Tänzer/Dancers: Matteo Miccini, Adhonay Soares da Silva, Elisa Badenes, Anna Osadcenko © Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Kritiken

„Remember Me“

Werke von John Cranko und Kenneth MacMillan beim Stuttgarter Ballett

 

Vielleicht hat John Cranko, so rasant und fleißig wie er choreografierte, einfach nicht daran gedacht, dass dieses Ballett in 50 Jahren noch getanzt werden könnte. Sonst hätte er die vier Sätze von „Initialen R.B.M.E.“ vielleicht anders genannt, denn jetzt zwingt er jeden, der R(ichard), B(irgit), M(arcia) und E(gon) je live in ihren Rollen gesehen hat, die Nachfolger direkt mit ihnen zu vergleichen – mit ihren tänzerischen Fähigkeiten, ihren Bühnenpersönlichkeiten, letzten Endes mit den Menschen, denn für Menschen hat Cranko choreografiert. Dabei ist „Initialen“ ein so wunderbares Werk, technisch unglaublich anspruchsvoll, auch und gerade fürs Corps de ballet – ein konzertantes Ballett und doch wieder nicht, weil es darin zum zweiten Klavierkonzerts von Johannes Brahms um Freundschaft und Menschlichkeit geht.

Fotos: © Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Elisa Badenes, Anna Osadcenko
Ensemble Stuttgarter Ballett
Jason Reilly, Anna Osadcenko

Gleich im ersten Satz fassen sich alle Gruppentänzerinnen plötzlich an den Händen und bilden für Sekundenbruchteile einen fröhlich-verschworenen Kreis, das An-den-Händen-Fassen kehrt als Motiv durch sämtliche Sätze wieder. Einmal stehen zwei Paare mit dem Rücken zu uns an den Seiten und betrachten versonnen die anderen Tänzer, ihre Freunde. Crankos Behandlung des Corps de ballet zeigt nicht nur hier einen großen Unterschied zu George Balanchine, die Blickrichtung der Tänzer geht nicht ständig ins Publikum, sondern oft auf die Kollegen, die Freunde. Die vertrackten Hebungen sind hier wie später auch in Kenneth MacMillans „Requiem“ durchweg „Spartacus“-würdig. So wirft Martí Fernández Paixà, der nächste Alleskönner der Stuttgarter Kompanie, nacheinander die drei Solistinnen des B-Satzes von einer Schulter über den Kopf auf die andere und zelebriert davor eine Hebung im Adagio – er drückt seine Ballerina nicht mit Hauruck nach oben, sondern leicht und wie in Slowmotion, das muss man erst mal können.

Nein, Adhonay Soares da Silva fliegt nicht mit dem natürlichen Strahlen von Richard Cragun über die Bühne, aber er dreht die Myriaden von Pirouetten perfekt zentriert und verlangsamt sie immer wieder zum Schluss, er segelt locker durch die komplizierten Sprungkombinationen und flirtet mit seinen selbstbewussten Begleiterinnen Mackenzie Brown und Daiana Ruiz. Nein, Anna Osadcenko besitzt nicht die mondäne Eleganz Birgit Keils, sie wirkt zerbrechlicher und introvertierter. Die klaren Linien aber ihres perfekten Ballerinenkörpers und ihrer langen Beine leuchten in der gleichen Schönheit wie bei ihrem Rollenvorbild. Mit Agnes Su, Rocio Aleman, Jason Reilly, David Moore und Martí Fernández Paixà begleiten sie fünf weitere Erste Solisten, allesamt exzellent in ihren Variationen und in ihrem Gleichklang.

Initialen R.B.M.E. © Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Adhonay Soares da Silva

Nein, Elisa Badenes gleitet in ihren langen Bourrée-Linien nicht wie auf Wolken durch den dunklen Raum, so wie es einst fast wie eine Erscheinung Marcia Haydée tat; hier hat der Pas de deux des dritten, langsamen Satzes durch die große Ausdruckskraft Friedemann Vogels eine leicht veränderte Deutung erfahren: Der Suchende ist genauso wichtig geworden wie die ersehnte Geliebte, die ihn wieder verlässt. Die innige Harmonie der beiden Tänzer macht die Trennung noch schmerzhafter. Nein, Matteo Miccini ist noch nicht vom weisen, allumfassenden Schalk Egon Madsens durchdrungen, aber er schnellt in seinen kleinen Sprüngen leichtfüßig vom Boden weg, zeigt unglaubliche Grand Jetés und mischt mit seinem Humor die acht Paare auf, deren Sprünge quer über die Bühne zum Schluss eine helle Freude sind. Irene Yang und die beiden Sidekicks Edoardo Sartori sowie Alessandro Giaquinto assistieren dem Solisten mit strahlend guter Laune. „Initialen“ ist choreografisch so reich, so unglaublich musikalisch, dass es eigentlich neben George Balanchines Werken ins Weltrepertoire gehört.

Friedemann Vogel, Ensemble
Jason Reilly, Agnes Su, Martí Fernández Paixà, Rocio Aleman, David Moore

Kenneth MacMillans „Requiem“ befindet sich immerhin im Repertoire seiner ehemaligen Kompanie, des Royal Ballet in London – obwohl man es dort zunächst nicht haben wollte, genau wie viele Jahre zuvor sein „Lied von der Erde“. Einige Katholiken im Aufsichtsrat des Royal Opera House befanden, dass man Gabriel Faurés „Requiem“ nicht vertanzen dürfe, MacMillan wandte sich deshalb sogar an den Erzbischof von Canterbury. Marcia Haydée, gerade zur Direktorin in Stuttgart ernannt, freute sich und lud ihn sofort ein. Drei Jahre nach Crankos Tod kam der langjährige, zwischendurch entfremdete Freund wieder nach Stuttgart und arbeitete mit dem trauernden Rest der Ballettfamilie, die er hier mit trommelnden Fäusten und stummen Schreien, als großen kompakten Block hereinschlurfen lässt, ein schmerzvolles und faszinierendes Eingangsbild. Wo in Crankos „Initialen“ alles fließt, da stockt hier der Tanz, gleich am Anfang verhaken sich die Tänzer mit den Füßen überkreuz, als wären sie durch den Tod ihres Direktors verstört und könnten nicht mehr tanzen. Nach und nach aber, ganz langsam lösen Bilder von Engeln die Verzweiflung ab, viele stammen direkt aus William Blakes Illustrationen zu Miltons „Paradise Lost“. Alles strebt nach oben in diesem hellen, traurigen und doch so tröstlichen Ballett.

Friedemann Vogel, Clemens Fröhlich, Anna Osadcenko, Martí Fernández Paixà, Christopher Kunzelmann, Jason Reilly
Elisa Badenes, Jason Reilly
Elisa Badenes, Anna Osadcenko, Adrian Oldenburger, Satchel Tanner, Christopher Kunzelmann, Clemens Fröhlich

Mit den Hebungen scheint MacMillan seinen Freund hier noch übertreffen zu wollen, immer wieder werden die Corps-de-ballet-Tänzerinnen von einem oder zwei Partnern hereingetragen, sie schweben liegend hoch in der Luft. Zwei Tänzer, damals waren es Richard Cragun und Marcia Haydée, tragen andere Kostüme als Yolanda Sonnabends bemalte Ganzkörpertrikots, denen eigentlich anatomische Studien von Muskeln und Venen zugrunde liegen und die doch von ferne Schmetterlingskörpern ähneln. Jason Reilly durchleidet im Christus-Lendenschurz ein im Bewusstsein des Verlustes immer wieder stockendes Solo, in dem sich sein Körper schmerzhaft am Boden verknotet. Elisa Badenes tanzt in ihrem weißen Flatterkleid ein mädchenhaftes Kinderspiel voll Unschuld, das in ihrer puren, zarten Interpretation zu Tränen bewegt (oh hätte MacMillan doch die Frauen öfters auf diese Weise betrachtet). Badenes ist durchweg die Lichtgestalt in diesem Werk, wie ein schützender Engel folgt sie anderen Tänzern oder umfängt sie bergend mit den Armen. Anna Osadcenko zeigt in Birgit Keils Rolle die menschliche Seite des Verlusts, irrt suchend durch den Wald aus Tänzern und streckt anklagend die Hände gegen den Boden. Nach oben wendet sich Friedemann Vogel, wenn er in der Rolle Egon Madsens auf den Schultern von vier Männern kniet, die Verzweiflung gerinnt in zahllose, prägende Bilder. Im kurzen, hellen „Sanctus“ wirft Martí Fernández Paixà Badenes wie ein Kind hinauf in die Luft. Er trägt sie schließlich ganz am Ende, es war damals die Rolle Reid Andersons, auf seiner Schulter stehend wie ein Symbol der Hoffnung nach hinten.

Bei der Premiere wurden Pianist Alexander Reitenbach, der Kammerchor figure humaine sowie die Gesangssolisten Kiki Sirlantzi und Kabelo Lebyana ebenso bejubelt die die Tänzer. Der wieder in sein Amt als Musikdirektor eingesetzte Mikhail Agrest bekam den Unmut des Ballettpublikums über den von ihm verursachten Skandal zu spüren, er bleib fast demonstrativ von den Bravos ausgenommen. Einen Urschrei des ganzen Hauses gab es für die damaligen „Initialen“ Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen, deren inspirierende und doch eigene Interpretationen fördernde Einstudierung man den Tänzern deutlich ansah. Noch 50 Jahre später fühlt das Stuttgarter Ballett den Verlust John Crankos, durchlebt von den gestandenen Solisten bis zu den Eleven dieses Stück ohne alles Pathos, als eine getanzte Andacht, eine Erinnerung zugleich an John Cranko und Kenneth MacMillan.

Angela Reinhardt