{"id":56657,"date":"2023-06-05T15:26:45","date_gmt":"2023-06-05T15:26:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=56657"},"modified":"2026-04-16T07:25:47","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:47","slug":"creations-x-xii-beim-stuttgarter-ballett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/creations-x-xii-beim-stuttgarter-ballett\/","title":{"rendered":"\u201eCreations X \u2013 XII\u201c beim Stuttgarter Ballett"},"content":{"rendered":"<p>Das Land des Belcanto hat auch das Ballett erfunden, heute aber ziehen viele der Nachfolger der Legenden Taglioni, Cerrito, Grisi, Legnani, Cecchetti oder Fracci nach Norden \u00fcber die Alpen, weil es in ihrer Heimat kaum eine Handvoll Ballettkompanien gibt. Noch vor Hamburg, D\u00fcsseldorf, M\u00fcnchen oder Hamburg, wo viele von ihnen tanzen, ist die erste Station Stuttgart, wo via John-Cranko-Schule besonders viele italienische T\u00e4nzer in die Kompanie kommen. Gleich drei von ihnen vereinigt der Urauff\u00fchrungsabend \u201eCreations X \u2013 XII\u201c, man h\u00e4tte so leicht \u201eUna notte italiana\u201c dar\u00fcberschreiben k\u00f6nnen. Vittoria Girelli, Alessandro Giaquinto und Fabio Adorisio aber ist nicht nach Unterhaltung zumute, in manchen Passagen der St\u00fccke steckt mehr gute Absicht als Tanz.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56667\" aria-describedby=\"caption-attachment-56667\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-56667 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BW2_4280-1024x552.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"552\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BW2_4280-1024x552.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BW2_4280-300x162.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BW2_4280-768x414.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BW2_4280-1536x828.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BW2_4280-2048x1104.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/BW2_4280-600x323.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56667\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;In Esisto&#8221;, Ch. Vittoria Girelli, Ensemble \u00a9 Stuttgarter Ballett<\/figcaption><\/figure>\n<p>Todschick mutet Vittorio Girellis \u201eIn Esisto\u201c an, der Titel ist ein Wortspiel aus \u201eich existiere in\u201c und, zusammengeschrieben, \u201eich existiere nicht\u201c. Getanzt wird in einem Raum mit einer rechteckigen Aussparung hinten, entworfen hat ihn genau wie das Lichtdesign A.J. Weissbard. Man kennt das Zimmer aus Wayne McGregors \u201eChroma\u201c oder Akram Khans \u201eKaash\u201c, jetzt aber leuchtet es in strahlendem Wei\u00df, genau wie die weiten Stoffhosen, die Girelli selbst entworfen hat. Verst\u00f6rend wirken unter den glattgegelten Haaren s\u00e4mtlicher T\u00e4nzer einzig die gro\u00dfen, keinen Sinn ergebenden Tattoo-Buchstaben auf den H\u00e4lsen der M\u00e4nner. Getanzt wird auf halber Spitze zu einem musikalischen Arrangement von Davidson Jaconello, das man nach dem anf\u00e4nglichen Wispern zu schnell vergisst. Faszinierend changiert das Licht zwischen Pfirsich-Beige, lichtem Pink und einem Bl\u00e4tterwald in sanftem T\u00fcrkis, die K\u00f6rper wirken wie lebendig gewordene Edel-Accessoires in einem Showroom. Die Choreografie ist ein Dehnen, Strecken, Schieben oder Gleiten von Pose zu Pose, wohl gibt es auch Drehungen oder das gegenseitige Verbiegen zweier Partner, etwa bei Mackenzie Brown und Martino Semenzato. Spannend aber wird es erst in der zweiten H\u00e4lfte des Werkes, wenn sich alle T\u00e4nzer wie zu einer Sekte vereinen, die sich identisch durch den Raum bewegt. Die eng nebeneinander, immer gemeinsam erhobenen H\u00e4nde werden zum Leitmotiv, ragen wie betend vors Gesicht, recken sich gemeinsam nach oben. Girelli wei\u00df die Gruppendynamik raffiniert einzusetzen, aber leider wirken ihre T\u00e4nzer, wie schon in ihrem letzten St\u00fcck, durch die optische Stilisierung wie Chiffren, wie Figuren aus einem jener Science-Fiction-Film, in denen es um verschwundene Seelen und totale \u00dcberwachung geht. Ein hoch\u00e4sthetisches und gleichzeitig sehr k\u00fchles St\u00fcck.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-56664\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14165-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14165-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14165-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14165-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14165-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14165-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14165-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<figure id=\"attachment_56663\" aria-describedby=\"caption-attachment-56663\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-56663\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN13975-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN13975-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN13975-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN13975-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN13975-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN13975-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN13975-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56663\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Ascaresa&#8221;, Ch. Alessandro Giaquinto, Ensemble \u00a9 Roman Novitzky \/ Stuttgarter Ballett<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heftiger toben die Gef\u00fchle bei Alessandro Giaquinto, der wohl zu einer \u00e4hnlichen Struktur greift (erst Solos und Duos, dann die ganze Gruppe), der aber Trauer und Verlust deutlich sp\u00fcrbar macht. In einem dystopischen, scheinbar unterirdischen Raum, ein einzelnes Licht von oben erhellt ein paar Betons\u00e4ulen im Dunkeln, sehen wir einen gro\u00dfen Erdhaufen, offensichtlich ein frisch aufgeschichtetes Grab. Die Trauergemeinde, die nach und nach aus dem Dunkel auftaucht, geht nicht in Lumpen, sondern ist in edle \u00d6kostoffe gewandet (Mylla Eks sch\u00f6ne Kost\u00fcme passen nicht ganz zum hoffnungslosen B\u00fchnenbild von Chiara Bugatti). W\u00fctend werfen sie Erde zu Erde, fast alle Bewegung bezieht sich auf den Grabh\u00fcgel, der zu einer Collage aus Kammermusik und einem traurigen Song ganz langsam zerbr\u00f6selt und im Boden verschwindet. Auch hier wird gebetet und dann auch gekniet, vor allem aber wird eine starke Ersch\u00fctterung sichtbar. Das Ballett mit dem sch\u00f6nen Titel \u201eAscaresa\u201c (\u201eNostalgie\u201c oder \u201eSehnsucht\u201c) entstand aus Trauer \u00fcber den Tod von Giaquintos Gro\u00dfvater. Die T\u00e4nzer, darunter die starke junge Elevin Ruth Schulz, Mart\u00ed Fernand\u00e9z Paix\u00e0, Riccardo Ferlito und der wie immer grandiose Timoor Afshar, tanzen und fl\u00fcstern verzweifelt gegen das Vergessen des Begrabenen an, nach und nach werden sie dreckiger, ohne jede Ber\u00fchrung bleibt die Erde doch als Erinnerung an ihnen haften. Giaquinto zeigt Tanz als direkten Ausdruck von Gef\u00fchlen \u2013 das mag nostalgisch sein, geht einem aber deutlich n\u00e4her als Girellis klinisch-wei\u00dfe Eleganz und stellt auch die beseelte Energie der Stuttgarter T\u00e4nzer viel intensiver heraus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56665\" aria-describedby=\"caption-attachment-56665\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-56665\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN15710-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN15710-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN15710-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN15710-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN15710-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN15710-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN15710-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56665\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;LOST ROOM&#8221;, Ch. Fabio Adorisio, T\u00e4nzer: Matteo Miccini und Agnes Su \u00a9 Roman Novitzky \/ Stuttgarter Ballett<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_56662\" aria-describedby=\"caption-attachment-56662\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-56662\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14514-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14514-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14514-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14514-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14514-1-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14514-1-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/RN14514-1-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56662\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;LOST ROOM&#8221;, Ch. Fabio Adorisio, Ensemble \u00a9 Roman Novitzky \/ Stuttgarter Ballett<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eLost Room\u201c hei\u00dft Fabio Adorisios St\u00fcck, und hier hat endlich einer Mut zur Klassik: Getanzt wird hochmusikalisch zu zwei Cellosonatens\u00e4tzen von Sergej Rachmaninow und Edvard Grieg, arrangiert und erg\u00e4nzt von Marc Strobel. Es entsteht ein Dialog mit der Musik, die den Tanz in den anderen beiden St\u00fccken einfach nur passend begleiten zu scheint. Vier labyrinthische, dunkle W\u00e4nde markieren das \u201everlorene Zimmer\u201c, in dem eine Gruppe von sieben T\u00e4nzern in schwarzschimmernden Kost\u00fcmen strandet (es ist der Abend der weiten Hosenbeine). Immer wieder brechen Einzelne aus, Gruppen finden sich zusammen, die anderen stehen schwankend wie Zombies, kleben an der Wand, surreal ragen halbe K\u00f6rper wie Erinnerungen hinter den Ecken hervor. Adorisio entwickelt seine Bewegungsmotive direkt aus der Musik heraus \u2013 da springt ein Sch\u00fctteln fast lakonisch von K\u00f6rper zu K\u00f6rper, Matteo Miccini hebt die Arme und der T\u00e4nzeroganismus am Boden zuckt sanft zusammen, ein Quartett zerflie\u00dft zu zwei identischen Duos. Selbst in den Gruppen entwirft der Choreograf f\u00fcr alle T\u00e4nzer unterschiedliche Schritte, zeigt gute Ideen und ein reiches Vokabular.<\/p>\n<p>Die kontinuierliche F\u00f6rderung seiner drei italienischen Talente durch Ballettintendant Tamas Detrich zeitigt durchaus eine Entwicklung; die ganz gro\u00dfe Entdeckung aber, das kristallisiert sich seit ihren Anf\u00e4ngen bei den Noverre-Abenden heraus, ist eher nicht dabei. Mit all den Choreografen-Titanen, die seit John Crankos Zeiten aus dem Stuttgarter Ballett hervorgingen, sind die Kompanie und ihr Publikum einfach extrem verw\u00f6hnt. Nat\u00fcrlich w\u00e4re es einfacher, aktuelle Ber\u00fchmtheiten wie Crystal Pite, Sidi Larbi Cherkaoui oder Hofesh Shechter zu holen, so man sich denn in ihre bestens gef\u00fcllten Kalender quetschen kann. Stuttgart bleibt konsequent in der F\u00f6rderung des eigenen Nachwuchses, aus dem noch immer \u00dcberraschendes erbl\u00fchte, manchmal dauert es halt ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte. Bis dahin hei\u00dft es: Warten auf den n\u00e4chsten Marco Goecke.<\/p>\n<p>Angela Reinhardt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Land des Belcanto hat auch das Ballett erfunden, heute aber ziehen viele der Nachfolger der Legenden Taglioni, Cerrito, Grisi, Legnani, Cecchetti oder Fracci nach Norden \u00fcber die Alpen, weil es in ihrer Heimat kaum eine Handvoll Ballettkompanien gibt. 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