VORBEMERKUNG
Ich habe Ben Stevenson nie gekannt. Wir sind uns nie begegnet, haben nie gesprochen, nie in demselben Raum geatmet. Was ich über ihn weiß, habe ich gelesen — und gesehen: in einem australischen Kinofilm, der die Geschichte eines chinesischen Bauernsohns erzählt, den Stevenson 1978 in Peking entdeckte, nach Houston holte und damit in eine andere Existenz entließ. Dieser Film, Mao’s Last Dancer, hat mich nicht losgelassen. Nicht wegen der Tanzszenen, so schön sie sind. Sondern wegen der Figur des Ballettdirektors, der einem fremden jungen Mann gegenübersteht — einem Kind des Maoismus, aufgewachsen in Armut und ideologischer Enge — und in ihm sofort das sieht, was andere übersehen: ein Talent, das die Welt verdient. Stevenson hat für Li Cunxin Risiken auf sich genommen, die über das Berufliche hinausgingen. Er stellte die Kunst über seine eigene Person. Das ist selten — und verdient Erinnerung, auch von jemandem, der ihn nur aus der Ferne kannte.
Es gibt Menschen, die Geschichte machen, ohne laut zu werden. Ben Stevenson war so einer. Kein Manifest, kein Skandal, kein provokantes Interview — und dennoch hat er den amerikanischen Ballettbetrieb nachhaltig geprägt: durch Tänzer, die er formte, Kompanien, die er aufbaute, und Brücken, die er über Kontinente hinweg schlug.
Portsmouth, 1936: kein naheliegender Geburtsort für einen Meister des klassischen Tanzes. Doch Benjamin Stevenson fand früh seinen Weg an die Londoner Arts Educational School, wo er mit der Adeline-Genée-Goldmedaille der Royal Academy of Dancing abschloss. Mit 18 Jahren lud Dame Ninette de Valois ihn zum Sadler’s Wells Royal Ballet ein — dem heutigen Royal Ballet. Dort arbeitete er mit Frederick Ashton, Kenneth MacMillan und John Cranko.
Stevenson tanzte später als Principal beim London Festival Ballet, trat im West End auf und begann früh zu choreografieren. Eine Erkenntnis begleitete ihn fortan: Tanz braucht mehr als Technik — er braucht eine Geschichte.
1968 ging er in die USA, zunächst zu den Harkness Youth Dancers in New York, später als Co-Direktor des National Ballet in Washington D.C., wo er für die Eröffnungssaison des Kennedy Centers choreografierte. Die Vereinigten Staaten wurden seine zweite Heimat, Texas sein Lebenswerk.
1976 übernahm Stevenson das Houston Ballet, damals ein kleines regionales Ensemble. In den folgenden 27 Jahren formte er daraus eine international anerkannte Kompanie mit eigener Akademie und einem Repertoire vom klassischen Ballett bis zu zeitgenössischen Werken. Kenneth MacMillan und Christopher Bruce holte er als Hauschoreografen, zugleich entdeckte er zahlreiche Tänzerinnen und Tänzer, die später internationale Karrieren machten.
1978 reiste Stevenson nach Peking und erkannte in jungen Tänzern eine körperliche Intelligenz, die politische Systeme nicht auslöschen konnten. Er bot einem Studenten namens Li Cunxin ein Stipendium in Houston an. Li wurde ein internationaler Star; seine dramatische Übersiedlung in den Westen 1981 löste einen diplomatischen Konflikt aus und wurde später durch den Film Mao’s Last Dancer weltweit bekannt.
Die Verbindung zu China blieb dauerhaft. Stevenson wurde Ehrenmitglied der Pekinger Tanzakademie und des Shenyang Conservatory of Music. 1995 führte er das Houston Ballet auf eine historische Chinareise; die Eröffnungsvorstellung wurde live für mehr als 500 Millionen Zuschauer übertragen. 2018 ehrte ihn die chinesische Regierung als einen der bedeutendsten ausländischen Kulturvermittler der Reformära.
Zu den Talenten, die er formte, gehörte auch Lauren Anderson, die er 1990 zur Principal Dancer ernannte — als erste afroamerikanische Ballerina in dieser Position beim Houston Ballet. Für Stevenson war das keine Geste, sondern eine Selbstverständlichkeit. Auch Künstler wie Carlos Acosta und Janie Parker gingen durch seine Schule.
2003 übernahm Stevenson die Leitung des Texas Ballet Theater in Fort Worth und Dallas, das er bis 2022 prägte. Seine Produktionen von Schwanensee, Romeo und Julia und der humorvolle Nutty Nutcracker wurden zu Markenzeichen der Kompanie. 2022 ernannte man ihn zum Artistic Director Laureate auf Lebenszeit. Noch wenige Wochen vor seinem Tod saß er im Publikum seiner Kompanie.
Queen Elizabeth II. ernannte ihn 1999 zum Officer of the Order of the British Empire. Hinzu kamen der Dance Magazine Award, die Texas Medal of Arts und mehrere Goldmedaillen beim Internationalen Ballettwettbewerb in Varna. Doch ein Teil seines Vermächtnisses spielte sich fern der Bühne ab: an seinem Küchentisch. Stevenson war berühmt dafür, Freunde und Tänzer zu bekochen und dabei Geschichten zu erzählen, die stundenlang fesselten.
Ben Stevenson hinterlässt kein Manifest, aber er hinterlässt Bühnen, Schulen, Körper, die anders tanzen, weil sie durch seine Hände gegangen sind. Er hinterlässt einen Film, der seine Geschichte ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Und er hinterlässt die stille Frage, die alle großen Kulturvermittler aufwerfen: Wie viel Welt hätte nie stattgefunden, wäre dieser eine Mensch nie nach Peking gereist, nie nach Houston gegangen, nie an seinen Küchentisch gesessen?
Die Antwort ist nicht quantifizierbar. Aber sie tanzt noch.








