{"id":59619,"date":"2025-02-23T16:58:35","date_gmt":"2025-02-23T16:58:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=59619"},"modified":"2026-04-16T07:21:50","modified_gmt":"2026-04-16T07:21:50","slug":"von-gebremster-heiterkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/von-gebremster-heiterkeit\/","title":{"rendered":"Von gebremster Heiterkeit"},"content":{"rendered":"<h3>Edward Clugs \u201eEin Sommernachtstraum\u201c beim Staatsballett Berlin<\/h3>\n<p style=\"text-align: right;\">von Volkmar Draeger<\/p>\n<p>Die Zeiten \u00e4ndern sich. Erinnert man zahllose Tanzversionen von Shakespeares deftigem F\u00fcnfakter \u201eEin Sommernachtstraum\u201c (vor 1600), denkt man an kom\u00f6diantisch pralle Auff\u00fchrungen, brillant die von John Neumeier etwa oder auch von Heinz Spoerli, die als Gaudi an der Deutschen Oper Berlin lief. Dort feierte eine Neueinstudierung von Edward Clug Premiere. Dem rum\u00e4nischen Choreografen gelang andernorts ein wunderbar tiefsch\u00fcrfender, entsprechend gern nachgespielter \u201ePeer Gynt\u201c, gelangen weitere Anverwandlungen tragischer Gestalten der Weltliteratur. Dass er auch Kom\u00f6die kann, hat er mit der Berliner Urauff\u00fchrung nicht nachdr\u00fccklich bewiesen. Wo klar konturierte Charaktere in ihrem erotischen Wollen n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren, wartet er allenfalls mit Schemen und Chargen auf, und das in einem d\u00fcrren Gedankenkonzentrat statt in einer Shakespeare gem\u00e4\u00df geballten Handlung. Gewiss, getanzt wird reichlich und redlich, in einer zeitgem\u00e4\u00dfen Bewegungssprache mit ausgelenkten Achsen, gew\u00f6lbten K\u00f6rpern und ihren temporeich ersonnenen Verquickungen. Nur teilt sich dabei wenig von der Drastik und dem zugespitzt heiteren Zusammenprall der agierenden Widersacher mit.<\/p>\n<p>Clug will, und das ist l\u00f6blich, jedem Abkippen in Elfenkitsch entgehen, bleibt in seiner Choreografie indes derart unterk\u00fchlt, das besonders im zweiten Teil seiner B\u00fchnenfassung gepflegte Langeweile aufkommt \u2013 der Untergang jeder Kom\u00f6die. Dabei sind die Voraussetzungen nicht \u00fcbel. Marko Japelj hat einen weiten Rundhorizont als Szene entworfen, in dem einzig eine Schr\u00e4ge, zerkl\u00fcftetes Felsmassiv oder verwitterter Baumstamm, wandelbar ist. Sie dient als absch\u00fcssiger Auftritt f\u00fcr Puck und den personifizierten Wald durch eine T\u00fcr im Horizont, hinter der lichtes Gestr\u00fcpp von sattem Gr\u00fcn sichtbar wird. Fahrbar ist dieser \u00dcbertritt aus dem Naturreich in ein athenisches Nirgendwo. Weil es keinerlei weitere Verwandlungen gibt, bleibt der Blick stets auf den Tanz konzentriert.<\/p>\n<p><em>Fotos\u00a0\u00a0\u00a9 Yan Revazo<\/em>v<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-59621\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Mokgatel_Foto_Yan_Revazov_8N9A3440-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1125\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Mokgatel_Foto_Yan_Revazov_8N9A3440-Kopie.jpg 1125w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Mokgatel_Foto_Yan_Revazov_8N9A3440-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Mokgatel_Foto_Yan_Revazov_8N9A3440-Kopie-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Mokgatel_Foto_Yan_Revazov_8N9A3440-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Mokgatel_Foto_Yan_Revazov_8N9A3440-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Cohen Aitchison-Dugas, Leroy Mokgatle<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-59624\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Martinson_Foto_Yan_Revazov_8N9A5178-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1125\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Martinson_Foto_Yan_Revazov_8N9A5178-Kopie.jpg 1125w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Martinson_Foto_Yan_Revazov_8N9A5178-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Martinson_Foto_Yan_Revazov_8N9A5178-Kopie-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Martinson_Foto_Yan_Revazov_8N9A5178-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Martinson_Foto_Yan_Revazov_8N9A5178-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ross Martinson<\/p>\n<p>Den dominiert gute zwei Stunden lang eine Figur: Oberons Handlanger Puck, ungemein zierlich und ebenso biegsam in seinem K\u00f6rperausdruck. Es gibt anscheinend nichts, was Leroy Mokgatle nicht k\u00f6nnte, vom Sprung bis zum Spagat. Leicht umheben und schleudern l\u00e4sst er sich, dr\u00fcckt in beredten Haltungen sein Empfinden aus. Die anderen Figuren haben es gegen solch filigrane t\u00e4nzerische Urgewalt schwer, die vier Edelleute in ihren Liebesverwicklungen ebenso wie das Herrscherpaar. Clug vereint die Figuren von Oberon und Titania mit denen von Theseus und Hippolyta, tr\u00e4gt den Feenzwist ins Menschenreich. Weshalb Oberon und Titania allerdings streiten, bei Shakespeare um einen indischen Knaben und mit durchaus erotischen Absichten, bleibt unmotiviert.<\/p>\n<p>Clug f\u00e4hrt einiges an Einf\u00e4llen auf. So zieht Theseus die ihm anverlobte Hippolyta \u00fcber die Szene auf einem Skateboard, das aufgestellt als Vaginalsymbol und damit Theseus\u2019 eigentliche Intention deutbar ist. Die B\u00fchne verl\u00e4ngert er \u00fcber einen Gang entlang der Orchesterwanne in den Zuschauerraum hinein und schafft ein Mehr an N\u00e4he zum Geschehen. Die Handwerker tummeln sich um einen Tisch, der hochkant zur Trennwand mit Guckloch f\u00fcr die Geliebten Pyramus und Thisbe wird. Das witzige Spiel des Quintetts legt der Choreograf als pantomimische Stummfilm-Klamotte an und l\u00e4sst, was sie sagen wollen, per Sprachband projizieren \u2013 eine streitbare Z\u00e4sur im ansonsten t\u00e4nzerischen Ablauf. Der ist flie\u00dfend, mitunter fliegend, dicht und akrobatisch aufgeladen, geht dem Betrachter jedoch nicht unter die Haut. Kaum einer der Pas de deux erzielt bleibenden Eindruck. Den schafft Clug mit der Idee des Menschen-Waldes: Rotstr\u00fcmpfige Geister in Trikots und mit Blatth\u00e4nden betreten durch die T\u00fcr herab wie moderne Bajaderen den Raum, gliedern ihn in mannigfach schl\u00e4ngelnden Formationen, umschreiten die Akteure, grundieren den Tanz des Solopaars. Liegend in Kreisform recken sie ihre Rotbeine, ein Beinpaar wird zur Blume, deren Saft Puck milkt und so folgenschwer in die falschen Augen tr\u00e4ufelt. \u00dcberzeugend der parallele Werbetanz von Demetrius und Lysander um Helena; verst\u00e4ndlich, dass eine der Liebenden erz\u00fcrnt ihre Rivalin vom Fels st\u00fcrzt \u2013 wohlbehalten wird sie von den Freiern aufgefangen. Ein Riesenheuschreck trippelt auf Spitze durchs Handwerker-Bild. Am Ende l\u00f6sen sich, dank Shakespeare, die Verwicklungen: Nach einer \u00fcberraschenden Schwebephase der verwirrten Liebenden hochzeiten die richtigen drei Paare. Zu Glockenl\u00e4uten defilieren die Athener nicht ganz einsichtig mit schwenkenden Eimern.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-59620\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Frodyma_Foto_Yan_Revazov_8N9A3688-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1125\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Frodyma_Foto_Yan_Revazov_8N9A3688-Kopie.jpg 1125w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Frodyma_Foto_Yan_Revazov_8N9A3688-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Frodyma_Foto_Yan_Revazov_8N9A3688-Kopie-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Frodyma_Foto_Yan_Revazov_8N9A3688-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Aitchison_Frodyma_Foto_Yan_Revazov_8N9A3688-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Weronika Frodyma, Cohen Aitchison-Dugas uns Ensemble<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-59622\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Frodyma_Aitchison_Foto_Yan_Revazov_8N9A3842-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1125\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Frodyma_Aitchison_Foto_Yan_Revazov_8N9A3842-Kopie.jpg 1125w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Frodyma_Aitchison_Foto_Yan_Revazov_8N9A3842-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Frodyma_Aitchison_Foto_Yan_Revazov_8N9A3842-Kopie-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Frodyma_Aitchison_Foto_Yan_Revazov_8N9A3842-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/SBB_Sommernachtstraum_Frodyma_Aitchison_Foto_Yan_Revazov_8N9A3842-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Weronika Frodyma, Cohen Aitchison-Dugas uns Ensemble<\/p>\n<p>Milko Lazars eigens verfertigte Komposition weist freilich mehr auf als Glockengel\u00e4ut. Sie h\u00e4lt sich dienend zur\u00fcck, greift untermalend in die Handlung ein und stiehlt dem Tanz nicht die Schau. Mit einem modernen Instrumentarium erzeugt er dezente, bisweilen minimalistisch anmutende Kl\u00e4nge, steuert flirrende Streicher, tremolierende Fl\u00f6ten, mit Klavier und Solovioline auch kantable Teile bei. Eigenwert im Sinn einer konzertanten Auff\u00fchrung hat sie in ihrer Kleinteiligkeit eher nicht. Den Tanzenden um Weronika Frodyma und Cohen Aitchison-Dugas in den Doppelrollen Hippolyta\/Titania und Theseus\/Oberon ist sie atmosph\u00e4risch allemal hilfreich. Jubel um ein wenig zauberisches, kom\u00f6diantisch zu abstinentes, vom Orchester der Deutschen Oper unter Victorien Vanoosten engagiert begleitetes Sommernachtstr\u00e4umchen mit balanchineskem Divertissement. Sein Publikum wird es auch in den Folgevorstellungen finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edward Clugs \u201eEin Sommernachtstraum\u201c beim Staatsballett Berlin von Volkmar Draeger Die Zeiten \u00e4ndern sich. Erinnert man zahllose Tanzversionen von Shakespeares deftigem F\u00fcnfakter \u201eEin Sommernachtstraum\u201c (vor 1600), denkt man an kom\u00f6diantisch pralle Auff\u00fchrungen, brillant die von John Neumeier etwa oder auch von Heinz Spoerli, die als Gaudi an der Deutschen Oper Berlin lief. 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