{"id":57265,"date":"2023-10-17T13:43:46","date_gmt":"2023-10-17T13:43:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=57265"},"modified":"2023-10-17T13:43:46","modified_gmt":"2023-10-17T13:43:46","slug":"was-fuer-ein-zirkus-oder-warum-wir-marco-goecke-brauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/was-fuer-ein-zirkus-oder-warum-wir-marco-goecke-brauchen\/","title":{"rendered":"Was f\u00fcr ein Zirkus, oder: Warum wir Marco Goecke brauchen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">von Angela Reinhardt<\/p>\n<p>So langsam tauchen Marco Goeckes Choreografien wieder in den Spielpl\u00e4nen auf, dort wo sich tapfere Direktoren oder Kuratoren \u00fcber die Cancel Culture hinwegsetzen. \u00a0Mit seiner am Ende bejubelten Federico-Fellini-Adaption \u201eLa Strada\u201c begann nun die reich best\u00fcckte Tanzreihe im Forum am Schlosspark in Ludwigsburg. F\u00fcnf Jahre lang, \u00fcber die gesamte Pandemie hinweg, hat sich der Abendf\u00fcller im Spielplan des M\u00fcnchner G\u00e4rtnerplatztheaters gehalten, wurde mehrfach neu besetzt und war ein Erfolg auf Tourneen, genau wie Goeckes \u201eNijinski\u201c, der Gauthier Dance zu Ruhm verhalf.<\/p>\n<p>Marco Goeckes Version folgt zwar erstaunlich akribisch dem Filminhalt, ist aber nur dann gut zu verstehen, wenn man den Film kennt. Ansonsten wird es manchmal ziemlich schwierig, John Neumeier h\u00e4tte ein Werk solcher Art wahrscheinlich \u201eVariationen \u00fcber \u201aLa Strada\u2018\u201c genannt. Anfangs scheint Goecke die Geschichte gar mit Worten erz\u00e4hlen zu wollen, so viel wird gesprochen, und zwar immer italienisch: \u201eMi figlia \u00e8 morta\u201c, \u201eMeine Tochter ist tot\u201c, schreit Gelsominas Mutter, und \u201eViva la sposa\u201c, \u201eEs lebe die Braut\u201c rufen sp\u00e4ter die G\u00e4ste der Hochzeit \u2013 auf diese Weise oder auch mit Sand, den s\u00e4mtliche Ensemblemitglieder als W\u00f6lkchen die Luft werfen, wird ein italienisches Lokalkolorit definiert, das man sonst nicht unbedingt erkennen w\u00fcrde, weil Goecke stark abstrahiert. Auch die Kost\u00fcme von Michaela Springer fallen wesentlich schicker aus als die alten, oft zerlumpten Kleider im Film, als h\u00e4tte jemand den Film 50 Jahre in die Zukunft ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Fotos: \u00a9 Marie-Laure Briane<\/p>\n<figure id=\"attachment_57267\" aria-describedby=\"caption-attachment-57267\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-57267 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-21-1024x692.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"692\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-21-1024x692.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-21-300x203.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-21-768x519.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-21-1536x1038.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-21-2048x1384.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-21-600x406.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57267\" class=\"wp-caption-text\">Alexander Hille und Serena Landriel\u00a0 in La Strada von Marco Goecke<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_57268\" aria-describedby=\"caption-attachment-57268\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-57268 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-27-1024x657.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"657\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57268\" class=\"wp-caption-text\">Serena Landriel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nicht nur die Akrobaten- oder Jonglierbewegungen, die Goecke immer wieder in seine Sprache integriert, nicht nur der rotnasige Clown, der quer durchs St\u00fcck tollt, oder das seltsam hohe Flirren von Schellen, die das gesamte Ensemble einmal in den H\u00e4nden sch\u00fcttelt, nicht nur die lustige und so wunderbar symbolische Szene, wenn die beiden Konkurrenten Zampan\u00f2 und Matto konkurrierend gro\u00dfe Wolken aus Zigarettenrauch in die Luft blasen, weisen auf die Zirkuswelt hin \u2013 der Choreograf zeigt die ganze Welt als einen absurden Zirkus, wo brutale und geltungsbed\u00fcrftige Menschen auf Clowns und Spa\u00dfmacher treffen, wo jeder an seinem Auftritt arbeitet und wo manche, wie Gelsomina, in ihrer Unschuld untergehen. Die kleine, fast immer l\u00e4chelnde Kindfrau begegnet den Menschen so scheu wie offen, sie sammelt Eindr\u00fccke, indem sie Bewegungen und damit ein bestimmtes Verhalten kopiert, sie f\u00fcgt sich ein, saugt ihre unersch\u00fctterliche Fr\u00f6hlichkeit aus einer herumsausenden Ratte oder aus der Begegnung mit einem kranken Kind und findet Zuflucht in ihrer Rolle als Clown, verloren auf der Landstra\u00dfe, hineingeworfen in eine irre Welt. Ganz leise wird sie am Ende wahnsinnig, als Zampan\u00f2 den freundlichen Seilt\u00e4nzer Matto umbringt. Ihr Clownslachen mutiert zum Weinen und sie verschwindet aus unseren Augen \u2013 Jana Baldovino zeigt die ikonische Figur als eine Mischung aus Elfe und Gnom, einen verspielt-ver\u00e4ngstigten Hauch von Mensch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_57269\" aria-describedby=\"caption-attachment-57269\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-57269 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-76-1024x606.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"606\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-76-1024x606.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-76-300x178.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-76-768x454.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-76-1536x909.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-76-2048x1212.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-76-600x355.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57269\" class=\"wp-caption-text\">Alexander Hille und Serena Landriel<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_57271\" aria-describedby=\"caption-attachment-57271\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-57271 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-87-1024x823.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"823\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-87-1024x823.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-87-300x241.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-87-768x617.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-87-1536x1234.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-87-2048x1645.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/x_202101lastradabrianekf-87-600x482.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57271\" class=\"wp-caption-text\">Luca Seixas, Alexander Hille<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zampan\u00f2 hat fast instinktm\u00e4\u00dfig st\u00e4ndig nur seinen Vorteil im Auge und l\u00f6st Konflikte mit k\u00f6rperlicher Gewalt; sein Verh\u00e4ltnis zu den Menschen beruht auf Zwingen oder Angeben. Goecke \u00fcberh\u00f6ht das Balzen des kettensprengenden Artisten um die namenlose Witwe, die er bei der Hochzeit trifft, zu einem Symbolbild seines Verhaltens. Am Schluss l\u00e4sst sich Zampan\u00f2 von der W\u00e4scherin, einer Art Todesbotin ganz in Wei\u00df, Gelsominas Schicksal erz\u00e4hlen und kann dem Bericht nur mit der einen H\u00e4lfte seines K\u00f6rpers folgen \u2013 die andere ist taub, bewegungslos geworden. Der starke Kettensprenger ist hier halbseitig, sozusagen gef\u00fchlsseitig, gel\u00e4hmt und endet zu Nino Rotas viel zu sch\u00f6ner Filmmusik ebenfalls in Verzweiflung. Alexander Hille, der als Zampan\u00f2 nicht ganz so massiv und brutal auftritt wie damals \u00d6zkan Ayik in der Premiere, zeigt dieses leise Zusammenbrechen gro\u00dfartig.<\/p>\n<p>Es ist faszinierend, wie Marco Goecke zu fast jeder Art von Musik choreografieren kann, sich ihr nicht einschmiegt, sondern ein Verh\u00e4ltnis, ein Gegen\u00fcber in ihr findet und in diesem Verh\u00e4ltnis manchmal eine ganz neue Bedeutungsebene etabliert. In einer Minute ist die Musik ironischer Kommentar oder gar Widerspruch zu den Bewegungen, dann vertraut er ihr wieder, l\u00e4sst sich hineinfallen oder l\u00e4sst sie ganz alleine erz\u00e4hlen. In Zusammenwirken mit der kaum erfassbaren Vielzahl der Bilder und Assoziationen, mit der uns seine Bewegungssprache \u00fcberflutet, sorgt diese Vielschichtigkeit seiner Kunst f\u00fcr eine Verunsicherung unserer Rezeption, f\u00fcr ein wesentlich assoziativeres, ja schwebenderes Wahrnehmen von Handlung als in \u201enormalen\u201c Erz\u00e4hlballetten. Was einem wie Abstraktion vorkommt, ist in Wirklichkeit eine Anreicherung durch Kommentare, blitzartige Einblicke ins Unterbewusste, durch Sprache und theatralische Effekte \u2013 durch \u00fcberraschende, verunsichernde Elemente, die eine neue Zuschau-Taktik erfordern, n\u00e4mlich die Bereitschaft, nicht alles durch den Weg vom Auge zum Intellekt verstehen zu wollen. Wer Goeckes Tanz zum ersten Mal sieht, ist verunsichert, daraus folgt dann die Faszination. Ja, seine Sprache l\u00e4sst sich \u201elesen\u201c, aber nie vollst\u00e4ndig, es bleibt immer ein Geheimnis. Lange Zeit verabschiedete sich der letzte T\u00e4nzer in seinen Werken mit einer artigen Verbeugung vor dem Blackout. Wir brauchen diesen traurigen Artisten, lassen wir ihn nicht wie Gelsomina einfach im Dunkel verschwinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Angela Reinhardt So langsam tauchen Marco Goeckes Choreografien wieder in den Spielpl\u00e4nen auf, dort wo sich tapfere Direktoren oder Kuratoren \u00fcber die Cancel Culture hinwegsetzen. \u00a0Mit seiner am Ende bejubelten Federico-Fellini-Adaption \u201eLa Strada\u201c begann nun die reich best\u00fcckte Tanzreihe im Forum am Schlosspark in Ludwigsburg. 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