Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kammertänzer Friedemann Vogel bei der Übergabe der Auszeichnung im Neuen Schloss. © Staatsministerium Baden-Württemberg/Ilkay Karakurt
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Friedemann Vogel – Der Moment, in dem ein Tänzer geehrt wird

Friedemann Vogel trägt nun den Verdienstorden Baden‑Württembergs

Ein Orden ist immer eine späte Bestätigung. Meist kommt er nach Jahren stiller Arbeit, nach unzähligen Stunden, in denen niemand zusah. Bei Friedemann Vogel ist er mehr als das: die Anerkennung dessen, was längst offensichtlich war.

Am 27. März 2026 verlieh Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Neuen Schloss in Stuttgart den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg — eine der exklusivsten zivilen Ehrungen Deutschlands, dauerhaft auf tausend lebende Träger begrenzt. Unter 27 Geehrten aus Wissenschaft, Politik, Sport und Wirtschaft war Vogel der einzige Künstler des Tanzes. Eine Seltenheit, die mehr sagt als jede Laudatio.

Friedemann Vogel tanzt, und die Bühne verändert sich. Nicht durch Technik allein — durch Präsenz. Selbst in den stillsten Momenten spürt man die Spannung seiner Körperlinien, die Konzentration seines Atems. Er erzählt nicht; er lässt Figuren atmen, als entstammten sie seiner eigenen Innenwelt. In einer Kunstform, die so flüchtig ist wie der Augenblick selbst, hinterlässt er etwas Bleibendes — nicht in Aufzeichnungen, sondern im Gedächtnis derer, die dabei waren.

In einer Welt, in der Künstler oft wechseln, glänzen und verschwinden, ist Vogel eine Konstante. Seit über 25 Jahren steht er dem Stuttgarter Ballett die Treue — und trotzdem wirkt jeder Auftritt wie eine Entdeckung. Er trägt das Erbe John Crankos weiter, ohne je Tradition zu wiederholen; er erneuert, ohne Eitelkeit, ohne Geste, allein durch das, was auf der Bühne sichtbar wird. Zu diesem künstlerischen Wirken tritt ein weiteres, das den Orden in besonderem Maße rechtfertigt: Als assoziiertes Mitglied eines Sonderforschungsbereichs an der Universität Tübingen bringt er sein Körperwissen in die Wissenschaft ein — in Performances, Ausstellungen, Lehrveranstaltungen. Was weiß ein Körper, der jahrzehntelang trainiert, interpretiert und erlebt hat? Vogel stellt diese Frage nicht nur auf der Bühne.

Der Orden ist ein Spiegel. Er zeigt, dass Kontinuität, Tiefe und die stille Größe eines Künstlers genauso zählen wie spektakuläre Premieren. Für Vogel selbst dürfte es ein kurzer Atemzug sein — bevor die nächste Probe beginnt, bevor der Vorhang wieder aufgeht. Für die Tanzwelt ist es etwas anderes: die Erinnerung daran, dass Kunst nicht nur im Augenblick geschieht, sondern in dem, was sie in uns zurücklässt.

Manche Auszeichnungen kündigen an, was kommen wird. Diese hier bestätigt, was wir längst wissen — und fühlen.

VITA

Friedemann Vogel | Stuttgarter Ballett