Sie ist respekteinflößend, eine Ausnahmeerscheinung. „Eine Frau, die sich traut, laut und deutlich zu sagen, was sie denkt.“ Wenn Germaine Acogny eine Bühne betritt, verwandelt sie sich mit ihrer körperlich gewaltigen Präsenz in einen Vulkan. Ihre Studenten lehrt die Choreografin: „Beim Tanzen sollte man nicht deinen Körper sehen, sondern deine Seele.“ Es sind vor allem solche Sätze, die in Greta-Marie Beckers Film über die „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“ hängen bleiben. Hinzu kommen Passagen, in denen die Künstlerin über ihre eigene Tanztechnik spricht, bei der die Beweglichkeit des Beckens und mehr noch die der Wirbelsäule als geschmeidige und zugleich kraftvolle „Schlange des Lebens“ eine wichtige Rolle spielt. In ihren Stücken bezieht Acogny eindrücklich emanzipatorisch Stellung, thematisiert Dekolonisierung oder Völkermord und führt zu Recht den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy vor, der bei seinem Besuch in Dakar 2007 behauptete, „das Drama Afrikas bestehe darin, dass der afrikanische Mensch nicht ausreichend in die Geschichte eingetreten sei“.
Wie resolut Acogny schon als junge Frau und Pädagogin war, wenn es darum ging vor der Kamera Rede und Antwort zu stehen, verdeutlichen Archivaufnahmen aus verschiedenen Karriereetappen. Greta-Marie Becker, vielversprechende Nachwuchsregisseurin, hat diese schlüssig in ihre Dokumentation „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ eingebaut. Schlaglichtartig reihen sich diese neben Szenen mit Acognys Kindern, die Verleihung des Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk auf der Tanz-Biennale in Venedig 2021 sowie Erinnerungen und Eindrücke von Weggefährten und Kollegen zu einem stimmigen Porträt der mit 81 Jahren noch immer aktiven wie einflussreichen Künstlerin.
1944 als Tochter eines senegalesischen Beamten in Benin geboren wuchs sie im Senegal auf und verließ mit 18 Jahren Afrika, um in Frankreich Tanz zu studieren. Verwurzelt in traditionellen westafrikanischen Tänzen begann sie, sich mit modernen europäischen Tanzsprachen auseinanderzusetzen. Aus der Verbindung der unterschiedlichen Stilrichtungen entwickelte sie ihre eigene international anerkannte Technik des zeitgenössischen Afrikanischen Tanzes. Spätestens seit ihrer Zusammenarbeit mit dem französischen Choreografen Maurice Béjart, der ihr 1977 die Direktion seines Tanzinstituts „Mudra Afrique“ anvertraute, zählt sie zu den wichtigsten künstlerischen Stimmen Afrikas.
Über die gemeinsam mit ihrem deutschen Mann Helmut Vogt 2004 eröffnete École des Sables in Toubab Dialaw (Senegal) treibt sie den interkontinentalen Dialog stetig voran – als naturverbundene Mentorin für nachfolgende Generationen. „Tanz ist für mich eine friedliche Waffe. Tanz ist ein konstruktiver Kampf. Also werde ich weiterkämpfen“, resümiert Acogny zum Schluss. Und Beckers Film macht klar, dass eine solche Frau gerade deshalb vorbildlich ist, weil sie Rückschläge immer schnell hinter sich gelassen hat.







