{"id":68513,"date":"2026-02-27T15:50:09","date_gmt":"2026-02-27T15:50:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=68513"},"modified":"2026-05-14T11:29:31","modified_gmt":"2026-05-14T11:29:31","slug":"tom-schilling-ein-abschied-der-erst-jetzt-hoerbar-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/tom-schilling-ein-abschied-der-erst-jetzt-hoerbar-wird\/","title":{"rendered":"Auf dem Weg in den Olymp &#8211; Zum Tod von Tom Schilling"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">von Volkmar DRAEGER<\/p>\n<p>Ein Jahrhundertleben hat sich vollendet. Seinen Anfang nahm es am 23. Januar 1928. Da erblickt im th\u00fcringischen 600-Seelen-Nest Esperstedt nahe Bad Frankenhausen <strong>Tom Schilling<\/strong> das Licht der Welt. Noch kein Ereignis von Weltrang. In Dessau w\u00e4chst er auf, tritt am Theater der Kinder-Ausbildungsklasse bei, geleitet von einer fr\u00fcheren Eduardowa-Elevin. Mit 17, 1945, wird er nach Arbeits- und Kriegsdienst Solist an der Staatsoper Dresden, ist so begeistert vom expressiven Kammertanz der Dore Hoyer, dass er bei ihr Unterricht nimmt. Ab der Saison 1946, und bis 1952, tanzt er am Opernhaus Leipzig, ist dort gut eingesetzt, begegnet Mary Wigman und besucht deren Nachmittagsstunden. Das Nebeneinander von klassischer Technik und Schulung in modernen Ausdrucksweisen wird seine unorthodoxe Sicht auf den Tanz als sp\u00e4terer Choreograf beeinflussen und pr\u00e4gen. Einem Zwischenspiel als T\u00e4nzer am Friedrichstadt-Palast Berlin folgt die Berufung schon als Choreograf ans Deutsche Nationaltheater Weimar, 1956 bis 1964 ist er Ballettdirektor an der Staatsoper Dresden. Wichtige Inszenierungen entstehen: \u201eAbraxas\u201c, dann als erste Nachkriegsproduktion und entprechend enthusiastisch aufgenommen sein \u201eSchwanensee\u201c.<\/p>\n<p>Eine Einladung 1965 von Walter Felsenstein, dem renommierten Musiktheater-Regisseur, sollte Tom Schillings weiteren Weg bestimmen: Sie wurde zum Auftakt f\u00fcr Schillings rund ein Vierteljahrhundert w\u00e4hrendes Wirken an der Komischen Oper Berlin. Sein Tanztheater genanntes, zahlenm\u00e4\u00dfig rasch anwachsendes Ensemble deb\u00fctierte Ende 1966 mit \u201eAbraxas\u201c und bot bald Werke, die weit \u00fcber die Stadt- und Landesgrenzen hinaus aufhorchen lie\u00dfen. Realistisches Tanztheater, gemeint als ein Theater mit und f\u00fcr den Menschen, wahrhaftig und tief ins Seelenleben lotend, wurde Schillings Konzept, tatkr\u00e4ftig bef\u00f6rdert von seinem sp\u00e4ter engen Dramaturgen und Mitarbeiter Bernd K\u00f6llinger. Auf drei S\u00e4ulen gr\u00fcndete sich Schillings choreografisches Schaffen. Da waren die abendf\u00fcllenden Handlungsballette in neuer Deutung oder als Urauff\u00fchrungen: \u201eRomeo und Julia\u201c, \u201eSchwanensee\u201c, das Bauernkriegs-Drama \u201eSchwarze V\u00f6gel\u201c, \u201eUndine\u201c, \u201eAschenbr\u00f6del\u201c, die Shakespeare-Aktualisierung \u201eEin neuer Sommernachtstraum\u201c. Nicht allen war gleicher Erfolg beschieden, besonders aus westlicher Feder flossen negative, teils verletzend harsche Urteile. Schillings Meisterwerk sollte eine Adaption nach Goethe werden: \u201eWahlverwandtschaften\u201c, 1983 uraufgef\u00fchrt, dann von mehreren Ensembles \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Die zweite S\u00e4ule in Schillings Repertoire nahmen Kreationen zu sinfonischer Musik ein, etwa von Berlioz, Beethoven, Vivaldi, Mozart, Bart\u00f3k. Sie waren Meilensteine in seiner Auseinandersetzung mit nicht klar inhaltlich dominierten Sujets, ohne in ein allgemein \u00e4sthetisches Nirgendwo abzugleiten. Menschliches Verhalten, emotionale Konflikte und Umbr\u00fcche bildeten stets die Basis. Das gilt besonders auch f\u00fcr die dritte S\u00e4ule in Schillings Schaffen, sein Interesse am Kammertanz. Hier entstanden Werke, in denen der feinnervige Choreograf tiefsch\u00fcrfend und aus eigener Erfahrung in die Abgr\u00fcnde und Ver\u00e4stelungen menschlichen Daseins blickte: \u201eLa mer\u201c (Debussy), \u201eAbendliche T\u00e4nze\u201c (Schubert), \u201eCarnaval\u201c (Schumann), \u201eLebenskreis\u201c (Mendelssohn Bartholdy), indes auch witzige Miniaturen\u00a0 wie \u201eMatch\u201c (Matthus), das Gerangel zweier Tennis-Champions. Alle Choreografien lebten nicht zuletzt von dem, was Schillings Protagonisten w\u00e4hrend des Entstehungsprozesses und schlie\u00dflich in die Auff\u00fchrungen einbrachten, zuv\u00f6rderst das Paar Hannelore Bey und Roland Gawlik, dann Jutta Deutschland, Angela Reinhardt, Mario Perricone, Thomas Vollmer, Thomas Hartmann, Gerald Binke und die vielen anderen Exponenten des Tanztheaters der Komischen Oper.<\/p>\n<p>Wiewohl Schillings Repertoire die Kompanie gut \u00fcber die Wendezeit brachte, begann \u201eder Meister\u201c, wie er ehrfurchtsvoll genannt wurde, allm\u00e4hlich und vielleicht auch nicht ganz freiwillig seinen R\u00fcckzug, um 1993 endg\u00fcltig aus dem Amt des k\u00fcnsterischen Leiters zu scheiden. Was er hinterlassen hat, ist ein imposantes, stilistisch und thematisch vielf\u00e4ltiges, stets dem Humanismus verpflichtetes \u0152uvre, das sich in zahlreichen internationalen Gastspielen bew\u00e4hrt hatte und Schilling den begr\u00fcndeten Ruf als f\u00fchrender Tanzerfinder des Ostens eintrug. Dringliche Bitten um \u00dcbernahme seiner St\u00fccke verweigerte er hartn\u00e4ckig bis zum Schluss: Sie seien in einer Zeit und f\u00fcr sie entstanden, und diese Zeit sei vorbei, rechtfertigte er seine Ablehnung. Die letzten Lebensjahre verbrachte Tom Schilling in einer Pflegeeinrichtung. Dort ist er am 16. Januar, sieben Tag vor dem 98. Geburtstag, verstorben. Im Olymp der Choreografen d\u00fcrfte er nun dem in gegenseitiger Wertsch\u00e4tzung verbundenen John Cranko begegnen \u2013 und vielleicht auch dem k\u00fcrzlich vorangegangenen Hans van Manen.<\/p>\n<p>Doch in all die Trauer mischt sich auch eine gute Nachricht: Schilling hat, wie erst jetzt bekannt wurde, die Rechte an seinen Choreografien seiner langj\u00e4hrigen Solistin <strong>Arila Siegert<\/strong> \u00fcbertragen. An sie sind k\u00fcnftig Anfragen f\u00fcr Einstudierungen zu richten. Profunde Ballettmeister stehen daf\u00fcr bereit. Tom Schilling sei, \u00fcber sein Schaffen, das mehrere Generationen von Tanzenden und Zuschauenden gepr\u00e4gt hat, hinaus, doppelt Dank!<\/p>\n<p><em>Fotos: Arwid Lagenpusch\u00a0<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_68518\" aria-describedby=\"caption-attachment-68518\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-68518\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_012-1024x820.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"820\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_012-1024x820.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_012-300x240.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_012-768x615.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_012-1536x1230.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_012-2048x1640.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_012-600x480.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-68518\" class=\"wp-caption-text\">Tom Schilling &#8211; Hannelore Bey und Roland Gawlik tanzen \u201eLa mer\u201c<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_68520\" aria-describedby=\"caption-attachment-68520\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-68520\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_020-1024x761.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"761\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_020-1024x761.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_020-300x223.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_020-768x571.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_020-1536x1141.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_020-600x446.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_020.jpg 1774w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-68520\" class=\"wp-caption-text\">Tom Schillings neuchoreografierter \u201eSchwanensee\u201c (1978) war mit 244 Vorstellungen (allein an der Komischen Oper bis 1995) sowie auf internationalen Gastspielen die meistgespielte Auff\u00fchrung \u2013 Szene aus dem 2. Akt mit Alma Munteanu (Odette), Gregor Seyffert (Siegfried)<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_68516\" aria-describedby=\"caption-attachment-68516\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-68516\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_004-1024x772.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"772\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_004-1024x772.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_004-300x226.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_004-768x579.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_004-1536x1158.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_004-2048x1544.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Tom-Schilling_004-600x452.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-68516\" class=\"wp-caption-text\">Tom Schilling probt \u201eHoffmanns Erz\u00e4hlungen\u201c (UA 1986) mit Jutta Deutschland und Gerald Binke<\/figcaption><\/figure>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/DFY-nr.-70-Tom-Schilling-.pdf\">ARTIKEL LESEN\u00a0<\/a><\/span><br \/>\nDas Dance for You Magazine w\u00fcrdigte Tom Schilling bereits 2016 zu seinem 88. Geburtstag mit einem ausf\u00fchrlichen Ehrenartikel von Frau Dr. Schmidt-Feister. Darin wurde sein Lebenswerk als ein stilles Verm\u00e4chtnis beschrieben \u2013 als ein \u0152uvre, das sich nicht modischen Str\u00f6mungen beugte, sondern aus innerer Notwendigkeit entstand.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Volkmar DRAEGER Ein Jahrhundertleben hat sich vollendet. Seinen Anfang nahm es am 23. Januar 1928. Da erblickt im th\u00fcringischen 600-Seelen-Nest Esperstedt nahe Bad Frankenhausen Tom Schilling das Licht der Welt. Noch kein Ereignis von Weltrang. In Dessau w\u00e4chst er auf, tritt am Theater der Kinder-Ausbildungsklasse bei, geleitet von einer fr\u00fcheren Eduardowa-Elevin. 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