{"id":56222,"date":"2023-03-23T07:49:19","date_gmt":"2023-03-23T07:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=56222"},"modified":"2026-04-16T07:25:49","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:49","slug":"zu-wenig-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/zu-wenig-seele\/","title":{"rendered":"Zu wenig Seele"},"content":{"rendered":"<h3>Edward Clugs zweite Klassiker-Modernisierung f\u00e4llt in Basel recht n\u00fcchtern aus<\/h3>\n<p>Schwarz, wei\u00df, rot und pink, mehr Farben gibt es nicht auf der kargen, stark stilisierten B\u00fchne im Gro\u00dfen Haus in Basel. Nach seinem \u201eNussknacker\u201c in Stuttgart hat Edward Clug einen zweiten alten Klassiker adaptiert, und wieder beruht das Ballett auf einer Erz\u00e4hlung von E.T.A. Hoffmann. Wo Clugs \u201eNussknacker\u201c wie eine Hommage an John Cranko wirkte, da scheint hier die Inspiration von Mats Eks \u201eGiselle\u201c zu stammen, denn zusammen mit seinem gewohnten k\u00fcnstlerischen Team hat Clug den putzigen Klassiker komplett entstaubt und modernisiert. Dabei nimmt er die Handlung durchaus ernst, ver\u00e4ndert sie aber in wesentlichen Details.<\/p>\n<p>Die lange Zeit kaum gespielte \u201eCopp\u00e9lia\u201c zeigt die jahrhundertealte Faszination der Automatenmenschen, verniedlicht zur tanzenden Puppe eines versponnenen Erfinders, der von der frechen Dorfjugend reingelegt wird. Es folgt ein Happy End zwischen Swanilda und Franz samt gro\u00dfem, variationenreichem Divertissement, dem \u201eTanz der Stunden\u201c. Noch vor dem \u201eNussknacker\u201c wurde die Handlung f\u00fcrs Ballett von all ihrem unheimlichen oder gar tiefenpsychologischen Ballast befreit; was damals die virtuosens\u00fcchtigen Zuschauer waren, ist heute das Familienpublikum, das mit der Basler \u201eCopp\u00e9lia\u201c dennoch nicht recht froh werden d\u00fcrfte. Arthur Saint-L\u00e9ons Urfassung von 1870 nahm von Paris aus den bekannten Weg via St. Petersburg zum internationalen Klassiker; es gibt keine tradierte Urfassung, aber viele Neuinszenierungen berufen sich auf Marius Petipas russische Version. Wie beim \u201eNussknacker\u201c gab es nat\u00fcrlich auch hier Versuche, zur d\u00fcsteren Vorlage zur\u00fcckzukehren, Christian Spuck etwa hatte 2006 aus Hoffmanns Erz\u00e4hlung \u201eDer Sandmann\u201c ein neues, eigenst\u00e4ndiges Ballett gemacht. In j\u00fcngster Zeit aber steht durch das Thema K\u00fcnstliche Intelligenz tats\u00e4chlich der Titel \u201eCopp\u00e9lia\u201c wieder h\u00e4ufiger auf den Spielpl\u00e4nen, wenn auch, wie in D\u00fcsseldorf, von Leo D\u00e9libes\u2019 melodienseliger Partitur kaum etwas \u00fcbrig ist. Auch Jean-Christophe Maillot l\u00e4sst in Monte-Carlo eine Androidenfrau \u00fcber die B\u00fchne staksen, denn 200 Jahre nach Erscheinen der Erz\u00e4hlung steht die Menschheit tats\u00e4chlich kurz davor, Automaten eine Seele einzuhauchen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56225\" aria-describedby=\"caption-attachment-56225\" style=\"width: 2048px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56225\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon169web.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1366\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon169web.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon169web-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon169web-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon169web-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon169web-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon169web-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56225\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Gregory Batardon<\/figcaption><\/figure>\n<p>Edward Clug reduziert in Basel Handlung und \u00c4sthetik auf eine k\u00fchle, abstrakte Eleganz. Die Freundinnen und Freunde des Protagonistenpaares stehen sich in identischen wei\u00dfen und schwarzen Kost\u00fcmen gegen\u00fcber, einzig Copp\u00e9lia tr\u00e4gt einen roten Plastikrock, der wie das Oberteil einer Kirsche aussieht. Ein gro\u00dfer, wei\u00dfer Bilderrahmen wird im zweiten Akt nach vorne gekippt und mutiert zur Erfinderwerkstatt von Copp\u00e9lius. Es ist kein Spitzenschuh in Sicht, getanzt wird in Socken; der choreografisch erstaunlich wandelbare Clug orientiert sich hier statt nach Frankreich eher Richtung Norden, zu einer volkstanzhaften, erdverbundenen statt ziselierten \u00c4sthetik. Wo er in seinem Stuttgarter \u201eNussknacker\u201c mit Ironie und Witz bezauberte oder seinen \u201eFaust\u201c in surrealen Bildern erz\u00e4hlte, da herrschen hier einfache, klare Linien, denen wiederum die mathematisch-subtile Faszination von Clugs abstrakten Werken abgeht.<\/p>\n<p>Anders als im Originallibretto von Charles Nuitter und Arthur Saint-L\u00e9on locken Puppenbesitzer Copp\u00e9lius, hier ein kalter, aber wenig d\u00e4monischer Strippenzieher (Thomas Martino) und sein Diener (Diego Benito Guiterrez) den Br\u00e4utigam Franz ganz bewusst in die Erfinderwerkstatt, mittels einer verspr\u00fchten Droge. Hier wollen sie seine Seele stehlen, um die mechanische Puppe Copp\u00e9lia damit zu beleben. Bereits im ersten Akt taucht ein mannshoher, gl\u00e4nzender schwarzer Ball auf, der gewisserma\u00dfen durch die gel\u00f6ste und in sch\u00f6ner Symmetrie tanzende Dorfjugend hindurchkegelt und ihre Welt verunsichert. Er kehrt im zweiten Akt als schwarze Luftballons in den M\u00fcndern von Franz und seinen Freunden wieder und symbolisiert den Atem, der Copp\u00e9lia eingehaucht werden soll. Das gelingt nicht, aber zwischenzeitlich hat sich Swanilda auf der Suche nach ihrem untreuen Br\u00e4utigam ins Haus geschmuggelt. Nun will Copp\u00e9lius sie zur Puppe verwandeln, was ihm trotz eines langen Kusses zwischen Frau und Roboter nicht gelingt: Swanilda lebt, die Puppe bleibt tot.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56224\" aria-describedby=\"caption-attachment-56224\" style=\"width: 2048px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56224\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon111web.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1366\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon111web.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon111web-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon111web-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon111web-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon111web-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon111web-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56224\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Gregory Batardon<\/figcaption><\/figure>\n<p>In die erstaunlich gelungene Mischung aus L\u00e9o Delibes\u2018 Ballettmusik und den wenigen, repetitiven Kompositionen von Clugs st\u00e4ndigem Komponisten Milko Lazar klingt an dieser Stelle nun auch noch aus der Ferne das Blumenduett aus \u201eLakm\u00e9\u201c herein, jener selten gespielten, exotischen Oper von Delibes. Franz findet die gequ\u00e4lte Swanilda, beide sind in ihren hautfarbenen Trikots nun wieder wie naturgeboren. Dann senken sich zwei riesengro\u00dfe rote Kirschen von oben vor dem Paar hernieder \u2013 das knallrote, belebte Gegenst\u00fcck zur toten schwarzen Kugel von vorhin? Die kreisf\u00f6rmige und deshalb vollendete Version des nur halbkugelartigen Copp\u00e9lia-Tutus? Sie d\u00fcrften kaum mit den zwei goldenen Kirschen zu tun haben, die \u00fcber William Forsythes \u201eIn the Middle, Somewhat Elevated\u201c h\u00e4ngen\u2026 Die Symbolik wird hier doch ziemlich r\u00e4tselhaft. Jedenfalls findet sich das Paar zum Schluss und die rotgl\u00e4nzende Objektkunst von der Industriedesignerin Nika Zupanc gibt der Inszenierung einen Jeff-Koons-artigen Glanz.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56226\" aria-describedby=\"caption-attachment-56226\" style=\"width: 2048px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56226\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon249web.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1366\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon249web.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon249web-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon249web-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon249web-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon249web-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/coppelia_15.03.2023_gregory_batardon249web-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56226\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Gregory Batardon<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Bewegungs\u00e4sthetik dagegen bleibt hier eher einseitig, ist fast durchweg von volkstanzartigen Motiven gepr\u00e4gt \u2013 dem Aufeinanderzutanzen von Frauen und M\u00e4nnern, dem Formen von raffiniert ineinanderschl\u00fcpfenden Kreisen, einmal gibt es einen Aufmarsch mit Speeren, auf dem die M\u00e4nner Copp\u00e9lia wie zum Opfer festklemmen. Weder Tana Ros\u00e1s Su\u00f1\u00e9 als gef\u00fchlslose Puppe noch die sympathischen Gaia Mentoglio und Daniel Rodriguez Domenech als Swanilda und Franz bekommen viel Gelegenheit, t\u00e4nzerisch oder als Pers\u00f6nlichkeiten Eindruck zu machen. Im zweiten Akt vervielfacht der Choreograf seine Protagonisten effektvoll, aber zugleich verwirrend. Dem Ganzen fehlt es, wie soll man sagen, ein wenig an Emotion \u2013 was Clug in \u201eFaust\u201c oder \u201ePeer Gynt\u201c mit seinen starken Bildern gelingt, ob sie vom Ausstatterteam Marko Japeli und Leo Kula\u0161 stammten oder direkt aus seinem sparsamen, ausdrucksstarken Erz\u00e4hlen in Bewegung, das versandet hier doch im Divertissement-Charakter des alten Klassikers, gegen den man scheinbar schwer ankommt. Vielleicht schafft es irgendwann doch ein Choreograf, die Puppe Copp\u00e9lia glaubhaft wiederzubeleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angela Reinhardt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edward Clugs zweite Klassiker-Modernisierung f\u00e4llt in Basel recht n\u00fcchtern aus Schwarz, wei\u00df, rot und pink, mehr Farben gibt es nicht auf der kargen, stark stilisierten B\u00fchne im Gro\u00dfen Haus in Basel. Nach seinem \u201eNussknacker\u201c in Stuttgart hat Edward Clug einen zweiten alten Klassiker adaptiert, und wieder beruht das Ballett auf einer Erz\u00e4hlung von E.T.A. Hoffmann. 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