Elisabeth Tonev und Victor Caixeta in „Wings of Wax“, Ch. Jiri Kylian © Altin Kaftira, Kompanie: Het National Ballet
Stories

Warum der Tanz gerade wieder nach Bedeutung sucht

Weil Tanz heute nicht mehr nur bewegt, sondern etwas zu sagen hat – und genau das in einer Welt, die immer schneller wird, wieder selten geworden ist. Diese Feuilleton-Reihe macht den Tanz sprachfähig: nicht als Illustration, sondern als Frage an die Gegenwart, an den Körper und an die Verantwortung, die daraus erwächst.

Es ist eine leise Bewegung, fast unsichtbar.
Keine Revolution, kein Bruch, kein Manifest. Und doch verändert sie den Tanz von innen heraus. In Probenräumen, auf großen Bühnen, in Ausbildungsstätten weltweit zeigt sich ein gemeinsames Bedürfnis: Der Tanz sucht wieder nach Bedeutung.

Nach Jahren formaler Radikalität, technischer Perfektion und ästhetischer Abstraktion rückt etwas zurück in den Fokus, das nie ganz verschwunden war – aber lange nicht im Zentrum stand: Sinn. Narrative. Haltung. Verantwortung.

Die Rückkehr der Geschichte – ohne Nostalgie

Im klassischen Ballett zeigt sich diese Suche zunächst als vorsichtige Annäherung an das Erzählerische. Nicht als Rückfall in romantische Bilderwelten, sondern als bewusste Auseinandersetzung mit ihnen. Neue Schwanensee-Lesarten, dekonstruktive Klassiker, psychologisch verdichtete Figuren – sie sind weniger Ausdruck von Innovation als von Notwendigkeit.

Die Frage lautet nicht mehr: Wie modern kann ein Klassiker sein?
Sondern: Was erzählt er uns heute – und warum?

Tradition wird nicht länger als museales Erbe verstanden, sondern als Material, das befragt werden darf. Vielleicht sogar muss. Das Publikum spürt diesen Wandel. Es reagiert nicht mehr allein auf Spektakel, sondern auf Wahrhaftigkeit.

Zeitgenössischer Tanz und die Müdigkeit der Abstraktion

Parallel dazu zeichnet sich im zeitgenössischen Tanz eine andere Bewegung ab. Nach Jahrzehnten, in denen der Körper als autonome, oft entpersonalisierte Form gefeiert wurde, wächst eine spürbare Ermüdung gegenüber reiner Konzeptualität.

Die Reduktion, einst ein Befreiungsschlag, wird zunehmend als Begrenzung empfunden. Viele Choreograf:innen suchen wieder nach emotionaler Resonanz, nach gesellschaftlicher Verortung, nach Erzählfragmenten – ohne in illustrative Formen zurückzufallen.

Der Körper wird erneut Träger von Erfahrung, nicht nur von Idee. Tanz wird wieder Beziehung: zum Raum, zur Zeit, zum Gegenüber.

Bedeutung als Gegenentwurf zur Beschleunigung

Diese Entwicklung ist nicht isoliert zu betrachten. Sie steht in direktem Zusammenhang mit einer Welt, die sich permanent beschleunigt, fragmentiert und digitalisiert. In einer Kultur schneller Bilder und flüchtiger Aufmerksamkeit wird Bedeutung zu einer Form des Widerstands.

Der Tanz reagiert darauf nicht mit Lautstärke, sondern mit Tiefe. Mit Langsamkeit. Mit Verdichtung. Er verweigert sich dem sofortigen Verstehen und fordert stattdessen Präsenz – vom Publikum ebenso wie von den Ausführenden.

Ausbildung im Wandel: Mehr als Technik

Besonders sichtbar wird diese Verschiebung in der Ausbildung. Technische Exzellenz bleibt selbstverständlich, doch sie reicht nicht mehr aus. Pädagog:innen berichten von einem wachsenden Bedarf an Kontextwissen, an Reflexionsfähigkeit, an künstlerischer Selbstverortung.

Junge Tänzer:innen müssen heute mehr können als perfekt ausführen. Sie müssen verstehen, warum sie tanzen, wofür ihr Körper steht, welche Geschichten er trägt – und welche er erzählen will. Die Grenze zwischen Interpret:in und Mitgestalter:in wird zunehmend durchlässig.

Ein stiller Paradigmenwechsel

Was wir derzeit beobachten, ist kein Stilwechsel, sondern ein Haltungswechsel. Der Tanz entfernt sich weder von der Form noch von der Innovation. Er ergänzt sie um etwas, das lange als selbstverständlich galt: Bedeutung als künstlerische Verantwortung.

Vielleicht ist genau das das Zeichen einer reiferen Kunstform. Einer Kunst, die sich nicht mehr beweisen muss – sondern etwas zu sagen hat.


Wenn der Körper wieder zu erzählen beginnt, verändert sich die ganze Geschichte des Tanzes. Die nächste Folge von ‚Feuilleton | Der Körper, der erzählt‘ führt weiter – und lässt die Fragen nicht los. Bald hier zu lesen…