{"id":56837,"date":"2023-07-02T15:15:53","date_gmt":"2023-07-02T15:15:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=56837"},"modified":"2026-04-16T07:25:45","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:45","slug":"clowns-und-dissidenten-die-grosse-gala-zu-john-crankos-50-todestag-in-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/clowns-und-dissidenten-die-grosse-gala-zu-john-crankos-50-todestag-in-stuttgart\/","title":{"rendered":"Clowns und Dissidenten &#8211; die gro\u00dfe Gala zu John Crankos 50. Todestag in Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein sch\u00f6nes Bild von John Cranko, das am Schluss \u00fcber T\u00e4nzern, Sch\u00fclern, Ballettmeistern und den noch \u00fcbrigen \u201eInitialen\u201c leuchtete: den Kopf geneigt, l\u00e4chelnd und mitten in der Arbeit im Ballettsaal, die er so liebte. War nach seinem fr\u00fchen Tod 1973 zu erwarten, dass sein Stuttgarter Ballett ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter noch derart bl\u00fchen und gedeihen w\u00fcrde, h\u00e4tte damals jemand Wetten darauf abgeschlossen? Zu gro\u00df war das Entsetzen, aber seine Ballettfamilie hielt zu ihm und bewahrte sein Erbe bis heute, vielleicht nicht perfekt in der Repertoireauswahl, aber auf jeden Fall in einer an Pers\u00f6nlichkeiten reichen, weiterhin hei\u00df geliebten Kompanie. Ganz ohne G\u00e4ste feierte sie ihren Gr\u00fcnder in einer vierst\u00fcndigen Gala anl\u00e4sslich seines 50. Todestages.<\/p>\n<p>Wie stolz w\u00e4re der Choreograf und Ballettdirektor wohl heute auf \u201eseine\u201c Schule, deren Absolventen vom ABT bis zum Mariinsky-Ballett brillieren, zum Gl\u00fcck vor allem in Stuttgart und an diesem Abend. Von den \u201eEt\u00fcden\u201c, der inzwischen 17 Jahre alten Stuttgarter Version des einst von Harold Lander f\u00fcr Kopenhagen choreografierten Werkes, gab es leider nur die k\u00fcrzeste aller Kurzfassungen, aber mit tollen Fouett\u00e9s und Jet\u00e9s der oberen Klassen. Ein Defil\u00e9e der gesamten Kompanie absolviert man in Paris routiniert mit dem strahlenden Selbstbewusstsein, die beste Kompanie der Welt zu sein; die famili\u00e4ren Stuttgarter, deren Qualit\u00e4ten John Cranko von Anfang an im Individualismus fand, wirken immer ein H\u00e4uchlein ungelenk, wenn sie alle paar Jahrzehnte repr\u00e4sentativ die Treppe herunterschreiten, vor lauter Ehrfurcht traut sich hier auch keiner zu klatschen.<\/p>\n<p><em>Choreografie: John Cranko<br \/>\n<\/em><em>Fotos: \u00a9 Roman Novitzky \/ Stuttgarter Ballett<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_56840\" aria-describedby=\"caption-attachment-56840\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56840\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN16985-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN16985-Kopie.jpg 720w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN16985-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN16985-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56840\" class=\"wp-caption-text\">Elisa Badenes und Jason Reilly in &#8220;Hommage \u00e0 Bolschoi&#8221;<\/figcaption><\/figure>\n<p>Man konnte einige der Gelegenheitswerke sehen, die fr\u00fcher h\u00e4ufiger auf dem Spielplan standen und inzwischen kaum mehr gezeigt werden, die beiden Gala-Pas-de-deux \u201eHommage \u00e0 Bolschoi\u201c und \u201eLegende\u201c zum Beispiel. M\u00f6glich sind sie allein mit einem traumsicheren Partner wie Jason Reilly, der zuerst Elisa Badenes und dann Anna Osadcenko in einarmige, komplizierte Hebungen \u00e0 la \u201eSpartacus\u201c oder \u201eFr\u00fchlingsfluten\u201c hinaufwarf und weit \u00fcber die B\u00fchne trug. Wo die \u201eHommage\u201c von 1964 choreografisch noch ein wenig unorganisch wirkt, da flie\u00dft \u201eLegende\u201c von 1972 wie die sanft murmelnde Musik von Henryk Wieniawski, inspiriert vom blassrosa Flatterkleidchen Galina Ulanowas, das Marcia Hayd\u00e9e damals von ihr geschenkt bekommen hatte. In seinen Handlungsballetten setzt Cranko diese sowjetischen Kraftausbr\u00fcche nicht um der Virtuosit\u00e4t Willen ein, sondern verwandelt sie in das strahlend-schwebende Liebesgl\u00fcck Tatjanas im Spiegel-Pas-de-deux oder die Anbetung einer Heiligen im dritten Satz der \u201eInitialen R.B.M.E\u201c, auch das war sp\u00e4ter zu sehen. Nicht ganz so strahlend wie fr\u00fcher funkelte \u201eAus Holbergs Zeit\u201c mit seinen Andeutungen l\u00e4ndlicher Idylle, auch das Adagio str\u00f6mte mit Veronika Verterich und Mart\u00ed Fern\u00e1ndez Paix\u00e0 nicht ganz so beseelt wie in der Erinnerung an die vielen Interpreten von damals.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56841\" aria-describedby=\"caption-attachment-56841\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56841\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN17379-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN17379-Kopie.jpg 720w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN17379-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN17379-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56841\" class=\"wp-caption-text\">Friedemann Vogel und Matteo Miccini in &#8220;The Lady And The Fool&#8221; \u2013 Pas de deux , Ch. John Cranko<\/figcaption><\/figure>\n<p>Crankos Londoner Zeit wurde mit dem britischen Humor von Captain Belaye, seiner Verlobten und deren dauerschnatternder Mutter aus \u201ePineapple Poll\u201c gew\u00fcrdigt; wie schade, dass Timoor Afshar das zackig-ironische Solo des w\u00fcrdevollen Kapit\u00e4ns nicht auch noch zeigen konnte. Als einen Choreografen \u201evon Gesch\u00f6pfen, deren Seele so empfindlich ist, dass sie sich hinter Masken und unter Verkleidungen verbergen\u201c, so hatte Ballettkritiker Horst Koegler den neuen Ballettdirektor 1961 in Stuttgart begr\u00fc\u00dft, und die zwei Clowns aus \u201eThe Lady and the Fool\u201c sind die besten Beispiele daf\u00fcr. Friedemann Vogel und Matteo Miccini, als rothaariger Bootface sehr unschuldig und lieb, stritten so lange um eine Rose, bis nur noch Bl\u00fctenbl\u00e4tter \u00fcbrig waren, die sie in vers\u00f6hnter Br\u00fcderlichkeit teilten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich durften die drei gro\u00dfen Handlungsballette nicht fehlen, Anna Osadcenko und David Moore zeigten im Balkon-Pas-de-deux aus \u201eRomeo und Julia\u201c, wie Cranko das Gl\u00fcck der jungen Liebe, das Von-den-F\u00fc\u00dfen-Holen in Bewegung spiegelt und diese Gef\u00fchle bis zum ersten, buchst\u00e4blich umwerfenden Kuss mit nat\u00fcrlichen Gesten statt der damals immer noch \u00fcblichen, kodifizierten Pantomime erz\u00e4hlt. Wie muss dieses Werk 1962 ein Publikum fasziniert haben, das an ein solch choreografiertes Erz\u00e4hlen nicht unbedingt gew\u00f6hnt war. Der Mond, der hier \u00fcber J\u00fcrgen Roses n\u00e4chtlichen Veroneser B\u00e4umen strahlt, fehlte leider beim Lenski-Solo aus Onegin, dessen viele Drehungen und Arabesquen Gabriel Figueredo nicht nur vollendet sch\u00f6n tanzte, sondern bei aller Intensit\u00e4t, allem Abschied vom Leben mit der melancholischen Gefasstheit eines Dichters, interpretatorisch in einer Reihe mit Egon Madsen, Vladimir Malakhov oder Friedemann Vogel. Was f\u00fcr ein Ausnahmet\u00e4nzer. Vogel ist inzwischen zum Onegin gereift und mutierte nach seinem triumphalen Auftritt durch den Spiegel mit einem d\u00e4monischen L\u00e4cheln zum Liebestraum der schlafenden Tatjana (Elisa Badenes), die sich in Onegin den liebenden Menschen ertr\u00e4umt, der er erst viel zu sp\u00e4t tats\u00e4chlich werden kann. F\u00fcr \u201eDer Widerspenstigen Z\u00e4hmung\u201c stand dann praktisch das gesamte Personal des St\u00fccks um das trunkene Hochzeitssolo Petruchios herum, wo Ciro Ernesto Mansilla die ber\u00fchmten Dreifach-Tours-en-l\u2019air nicht ganz so spektakul\u00e4r hinzwirbelte wie einst Richard Cragun. Dann ging\u2018s zur\u00fcck zum turbulenten Z\u00e4hmungs-Pas-de-deux und von da zum launigen Finale \u2013 wie erstaunlich Cranko doch den Humor und die formale Strukturgebundenheit der Commedia dell\u2019arte mit seiner subtilen Charakterisierungskunst f\u00fcr Katharina und Petruchio vermischt hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56847\" aria-describedby=\"caption-attachment-56847\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-56847\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18090-Kopie-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18090-Kopie-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18090-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18090-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18090-Kopie-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18090-Kopie-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18090-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56847\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Opus I&#8221;, T\u00e4nzer\/Dancers: Rocio Aleman, Ensemble<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das kaum mehr als elf Minuten kurze, aber ein ganzes Leben umfassende \u201eOpus 1\u201c war seit einem Jahrzehnt nicht mehr gezeigt worden, Mart\u00ed Fern\u00e1ndez Paix\u00e0 wirkte darin genauso schmal und stark wie einst Richard Cragun, Rocio Aleman wurde wie Birgit Keil von der herabsteigenden G\u00f6ttin zur Mutter, zur Geliebten, Gef\u00e4hrtin und zum Tod: Von der Geburt bis zum Sterben flie\u00dft ein Leben in symbolischen, pr\u00e4gnanten Bildern, in zur Herzform gebogenen K\u00f6rpern oder einer angedeuteten Piet\u00e0. F\u00fcr kurze Zeit tr\u00e4gt die Frau den Mann, auch das ein v\u00f6llig neues Bild, und irgendwann wird jemand eine Doktorarbeit dar\u00fcber schreiben, wie viel Bedeutung Cranko in seinen St\u00fccken dem Corps de ballet verlieh. Im Gegensatz zu einem George Balanchine oder Frederick Ashton bewegt er die Gruppent\u00e4nzer oft auf sehr engem Raum, in vielen Szenen hat jeder eigene, andere Schritte. Das Corps ist in \u201eOpus 1\u201c nie pure Dekoration, sondern steht dem zentralen Paar als die Au\u00dfenwelt gegen\u00fcber, als die Gesellschaft, die Anderen.<\/p>\n<p>Auch der Pas de huit aus Crankos verlorenem \u201eNussknacker\u201c beeindruckt durch die Sorgfalt, die vielen Einf\u00e4lle, die der Choreograf dem handlungslosen Divertissement f\u00fcr vier Paare einschreibt. Nur selten tanzen sie alle gleich, immer wieder entstehen Staffelungen, steigende oder fallende Linien. Jedes Paar bekommt seine individuelle Richtung oder Pose, bevor sich alle wieder im Einklang finden, es ist ein nobles Spiel zwischen Ausbruch und Wieder-Einfangen. Die Akademiestudenten der Cranko-Schule gl\u00e4nzten hier ebenso wie im ironisch hingetupften \u201eSalade\u201c zur Musik von Darius Milhaud mit ihren Jazz- und Tangoandeutungen. Ruth Schultz, Farrah Hirsch, Aoi Sawano und Maceo Gerard lie\u00dfen in ihren rhythmisch vertrackten, kurzen und virtuosen Solos keinerlei Unterschied zu den T\u00e4nzern der Kompanie erkennen, sie spr\u00fchten vor Charme und guter Laune.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56848\" aria-describedby=\"caption-attachment-56848\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56848\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18662-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18662-Kopie.jpg 720w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18662-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN18662-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56848\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Der Nussknacker &#8220;\u2013 Pas de huit.\u00a0 Sch\u00fclerInnen der John Cranko Schule: Katharina Buck, Alice McArthur, Noa Shoda, Kaela Tapper, Adrien Hohenberg, Leon Metelsky, Joshua Nunamker, Sergii Zharikov<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_56846\" aria-describedby=\"caption-attachment-56846\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56846\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19356.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19356.jpg 720w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19356-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19356-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56846\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Onegin&#8221; \u2013 Pas de deux , mit Elisa Badenes und Friedemann Vogel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im dritten, langsamen Satz aus \u201eInitialen R.B.M.E.\u201c sieht Regisseur Joachim Lang in seinem derzeit entstehenden \u201eCranko\u201c-Film den Choreografen symbolisiert \u2013 in der einsamem Figur, die damals von der \u201ef\u00fcnften Initiale\u201c Heinz Clauss verk\u00f6rpert wurde und heute vom sehnend gestreckten, innigen Friedemann Vogel. Dieser Suchende wartet, umtanzt und gleichzeitig ignoriert vom Corps de ballet (das hier wiederum als Antagonist zum Solisten eingesetzt ist), auf die Erscheinung eines Menschen, den er lieben kann, damals verk\u00f6rpert von der \u00e4therischen Marcia Hayd\u00e9e. Ihre wie sanftes Wasser flie\u00dfenden Pas de bourr\u00e9e en couru, die winzigen Trippelschritte \u00fcber die B\u00fchne, hat seitdem nie wieder eine Ballerina so weich getanzt, leider auch nicht die ansonsten wunderbare Elisa Badenes. Bei der Gala beeintr\u00e4chtigte das viel zu schnelle Dirigat ganz entschieden die tiefe Versunkenheit, die fast religi\u00f6se Andacht der Initiale M. Man k\u00f6nnte sich fragen, warum den T\u00e4nzern von heute der Humor Crankos so viel leichter gelingt als seine Lyrik, das war auch in den drei Miniaturen aus \u201eBrouillards\u201c zu sehen. Im Cakewalk des \u201eG\u00e9n\u00e9ral Lavine eccentric\u201c zum Beispiel, wo den drei Herren gewisserma\u00dfen der Strom ausging. In der Erinnerung wirbelten die langbeinigen Feen, die \u201eExquises danseuses\u201c, fr\u00fcher mehr Sternenstaub auf als es Mackenzie Brown und Daiana Ruiz an diesem Abend taten, aber das mag verkl\u00e4rte Nostalgie sein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56843\" aria-describedby=\"caption-attachment-56843\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56843\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19603-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19603-Kopie.jpg 720w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19603-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19603-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56843\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Salade&#8221;, mit\u00a0 Ruth Schultz, Farrah Hirsch, Aoi Sawano, Maceo Gerard\u00a0<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_56850\" aria-describedby=\"caption-attachment-56850\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-56850 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19836.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19836.jpg 720w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19836-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN19836-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56850\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Brouillards \u2013 IX: Des pas sur la neige&#8221;, mit Rocio Aleman, David Moore und Clemens Fr\u00f6hlich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das St\u00fcck, auf das alle warteten, kam zum Schluss: die letzten 15 Minuten von \u201eSpuren\u201c, Crankos legend\u00e4re letzte Choreografie, sieht man vom wohl misslungenen \u201eGreen\u201c ab, das er bei seinem letzten Premierenabend am 7. April 1973 als heiteren, vers\u00f6hnlichen Abschluss ans Ende stellte und das dann die massiven Buhs bekam, die den Choreografen derart verletzten. Dass sie eigentlich dem politisch engagierten \u201eSpuren\u201c galten, das kann man sich kaum denken, so tief beeindruckte die Wiederauff\u00fchrung des Werkes nach fast 50 Jahren. Seine Anklage galt damals dem Sowjetregime, das die T\u00e4nzer Valery und Galina Panov an der Ausreise nach Israel hinderte, soll aber mit den t\u00e4towierten Nummern auf den Oberk\u00f6rpern der vielen Gefangenen, die schlie\u00dflich im Hintergrund erscheinen, als Anspielung auf jedes totalit\u00e4re Regime verstanden werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56839\" aria-describedby=\"caption-attachment-56839\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-56839 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN10247-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN10247-Kopie.jpg 720w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN10247-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN10247-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56839\" class=\"wp-caption-text\">Auszug aus &#8220;Spuren&#8221;, mit Elisa Badenes und Mart\u00ed Fern\u00e1ndez Paix\u00e0<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_56849\" aria-describedby=\"caption-attachment-56849\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56849\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN1_7816-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN1_7816-Kopie.jpg 720w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN1_7816-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/RN1_7816-Kopie-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56849\" class=\"wp-caption-text\">Auszug aus &#8220;Spuren&#8221;, Elisa Badenes, Friedemann Vogel, Statisten<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nat\u00fcrlich auch auf die Geschichte der Deutschen, die Nazi-Herrschaft lag damals gerade erst 30 Jahre zur\u00fcck. \u201eSpuren\u201c erz\u00e4hlt von einer Frau, die dem Totalitarismus entkommen ist, einen unendlich sanften, verst\u00e4ndnisvollen Mann gefunden hat und doch das Leiden ihres fr\u00fcheren Partners, das Leiden ihres Volkes nicht vergessen kann. Mart\u00ed Fern\u00e1ndez Paix\u00e0, hohlwangig und kahlk\u00f6pfig geschminkt, Friedemann Vogel im seri\u00f6sen Anzug und vor allem Elisa Badenes als eigentlich gerettete, aber lebenslang vom Erlebten verfolgte Frau tanzten voll Verst\u00e4ndnis und tiefer Emotion zu Gustav Mahlers zehnter Symphonie, inmitten einer \u2013 von heute aus gesehen \u2013 biederen Gesellschaft der 1970er-Jahre und eines n\u00fcchternen, perfekt passenden B\u00fchnenbilds aus nackten Neonlichtern. Man sah Ballett in einer Tanztheater-Ausstattung, gepr\u00e4gt von der damaligen Zeit, und ein wahrhaft zu Unrecht vergessenes Werk, zumal genau solche Ereignisse sich immer und immer erneut wiederholen. Von den traurigen Clowns zu den gequ\u00e4lten Dissidenten \u2013 es sieht aus, als w\u00e4re Cranko noch ein politischer Choreograf geworden. Auf keinen Fall sollte diese sp\u00e4te Facette seines Schaffens wieder im Vergessen versinken.<\/p>\n<p>Angela Reinhardt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein sch\u00f6nes Bild von John Cranko, das am Schluss \u00fcber T\u00e4nzern, Sch\u00fclern, Ballettmeistern und den noch \u00fcbrigen \u201eInitialen\u201c leuchtete: den Kopf geneigt, l\u00e4chelnd und mitten in der Arbeit im Ballettsaal, die er so liebte. War nach seinem fr\u00fchen Tod 1973 zu erwarten, dass sein Stuttgarter Ballett ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter noch derart bl\u00fchen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":56838,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[72],"tags":[],"class_list":["post-56837","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-performance"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56837","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=56837"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56851,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56837\/revisions\/56851"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56838"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=56837"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=56837"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=56837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}