Sharon Eyal „Salt Womb“: Orazio di Bella, Simone Messmer, James Nix, Miquel Martínez Pedro. © Bettina Stöß
Kritiken

“Lost and found”

Das Ballett am Rhein findet sich in sieben Stücken wieder zusammen

Das neu aufgestellte Ballett am Rhein hat nach dem Lockdown zum Spielzeitabschluss noch einmal Kostproben aus seinem vielseitigen Repertoire gezeigt. Der Ballettabend „Lost and found“ unter der Leitung von Demis Volpi feierte am 19. Juni im Theater Duisburg und am 25. Juni im Opernhaus Düsseldorf Premiere.

„Lost and found“ nennt Ballettdirektor und Chef Choreograf Demis Volpi das Programm, in dem die Compagnie Choreografien zeigt, die in dieser Spielzeit einstudiert wurden und bislang noch gar nicht oder nur kurz aufgrund des Lockdowns auf den Bühnen präsentiert werden konnten. Der Abend war ein voller Erfolg. Die Tänzerinnen und Tänzer zeigten langersehnte Tanzfreude, endlich wieder vor einem richtigen Publikum tanzen zu dürfen. „Wir konnten acht Monate lang nicht auf der Bühne stehen und uns als Compagnie nie wirklich kennenlernen. In nur drei Wochen haben wir alles einstudiert. Jetzt können wir endlich gemeinsam schauen und zuhören. Das ist wunderbar“, sagte Choreograf Demis Volpi sichtlich berührt zum Düsseldorfer Publikum.

“Love Song” Ch. Andrey Kaydanovskiy mit Feline van Dijken, Eric White © Bernhard Weis

Der Abend beginnt mit „A simple piece“, eine der ersten Arbeiten, die Demis Volpi als Chefchoreograf für seine Compagnie schuf. Zur betörenden a cappella Musik von Caroline Shaw begeben sich die acht Tänzer*innen in handwerkerähnlichen Hosen und einem leichten Hemd bekleidet auf eine Reise durch detailliert definierte Bewegungseinheiten, die ihren Reiz aus dem fantasievollen Umgang mit Limitation und Wiederholung ziehen.

Mit einer zweiten Choreografie „Allure“ von Demis Volpi zu Nina Simones jazziger Musik „Good bait“ steht die Solistin Simone Messmer im  Vordergrund. Messmer zeigt einen Tanz, in dem sie auf höchstem tänzerischen Niveau in Spitzenschuhen mit dem Publikum flirtet. Dabei dreht sie dem Publikum die meiste Zeit den Rücken zu und zeigt, wie Körper und Spitzentanz mit minimalen Bewegungen unterhaltsam verführen können.

Das dritte Stück des Abends „Love Song“ ist eine Wiederaufnahme und hält den augenzwinkernden Charakter vom vorherigen Stück ein. Feline van Dijken und Eric White zeigen zu Jacques Brels Lied „Ne me quitte pas“ die Irrungen und Wirrungen einer Beziehung, die nicht nur von Liebe geprägt ist, sondern immer wieder auch Momente von Distanz, Abkehr und Annäherung beinhaltet. Am Ende finden Tänzerin und Tänzer sich in inniger Umarmung wieder und zeigen, dass der schönste Moment im Leben der gemeinsame Moment ist.

“Allure” Ch. Demis Volpi mit Simone Messmer  © Bernhard Weis

Mit dem Stück „Little monsters“ zeigt Demis Volpi ein preisgekröntes Werk aus seiner Anfangszeit als Choreograf, das schon auf vielen Bühnen der Welt aufgeführt wurde. Zu drei Liedern von Elvis Presley tanzen sich Tommaso Calcia und Futaba Ishizaki in die Herzen der Zuschauer. Passend zum Titel des Ballettabends zeigt Demis Volpi mit „Little monsters“ in seinem hinreißenden Pas de deux das komplexe Innenleben zweier, die sich suchen und sich finden.

Dass in dieser Compagnie für Demis Volpi auch Platz für junge Choreografietalente sein soll, beweist das Stück „Erbarme dich!“ aus der Matthäus-Passion von Neumitglied Neshama Nashman aus Israel. Miquel Martinez Pedro tanzt ausdrucksstark und mitreißend zu der Musik von Johann Sebastian Bach. Mit der beeindruckenden Choreografie findet Neshama Nashmans Handschrift ihren Platz als JungChoreografin im Ballett am Rhein und lässt auf weitere Stücke hoffen.

Das fünfte Stück bleibt musikalisch bei Johann Sebastian Bach. Das Werk „Solo“ von Hans van Manen, das 1997 beim Nederlands Dans Theater II uraufgeführt wurde, ist eigentlich kein Solo, sondern wird bewusst auf drei Tänzer verteilt. Hans von Manen sagte als Choreograf des Stückes selbst dazu, dass Bachs Violinsuite unmöglich nur von einer Person allein getanzt werden könne. So wirbeln und swingen Daniele Bonelli, Orazio Di Bella und Kauan Soares mit einnehmendem Charme, großem Witz und voller Energie über die Bühne, dass das Publikum im Anschluss fast atemlos minutenlangen Applaus spendet.

Sharon Eyal „Salt Womb“ mit Simone Messmer, Miquel Martínez Pedro und Tänzer*innen des Ballett am Rhein © Bettina Stöß

Die letzte Choreografie des Ballettabends, „Salt Womb“ von Sharon Eyal und Gai Behar, lässt hingegen jegliche Leichtigkeit missen und könnte unterschiedlicher zu den anderen nicht sein. Dafür zählt es zu einem der interessantesten Stücke. Gezeigt wird eine Choreografie, die für das Nederlands Dans Theater I geschaffen wurde und die in ihrer Intensität die größte physische, aber auch mentale Herausforderung sowohl für die Tänzerinnen und Tänzer als auch für das Publikum ist. Hämmernde, minutenlange metallene Klänge unterstützen die intensiven Bewegungen der dunkelgekleideten, muskulösen Tänzer und erinnern an martialische Gebärden oder Stammestänze. Eyal und Behar zeigen eine ganz eigene, repetitive Körpersprache, die den gebeugten Tänzern mit minutenlangen weit gegrätschten Beinen in gekrümmter Haltung Höchstleistungen abfordert und die Gruppe zugleich miteinander suggestiv verbindet. Damit erschaffen die Tänzer einen fast tranceähnlichen Zustand, der die Zuschauer zwar dauerstresst, aber bis zum Ende hin mitnimmt und durchgehend begeistert.

Das zweieinhalbstündige Programm des Balletts am Rhein offenbarte einen bunten Blumenstrauß an tänzerischem, Choreografischem und spielerischem Können der jungen Compagnie von Demis Volpi, die bisher zwar noch wenig Möglichkeiten hatte, sich zu zeigen, jedoch nach diesem Programm unbedingt Lust auf weitere Ballettabende macht.

Viola Gräfenstein   
www.viola-graefenstein.de