von Volkmar DRAEGER
Die erste Geschichte beginnt 1917. Sergei Djagilew und Igor Strawinsky reisen auf der Suche nach dem Sujet für ein neues Werk gemeinsam nach Neapel. Anregung finden sie im neapolitanischen Volkstheater, der Commedia dell’arte, mit seinen Verwirrungen um den unverwüstlichen Helden Pulcinella, seine Freundin Pimpinella, zwei Mädchen, die ebenfalls in die Langnase verliebt sind, weshalb zwei Burschen bei ihnen nicht zum Zuge kommen. Kompositionen des frühverstorbenen Barockstars Giovanni Battista Pergolesi inspirieren Strawinsky zu einer bezaubernd federleichten, indes musterhaft modellierenden und vor eingängiger Klangschönheit nur so sprühenden Partitur, die 1920 in Paris mit den Ballets Russes und in Pablo Picassos Ausstattung ihre tänzerische Uraufführung erlebte.
Die zweite Geschichte beginnt nur fünf Jahre später. Da wird die Modern-Tänzerin Yvonne Georgi, gerade mal Anfang 20, ans damalige Reußische Theater in Gera engagiert, um dort die Sparte Tanz aufzubauen. Im Jahr darauf erblickt, gebettet in einen mehrteiligen Abend, das Licht der Bühne auch ihre „Pulcinella“-Version, von deren Choreografie außer einigen lobenden Rezensionen nichts überliefert ist.


Die dritte Geschichte schließlich hat gerade begonnen. Das hundertjährige Bestehen einer Ballettkompanie am Theater Gera dank Yvonne Georgi feiert im Mai 2026 ein international besetztes Festival, dessen Spiritus rector Projektleiter Norbert Skowronek ist. Doch bereits die erste Tanzproduktion dieser Spielzeit steht ganz im Zeichen des Jubiläums. Ausgangspunkt ist jener „Pulcinella“, über den man kaum Genaueres weiß und der gleichsam Georgis letzte Arbeit in Gera wurde. Das brachte den heutigen Librettisten Skowronek auf die Idee, Yvonne Georgi als Kunstfigur in die Neufassung einzubeziehen: Sie betritt elegant im langen Mantel mit breitem Kragen, fast noch zögerlich, die Bühne, findet Pulcinellas Halbmaske und hat offenbar augenblicks die Rollenzeichnungen für dieses Ballett vor ihrem geistigen Auge.
So beginnt denn auch der Abend. Und weil seine musikalische Vorlage, vom Band eingeblendet, nur rund 35 Minuten lang ist, hat Norbert Skowronek für die Rahmenhandlung und für Zwischenteile bei dem iranischstämmigen, in Hamburg lebenden Kian Jazdi neue Musiken in Auftrag gegeben, die das Stück live auf Stundenlänge dehnen, etwa durch melancholische Solotrompete und elektroakustische Unterlagerungen. Leiten die bekannten Verwicklungen das Geschehen turbulent ein, schwenkt es dann in die kreative Atmosphäre beim Schöpfen einer Choreografie im Probensaal um. Georgi und ihre Tanzgruppe versammeln sich um eine Ballettstange, beraten, Rivalitäten treten zutage, Wettstreit heizt die Virtuosität an. Wenn am Ende die richtigen Paare sich furios finden, hat Yvonne Georgi offenkundig ihre Schuldigkeit in Gera getan und geht so leise wie allein ab – ins nächste Engagement nach Hannover, wie man aus der Biografie weiß, und wohin sie ihren „Pulcinella“ übrigens mitnimmt.
Der Armenier Arshak Ghalumyan, bis 2023 langjährig einer der profiliertesten Solisten im Staatsballett Berlin, als talentvoller Choreograf noch am Anfang seiner Weges, verantwortet diesen neuen „Pulcinella“ und bringt all seine immense tanztechnische Erfahrung an originellen Hebefiguren, Sprüngen und Würfen in die Anlage der Pas de deux und Ensembles ein. Giovanni Cancemi im Titelpart, Stefania Mancini als Pimpinella und ihre Mitakteure sind damit reichlich versorgt. Und doch tun sich Fragen auf. Die Verschränkung von Commedia-Duftigkeit und „realen“ Bezügen zu Yvonne Georgi verleihen der im Grunde simplen Story des Originals ein Mehr an Tiefe und Gewicht und bieten einem denkbaren Abgleiten in den bloßen Komödien-Klaumauk Einhalt. Gleichsam zerstückelt sie die Handlung und mit ihr Strawinskys Partitur, portioniert sie und nimmt ihr dadurch etwas von einer in sich geschlossenen Wirkung. Als Gewinn bleibt eine auf Geras Lokalkolorit spezifisch zugeschnittene Lesart von „Pulcinella“, bei der man abwarten muss, wie sie sich im Spielalltag bewährt.
Für den zweiten Teil des kurzweiligen Abends ist Norbert Skowronek ein echter Coup gelungen. Außer dass der Verlag, der Strawinskys Rechte vertritt, und auch Strawinskys Erben jenem erweiterten „Pulcinella“-Libretto zugestimmt haben, konnte auch Reid Anderson überzeugt werden, dem Staatsballett Thüringen ein Juwel aus der choreografischen Hinterlassenschaft von John Cranko freizugeben. Anderson, viele Jahre Solist im Stuttgarter Ballett, dann über Dezennien dessen maßstabsetzender Direktor, überlässt das Cranko-Erbe nur Kompanien, die es auf hohem Niveau tanzen können. Stuttgarts Choreologe Clemens Fröhlich besorgte schrittgenau die Einstudierung. Was das Geraer Ensemble in „Jeu de Cartes“ leistet, hat tänzerische Strahlkraft und künstlerischen Bestand weit über Thüringens Landesgrenzen hinaus. Dabei ist auch hier die Story nicht eben von Shakespearescher Dramatik. Doch was Cranko der 1937 an der Metropolitan Opera in New York uraufgeführten Strawinsky-Partitur 1965 für sein Stuttgarter Ballett als überschäumend witzige Konstruktion um das Geplänkel von personifizierten Spielkarten aufsetzt, wirkt so frisch, keck und zeitlos, als sei es gestern erst entstanden.

Durch symbolisches Mischen mannsgroßer Karten ergeben sich drei verschiedene Pokersituationen mit jeweils fünf Blatt-Motiven. Ob man weiß, wie Poker funktioniert, spielt für das Verständnis keine Rolle. Der Tanz ist derart prall, fußflink, technisch enorm schwierig, dabei von einer anmutenden Schwerelosigkeit und so amüsant, dass man aus dem Schmunzeln kaum mehr herauskommt. Wie sich der dominante Joker springfidel immer wieder einhäkelt, dabei mal geduldet, mal entsorgt wird, verrät John Crankos choreografisch-kompositorische Meisterschaft ebenso wie Cristian Emanuel Amuchasteguis überragende tänzerisch-komödiantische Interpretation der so anspruchsvollen wie physisch fordernden Rolle. Geras Premierenpublikum geriet schier aus dem Häuschen über ein an sich schon bemerkenswert leistungsstarkes Ensemble, das champagnerlaunig nochmals zu einer Höchstleistung auflief.
Fotos: © Ronny Ristok









