{"id":58486,"date":"2024-06-24T12:47:14","date_gmt":"2024-06-24T12:47:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=58486"},"modified":"2026-04-16T07:25:31","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:31","slug":"getanztes-klangerlebnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/getanztes-klangerlebnis\/","title":{"rendered":"Getanztes Klangerlebnis"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Johanna Richters neuem Tanztheaterst\u00fcck \u201esee the music \u2013 and dance!\u201c erf\u00fcllt sich, was der Titel verspricht: ein gelebtes Experiment.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">von Vesna MLAKAR<\/p>\n<p>Stille wird oft untersch\u00e4tzt. Nicht so in Johanna Richters neuer Produktion \u201esee the music \u2013 and dance!\u201c. Immer wieder begegnet man dieser \u2013 sei es, bevor der erste Ton einer Komposition erklingt oder t\u00e4nzerische Bewegtheit als weiteres Element im Raum hinzukommt. Stille mutiert zum Takt- und Impulsgeber, wenn alle Mitwirkenden nach innerer Unruhe, von einem imagin\u00e4ren Regenschauer \u00fcberrascht oder nach k\u00f6rperlich ausgelebter Expressivit\u00e4t wiederholt zu ihr und einer damit verbundenen Reglosigkeit zur\u00fcckfinden. Der Zuschauer hingegen wird abrupt aus dem Alltagsl\u00e4rm gerissen und in einem Moment des Innehaltens spielerisch aufgefordert, dem Herzschlag zu lauschen \u2013 jenem Sound, den wir alle stets mit uns tragen.<\/p>\n<p>\u201eThis is the sound of silence\u201c ist auch Conrad Ahrens\u055a erster Satz an diesem Abend im M\u00fcnchner Schwere Reiter. Als genuiner Schauspieler tr\u00e4gt er zu Beginn eine Art Prolog vor. Darin geht es \u2013 in perfektem Englisch und als Projektion mitlesbar \u2013 um Pythagoras und die mathematisch-theoretische Komponente in der Musik. Hinzu kommt eine mittelalterliche Legende, laut derer zwei auf Wolken sitzende Engel herab zu den Menschen geblickt haben sollen. Durch einen Schubs geraten diese und eine der Wolken ins Wanken: Ein Ton entsteht, der zur Erde herabsinkt.<\/p>\n<p>Fotos: \u00a9 Mehmet Vanli<\/p>\n<figure id=\"attachment_58488\" aria-describedby=\"caption-attachment-58488\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-58488\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5364-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5364-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5364-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5364-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5364-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5364-2048x1365.jpeg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5364-600x400.jpeg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-58488\" class=\"wp-caption-text\">Erica D\u2018 Amico, Chris-Pascal Englund-Braun<\/figcaption><\/figure>\n<p>Conrad Ahrens\u055a Arme und K\u00f6rper unterstreichen gestisch, was er stimmlich so m\u00e4rchenerz\u00e4hlerhaft-geheimnisvoll ins Mikrofon spricht. Es sind gut gew\u00e4hlte Anfangsworte f\u00fcr ein Tanztheaterst\u00fcck, das den Rest des Abends ohne verbalen Ballast auskommt. Bald folgt ein sinnlicher Eindruck dem anderen. Tanz und Klang fusionieren \u2013 und das handwerklich bestens strukturiert \u00fcber drei unterschiedliche Musikst\u00fccke hinweg. Durch kleine, unaufdringliche Szenen, fast beil\u00e4ufigen Begegnungen zwischen zwei, drei oder vier Interpreten auf der B\u00fchne wird auf v\u00f6llig ungezwungene Weise ein pers\u00f6nliches Gedankenkino in den K\u00f6pfen der Zuschauer in Gang gesetzt.<\/p>\n<p>Sich langsam auf blo\u00dfen F\u00fc\u00dfen vorantastend \u00fcbernimmt eine T\u00e4nzerin Ahrens\u055a Platz in der B\u00fchnenmitte. Suchend blickt sie um sich. Ihre Haltung bleibt die einer Wartenden, deren K\u00f6rper sich in tastender Zur\u00fcckhaltung \u00fcbt, bis der Pianist am Fl\u00fcgel Arvo P\u00e4rts maximal ruhiges Adagio \u201eSpiegel im Spiegel\u201c zu spielen beginnt. Schon John Neumeier hat dieses St\u00fcck in seinem \u201eOthello\u201c-Ballett f\u00fcr das hingebungsvolle erste Liebesduett zwischen Desdemona und der Titelfigur verwendet. Bei Richter st\u00f6\u00dft der erste Ton nun eine motorische Entdeckungsreise sondergleichen an.<\/p>\n<p>Im Hintergrund sch\u00e4lt sich ein T\u00e4nzer aus dem Halbdunkel an der Wand. Auf allen Vieren arbeitet er sich vor und nimmt allm\u00e4hlich Kontakt zu seiner Partnerin auf. Wenig sp\u00e4ter verbinden sich Erica D\u055aAmico und Chris-Pascal Englund-Braun zu einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Duett, das sie in sch\u00fctzender Achtsamkeit f\u00fcr das Gegen\u00fcber immer enger aneinander schwei\u00dft. Es ist ein sehr eckig choreografierter Pas de deux mit verschiedenen Hebungen. Zugleich flie\u00dft dieses erste Duo unglaublich sch\u00f6n dahin. Da muss man einfach an Engel denken, die \u00fcber ein ihnen noch unbekanntes Terrain mit Bergen und Abgr\u00fcnden hinwegtanzen.<\/p>\n<p>Beide Interpreten scheinen oft gar nicht so recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Bewegt werden sie mehr durch die sie ber\u00fchrenden Schwingungen der Musik, als dass sie selbst Gas geben wollen. Gut so, denn genau das passiert dann zum Schluss. Da legen sich die beiden Musiker zu Steve Reichs \u201eSix pianos\u201c noch einmal \u2013 und richtig lange \u2013 voll ins Zeug. Der ganze Saal vibriert unter ihren Beats und den sich \u00fcberlagernden Patterns.<\/p>\n<figure id=\"attachment_58489\" aria-describedby=\"caption-attachment-58489\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-58489\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5373-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5373-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5373-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5373-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5373-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5373-2048x1366.jpeg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/See-the-music-and-dance-JRichter-Mehmet-Vanli-5373-600x400.jpeg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-58489\" class=\"wp-caption-text\">Erica D\u2018 Amico, Chris-Pascal Englund-Braun, Amie Jammeh (recht), Conrad Hornung (Klangk\u00fcnstler)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Chris-Pascal Englund-Braun beginnt zu zucken. Seine Glieder schlagen in alle Richtungen aus. Seine Kollegen versuchen, ihn aus dem Lichtrechteck zu ziehen. Vergeblich. Sein K\u00f6rper n\u00e4hert sich der Ekstase, und bald k\u00f6nnen auch Conrad Ahrens, Erica D\u055aAmico und Amie Georgson Jammeh nicht mehr stillhalten. Solistisch im Wechsel rei\u00dfen sie das Publikum mit. Geb\u00fcndelt im Quartett m\u00e4andern sie mal zum Pianisten, mal zu dessen \u2013 heftig den Unterarm auf und ab schwenkendem \u2013 Kollegen. Toll anzusehen ist zudem, wie letzterer pl\u00f6tzlich selbst mit den Schaltern seiner Drumm-Maschine ein Duett auff\u00fchrt \u2013 derma\u00dfen gro\u00dfartig, dass man kurz alles umher vergisst.<\/p>\n<p>Was Johanna Richter hier auf die Beine gestellt hat, ist ein sich subtil steigerndes und regelrechtes Wunder an Zusammenklang. Dabei l\u00e4sst sie weit mehr als nur den Live-Sound aus virtuosem Tastenspiel und auf der B\u00fchne produzierter vielschichtiger elektronischer Musik miteinander verschmelzen. Richters Tanztheaterst\u00fcck entwickelt sich erst so richtig aus diesem musikalischen Fundament, f\u00fcr das Zoran Im\u0161irovic am Klavier und Conrad Hornung als multidisziplin\u00e4rer Klangk\u00fcnstler verantwortlich zeichnen.<\/p>\n<p>Auch wenn es Im\u0161irovics und Hornungs Reise durch die Klangwelten von Arvo P\u00e4rt \u00fcber John Cage (\u201ein a landscape\u201c) bis Steve Reich schon zuvor rein akustisch gegeben hat, reicht Richters Adaption viel weiter. \u201esee the music \u2013 and dance!\u201c will auch bewusst Menschen mit eingeschr\u00e4nktem H\u00f6rverm\u00f6gen in ein \u2013 so der Untertitel \u2013 \u201egelebtes Experiment\u201c einbinden. Hinter den Zuschauerr\u00e4ngen am Regiepult sind Beh\u00e4lter mit Erde und Wasser aufgestellt. Eine Live-Kamera \u00fcbertr\u00e4gt die Visualisierung der beat-bewegten Oberfl\u00e4chen auf die B\u00fchnenr\u00fcckwand. Was unsere Ohren zu h\u00f6ren bekommen, wird somit auch f\u00fcr das Auge erfahrbar gemacht. Johanna Richters \u201esee the music \u2013 and dance!\u201c strengt nicht an. Im Gegenteil: Dabei zu sein, bereitet einfach Freude.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Johanna Richters neuem Tanztheaterst\u00fcck \u201esee the music \u2013 and dance!\u201c erf\u00fcllt sich, was der Titel verspricht: ein gelebtes Experiment. von Vesna MLAKAR Stille wird oft untersch\u00e4tzt. Nicht so in Johanna Richters neuer Produktion \u201esee the music \u2013 and dance!\u201c. 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