{"id":60071,"date":"2025-06-09T11:16:23","date_gmt":"2025-06-09T11:16:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=60071"},"modified":"2026-04-16T07:21:47","modified_gmt":"2026-04-16T07:21:47","slug":"unterstes-niveau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/unterstes-niveau\/","title":{"rendered":"Hamburg Ballett: Volpi geht, Interimsleitung kommt"},"content":{"rendered":"<p>Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper hat am 10. Juni 2025 der vorzeitigen Aufl\u00f6sung des Vertrages mit Ballettintendant Demis Volpi zugestimmt. Beide Parteien verst\u00e4ndigten sich auf eine einvernehmliche Vertragsaufl\u00f6sung zum Ende der Spielzeit sowie eine sofortige Freistellung. Eine gemeinschaftliche Interimsleitung f\u00fcr das Hamburg Ballett wird angestrebt. Volpi erkl\u00e4rte, dass sich seine k\u00fcnstlerische Vision und die angestrebten strukturellen Ver\u00e4nderungen trotz intensiver Bem\u00fchungen unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht realisieren lie\u00dfen. Daher habe man sich im Sinne aller Beteiligten auf eine Beendigung seiner Intendanz verst\u00e4ndigt. Der Aufsichtsrat bedauerte, dass keine gemeinsame Grundlage f\u00fcr eine weitere Zusammenarbeit gefunden werden konnte. Der Vorsitzende w\u00fcrdigte Volpis k\u00fcnstlerische Impulse und seinen Einsatz f\u00fcr die Compagnie und w\u00fcnschte ihm alles Gute f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>In einer Sondersitzung wurde beschlossen, dass das Hamburg Ballett bis zum Ende der Spielzeit 2025\/2026 interimistisch geleitet werden soll. Gespr\u00e4che mit Lloyd Riggins, Nicolas Hartmann und Gigi Hyatt \u00fcber die Gestaltung dieser \u00dcbergangsphase laufen bereits. Zudem wird mit Hartmann \u00fcber die \u00dcbernahme der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung verhandelt.\u00a0Parallel soll ein extern moderierter Prozess mit der Compagnie erarbeitet werden, der die k\u00fcnftige Zusammenarbeit definiert und in einen Findungsprozess f\u00fcr die neue Ballettdirektion m\u00fcndet. Kultursenator Carsten Brosda betonte, dass die Verantwortung nun auf mehrere Schultern verteilt werde, um die k\u00fcnstlerische Entwicklung zwischen Tradition und Moderne fortzuf\u00fchren und die Voraussetzungen f\u00fcr eine langfristige Nachfolge zu schaffen.<\/p>\n<hr \/>\n<h2 style=\"text-align: left;\">Kommentar <strong>von Angela Reinhardt<br \/>\n<\/strong>9. Mai 2025<\/h2>\n<p>\u201eSchlecht choreografiert und unfassbar banal\u201c, \u201eauf dem untersten Niveau\u201c sei Demis Volpis St\u00fcck \u201eThe Thing with Feathers\u201d, so erz\u00e4hlte Alexandr Trusch wiederholt der Presse und legt mit \u201eSch\u00fclertheater\u201c sp\u00e4ter noch eins drauf. Das alles sagt er wohlgemerkt \u00fcber seinen derzeitigen Chef, den Hamburger Ballettintendanten, der nach Truschs Ansicht \u201eals K\u00fcnstler nichts bieten kann.\u201c Das Timing des Brandbriefs, mit dem sich 36 T\u00e4nzer beim Hamburger Kultursenator \u00fcber ihren Vorgesetzten beschweren, ist perfekt, gr\u00e4tscht es doch genau in die kreative Probenphase von \u201eDemian\u201c hinein, der ersten Kreation Volpis f\u00fcr seine neue Kompanie, die am 6. Juli Premiere feiern soll. Der kann sich nun mit dem Skandal herumschlagen anstatt sich auf seine Kunst zu konzentrieren \u2013 wobei es fast unverzeihlich f\u00fcr einen Ballettdirektor ist, dass Volpi das Brodeln im Ensemble nicht gesp\u00fcrt hat und nun zur Unzeit davon \u00fcberrascht wird. Scheinbar traf hier ein auf moderne Kommunikation eingestellter Ballettchef, der erwartet, dass man mit Problemen offen auf ihn zukommt, auf ein verw\u00f6hntes Ensemble, dem zu oft gesagt wurde, wie brillant es doch ist.<\/p>\n<p>Im selben anma\u00dfenden Ton kritisiert Trusch seinen Direktor daf\u00fcr, dass er \u201enie auf hohem Niveau\u201c getanzt habe. Wer die Berufung zum Choreografieren in sich sp\u00fcrt, der f\u00e4ngt (genau wie John Neumeier) so fr\u00fch wie m\u00f6glich damit an und wartet nicht, bis seine B\u00fchnenkarriere mit 40 Jahren endet und er umschulen muss. Aus den Worten des Hamburger T\u00e4nzers klingt oft ein kr\u00e4ftiger D\u00fcnkel, wenn er etwa befindet, dass es im Interesse des Direktors sein sollte, \u201eso eine Compagnie zu verstehen\u201c und dass man sich \u201eauf unserem Niveau\u201c solche St\u00fccke nicht erlauben k\u00f6nne. \u201eEr hat kein Interesse, zu verstehen, was diese Werke f\u00fcr eine Geschichte haben. Man muss zuh\u00f6ren, zuschauen, lernen und verstehen, was sie ausmacht\u201c, so Trusch im \u201eHamburger Abendblatt\u201c. Das hei\u00dft, er will keine Ver\u00e4nderung, sondern einen zweiten John Neumeier haben. Mehrteilige Abende h\u00e4lt Trusch f\u00fcr Geldmacherei, diese St\u00fccke seien \u201ezum Weiterverkauf choreografiert\u201c &#8211; ein Vorwurf, der nebenbei dann auch Legenden wie Hans van Manen, Ji\u0159\u00ed Kyli\u00e1n oder William Forsythe trifft. Raffiniert impliziert der T\u00e4nzer-Vorwurf, Volpi sei nicht oft genug im Ballettsaal, eine gewisse Faulheit, Volpi kontert mit aufwendiger Verwaltungsarbeit. Das Totschlagsargument schlie\u00dflich des \u201etoxischen Arbeitsklimas\u201c klingt nach Harvey Weinstein, Mobbing, Bel\u00e4stigung und wird, das d\u00fcrfte die Absicht gewesen sein, die offene Haltung des Publikums gegen\u00fcber Volpi entschieden eintr\u00fcben, der aufgrund dieser Aktion schon jetzt mit deutlich schlechteren Publikumsreaktionen und Kritiken f\u00fcr \u201eDemian\u201c rechnen darf.<\/p>\n<p>Verbl\u00fcffend ist bei der ganzen Aktion die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der Trusch nicht nur in Hamburg als \u201eeiner der weltbesten T\u00e4nzer\u201c angesagt wird. Alexandr Trusch ist kein Star \u2013 das mag er vielleicht f\u00fcr seine Hamburger Fans sein, aber er geh\u00f6rt keineswegs zur internationalen Elite, wird eher selten anderswo eingeladen. Trusch ist relativ klein, hat keine hohen Beine, keine hohen Spr\u00fcnge, keine besondere Lyrik wie ein Danseur Noble. Er geh\u00f6rt auch unter den Hamburger T\u00e4nzern nicht unbedingt zu denen mit der gr\u00f6\u00dften dramatischen Ausstrahlung und ist keineswegs die erste Wahl, wenn es um zentrale Rollen wie Nijinsky geht. Partnert er die sensible, \u00e4therische Alina Cojocaru, einen echten Weltstar, dann wird der k\u00fcnstlerische Niveau-Unterschied deutlich offenbar. Da erscheint es ziemlich verwegen, mit bald 36 Jahren zu k\u00fcndigen und irgendwo offene Arme f\u00fcr ein weiteres Engagement zu erwarten \u2013 die Konkurrenz um T\u00e4nzerstellen wird immer heftiger, die Jugend ist exzellent ausgebildet, wird mit Neugier angeliefert statt mit D\u00fcnkel. Welcher Direktor w\u00fcrde einen T\u00e4nzer nehmen, der mit solchen Worten \u00fcber seinen aktuellen Chef herzieht?<\/p>\n<p>Was also erhofft sich Trusch von seiner Aktion? Im Brief an Carsten Brosda fordern die T\u00e4nzer eine \u201ealternative Strategie\u201c \u2013 will hei\u00dfen: einen neuen Chef. Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt legt Trusch die Spur: \u201eIch versuche, meinen Ensemble-Kollegen Edvin Revazov bei dem Hamburger Kammerballett zu unterst\u00fctzen\u201c, und: \u201eEs gibt gen\u00fcgend Choreografen im Haus, die absolut kein Problem haben, etwas zustande zu bringen.\u201c Ja wen denn, fragt man sich erstaunt \u2013 Neumeier galt, ein schmerzhafter Unterschied zu John Cranko, nun wirklich nicht als jemand, der Choreografen aus dem eigenen Ensemble gef\u00f6rdert hat. Mehr als eine einzige Kreation hat er bei keinem einzigen von ihnen jemals in Auftrag gegeben. Ein Handlungsballett k\u00f6nnen weder Revazov (der als zweiter nach Trusch auf dem Brief unterschrieben hat) noch Aleix Mart\u00ednez vorweisen. Volpis \u201eKrabat\u201c brach 2013 s\u00e4mtliche Zuschauerrekorde in Stuttgart, aber ein Hamburger Start\u00e4nzer kann nat\u00fcrlich bereits nach einem Kurzballett die Qualit\u00e4t eines Choreografen beurteilen.<\/p>\n<p>Manchmal hat man den Eindruck, als w\u00e4re beim Hamburg Ballett kein Chefchoreograf gegangen, sondern ein Sektenf\u00fchrer. Geh\u00f6rt dieser Hochmut zu den schlimmen Folgen der jahrelangen Monokultur, wo zuletzt au\u00dfer alten Klassikern keine andere choreografische Handschrift mehr gezeigt wurde? Dass das T\u00e4nzerniveau in Hamburg w\u00e4hrend des letzten Jahrzehnts nicht mehr so hoch war wie zu den besten Neumeier-Zeiten, ist kein Geheimnis \u2013 nur wenige der jetzigen Solisten haben Pers\u00f6nlichkeiten wie einst Heather Jurgensen, H\u00e9l\u00e8ne Bouchet, Ivan Urban oder Thiago Bordin, ganz zu schweigen von ihrer Vorg\u00e4ngergeneration. Die Hamburger T\u00e4nzer haben ihr Leben lang Rollen auf den Leib choreografiert bekommen, die damit auch ihrer technischen Qualit\u00e4t entsprachen und sie nat\u00fcrlich gut aussehen lie\u00dfen. Jetzt werden sie damit konfrontiert, dass ihre stilistische Flexibilit\u00e4t vielleicht f\u00fcr andere Choreografen nicht taugt, das tut weh.<\/p>\n<p>Demis Volpi arbeitet nicht auf dem Niveau der gro\u00dfen Meisterchoreografen, das d\u00fcrfte inzwischen klar sein \u2013 ebenso klar ist, dass man keinen dieser Meisterchoreografen (so es sie \u00fcberhaupt noch gibt) nach Hamburg locken konnte \u2013 trotz des \u201eStarensembles\u201c, das sollte selbigem zu denken geben. Demis Volpi aber hat den unsch\u00e4tzbaren Vorteil, dass er auch kuratieren kann und fuhr gleich in seiner ersten Spielzeit viel von dem auf, was Neumeier den Hamburgern jahrelang vorenthalten hatte. Auch die n\u00e4chste Spielzeit liest sich mit Namen wie Ratmansky oder Marcos Morau (neben f\u00fcnf! Neumeier-Werken) h\u00f6chst interessant, aber nat\u00fcrlich kann man den Vorwurf erheben, Hamburg reihe sich ab nun ins gleiche Ringelreihen ein, das alle deutschen Kompanien zeigen. Je nun, was w\u00e4re die Alternative? Neumeier pur bis in alle Ewigkeit? Der gibt \u00fcbrigens seine Meisterwerke gerade auch an mehrere andere Kompanien weiter, weil jedes Publikum eine Vielfalt an Stilen verdient hat.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Den Respekt, mit dem sich Demis Volpi und sein Vorg\u00e4nger bisher behandeln, kann man nur bewundern, genauso wie Neumeiers kluges Schweigen zu dem Thema. Respektvoll von Volpi war es auch, bei seinem Antritt keinem T\u00e4nzer zu k\u00fcndigen, aber genau das schl\u00e4gt ihm jetzt entgegen. H\u00e4tte er es mal gemacht wie Neumeier damals 1973, der 16 T\u00e4nzer rauswarf und heftig daf\u00fcr angefeindet wurde, oder wie Alessandra Ferri soeben in Wien \u2013 sie lie\u00df selbst die Ersten Solisten bei Auditions vortanzen und verl\u00e4ngerte die Vertr\u00e4ge von \u00fcber 20 Ensemblemitglieder nicht. Wer so radikal agiert, bekommt sicher keinen \u00c4rger in der ersten Spielzeit.<\/p>\n<p>Einen w\u00fcrdevollen Ton schl\u00e4gt Volpi auch in seinen Entgegnungen auf Truschs fiese Vorw\u00fcrfe an: \u201eJede T\u00e4nzerin, jeder T\u00e4nzer darf sich eine eigene Meinung bilden\u201c, sagte er in der \u201eWelt\u201c. Die H\u00e4lfte seiner Kompanie scheint offensichtlich \u00fcberzeugt, eine \u00c4nderung herbeizwingen zu k\u00f6nnen. Man kann nur hoffen, dass alle die Sch\u00e4rfe des Briefes wirklich verstanden haben, den sie da unterschrieben haben; f\u00fcr einen eitlen Ballettintendanten w\u00e4re sie wohl Grund genug, diese T\u00e4nzer nicht mehr einzusetzen. Auf welcher Seite in Hamburg die Eitelkeit liegt, d\u00fcrfte deutlich geworden sein.<\/p>\n<p>Und nun? Sollte der Kultursenator Carsten Brosda den Neuen schon in der ersten Spielzeit hinauswerfen, wer w\u00fcrde noch nach Hamburg gehen, wo die T\u00e4nzer mit massiven Worten hetzen und derart herablassend auf neue choreografische Handschriften reagieren? Vielleicht k\u00f6nnte man die bereits entsorgten Direktoren aus Wuppertal auftragen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper hat am 10. Juni 2025 der vorzeitigen Aufl\u00f6sung des Vertrages mit Ballettintendant Demis Volpi zugestimmt. Beide Parteien verst\u00e4ndigten sich auf eine einvernehmliche Vertragsaufl\u00f6sung zum Ende der Spielzeit sowie eine sofortige Freistellung. Eine gemeinschaftliche Interimsleitung f\u00fcr das Hamburg Ballett wird angestrebt. 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