1-2019

Liebe Leserinnen und Lesern,

kaum ein anderer Tänzer steht wohl derzeit mehr in Rede als er: Carlos Acosta, Kubas schwarzes Tanzjuwel.  Nach glanzvoller, knapp drei Jahrzehnte überspannender Karriere, davon 17 Jahre beim Royal Ballet London und dort lange als Principal, tritt er immer wieder mit ungewöhnlichen Aktionen in Erscheinung. Denn vom Royal Ballet mag er zwar 2015 mit seiner Version der „Carmen“, als Solist allgemein 2016 mit einer großen Gala Abschied genommen haben – dem Tanz hat er deshalb längst nicht Valet gesagt. Allein die Zahl prestigeträchtiger Preise, vom Prix de Lausanne mit 16 über den Olivier Award for Outstanding Achievement in Dance bis zum Prix Benois de la Danse und dem Queen Elizabeth II Coronation Award der Royal Academy of Dance, sichert ihm einen Platz im Tanzolymp. Doch Acosta hat darüber hinaus soziale Ambitionen. So gründete er 2016 in Havanna seine Kompanie Acosta Danza mit dem Anspruch eines breitgefächerten, eher modern ausgerichteten Repertoires und rief über eine Stiftung die Acosta Dance Academy ins Leben, die Kindern auch aus armen Verhältnissen den Weg zum Tanz eröffnen soll. Denn Carlos Acosta weiß, was es heißt, aus einfachem Milieu zu stammen und schwarz zu sein. Darüber hat er in der 2007 publizierten Biografie „No Way Home“ bewegend offen berichtet. Gut zehn Jahre später entstand danach ein aufwühlender Film, der seine Laufbahn nachzeichnet und gerade in den Kinos läuft. Man mag nicht glauben, dass einer der bedeutendsten Tänzer seiner Generation vom Vater rigoros in die Tanzausbildung hinein gezwungen werden musste.
Als Breaker hatte der Knirps einen bescheidenen Ruf in seinem Viertel am Rande von Havanna,
Profifußballer wäre sein Ziel gewesen. Doch es sollte anders kommen, wie Icíar Bollaíns Streifen „Yuli“, Acostas Spitznamen zitierend, bebildert: Der Tanz eroberte schließlich die Seele des Widerspenstigen, machte ihn berühmt. Alle Erfolge rund um den Globus konnten indes seine Sehnsucht nach der Heimat nicht verdrängen. Ihr will er nun zurückgeben, was er dort empfangen hat, eine kostenlose Ausbildung als Knabe aus minder privilegiertem Umfeld. Ob er für sein Projekt aus Kompanie und Akademie Unterstützung vom finanziell ohnehin gebeutelten kubanischen Staat erhält, darf bezweifelt werden. Da nimmt es nicht wunder, dass Acosta nun mit einem weiteren Coup aufwartet. Ab Januar 2020 übernimmt er die Direktion des Birmingham Royal Ballet von David Bintley, der mit der Kompanie seit 1995 ein bemerkenswertes, international beachtetes Repertoire aufgebaut hat und ab Juli 2019 seine Funktion niederlegt. Er empfinde die Berufung als große Ehre, ließ Acosta wissen, und bewundere das Erbe seines Vorgängers. Nun wolle er künftig definieren helfen, was es heiße, eine führende klassische Kompanie im 21. Jahrhundert zu sein. Man darf gespannt sein, mit welchem Spielplan er seinem Ziel, dem Tanz neue Zuschauer zu erobern, näherkommen will. Als Ehemann und Vater mit Wohnsitz auch in England wird er nun zwischen Havanna und Birmingham pendeln, manchmal eben aus der Ferne die Geschicke seiner Kompanie mit assoziierter Schule bestimmen. Vielleicht dient der Job in Birmingham nicht zuletzt auch der Finanzierung des ehrgeizigen Projekts in Havanna. In jedem Fall ist Carlos Acosta ein Ex-Startänzer mit ausgeprägt sozialem Gewissen. Mehr solcher Beispiele wünschte sich,
mit herzlichem Gruß, Ihr
Volkmar Draeger
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