{"id":59593,"date":"2025-02-18T16:45:32","date_gmt":"2025-02-18T16:45:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=59593"},"modified":"2026-04-16T07:21:50","modified_gmt":"2026-04-16T07:21:50","slug":"nijinsky-beim-semperoper-ballett-in-dresden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/nijinsky-beim-semperoper-ballett-in-dresden\/","title":{"rendered":"\u201eNijinsky\u201c beim Semperoper-Ballett in Dresden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">von Angela Reinhardt<\/p>\n<p>Das Ballett der Semperoper ist nach den Nationalballetten in Kanada und Australien erst die dritte Kompanie, der John Neumeier sein 25 Jahre altes Opus magnum anvertraut, und sie ist das erste deutsche Ballettensemble. In Dresden, wohin Neumeier seit Vladimir Dereviankos Zeiten gute Verbindungen hat, war die gesamte Auff\u00fchrungsserie sehr schnell ausverkauft und auch in einer der letzten Auff\u00fchrungen f\u00fcr diese Spielzeit erhob sich das gesamte Parkett geschlossen zur Standing Ovation. Obwohl \u201eNijinsky\u201c seine emotionale Wucht auch ohne genaue Kenntnis der Ballettgeschichte entfaltet, verr\u00e4t das Ballett viele seiner Geheimnisse erst bei mehrfachem Sehen \u2013 weil Neumeier so oft mehrere Schaupl\u00e4tze vermischt, weil die eher impressionistische Form keinerlei Zugest\u00e4ndnisse an die traditionelle Erz\u00e4hlweise macht, wie sie der Choreograf etwa in seinem \u201eSommernachtstraum\u201c oder der \u201eKameliendame\u201c exemplarisch weiterentwickelt hatte.<\/p>\n<p>Wir sehen kein linear erz\u00e4hltes Handlungsballett, sondern eine tanztheatralische Collage in Mosaik- statt Revueform, dicht ineinandergreifend, manchmal sogar pointilistisch in ihrer Flut von Andeutungen \u2013 ein Seelenpuzzle, das unz\u00e4hlige Fakten aus Nijinskys Leben vermischt, \u00fcberh\u00f6ht, assoziiert. Wohl ist der Rahmen, der letzte Auftritt des ber\u00fchmten T\u00e4nzers in St. Moritz, vorgegeben, aber schon von Beginn an vermischen sich st\u00e4ndig die Ebenen: Nijinskys Eltern und Geschwister, die Waganowa-Schule, Ehefrau Romola de Pulszky und Impresario Serge Diaghilew, die reiche Gesellschaft der Jahrhundertwende und der Krieg. Mit dem Einsetzen von Rimsky-Korsakows \u201eScheherazade\u201c-Musik entfaltet sich, als nach dem schroffen Auftakt endlich die lauten Stimmen schweigen, die Magie des Balletts auf der B\u00fchne, zun\u00e4chst die sch\u00f6nen, reinen Linien der St. Petersburger Klassik, dann die ganze Fantasmagorie der Balletts Russes; \u201eNijinsky\u201c ist auch beispielhaft daf\u00fcr, wie man Ballettmusik sinnvoll umdeutet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-59595\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/15_Nijinsky_Marti-Gutierrez-Rubi_Richard-House_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_164.jpg\" alt=\"\" width=\"1416\" height=\"944\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/15_Nijinsky_Marti-Gutierrez-Rubi_Richard-House_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_164.jpg 1416w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/15_Nijinsky_Marti-Gutierrez-Rubi_Richard-House_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_164-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/15_Nijinsky_Marti-Gutierrez-Rubi_Richard-House_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_164-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/15_Nijinsky_Marti-Gutierrez-Rubi_Richard-House_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_164-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/15_Nijinsky_Marti-Gutierrez-Rubi_Richard-House_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_164-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1416px) 100vw, 1416px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Mart\u00ed Guti\u00e9rrez, Richard House, Joseph Gray \u00a9 Semperoper Dresden\/Foto: Admill Kuyler<\/p>\n<p>Mit wenigen Bewegungen setzt Neumeier seinen Titelhelden in Beziehung zur Au\u00dfenwelt, vor allem aber zu den vielen Figuren, die er als K\u00fcnstler auf der B\u00fchne verk\u00f6rpert hat \u2013 zum Harlekin, dem Geist der Rose, zum Goldenen Sklaven, dem Faun oder Petruschka. Eine Signaturbewegung wie das machtlose Sch\u00fctteln der behandschuhten H\u00e4nde Petruschkas oder die Pose des verf\u00fchrerisch hingegossenen Goldenen Sklaven, und schon verschwindet der Mensch Nijinsky in einer Fiktion. Manchmal betrachtet er seine Alter Egos von ferne, verliebt sich wie die Zuschauer oder gar seine eigene Frau in die Figuren. St\u00e4ndig und viel zu leicht gleitet er in seine Rollen zur\u00fcck, die durch das Muscle Memory der Ballettt\u00e4nzer zu seinem K\u00f6rper geh\u00f6ren, und gleichzeitig zersplittert seine Pers\u00f6nlichkeit in tausend Scherben. Definiert er sich nicht eigentlich \u00fcber seine Rollen, \u00a0als der Verf\u00fchrer, der faunische Narzisst, der traurige Clown, gibt es \u00fcberhaupt ein Zentrum, ein Ich? Immer st\u00e4rker wird deutlich, was diesen Menschen zerrei\u00dft, der sich in seinen Figuren aufl\u00f6st, der nie wei\u00df, ob man ihn oder den ber\u00fchmten K\u00fcnstler liebt, der die Sch\u00f6nheit des klassischen Balletts in Vollendung zeigt und gleichzeitig gebrochene, wilde Visionen f\u00fcr dessen Zukunft hat, der in seinem Liebhaber Diaghilew einen tr\u00f6stenden Vater wiederfindet und gleichzeitig den Puppenspieler, der ihn an die Welt verkauft.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-59596\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/44_Nijinsky_Joseph-Gray_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_551-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/44_Nijinsky_Joseph-Gray_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_551-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/44_Nijinsky_Joseph-Gray_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_551-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/44_Nijinsky_Joseph-Gray_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_551-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/44_Nijinsky_Joseph-Gray_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_551-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/44_Nijinsky_Joseph-Gray_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_551-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/44_Nijinsky_Joseph-Gray_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_551-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/44_Nijinsky_Joseph-Gray_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_551-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Joseph Gray \u00a9 Semperoper Dresden\/Foto: Admill Kuyler<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-59597\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/40_Nijinsky_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_513.jpg\" alt=\"\" width=\"1519\" height=\"1013\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/40_Nijinsky_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_513.jpg 1519w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/40_Nijinsky_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_513-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/40_Nijinsky_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_513-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/40_Nijinsky_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_513-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/40_Nijinsky_Ensemble_Foto-Admill-Kuyler_513-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1519px) 100vw, 1519px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0\u00a9 Semperoper Dresden\/Foto: Admill Kuyler<\/p>\n<p>Nicht nur stellt Neumeier durch Blicke, Spiegelungen oder Parallelen die subtilen Beziehungen zwischen seinen Figuren her, perfekt durchdacht ist sein Ballett auch darin, welche Rollen von den gleichen T\u00e4nzern gespielt werden \u2013 der Irrenarzt etwa, mit dem Romola ihren Mann betr\u00fcgt, ist identisch mit Nijinskys Vater, der die Mutter betrogen hat; das Leben imitiert die Kunst, wenn der Betrug Romolas mit dem Arzt zur Dreier-Konstellation aus \u201ePetruschka\u201c wird, mit der armen Puppe als Opfer. Neumeiers Ausstattung enth\u00e4lt gerade so viel Historie in den B\u00fchnenbilder und Kost\u00fcmen, dass die Ballets Russes evoziert werden, bleibt aber dennoch abstrakt genug, um die Vergangenheit als Zitat, Erinnerung, Gedankenfetzen erkennen zu k\u00f6nnen, und Nijinsky als einen Fremden in der Welt.<\/p>\n<p>Auch wie der Jahrhundertt\u00e4nzer direkt an der Grenze zwischen Ballett und Ausdruckstanz arbeitet, zeigt Neumeier, n\u00e4mlich im Impuls der wenigen Choreografien Nijinskys f\u00fcr die Entwicklung des Balletts in Moderne. Der Stil ist stark unterschiedlich und erstaunlich modern f\u00fcr Neumeier, immer wieder stehen kantig-zuckende, fast spastische Bewegungen im bewussten Kontrast zu den sch\u00f6nen Linien des Balletts. Neben den Signaturmotiven der einzelnen Figuren zieht sich vom allerersten Solo an das Bewegungsmotiv des Kreises durchs St\u00fcck, der sich sp\u00e4ter in allen Zeichnungen des schizophrenen T\u00e4nzers finden wird \u2013 zeigt der Kreis das Chaos, den Strudel der Welt, oder ist der Port de bras der gerundeten Arme als La Couronne \u00fcber dem Kopf das Zeichen der vollendeten Harmonie und Sch\u00f6nheit, die Nijinsky sucht?<\/p>\n<p>Joseph Gray, der in Dresden neben James Kirby Rogers die Titelrolle tanzt, ist ein manchmal sehr jungenhafter Vaslaw Nijinsky, nahbarer und verletzlicher als etwa Alexandre Riabko, der die Rolle in Hamburg \u00fcber Jahrzehnte definierte. V\u00f6llig verloren wirkt er in seinem Hochzeitsanzug, wenn er neben Romola steht, wenn ganz am Ende alle \u00e4u\u00dferen H\u00fcllen und verkleideten Figuren verschwinden und er als Mensch, mit Tr\u00e4nen der Verzweiflung in den Augen, in seiner Krankheit und Verzweiflung untergeht. Bianca Teixeira verleiht Romola ein lateinamerikanisches Gl\u00fchen statt bl\u00e4sslicher Aristokratie, macht aber den endlosen Kampf mit der Schizophrenie ihres Ehemannes sehr glaubhaft, nachdem sie jeglichen Zugang zu ihm verloren hat. Diaghilew dagegen \u00e4hnelt hier in seinem Frack eher Fred Astaire \u2013 Ivan Urban war in Hamburg immer der ferne Magier und Beobachter, der Nijinsky im Grunde besser verstand als Romola. Richard House aber fehlt dieses Geheimnis, das Tr\u00f6stende, die k\u00fcnstlerische Vision; das schafft ein Ungleichgewicht. Unter den B\u00fchnenfiguren Nijinskys f\u00e4llt Mois\u00e9s Carrada Palmeros als sinnlich-geschmeidiger Goldener Sklave und Faun auf, Jenny Laudadio bleibt als Bronislawa Nijinska streng und karg, verausgabt sich erst als Jungfrau in \u201eSacre\u201c. Gro\u00dfartig ist auch Vincenzo Mola als Stanislaw, Nijinskys kranker Bruder.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-59599\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/36_Nijinsky_Bianca-Teixeira_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_467.jpg\" alt=\"\" width=\"1326\" height=\"884\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/36_Nijinsky_Bianca-Teixeira_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_467.jpg 1326w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/36_Nijinsky_Bianca-Teixeira_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_467-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/36_Nijinsky_Bianca-Teixeira_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_467-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/36_Nijinsky_Bianca-Teixeira_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_467-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/36_Nijinsky_Bianca-Teixeira_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_467-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1326px) 100vw, 1326px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Bianca Teixeira, Joseph Gray \u00a9 Semperoper Dresden\/Foto: Admill Kuyler<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-59598\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/37_Nijinsky_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_471-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/37_Nijinsky_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_471-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/37_Nijinsky_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_471-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/37_Nijinsky_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_471-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/37_Nijinsky_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_471-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/37_Nijinsky_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_471-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/37_Nijinsky_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_471-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/37_Nijinsky_Joseph-Gray_Foto-Admill-Kuyler_471-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Joseph Gray \u00a9 Semperoper Dresden\/Foto: Admill Kuyler<\/p>\n<p>Das Corps de ballet wird vom Fieber der Diaghilew-Epoche mitgerissen, wirkt noch nicht ganz so synchron, so pr\u00e4gnant wie in Hamburg. Dort aber geh\u00f6rt \u201eNijinsky\u201c zum regelm\u00e4\u00dfigen Repertoire, und jede Besetzung des Werks tanzt heute im Grunde gegen die Schatten der Buben\u00ed\u010deks, der Riabkos, Urbans, Riggins\u2018 oder Polikarpovas an. Daf\u00fcr vermittelt die Dresdner Staatskapelle unter Simon Hewett den Rausch der Ballets Russes und den Schrecken von Dmitri Schostakowitschs Elfter Sinfonie auf grandiose Weise und mit exquisiten Instrumentalsolisten. Zur bleiernen Schwermut und dem Sturmgel\u00e4ut der Sinfonie brennen Neumeiers Bilder immer eindr\u00fccklicher \u2013 die letzten, leisen Erinnerungen Nijinskys an die Geborgenheit seiner Familie, der Schlitten, auf dem Romola den Verlorenen durch den ewigen Winter der Weltgeschichte zieht, die Otto-Dix-hafte Bedrohlichkeit der High Society und der stetige, schicksalshafte Zug der Weltkriegssoldaten im Hintergrund. Allm\u00e4hlich verschwinden all die bunten Ballets-Russes-Kost\u00fcme unter Uniformjacken, die Ballettfigurinen werden verr\u00fcckt und sterben schlie\u00dflich, bevor der Gott des Tanzes sich in seinen Stoffbahnen kreuzigt. Nat\u00fcrlich ist \u201eNijinsky\u201c, diese sch\u00f6nste, weil in seinem ureigenen Idiom verfasste Hommage an den zerrissenen T\u00e4nzer, auch ein Antikriegsballett und zeigt bedr\u00fcckend aktuell, wie ein Mensch an der Welt verzweifelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Angela Reinhardt Das Ballett der Semperoper ist nach den Nationalballetten in Kanada und Australien erst die dritte Kompanie, der John Neumeier sein 25 Jahre altes Opus magnum anvertraut, und sie ist das erste deutsche Ballettensemble. 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