Vor gut zwei Wochen wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden – Anlass genug für die Konstanzer Choreografin und Regisseurin Judith Geibel, ihr 2023 gemeinsam mit dem Dramaturgen Georg Kistner entwickeltes Tanz- und Theaterstück „Man kann die Wahrheit nicht erzählen“ erneut auf die Bühne zu bringen. Es erzählt von der traumatischen Beziehung zwischen der herausragenden, vielbeachteten Dichterin und dem ebenso erfolgreichen Schriftstellerkollegen Max Frisch.
Zum Glück für das Publikum im ausverkauften Werkstatttheater Konstanz – denn das Duo Geibel/Kistner gehört zu den Geheimtipps unter den freien, Stile und Sparten verbindenden Künstlerinnen und Künstlern in Baden-Württemberg. Zu ihren Markenzeichen gehört es, Sprache, Schauspiel, Tanztheater, Tanz und Film im perfekten Timing miteinander zu verweben – in dieser Produktion noch gesteigert –, sodass komplexe Zusammenhänge in kürzester Zeit greifbar werden. Auch bei der Stoffwahl trauen sie sich viel zu: Sie präsentieren oft psychologisch komplexe Figuren, die Verlust erleben und dabei um Sprache ringen.
„Man kann die Wahrheit nicht erzählen“ ist dabei keine Chronik einer Trennung, aber auch keine Hommage an zwei wegweisende Künstler der Nachkriegszeit. Es ist, wie Geibel sagt, eine Begegnung mit Bachmann und Frisch in ihren verletzlichsten Momenten. Dabei kommt man beiden Figuren so nah, dass man glaubt, Verhaltensweisen und Dynamiken zu sehen, von denen man heute nur aus zweiter Hand weiß – erlebt haben dürften die beiden so wohl nur wenige.
All das war Grund genug, trotz der Sommerhitze wieder nach Konstanz zu reisen, um dem reduzierten, hochverdichteten Spiel von Cecilia Amann als Ingeborg Bachmann zu folgen. Ihren Bühnenpartner hat sie dabei nur im Schwarzweißfilm: Georg Melich als Max Frisch, der an- und abwesende Mann, der Bachmann als ein Wunder empfand, das aber „unhaltbar“ war. Verzweifelt sucht er den Ausweg aus der Beziehung mit der „Flirtanfälligen“, die die „Kunst des Offenlassens“ beherrscht. In der Beziehung zu Bachmann habe sich Frisch, so zeigen es Geibel und Kistner im Stück, „hörig“ und unvollkommen gefühlt – und doch war er in seiner Liebe zu ihr ihrem Strahlen erlegen.
Immer wieder spricht Melich als Frisch direkt zum Publikum, während man ihn im Film sieht: in Cordhose am Strand, vermutlich am Zürichsee, im Garten tippend, mit Ingeborg auf einer Decke oder im Café – und später allein in der Nacht, als er aus Rom zurückkehrt, ohne ihr Bescheid gegeben zu haben. Geibel und Kistner haben zahlreiche Sätze über die beiden Hochsensiblen und Empfindsamen zusammengetragen – nicht aus dem 2023 veröffentlichten Schriftwechsel, sondern aus ihren Werken: aus Frischs Romanen „Montauk“ und „Mein Name sei Gantenbein“ oder aus Bachmanns Gedichten.
Während Melich zum Publikum spricht – wie zu seinem einzigen Gegenüber, wie ein Mann von heute um die 40 –, hört Cecilia Amann als Bachmann meist nur zu: trinkend, rauchend, komatös schlafend, fahrig schreibend oder dazwischen sprechend, immer elegant gekleidet mit Perlenkette, ebenfalls um den Ausstieg aus der Beziehung ringend. Sie spielt Bachmann, eingeschlossen im Zimmer einer Klinik, mit harter Stimme und erregtem Blick – und man kommt jener Bachmann, über deren zunehmenden Verfall man heute viel weiß, plötzlich irritierend nah.
Seine Ausgewogenheit, seine Balance und seine immense Stärke gewinnen das Stück jedoch entscheidend durch den Tanz von Elisa Dey und Levin Mischel als Bachmann und Frisch, der Schauspiel und Film noch einmal spiegelt. Neoklassisch angehaucht und raumgreifend in der Gestik, dabei ungemein präzise in den Bewegungen und mit offenen, sprechenden Gesichtern, reihen sie ein Duett an das andere und geben so den eingeschlossenen Gefühlen – dem „Wort“, das in die „Mulde der Stummheit zu legen ist“ – über den tanzenden Körper Raum.
Innigste Verbundenheit und Freude aneinander werden abgelöst durch eine tänzerische Begegnung, bei der sie Pumps und er Bergschuhe trägt. Irgendwann landen sie in hilflosen Soli. Dey unternimmt Versuche von „Todesarten“. Mischel tanzt trotzig mit Pfeife im Mund, bis sie sich zu einem großen Crescendo mit Hebefiguren auf eine Opernarie wiederfinden, während Amann fällt. Chapeau!







