{"id":56043,"date":"2023-02-21T16:30:12","date_gmt":"2023-02-21T16:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=56043"},"modified":"2026-04-16T07:25:51","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:51","slug":"la-bayadere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/la-bayadere\/","title":{"rendered":"\u201eLa Bayad\u00e8re&#8221;"},"content":{"rendered":"<h3>Die Kunst der Ann\u00e4herung in Verehrung und Ehrfurcht vor dem Fremden: \u201eLa Bayad\u00e8re \/ Die Tempelt\u00e4nzerin\u201c wieder beim Semperoper Ballett in Dresden<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor 17 Jahren \u00fcbernahm Aaron S. Watkin die Position des Ballettdirektors in Dresden. Vor 15 Jahren wagte er es, mit dem Ballett \u201eLa Bayad\u00e8re &#8211; Die Tempelt\u00e4nzerin\u201c von Ludwig Minkus, diesen h\u00f6chst anspruchsvollen Klassiker erstmals in Dresden zur Auff\u00fchrung zu bringen. Damit reihte das Dresdner Ballett in die gar nicht so gro\u00dfe Gruppe bedeutender Kompanien, die es wagen k\u00f6nnen, diesem Werk gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Aaron S. Watkin wagte und gewann, mit ihm, die Kompanie, aus deren Reihen alle der so anspruchsvollen Partien besetzt werden konnten.\u00a0 Es ist ein Gewinn f\u00fcr das Dresdner Publikum, ungebrochen, wie j\u00fcngst die wie eine Premiere begeistert gefeierte Wiederaufnahme im ausverkauften Opernhaus beweist.<br \/>\nEs sind ja nicht nur die t\u00e4nzerischen Anspr\u00fcche, die diesem Werk eigen sind, es ist ja auch die besondere Stilistik dieser getanzten, aber immer wieder auch gemimten Dreiecksgeschichte um den edlen Krieger Solor, seine Verlobte Gamsatti und die Tempelt\u00e4nzerin Nikija, aus der Bl\u00fctezeit des russischen Balletts, das in den Farben einer indischen Nachthimmel-Fantasie unter Palmen im exotischen Zauber der klassischen Gassenb\u00fchne spielt, zu inszenieren.<\/p>\n<p>In seiner choreografischen Inszenierung, in der man auf die genialen originalen Meisterst\u00fccke von Marius Petipa, die er f\u00fcr die Urauff\u00fchrung, 1877 in St. Petersburg, geschaffen hatte, nicht verzichten muss, entschied sich Watkin f\u00fcr eine zweiaktige Fassung. Er strafft die Handlung, nimmt aber so gut wie alle Motive der inzwischen nicht mehr \u00fcblichen f\u00fcnfaktigen Fassung auf und schafft es, das Traumbild im Schattenreich, mit dem Nurejew seine Version enden lie\u00df, als wesentliche Sequenz in den Handlungsverlauf einzubinden. Er schafft es sogar, die Tradition jener wei\u00dfen Wesen einzubinden, deren Erscheinung nicht f\u00fcr jeden wahrnehmbar ist, indem er in der Hochzeitszeremonie als konsequentes Zitat der 45 Jahre \u00e4lteren Pariser \u201eSylphidentradition\u201c Filippo Taglionis, die Bayad\u00e8re als wei\u00dfes Wesen durch Raum und Zeit schweben l\u00e4sst. Damit f\u00fchrt er den Krieger in den t\u00f6dlichen Konflikt. In dem Moment, da er erkennt, dass mindestens zwei, wenn nicht gar drei, Wesen in seiner Brust wohnen &#8211; Watkin stellt einen Freund an seine Seite &#8211; wanken Grundfesten bis dahin streng geh\u00fcteter Ordnungen. Weil in diesem Tanz der sch\u00f6nen Menschen letztlich doch weit mehr zusammenbricht als ihr Leben, st\u00fcrzt am Ende folgerichtig auch der Tempel als Symbol ewiger Ordnungen ein. Arne Walter hat opulente Bilder und Landschaften geschaffen, in denen das Auge spazieren gehen kann, die zudem rasche Wechsel m\u00f6glich machen, deren Prospekte in Bert Dalhuysens Licht von gro\u00dfer Wirkung sind, in die sich die farbintensiven Kost\u00fcme von Erik V\u00e4sthed geschmackvoll f\u00fcgen.<\/p>\n<p>Zum Teil mit erstaunlichen Rollendeb\u00fcts wird diese Wiederaufnahme den hohen Anspr\u00fcchen gerecht. Ja klar, es geht um die t\u00e4nzerische Technik, aber diese erlangt ihren Glanz &#8211; mitunter von ber\u00fchrender Intensit\u00e4t &#8211; ja nur dann, wenn es gelingt, der pers\u00f6nlichen Individualit\u00e4t Raum zu geben. Das gelingt: Da ist die wunderbare Sangeun Lee als Tempelt\u00e4nzerin Nikija. Gereth Haw gibt als edler Krieger Solor, dessen Verrat ihr gegen\u00fcber ja gar nicht so edel ist, sein grandioses Deb\u00fct. Beiden gelingt vor allem in so unterschiedlichen Situationen immer h\u00f6chst emotionale Steigerung, vor allem im Grand Pas de Deux, \u201eSchattenreich der Tr\u00e4ume\u201c &#8211; jener genialen Traumszene, der sich Solor im Opiumrausch nach Nikijas Tod auf der Verlobungsfeier mit der f\u00fcr ihn in famili\u00e4ren und politischem Kalk\u00fcl bestimmten Gamsatti hingibt. Ebenfalls im Rollendeb\u00fct hier Anna Anna Nevzorova, die es vermag auch der Tragik ihrer Situation Gestalt zu geben.<\/p>\n<p>Ebenfalls im Deb\u00fct ist Krist\u00f3f Kov\u00e1cs als Freund Solors und den Momenten seiner hilflosen Not, diesem Tanz sowohl verschuldeter als eben auch unverschuldeter Abgr\u00fcnde zu widerstehen. J\u00f3n Vallejo setzt mit seinem exotischen Solo als goldenes Idol\u00a0 einen glanzvollen H\u00f6hepunkt. Es sind weitere T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer in gr\u00f6\u00dferen und kleineren Partien, vor allem zu betonen, wie es gelingt ein jeweils \u00fcberzeugendes in anspruchsvollen Momenten der Traditionen der Ballettpantomime zu finden, Zur\u00fcckhaltung kann von gro\u00dfer Wirkung sein. Und nat\u00fcrlich die Divertissements der T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer die ja im klassischen Ballett nicht fehlen d\u00fcrfen, aber gerade hier mit den so sehnsuchtsvollen wie verehrenden Zitaten ferner Welten und Traditionen, vermitteln viel von der fantastischen M\u00f6glichkeit des Tanzes in der bewegenden Sprache bewegter K\u00f6rper. H\u00f6chstes Gl\u00fcck im Opiumrausch!<\/p>\n<figure id=\"attachment_56049\" aria-describedby=\"caption-attachment-56049\" style=\"width: 1200px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-56049 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Chiara_Scarrone__Kanako_Fujimoto__Melissa_Hamilton_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_3838_-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"685\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Chiara_Scarrone__Kanako_Fujimoto__Melissa_Hamilton_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_3838_-Kopie.jpg 1200w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Chiara_Scarrone__Kanako_Fujimoto__Melissa_Hamilton_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_3838_-Kopie-300x171.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Chiara_Scarrone__Kanako_Fujimoto__Melissa_Hamilton_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_3838_-Kopie-1024x585.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Chiara_Scarrone__Kanako_Fujimoto__Melissa_Hamilton_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_3838_-Kopie-768x438.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Chiara_Scarrone__Kanako_Fujimoto__Melissa_Hamilton_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_3838_-Kopie-600x343.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56049\" class=\"wp-caption-text\">Chiara Scarrone, Kanako Fujimoto, Melissa Hamilton, (unten) Ensemble). Fotos: Ian Whalen<\/figcaption><\/figure>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56051\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/17_Ensemble_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_1904_-Kopie-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"739\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/17_Ensemble_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_1904_-Kopie-1.jpg 1200w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/17_Ensemble_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_1904_-Kopie-1-300x185.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/17_Ensemble_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_1904_-Kopie-1-1024x631.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/17_Ensemble_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_1904_-Kopie-1-768x473.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/17_Ensemble_-_La_Bayadere_-_Foto_Ian_Whalen__IMG_1904_-Kopie-1-600x370.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/p>\n<p>Verbeugung vor den 24 T\u00e4nzerinnen die im ber\u00fchmten K\u00f6nigreich der Schatten als ins Unendliche gesteigerte Widerspiegelung der geliebten, intrigant get\u00f6teten, Tempelt\u00e4nzerin dem untreuen Solor in der Nacht vor der Hochzeit mit Gamsatti erscheinen. Mit dieser Choreografie, bei der die T\u00e4nzerinnen in einem wei\u00dfen Bild bei gleichen Bewegungen auf einer Rampe serpentinenartig in h\u00f6chster Konzentration, wie aus dem Nichts kommend, traumwandlerisch in den Raum hinunter schweben, beweist eine Kompanie ihr K\u00f6nnen. Die Dresdner T\u00e4nzerinnen beweisen es mit ihrer Art dieses Traumtanzes von Altmeister Marius Petipa, diesem Juwel der Ballettgeschichte. Wie in der Lyrik\u00a0 Worte, Silben, einzelne Laute zum Klang aus Assoziationen werden, so in diesem Tanzgedicht die Bewegungen in ihren \u00dcberlagerungen und Vervielfachungen zu einem Bild, das die Wahrnehmung verschwimmen l\u00e4sst. Der Einbruch des Traumes in die Realit\u00e4t, die Au\u00dferkraftsetzung des Gewohnten, die Essenz des Tanzes in den Momenten der Ahnungen m\u00f6glicher Grenz\u00fcberschreitungen.<\/p>\n<p>Mit einem Dirigenten wie Tom Seligman am Pult der Staatskapelle gibt dieser Klang weit mehr als t\u00e4nzerische Rhythmen her,\u00a0 die Begleitung, Kraft und vor allem Poesie dieser Musik, jedenfalls bei einer solchen Auff\u00fchrung, verschmelzen mit der Bewegung, mit dem Bild, er\u00f6ffnen immer wieder Horizonte eigener Wahrnehmung. Und das ist alles andere als kulturelle Aneignung, im Gegenteil, es ist die Kunst der Ann\u00e4herung, der Verehrung und der Ehrfurcht vor dem Fremden.<\/p>\n<p>Boris Gruhl<\/p>\n<p>Anmerkung: Es ist nicht nachvollziehbar, wenn bei einer Wiederaufnahme, noch dazu mit wichtigen Rollendeb\u00fcts, keine Fotos erstellt werden. Das ist schade und vor allem den T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern gegen\u00fcber nicht gerade freundlich. So wird um Verst\u00e4ndnis gebeten, wenn hier lediglich Fotos mit Szenen des Ensembles, die bei fr\u00fcheren Auff\u00fchrungen entstanden sind, ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kunst der Ann\u00e4herung in Verehrung und Ehrfurcht vor dem Fremden: \u201eLa Bayad\u00e8re \/ Die Tempelt\u00e4nzerin\u201c wieder beim Semperoper Ballett in Dresden &nbsp; Vor 17 Jahren \u00fcbernahm Aaron S. Watkin die Position des Ballettdirektors in Dresden. 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