{"id":57516,"date":"2023-11-28T17:25:51","date_gmt":"2023-11-28T17:25:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=57516"},"modified":"2026-04-16T07:25:41","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:41","slug":"zwischen-diesseits-und-jenseits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/zwischen-diesseits-und-jenseits\/","title":{"rendered":"Zwischen Diesseits und Jenseits"},"content":{"rendered":"<h4>Ein neuer \u201eCreations\u201c-Abend beim Stuttgarter Ballett<\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\">von Angela Reinhardt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit das Ballett entdeckt hat, dass es Frauen nicht nur als Starballerinen auf der B\u00fchne sehen will, f\u00f6rdern die Tanzdirektoren pflichtschuldigst weibliche Kreative \u2013 dabei gab es schon zuvor viel mehr Choreografinnen und Ballettdirektorinnen als etwa Dirigentinnen, \u00fcber die sich die m\u00e4nnerdominierten Orchestermusiker leider kaum halb so viele Gedanken machen wie die deutlich j\u00fcngeren Tanzk\u00fcnstler. Rein feminin erstellte Ballettabende sind angesagt, deshalb lud der Stuttgarter Ballettintendant Tamas Detrich f\u00fcr seine \u201eCreations\u201c-Reihe mit Urauff\u00fchrungen zwei G\u00e4stinnen aus England und Norwegen ins Stuttgarter Schauspielhaus. Gemeinsam mit der bereits als Choreografin bekannten Stuttgarter Halbsolistin Vittoria Girelli verantworten sie einen eher r\u00e4tselhaften Abend, der neben gro\u00dfem Applaus f\u00fcr die durchweg starken Stuttgarter T\u00e4nzer auch Stirnrunzeln zeitigte.<\/p>\n<p>Alle Fotos:\u00a9 Roman Novitzky<\/p>\n<figure id=\"attachment_57519\" aria-describedby=\"caption-attachment-57519\" style=\"width: 968px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-57519 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN25011-Enhanced-NR.jpg\" alt=\"\" width=\"968\" height=\"645\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN25011-Enhanced-NR.jpg 968w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN25011-Enhanced-NR-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN25011-Enhanced-NR-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN25011-Enhanced-NR-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 968px) 100vw, 968px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57519\" class=\"wp-caption-text\">Matteo Miccini, Mackenzie Brown, Giulia Frosi, Edoardo Sartori in&#8221;Sospesi&#8221;, Ch. Vittoria Girelli<\/figcaption><\/figure>\n<p>Girelli bleibt bei ihrer k\u00fchlen, futuristischen \u00c4sthetik. Der italienische Titel \u201eSospesi\u201c steht f\u00fcr \u201eLosgel\u00f6ste\u201c oder \u201eSchwebende\u201c \u2013 so wie die T\u00e4nzer, die im wei\u00dfen B\u00fchnenbild von Francesca Sgariboldi ein wenig verloren zwischen Himmel und Erde h\u00e4ngen, an den R\u00e4ndern des gebogenen Raumes. Um die Dualit\u00e4t im Menschen geht es der jungen Choreografin, die sich zu einer Collage aus Nachtst\u00fccken von Edward Elgar bis Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin vom Maler Hieronymus Bosch und den \u201eV\u00f6geln\u201c des Aristophanes inspiriert zeigt, so steht es jedenfalls in ihrem Begleittext. Au\u00dfer dass immer wieder eine unterbewusste Angst, ein unheimliches Gef\u00fchl durch diese k\u00fchle Gruppe weht, ist gerade Bosch in dieser klinisch hellen Umgebung schwer zu verorten. Choreografisch f\u00e4llt Girelli viel ein, ihr nach wie vor introvertierter Tanz wird expressiver, auch wenn die an den Kopf gegelten Haare, die oft ins Nichts gerichteten Blicke ihre fabelhaften Interpreten zu weit in die Anonymit\u00e4t r\u00fccken. Die sieben T\u00e4nzer (Mackenzie Brown, Giulia Frosi, Elisa Ghisalberti, Matteo Miccini, Edoardo Sartori, Martino Semenzato, Anouk van der Weijde) beherrschen die Synchronit\u00e4t des leicht unterk\u00fchlten Stils, die immer ein wenig mechanistisch unterlegte Dynamik der Bewegungen perfekt. Dennoch ist man fast froh, wenn das n\u00e4chste Werk wieder von echten Menschen handelt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_57521\" aria-describedby=\"caption-attachment-57521\" style=\"width: 968px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-57521 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN27295.jpg\" alt=\"\" width=\"968\" height=\"645\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN27295.jpg 968w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN27295-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN27295-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN27295-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 968px) 100vw, 968px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57521\" class=\"wp-caption-text\">Rocio Aleman, Fabio Adorisio in &#8220;Where does the time go?&#8221;, Ch. Samantha Lynch<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_57520\" aria-describedby=\"caption-attachment-57520\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-57520 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN26923-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN26923-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN26923-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN26923-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN26923-600x338.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN26923.jpg 1054w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57520\" class=\"wp-caption-text\">Christopher Kunzelmann in &#8220;Where does the time go?&#8221;,Ch. Samantha Lynch<\/figcaption><\/figure>\n<p>Denn sehr viel irdischer geht es bei Samantha Lynch zu, die Australierin tanzt seit zehn Jahren beim Norwegischen Nationalballett, wo sie auch zu choreografieren begann. In \u201eWhere does the Time go?\u201c schrumpft eine lange Tafel, an der eine Gesellschaft von Freunden diskutiert und streitet, auf ein trauriges Tischlein mit der letzten Zur\u00fcckgebliebenen zusammen. Zu vier alten Songklassikern von Ray Charles oder Nina Simone zeigt die Choreografin getanzte Gespr\u00e4che, \u00dcbergriffe, \u00c4rger, Beziehungsstress: das Leben. Ein Paar, Alessandro Giaquinto und die blutjunge, f\u00fcrs Moderne geborene Ruth Schultz, sprudelt \u00fcber mit der heiteren Streitbarkeit der Jugend, Christopher Kunzelmann durchleidet eine Midlife-Crisis, am Ende stellen sich Rocio Aleman und Fabio Adorisio die letzten, ernsten Lebensfragen. Lynch reiht mit ihrem reichen Vokabular kurze, aber einpr\u00e4gsame Charakterskizzen aneinander, ihre Frauengestalten sind durchweg selbstbewusst und wehrhaft. Insgesamt aber wirkt das erstaunlich kurze St\u00fcck ein wenig scheu, manches bleibt offen und zu wenig pr\u00e4gnant. Hier wie auch bei Vittoria Girelli blitzen Sharon Eyals Trippeln und Crystal Pites fluktuierende Massenbewegungen auf (Lynchs Szenario erinnert an das von Pites \u201eThe Statement\u201c). Frauen lassen sich offensichtlich gerne von Frauen inspirieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_57518\" aria-describedby=\"caption-attachment-57518\" style=\"width: 968px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-57518\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN28446.jpg\" alt=\"\" width=\"968\" height=\"645\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN28446.jpg 968w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN28446-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN28446-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/RN28446-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 968px) 100vw, 968px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57518\" class=\"wp-caption-text\">Mackenzie Brown in &#8220;Averno&#8221;, Ch. Morgann Runacre-Temple<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine Telefonzelle, eine Tankstelle und ein alter wei\u00dfer Golf stehen bei Morgann Runacre-Temple im Dunkel, in einem optisch spannenden Tanztheater peppt die Britin den Mythos von Persephone und Hades mit Gesellschaftskritik und einem Hauch Samuel Beckett auf. Sollen wir oben auf der Erde endlos auf das eine Ereignis hoffen, das vielleicht nie kommt? Wie bei \u201eWarten auf Godot\u201c harren Persephone und ihre vier M\u00fctter vor einer Telefonzelle auf einen Anruf. Oder lebt es sich wom\u00f6glich ohne tr\u00fcgerische Hoffnung ruhiger, direkt bei Hades, dem Gott der Unterwelt? Er befreit Persephone nach und nach von ihrer klammernden Familie, indem er diese von gesichtslosen schwarzen Horden in sein Auto hieven l\u00e4sst, zum Abtransport in den Tod. \u201eAverno\u201c hei\u00dft das St\u00fcck nach dem italienischen Ort, der als Eingang zum Hades galt, und spielt genau wie \u201eSospesi\u201c zwischen Diesseits und Jenseits, mit deutlich konkreteren, surrealen Gro\u00dfstadtbildern. Ausstatterin Sami Fendall hat eine \u201eMatrix\u201c-\u00e4hnliche, dunkle \u00c4sthetik entworfen. Als die schwarzen Helfer, die tats\u00e4chlich wie Erd\u00f6l (so lautet ihr Rollenname) um die giftgr\u00fcn gewandeten M\u00fctter herumflie\u00dfen, mit der wehrlosen Familie davonfahren, bleibt unentschieden Mackenzie Brown als Persephone zur\u00fcck und \u00fcberlegt, ob sie dem dunklen Verf\u00fchrer nachgeben soll \u2013 Matteo Miccini sollte viel \u00f6fter bedrohliche Rollen tanzen, es steht ihm. Runacre-Temple setzt gro\u00dfe Live-Kamera-Aufnahmen ein, eine Art riesige Kasettendecke w\u00f6lbt sich als Projektionsfl\u00e4che \u00fcber dem Geschehen, dort sieht man \u00fcberlebensgro\u00df die Gesichter der T\u00e4nzer, die auch in Gro\u00dfaufnahmen nie \u00fcbertreiben. Die Schritte selbst m\u00f6gen kaum von erfinderischer Bedeutung sein, aber die absurde Theatralik des St\u00fccks und die d\u00fcstere Konsequenz der Choreografin lassen verstehen, warum Runacre-Temple in ihrer Heimat bereits mehrfach mit Preisen dekoriert wurde.<\/p>\n<p>Tamas Detrichs \u201eCreations\u201c-Reihe ist bei St\u00fcck Nummer 15 angekommen und ein bisschen f\u00fchlt man sich wie bei Beckett: Ob da noch was kommt? Es gab Zeiten, als man sich bei den modernen Abenden im Stuttgarter Schauspielhaus nicht abm\u00fchte, die Anleitung aus dem Programmheft irgendwie auf der B\u00fchne nachzuvollziehen, sondern als der Tanz noch \u00fcberraschte, faszinierte oder entsetzte, als er noch ohne Erkl\u00e4rung f\u00fcr sich selbst sprach. Vielleicht w\u00e4re ein Abend mit Klassikern der Moderne mal wieder gut, um an die Ma\u00dfst\u00e4be zu erinnern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neuer \u201eCreations\u201c-Abend beim Stuttgarter Ballett von Angela Reinhardt &nbsp; Seit das Ballett entdeckt hat, dass es Frauen nicht nur als Starballerinen auf der B\u00fchne sehen will, f\u00f6rdern die Tanzdirektoren pflichtschuldigst weibliche Kreative \u2013 dabei gab es schon zuvor viel mehr Choreografinnen und Ballettdirektorinnen als etwa Dirigentinnen, \u00fcber die sich die m\u00e4nnerdominierten Orchestermusiker leider kaum [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":57517,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[72],"tags":[],"class_list":["post-57516","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-performance"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57516","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=57516"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57516\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57522,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57516\/revisions\/57522"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/57517"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=57516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=57516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=57516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}