{"id":56076,"date":"2023-02-27T09:15:22","date_gmt":"2023-02-27T09:15:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=56076"},"modified":"2026-04-16T07:25:51","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:51","slug":"hasenstarke-winterreise-in-halberstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/hasenstarke-winterreise-in-halberstadt\/","title":{"rendered":"Hasenstarke \u201eWinterreise\u201c in Halberstadt"},"content":{"rendered":"<h3>Tarek Assams Urauff\u00fchrung begeisterte wegen hoher choreografischer Sorgfalt<\/h3>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Von Alexandra Karabelas<\/em><\/p>\n<p>Alles f\u00e4ngt an mit dem Hasen. Im Dauerlauf prescht er, als Bewegungsbild an die linke Wand neben der B\u00fchne projiziert, durch die Landschaft. Irgendwann bemerkt man ihn dann langohrig auf der B\u00fchne kauernd in der N\u00e4he des Fl\u00fcgels, der ebenfalls links steht. Bewegungs- und kost\u00fcmm\u00e4\u00dfig ist der Hase, getanzt von Daniele Cavuoti, sehr gut getroffen. Ein dunkelgrau belassener Kopf, mehr klare Kontur denn Physiognomie, mehr K\u00f6rper als Pelz, ein Rammler, keine H\u00e4sin, ein deutscher Hase, und nat\u00fcrlich denkt man sofort an D\u00fcrer oder Beuys oder am besten gleich an beide zusammen. Die hinteren Beine in markante Bewegungen gebracht, schleppt er ein Quadrat gr\u00fcnen Kunstrasens mit sich herum, breitet es aus, zieht es an andere Stellen und rollt es wieder zusammen. Vier Quadratmeter Heimat in einer nebligen und unwirtlichen Niemandslandschaft symbolisch auf die deutsche Theaterb\u00fchne gebracht in Halberstadt. Aber auch vier Quadratmeter \u201eNatur\u201c als Sinnbild aller Kreisl\u00e4ufe des Lebens, in die man nichts Anderes kann als zu vertrauen, gerade dann, wenn Welt und Menschen gespalten sind, auseinandergetrieben, gel\u00e4hmt oder ganz kaputt. Bei Beuys war der Hase das Symbol f\u00fcr Inkarnation schlechthin. Fehlt nur noch der Honig, denkt man, doch diesen braucht Tarek Assam dann doch nicht. Seine neue Inszenierung der \u201eWinterreise\u201c von Franz Schubert am Gro\u00dfen Haus in Halberstadt bleibt werkgetreu im Melancholischen, und die Hasenfigur ist nur einer von mehreren genialen Kniffen in dieser durchweg beachtenswerten Urauff\u00fchrung, die letzten Freitagabend ein gro\u00df herbeigestr\u00f6mtes Publikum restlos begeisterte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56079\" aria-describedby=\"caption-attachment-56079\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56079\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07295-d-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1706\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07295-d-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07295-d-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07295-d-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07295-d-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07295-d-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07295-d-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07295-d-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56079\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Rolf K. Wegst<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein zweiter Kniff bestand in der Tatsache, dass Assam, der zu Beginn der Spielzeit das neue Ensemble Tanz Harz des Nordharzer St\u00e4dtebundtheaters \u00fcbernommen hat, die Gesangsrolle durchaus \u00fcblich mit einer Mezzosopranistin, hier namentlich mit Regina P\u00e4tzer besetzt hatte, ohne dies weiter narrativ auszuf\u00fchren. Schuberts lyrisches Ich in der \u201eWinterreise\u201c\u00a0 konnte so nonchalant mal wieder gerade als Frau als universale menschliche Figur Wirkung entfalten. In seiner Inszenierung achtete Assam dabei gekonnt darauf, P\u00e4tzers wunderbare Darbietung des vierundzwanzig Lieder umfassenden Liedguts durchweg zu Choreografie und Soloklavier in Balance zu halten. Auf die Weise entstanden auf der B\u00fchne drei Sph\u00e4ren: die Sph\u00e4re des Gesangs der wehm\u00fctigen, emotional packenden Verse, die einst der Dichter Wilhelm M\u00fcller verfasst hatte, als eigene Erinnerungen an eine Liebesbeziehung, die er als Soldat w\u00e4hrend der Befreiungskriege zu einer Geliebten im feindlichen Lager hatte. M\u00fcller war unehrenhaft entlassen worden und im Winter in seine Heimat zur\u00fcckgekehrt, wo er seinen Gedichtzyklus in einer verbotenen Zeitschrift ver\u00f6ffentlichte. Schubert las sie dennoch und vertonte sie 1827 mitten im reaktion\u00e4ren Europa Metternichs, drei Jahre nach der Urauff\u00fchrung von Beethovens neunter Sinfonie.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56078\" aria-describedby=\"caption-attachment-56078\" style=\"width: 768px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-56078 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07160-d-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07160-d-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07160-d-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07160-d-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07160-d-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07160-d-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07160-d-600x800.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/winterreise-gp-t_h-rkw-230223-07160-d-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56078\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9\u00a0Rolf K. Wegst<\/figcaption><\/figure>\n<p>Den zweiten \u201eRaum\u201c schuf Musikdirektor und Intendant Johannes Rieger am Klavier mit seinem kraftvollen und doch ungemein nuancierten Spiel der Lieder. Ohne Schnickschnack und getragen von einem stimmigen, schlichten, aber wirkungsvollen Kost\u00fcmbild in den Farben grau, beige, blau und wei\u00df von Katharina Andes atmete und formulierte sich der Tanz schlie\u00dflich in einen \u201edritten\u201c Raum neben Gesang und Klavier hinein. Die Melodien und Verse, ihre jeweils verschiedenen Dynamiken und Stimmungen trafen so im Auge der Betrachterinnen und Betrachter auf einen choreografischen Kosmos, der angesichts seiner hohen Qualit\u00e4t schlicht eine Augenweide ist. Der Stil der abstrakt gehaltenen und auf nat\u00fcrliche Expressivit\u00e4t vertrauenden Choreografie l\u00e4sst sich am ehesten mit der klassischen Moderne des Zeitgen\u00f6ssischen Tanzes vergleichen &#8211; die Choreografie selbst mit einem komplex und fein gearbeiteten Gewebe aus sich immer weiter ausdifferenzierenden, sich immer erneuernden sowie mit Tempi und Bewegungsformen spielenden, oft kanonisch ablaufenden Bewegungsfolgen, die in unz\u00e4hligen Momenten Unerwartetes bereit halten: Hier endete eine Sequenz mit einem \u00fcberraschenden Schwung der Arme nach oben, dort fand das Trio zu nicht oft gesehen Hebungen kopf\u00fcber mit pl\u00f6tzlich nur sekundenlang wie verzweifelt zitternden H\u00e4nden, die die eigenen Emotionen triggerten. Sp\u00e4ter musste der Hase erleben, wie die Menschen sein Wiesenst\u00fcck besetzten. \u00dcberhaupt tauchte die Arbeit mit dem Pas de trois h\u00e4ufig und in spannenden Varianten auf, immer passend zu jeweiligen Lied, jedoch niemals abbildend. Regina P\u00e4tzers agierte innerhalb des Ensembles mit gro\u00dfer Pr\u00e4senz, jedoch sich nie nach vorne dr\u00e4ngend. Von Anfang an verbunden mit der Gruppe, mit ihr laufend oder von ihr umringt, dann wieder neben ihr, entfaltete sich die hohe gesangliche Leistung der Mezzosopranistin zuverl\u00e4ssig. Dem Publikum war so Raum und Zeit gegeben, sich innerlich ihrer Figur entweder zu n\u00e4hern oder sie eher aus der Ferne zu beachten. Dadurch, dass P\u00e4tzer und die Choreografie insgesamt durchgehend die Form \u00fcber die Emotion stellen, konnte Assams \u201eWinterreise\u201c so als assoziationsreiches Kunstwerk in schweren Zeiten wirken, das auch schwierige Klippen wie die Pr\u00e4sentation des Klassikers \u201eAm Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum\u201c meisterte, indem P\u00e4tzer neugierig vom Hasen, getanzt von Daniele Cavuoti, be\u00e4ugt wurde. Wer aber ist dieser Hase und was ist sein Schicksal im St\u00fcck? Auf dieses R\u00e4tsel steuerte Assams \u201eWinterreise\u201c irgendwann zu. Viele Szenen sp\u00e4ter nimmt Cavuoti den Hasenkopf ab und \u00fcberzieht sich eines der Kost\u00fcme, die die anderen tragen. Er wird schlicht ein Mensch unter Menschen, die zum Schluss innehalten und dorthin schauen, zum Publikum, wo \u201edr\u00fcben hinterm Dorfe ein Leiermann\u201c steht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tarek Assams Urauff\u00fchrung begeisterte wegen hoher choreografischer Sorgfalt Von Alexandra Karabelas Alles f\u00e4ngt an mit dem Hasen. Im Dauerlauf prescht er, als Bewegungsbild an die linke Wand neben der B\u00fchne projiziert, durch die Landschaft. Irgendwann bemerkt man ihn dann langohrig auf der B\u00fchne kauernd in der N\u00e4he des Fl\u00fcgels, der ebenfalls links steht. Bewegungs- und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":56077,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[72],"tags":[],"class_list":["post-56076","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-performance"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56076","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=56076"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56076\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56080,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56076\/revisions\/56080"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56077"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=56076"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=56076"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=56076"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}