{"id":57567,"date":"2023-12-04T14:51:15","date_gmt":"2023-12-04T14:51:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=57567"},"modified":"2026-04-16T07:25:41","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:41","slug":"die-zauberin-zum-tod-von-marion-cito","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/die-zauberin-zum-tod-von-marion-cito\/","title":{"rendered":"Die Zauberin: Zum Tod von Marion Cito"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Kost\u00fcmbildnerin und T\u00e4nzerin von Pina Bausch, Marion Cito starb im Alter von 85 Jahren in Wuppertal.\u00a0 <\/strong><strong>Marion Cito (1938-2023)<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: right;\">von Norbert Servocs<\/p>\n<p>wird 1938 in Berlin geboren, wo sie im Alter von zehn Jahren ihre Tanzausbildung bei Tatjana Gsovsky beginnt, die sie sechs Jahre sp\u00e4ter in ihr Ensemble engagiert. Gsovsky gilt als experimentierfreudige Erneuerin des Nachkriegs-Balletts in Deutschland. In ihrer russischen Heimat hatte sie sich eine solide klassische Basis erworben, studierte jedoch auch am Isadora-Duncan-Studio in Petrograd sowie in Hellerau bei Dresden, einer Wiege des deutschen Ausdruckstanzes. Entsprechend offen f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Einfl\u00fcsse entwickelt sie ihren klassisch grundierten choreographischen Stil. Nach Engagements in Leipzig und Dresden wirkt sie von 1945 &#8211; 52 zun\u00e4chst als Ballettdirektorin der Deutschen Staatsoper in Ost-Berlin, von 1954 &#8211; 66 an der erst St\u00e4dtischen, ab 1961 Deutschen Oper in West-Berlin. In dieser Zeit entwickelt sich Marion Cito zur Ersten Solistin, die au\u00dfer in Gsovsky-Kreationen auch in Gastchoreographien von George Balanchine, Kenneth McMillan, Serge Lifar, John Cranko und Antony Tudor auftritt. Ihre St\u00e4rke ist das Charakterfach. Daneben ist sie offen f\u00fcr Neues und tanzt in den ersten St\u00fccken ihres T\u00e4nzer-Kollegen Gerhard Bohner, der 1971 mit &#8220;Die Folterungen der Beatrice Cenci&#8221; den Durchbruch schafft. Die Studentenrevolte hatte ab 1968 das gesellschaftliche Klima ver\u00e4ndert und auch im Tanz macht sich Aufbruchstimmung breit. Eine junge T\u00e4nzergeneration k\u00e4mpft f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Eigenst\u00e4ndigkeit. Als Bohner 1972 die Leitung des Balletts in Darmstadt \u00fcbernimmt, geht Marion Cito mit ihm. Das Projekt klingt viel versprechend, doch Bohners Forderungen nicht nur nach k\u00fcnstlerischer, sondern auch nach Budget-Unabh\u00e4ngigkeit gehen der Theaterleitung zu weit. Nach nur drei Jahren wird das Darmst\u00e4dter Reformprojekt beendet. Marion Cito kehrt f\u00fcr ein Jahr nach Berlin zur\u00fcck und wird danach nach Wuppertal vermittelt. Eigentlich m\u00f6chte sie &#8211; aufgrund gesundheitlicher Probleme &#8211; nicht mehr tanzen, aber die Aufsehen erregende Arbeit von Pina Bausch kennt sie von deren Anf\u00e4ngen an und bewundert sie. Wuppertal ist &#8211; neben Bremen, wo Johann Kresnik bereits seit 1968 den Tanz revolutioniert &#8211; eine der wenigen Inseln, auf denen eine neue Tanzsprache entwickelt wird. Choreographin und T\u00e4nzerin verstehen sich auf Anhieb. Pina Bausch respektiert Marion Citos Wunsch, nicht mehr zu tanzen und engagiert sie zun\u00e4chst als Assistentin. Doch in den Anfangsjahren ist die Wuppertaler Arbeit nicht nur bei Publikum und Presse umstritten; auch in der Kompanie herrscht eine hohe Fluktuation unzufriedener T\u00e4nzer. Pina Bausch ist auf einen Kern \u00fcberzeugter T\u00e4nzer angewiesen und \u00fcberredet Marion Cito 1977 f\u00fcr &#8220;Blaubart &#8211; Beim Anh\u00f6ren einer Tonbandaufnahme von B\u00e9la Bart\u00f3ks Oper &#8216;Herzog Blaubarts Burg'&#8221;, wieder auf die B\u00fchne zur\u00fcckzukehren. Sie wird auch in &#8220;Komm, tanz mit mir&#8221;, &#8220;Renate wandert aus&#8221; und &#8220;Arien&#8221; &#8211; neben ihrer Arbeit als Assistentin &#8211; als T\u00e4nzerin mitwirken.<\/p>\n<figure id=\"attachment_57574\" aria-describedby=\"caption-attachment-57574\" style=\"width: 682px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-57574\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/marion_cito-Kopie-682x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"682\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/marion_cito-Kopie-682x1024.jpg 682w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/marion_cito-Kopie-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/marion_cito-Kopie-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/marion_cito-Kopie-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/marion_cito-Kopie-300x450.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/marion_cito-Kopie-600x900.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/marion_cito-Kopie.jpg 1123w\" sizes=\"auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57574\" class=\"wp-caption-text\">Marion Cito, Foto Sala Seddiki \u00a9 Pina Bausch Foundation<\/figcaption><\/figure>\n<p>Daneben hat sie, schon seit ihrem Engagement an der Deutschen Oper, ein Interesse an Kost\u00fcmen. Sie begleitet Pina Bauschs B\u00fchnen- und Kost\u00fcmbildner Rolf Borzik bei Eink\u00e4ufen f\u00fcr das Ensemble und entdeckt, dass ihr Geschmack in die gleiche Richtung geht. Als Beruf schwebt ihr die Ausstattung nicht vor. Entsprechend \u00fcberrascht ist sie, als Pina Bausch sie nach dem fr\u00fchzeitigen Tod von Borzik im Januar 1980 bittet, die Kost\u00fcme zu \u00fcbernehmen. Vorstellen kann sie es sich nicht, aber sie will es versuchen. Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, denn die Prinzipalin des Tanztheaters Wuppertal hat eine Arbeitsweise entwickelt, die den normalen Planungsablauf im Theater gleichsam umkehrt. Beginnt eine Produktion normalerweise mit der Entwicklung von B\u00fchne und Kost\u00fcmen, entstehen die Kost\u00fcmideen bei Pina Bausch parallel zum sich allm\u00e4hlich entwickelnden St\u00fcck. Erst relativ sp\u00e4t werden die einzelnen Szenen zusammengef\u00fcgt, l\u00e4sst sich endg\u00fcltig sagen, welche Kost\u00fcme ben\u00f6tigt werden. Das verlangt von beiden Seiten ein hohes Ma\u00df an Vertrauen: seitens der Choreographin, dass die Mitarbeiter den Prozess inhaltlich verstehen und mit vollziehen k\u00f6nnen, seitens der Kost\u00fcmbildnerin, dass sie richtig vorplanen und unter hohem Zeitdruck die Ausstattung umsetzen kann. Marion Cito lernt, wie sie sagt, Kost\u00fcme &#8220;auf Verdacht&#8221; zu produzieren, denn wissen kann man bei Probenbeginn noch nichts. Jedes St\u00fcck beginnt immer wieder neu als Reise ins Ungewisse.<\/p>\n<p>Die erste Produktion, f\u00fcr die sie als Kost\u00fcmbildnerin verantwortlich zeichnet, kommt bereits knappe vier Monate nach Borziks Tod heraus: &#8220;1980 &#8211; Ein St\u00fcck von Pina Bausch&#8221;. Marion Cito arbeitet eng mit Pina Bausch zusammen, beide schauen B\u00fccher mit Fotos an, entscheiden, was ihnen gef\u00e4llt. Mit der Zeit legt sie einen Probenfundus an, aus dem sich die T\u00e4nzer bedienen k\u00f6nnen. Daneben gibt es &#8220;Tresore&#8221; mit besonders kostbaren Kleidern, die nicht so oft zum Einsatz kommen d\u00fcrfen. Durch Borziks Vorarbeit gibt es jedoch bereits einen Rahmen, der die Kost\u00fcmsuche definiert. Das Tanztheater will seine Darsteller nicht prim\u00e4r als T\u00e4nzer (etwa in Trikot und Ballettschuhen) pr\u00e4sentieren, sondern als gew\u00f6hnliche Menschen. Sie tragen einfache Kleider und Anz\u00fcge, St\u00f6ckel- oder Stra\u00dfenschuh. Immer wieder aber treten sie hoch elegant auf &#8211; in schillernden, sch\u00f6nen Abendroben. Doch die Sch\u00f6nheit ist nicht purer Selbstzweck, sondern Ausdruck einer Sehnsucht. Wichtig ist, dass die Kost\u00fcme eine Funktion haben, dass sie zeigen, wie sich die M\u00e4nner und Frauen in ihren sozialen H\u00e4uten begegnen und sich dabei verbergen oder entbl\u00f6\u00dfen. Kleider machen Leute; sie geh\u00f6ren zum Rollenspiel zwischen den Geschlechtern und sie spielen an auf das gesellschaftliche Ambiente. Oft entpuppen sie sich als einzw\u00e4ngende H\u00fcllen, aus denen man sich befreien will, wenn etwa in den fr\u00fchen St\u00fccken die Frauen wie Abziehbilder m\u00e4nnlicher Phantasie erscheinen. Manchmal kreiert eine kindliche Lust an der Verkleidung schr\u00e4ge, irritierende Figuren: ein kr\u00e4ftiger Mann, der im knappen Lurex-Minirock den Pfeile schie\u00dfenden Gott Amor gibt; ein Mann als m\u00fcrrische Alte oder romantische Ballerina im langen Tutu auftritt. Immer wieder tauchen in den St\u00fccken M\u00e4nner in Frauenkleidern auf. Das spekuliert nicht auf einen vordergr\u00fcndigen Travestie-Effekt, sondern setzt ein Fragezeichen hinter g\u00e4ngige Rollenklischees.<\/p>\n<p>Entsprechend der Arbeitsweise des Tanztheaters, die sich intensiv auf die Pers\u00f6nlichkeit seiner T\u00e4nzer einl\u00e4sst, erarbeitet Cito die Kost\u00fcme ganz individuell. Auf den ausgedehnten Gastspielreisen des Ensembles kauft sie \u00fcberall auf der Welt Stoffe ein und \u00fcberlegt sp\u00e4ter, welches Muster, welche Farbe am besten zu einem bestimmten T\u00e4nzertyp passt. Als T\u00e4nzerin wei\u00df sie dar\u00fcber hinaus, welche Kleider tanzbar sind, dass etwa die Arme frei und die Tanzkleider bei Bausch in der Regel lang sein m\u00fcssen. Die Herausforderung, hier in den Schnitten eine eigene und immer wieder neue Raffinesse zu finden, reizt sie. Als sp\u00e4ter immer mehr Koproduktionen mit den verschiedensten L\u00e4ndern entstehen, kommt eine weitere Anforderung hinzu: die besondere Sinnlichkeit einer anderen Kultur nicht plakativ anzuspielen, sondern delikat anklingen zu lassen. Spanien l\u00e4sst sich nicht durch gepunktete Flamenco-Kleiderstoffe zitieren; aber halbtransparente Ausbrennerstoffe entwickeln zum Beispiel einen Hauch von Orient. Das Andeuten und offen Lassen ist ein wichtiges Moment im poetischen Tanztheater der Pina Bausch. Eindeutige Festlegungen w\u00fcrden das heikle Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit ruinieren. Immer ist die Wirklichkeit mit ihren \u00c4ngsten und Sehns\u00fcchten gemeint, aber immer auch muss sie \u00fcberschritten werden k\u00f6nnen in ein Phantasiereich, in dem noch alles m\u00f6glich ist. Diesen schwierigen Balanceakt m\u00fcssen auch die Kost\u00fcme mit vollziehen.<\/p>\n<p>Bei all dem muss Marion Cito sich auf ihre Intuition verlassen. Vor Probenbeginn muss sie ahnen k\u00f6nnen, in welche Richtung sich ein St\u00fcck m\u00f6glicherweise bewegen wird, und entsprechend vorplanen, andernfalls k\u00f6nnten sie und die Werkst\u00e4tten mit der St\u00fcckentwicklung nicht Schritt halten. Weil die St\u00fccke erst relativ sp\u00e4t zusammengesetzt werden, stellen sich die pragmatischen Probleme erst gegen Ende heraus: mangelnde Zeit f\u00fcr Umz\u00fcge, Farbkombinationen durch neue Konstellationen im B\u00fchnengeschehen, die zun\u00e4chst nicht geplant waren. Hier ist hohe Flexibilit\u00e4t und schnelles Reaktionsverm\u00f6gen gefragt. Arbeitsintensiv ist auch die umfangreiche Repertoirepflege: durch notwendige Umbesetzungen oder &#8211; nicht selten &#8211; schwangere T\u00e4nzerinnen. Ihre Arbeit gleicht einem Spiel mit zahlreichen Variablen und etlichen Unbekannten &#8211; und doch entwickelt sie mit den Jahren eine souver\u00e4ne Gelassenheit, die aus einer tiefen Liebe zu den St\u00fccken und deren Weltsicht resultiert.<\/p>\n<p>Marion Cito geh\u00f6rt dem Tanztheater Wuppertal seit 1976 an: zun\u00e4chst als Assistentin und T\u00e4nzerin, ab 1980 als Kost\u00fcmbildnerin. Auch wenn sie sich &#8211; wie sie sagt &#8211; nie hat vorstellen k\u00f6nnen, diese Arbeit zu tun: Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Tanztheater bei aller Realit\u00e4tsn\u00e4he immer auch farbpr\u00e4chtig und sinnlich reich erscheint.<\/p>\n<p>Sie ist am 2.12.2023 im Alter von 85 Jahren in Wuppertal gestorben. Mit ihr geht ein weiterer Teil einer wichtigen und pr\u00e4genden \u00c4ra.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kost\u00fcmbildnerin und T\u00e4nzerin von Pina Bausch, Marion Cito starb im Alter von 85 Jahren in Wuppertal.\u00a0 Marion Cito (1938-2023) von Norbert Servocs wird 1938 in Berlin geboren, wo sie im Alter von zehn Jahren ihre Tanzausbildung bei Tatjana Gsovsky beginnt, die sie sechs Jahre sp\u00e4ter in ihr Ensemble engagiert. 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