vor allem aber ist es eine Aufführung, die eines bewirken will: den Ernst der Lage vergessen zu lassen und unbeschwert heiter ohne Anspruch auf tiefere Bedeutung zu genießen.

Der barocken Tradition folgend hat Howard Arman dafür ein Pasticchio aus vier barocken Musikstücken zusammengestellt, die verschiedene Bilder entwerfen. Und was liegt näher, also sie den Jahreszeiten zuzuordnen. Vivaldi lässt grüßen. Zu hören gab es dann aber kaum Bekanntes von André Campra (dem Erfinder der Opera ballet), von Matthew Locke, Sebastián Duròn und dem immer noch auf unseren Bühnen glänzenden Claudio Monteverdi. Howard Arman hat die einzelnen Werke geschickt mit eigenen Kompositionen verbunden und sie zu einem instrumentalen Gesamtkosmos verbunden, die er mit viel Verve dirigiert. Und das exzellente Orchester des Gärtnerplatztheaters entwickelt einen Klangkosmos, der spezialisierten Barock-Ensembles kaum nachsteht.
Handlung? Eher Nebensache. Nur so viel: Amors Gehilfe Cupido schießt mit seiner Armbrust auf Menschen, damit sie sich verlieben. Aber auch der Tod schießt auf Menschen. Reihenweise fallen sie um auf der Bühne – aus dem einen oder dem anderen Grund. Doch dann werden die Armbrüste vertauscht. Junge Menschen, die ins Visier geraten, sterben, statt sich zu verlieben, und Alte fallen plötzlich übereinander her. Oder der vom Pfeil getroffene Gärtner tanzt plötzlich sexy mit seinen zu Leben erwachten Baumskulpturen. Aktion allenthalben, die in choreographierte Bewegungen übersetzt sein will.

© Marie-Laure Briane

Das ist die Stunde von Ballettchef Alfred Schreiner: er hat die Gesamtregie bei diesen Opera ballet. Er schickt also nicht nur seine nach öffentlichem Auftritt lechzende Truppe auf die Bühne, sondern auch Opernchor und Sänger. Die wunderbar singenden Choristen wuseln, in immer neue Kleingruppen arrangiert, über die Bühne. Und weil es praktisch ist, sorgen sie auch gleich für die Umbauten, transportieren Tische und Bänke. Stellen alles um, auch wenn die Protagonisten ihre Arien singen. Panta rei – alles fließt.
Dass in der Masse plötzlich Tänzer erscheinen, bemerkt man an ihrem herausragenden Präsenz, auch wenn das Schrittmaterial nicht allzu ausgefeilt erscheint. Schießlich steht die Opera Ballet ganz am Anfang der Entwicklung der Ballettkunst und wurde erstmals nur von Adeligen, Höflingen und dem Sonnenkönig Ludwig XIV. höchstpersönlich vorgestellt. Analog dazu hat Alfred Schreiner nun eine lebensfreudige Bewegungssprache entwickelt, die Disco-Moves integriert und ganz auf sinnlich weiche Linien setzt.
Vor Klamauk wird nicht zurückschreckt: da galoppieren immer wieder ein paar Tänzer als Pferde über die Bühne, was natürlich für Lacher sorgt. Und eine präzise Gehstock-Choregrafie lässt Cabaret-Feeling aufkommen.

© Marie-Laure Briane

Poetischen Charme entwickelt „Amors Fest” vor allem im zweiten Teil, als Monteverdi mit seinem „Lamento della Ninfa“ und „Torsi e Clori“, berührend gesungen von Gyula Rab und Ilia Staple. Hinter Gazeschleiern erscheint das Tableau wie ein nachgestelltes amönes Gemälde, hinter dem die Dämmerung erwacht. Schnell geht es über in strahlenden Sonnenschein und eine große Party. An deren Ende alle unter einer großen schwarzen Plane versinken – aus der sie zu Beginn auch hervorgekrochen kamen.
Komisches, Berührendes und jede Menge Emotionen – was will man mehr an einem Theaterabend.

Ute Fischbach-Kirchgraber

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