{"id":55629,"date":"2023-01-02T09:13:25","date_gmt":"2023-01-02T09:13:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=55629"},"modified":"2026-04-16T07:25:53","modified_gmt":"2026-04-16T07:25:53","slug":"alexei-ratmanskys-neukreation-tschaikowski-ouvertueren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/alexei-ratmanskys-neukreation-tschaikowski-ouvertueren\/","title":{"rendered":"Alexei Ratmanskys Neukreation \u201eTschaikowski-Ouvert\u00fcren\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Politisch hat sich Alexei Ratmansky klar entschieden. Kurz nach Kriegsausbruch nahm der seit langem in den USA lebende, international erfolgreiche Choreograf ukrainisch-russischer Herkunft die Flagge der Ukraine neu ins Schlussbild seiner acht Jahre zuvor in New York uraufgef\u00fchrten \u201eBilder einer Ausstellung\u201c zur gleichnamigen Komposition von Modest Mussorgski auf: ein un\u00fcbersehbares Zeichen seiner Solidarit\u00e4t mit den vom russischen Milit\u00e4r \u00dcberfallenen im Mittelst\u00fcck des dreiteiligen Ballettabends \u201ePassagen\u201c beim Bayerischen Staatsballett.<\/p>\n<p>Am 23. Dezember folgte nun mit dem Abendf\u00fcller \u201eTschaikowski-Ouvert\u00fcren\u201c eine bereits damals geplante Ratmansky-Urauff\u00fchrung. Aber handelt es sich dabei nicht um eine verf\u00e4ngliche Musikauswahl? Der Tanzk\u00fcnstler, der vor Probenbeginn am Laptop mit Kopfh\u00f6rern total konzentiert in die Welt Tschaikowskis abtaucht, bevor er sich wenig sp\u00e4ter mitten in eine Gruppe von T\u00e4nzern mischt, verneint sogleich und ger\u00e4t stattdessen ins Schw\u00e4rmen: \u201eTschaikowski ist unglaublich gut tanzbar. Seine Kompositionen haben wunderbare Melodien. Gerade was die Melodik angeht, ist er wirklich fantastisch. Zudem ist er ein Klangmagier und perfekter Dramaturg der inneren Struktur seiner Werke, die sehr emotional und \u00fcberhaupt nicht trocken sind.\u201c Tschaikowski, den Russen, will Ratmansky keinesfalls Putins alleiniger Deutungshoheit \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr seine Neukreation hat er sich drei hierzulande eher selten zu h\u00f6rende sinfonische Rosinen des Sp\u00e4tromantikers herausgepickt: \u201eMeine Wahl fiel auf ,Hamlet&#8217; f\u00fcr den ersten Teil, dann kommt ,The Tempest&#8217; und zum Schluss ,Romeo und Julia&#8217;. Alle drei Fantasie-Ouvert\u00fcren beruhen auf Shakespeare-Dramen. Damit wollte ich mich selbst herausfordern.\u201c Jede der Kompositionen verlangt den vollen Orchestersound und hat eine L\u00e4nge von ungef\u00e4hr 20 bis 25 Minuten. \u201eEs sind richtige Minidramen in Ouvert\u00fcren-Form, also recht kurz\u201c, f\u00fchrt Ratmansky weiter aus. \u201eInnerhalb dieser Zeitspanne gelang es Tschaikowski, alle Wendungen der jeweiligen Geschichte darzustellen. Seine Musik spiegelt aber nicht die kompletten Handlungen wider, einige Charaktere fehlen oder werden einfach \u00fcbersprungen. Und gewisse Handlungsstr\u00e4nge scheinen Tschaikowski schlicht egal gewesen zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Wer die Vorlagen kennt, mag da bisweilen im Vorteil sein, muss es aber nicht. \u201eMan kann sich darauf einstellen, dass das Ganze eben etwas abstrakter abgehandelt wird.\u201c \u2013 res\u00fcmiert Ratmansky und erg\u00e4nzt lachend: \u201eDeshalb bin ich dankbar, dass man im Ballett nicht alles in klare Worte fassen oder erkl\u00e4ren muss. Tanz funktioniert zum Gl\u00fcck ohne das.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKonkret ausgearbeitet finden sich bei Tschaikowski die Dinge, die ihn bewegt und begeistert haben\u201c, konstatiert der Choreograf. So etwas mag mal illustrativ, mal wie eine reine Reflexion oder Meditation \u00fcber ein bestimmtes Thema wirken. Im Vorfeld bestand die Hauptaufgabe f\u00fcr Ratmansky im Wesentlichen darin, der Power wie Bedeutung von Tschaikowskis gro\u00dfartiger Musik mit einem klassisch grundierten und doch zeitgen\u00f6ssischen Tanzvokabular gerecht zu werden. Die Grauzone zwischen Erz\u00e4hlerischem und angestrebter Abstraktheit scheint ihn dabei nicht nur zu interessieren, sondern zugleich Quelle seiner Inspiration zu sein. Und seinen roten Faden hat der Choreograf im rein Emotionalen gefunden.<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte darauf gewettet? Als es nach zwei Monaten intensiver Probenzeit soweit ist, pr\u00e4sentiert das Bayerische Staatsballett einen famosen neuen und doch h\u00f6chst klassischen Ballettabend. Jeder mag f\u00fcr sich selbst entscheiden, wie dessen drei Teile, denen Tschaikowskis Fantasie-Ouvert\u00fcren \u201eHamlet\u201c, \u201eDer Sturm\u201c und \u201eRomeo und Julia\u201c musikalisch unterlegt sind, in ihrem Spannungsbogen \u2013 ob einzeln oder insgesamt \u2013 gelesen werden k\u00f6nnen. Denn unabl\u00e4ssig triggern erz\u00e4hlerische Momente die Wahrnehmung innerhalb eines eher abstrakten Ganzen. Mal wirken sie fl\u00fcchtig, mal sind sie ziemlich konkret. Stets gehen sie aber in der getanzten Struktur des erkennbaren Architekturplans von Alexei Ratmansky harmonisch auf.<\/p>\n<figure id=\"attachment_55634\" aria-describedby=\"caption-attachment-55634\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55634 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB4_Tschaikowski-Ouverturen_Y.Acosta_A.Casalinho_c__Carlos_Quezada_WEBRES_85-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB4_Tschaikowski-Ouverturen_Y.Acosta_A.Casalinho_c__Carlos_Quezada_WEBRES_85-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB4_Tschaikowski-Ouverturen_Y.Acosta_A.Casalinho_c__Carlos_Quezada_WEBRES_85-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB4_Tschaikowski-Ouverturen_Y.Acosta_A.Casalinho_c__Carlos_Quezada_WEBRES_85-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB4_Tschaikowski-Ouverturen_Y.Acosta_A.Casalinho_c__Carlos_Quezada_WEBRES_85-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB4_Tschaikowski-Ouverturen_Y.Acosta_A.Casalinho_c__Carlos_Quezada_WEBRES_85-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB4_Tschaikowski-Ouverturen_Y.Acosta_A.Casalinho_c__Carlos_Quezada_WEBRES_85.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-55634\" class=\"wp-caption-text\">Ant\u00f3nio Casalinho (Ariel) und Yonah Acosta (Caliban), Foto Carlos Quezada<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_55635\" aria-describedby=\"caption-attachment-55635\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55635 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB7_Tschaikowski-Ouvertueren_Ensemblec__Carlos_Quezada_WEBRES_111-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB7_Tschaikowski-Ouvertueren_Ensemblec__Carlos_Quezada_WEBRES_111-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB7_Tschaikowski-Ouvertueren_Ensemblec__Carlos_Quezada_WEBRES_111-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB7_Tschaikowski-Ouvertueren_Ensemblec__Carlos_Quezada_WEBRES_111-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB7_Tschaikowski-Ouvertueren_Ensemblec__Carlos_Quezada_WEBRES_111-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB7_Tschaikowski-Ouvertueren_Ensemblec__Carlos_Quezada_WEBRES_111-600x338.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB7_Tschaikowski-Ouvertueren_Ensemblec__Carlos_Quezada_WEBRES_111.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-55635\" class=\"wp-caption-text\">Foto Carlos Quezada<\/figcaption><\/figure>\n<p>Raffiniert hat der Choreograf einen Abstraktionsfluss aus \u00fcberschaubarem, sich auch wiederholendem Schrittmaterial hergestellt. Von solcher Dynamik und bisweilen virtuos sprudelnder Rasanz wird man leicht mitgerissen. Um zu verstehen, was in diesem Wurf feingeschliffener Perfektion abgeht, der punktuell mit herausstechenden Solovariationen aufwartet, vertraut man am besten seinem Bauchgef\u00fchl und unmittelbarer Intuition.<\/p>\n<p>Solisten l\u00f6sen sich aus dahinpreschenden Gruppen, treffen f\u00fcr kurze, bedeutungsvolle Passagen zu zweit, dritt oder viert zusammen und werden alsbald wieder von Begleitern alias Ensemblereihen davongetragen. Auffallend ist, dass sich die jeweiligen Einzelteile gut und gern als eine Art Fortf\u00fchrung von George Balanchines ebenfalls im Staatsballett-Repertoire befindlichen Triptychon \u201eJewels\u201c lesen lassen. Neu kommt hinzu, wie stark die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer hier in ihrem Ausdruck und ihrer K\u00f6rperlichkeit dauernd emotional aufgeladen sind. Die musikalisch zugrundeliegenden Shakespeare-Dramen werden so \u2013 in einer durch die Ouvert\u00fcren-Form gewollt kondensierten Manier \u2013 durchaus szenisch fassbar.<\/p>\n<p>Das zeichnet Ratmansky aus, der als Choreograf laut eigener Aussage insbesondere von alten Meistern gelernt und sich weltweit mit akribisch genauen Rekonstruktionen von Petipa-Balletten einen Namen gemacht hat. Bei seiner Neukreation \u201eTschaikowski-Ouvert\u00fcren\u201c ist es ihm \u2013 im Herzen wohl ein Romantiker und unter den aktuell bedeutsamsten Tanzsch\u00f6pfern der klassizistischste \u2013 gelungen, alles stimmig zu einem perfekten Amalgam aus Tradiertem und Zeitgen\u00f6ssischem zu verweben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_55636\" aria-describedby=\"caption-attachment-55636\" style=\"width: 2048px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55636 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-scaled.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-240x300.jpg 240w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-819x1024.jpg 819w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-768x960.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-1229x1536.jpg 1229w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-1639x2048.jpg 1639w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-300x375.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB2_Tschaikowski-Ouvertueren_S.Milojevic_Y.Gonzaga_c_Serghei_Gherciu-62-600x750.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-55636\" class=\"wp-caption-text\">Yago Gonzaga, Sava Milojevic, Foto Serghei Gherciu<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Urauff\u00fchrung vorangestellt ist Tschaikowskis \u201eElegie\u201c aus der B\u00fchnenmusik zu \u201eHamlet\u201c, der Schlussteil wird um das Gesangsduett \u201eRomeo und Julia\u201c f\u00fcr Sopran (Elmira Karakhanova) und Tenor (Aleksey Kursanov) erweitert. Es gibt Augenblicke, da scheinen Klang und Bewegung schier zu explodieren. In manchen choreografischen Phrasen bricht sich alle Fatalit\u00e4t und an sich Unaussprechliches in blo\u00df einem einzigen K\u00f6rper Bahn: Paraderolle f\u00fcr einen neuen M\u00fcnchner Supert\u00e4nzer, den 22 Jahre jungen Kanadier Shale Wagman \u2013 ballett\u00f6s manieriert und zugleich engelhaft schlicht.<\/p>\n<p>Innerhalb des Dreiteilers fungieren \u201eElegie\u201c und Gesangsduett als eine Art Klammer, die es dem Choreografen gleich zu Beginn erm\u00f6glicht, sein solistisches Figurenarsenal einzuf\u00fchren. Drei der Hauptpaare bestreiten als Romeo(s) und Julia(s) den Schlussteil: Maria Baranova mit Kompanie-Neuzugang Julian MacKay (ein exquisites Duo!), Margarita Grechanaia\/Vladislav Kozlov und Jeanette Kakareka\/Rafael Vedra. Furios werden diese von sechs weiteren Paaren flankiert, die sich immer wieder aufl\u00f6sen, um \u2013 nach M\u00e4nnern und Frauen getrennt \u2013 Bl\u00f6cke zu formen sowie Baranova und MacKay mit vereinten Kr\u00e4ften durch die Luft zu tragen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_55641\" aria-describedby=\"caption-attachment-55641\" style=\"width: 1926px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55641 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"1926\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-scaled.jpg 1926w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-226x300.jpg 226w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-770x1024.jpg 770w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-768x1021.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-1156x1536.jpg 1156w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-1541x2048.jpg 1541w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-300x399.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PB9_Tschaikowski_Ouvertueren_N.MacKay_M.Baranova__C__Nicholas_MacKay_-50-1-600x797.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1926px) 100vw, 1926px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-55641\" class=\"wp-caption-text\">Maria Baranova und Julian MacKay, Foto Carlos Quezada<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zweimal baut Ratmansky hier Gruppenschnappschuss-Effekte ein. Die T\u00e4nzer laufen vor zur Rampe und blicken das Publikum direkt an. Eine h\u00fcbsche Aufforderung, daran teilzuhaben, was (ihnen) passiert. In der Trias eines beeindruckenden Gesamtkunstwerks aus Musik, Choreografie und mobilem Dekor klappt das am Ende Schlag auf Schlag. Bevor der letzte Vorhang f\u00e4llt, erhascht man gerade noch Romeos und Julias Liebeskuss.<\/p>\n<p>Die emotional verkorkste Kernrolle in \u201eHamlet\u201c verk\u00f6rpert Osiel Gouneo eindringlich. Ein Paukenwirbel geht seinem Auftritt voran. Als verd\u00fcsterter Charakter darf er sich ins Dramatische steigern und morden. Matteo Dilaghi spielt den starken Mann an der Seite von Prisca Zeisel, die \u2013 technisch vollendet \u2013 Hamlets Mutter passend markante Z\u00fcge verleiht. F\u00fcr zwei, drei eindr\u00fcckliche Pas de deux-Sequenzen als Ophelia tritt Sofia Ivanova-Skoblikova aus der Frauengruppe mit den rosa Tops hervor. Als drastisches Schlussbild des ersten Teils lassen die f\u00fcnf Toten des St\u00fccks Hamlet \u2013 im Sterben vor Leid spastisch verkr\u00fcmmt \u2013 langsam r\u00fccklings zu Boden gleiten.<\/p>\n<p>Durch den episch auskomponierten \u201eSturm\u201c \u2013 in der Mitte platziert \u2013 wird der Zuschauer charmant von Madison Young (Miranda) und Jinhao Zhang (Prospero) geleitet. Au\u00dferdem mischen Ant\u00f3nio Casalinho (Ariel) und Yonah Acosta (Caliban) \u2013 zwei T\u00e4nzer unterschiedlichen Alters mit Drive, Kraft und herrlich ungleicher Eleganz \u2013 erfrischend temperamentvoll mit. Dabei tanzte Casalinho seinen Part als Luftgeist derart leichtf\u00fc\u00dfig-pr\u00e4zise, pfiffig und geschwind, dass Ballettchef Laurend Hilaire den 19-J\u00e4hrigen im Anschluss an die Premiere am 23.12.2022 vom Halbsolisten zum Solisten bef\u00f6rderte.<\/p>\n<p>Madison Young huscht neugierig von Mann zu Mann, deren K\u00f6pfe danach in noch wie lebloser Zeitlupe zur\u00fcck gen Boden knallen. \u00dcber einen dritten T\u00e4nzer (Ariel Merkuri) stolpert Prosperos ungest\u00fcme Tochter und findet so beim ersten sich gegenseitig Anblicken die Liebe. Wie sie tr\u00e4gt das Damen-Corps Tutus und Pferdeschw\u00e4nze unter glitzernden Kr\u00f6nchen. Wie Wellen oder dahinbrausende Wolken umspielen sie die im Unwetter gestrandete M\u00e4nnerschar.<\/p>\n<p>Zitiert Ratmansky hier das ballet blanc romantischer Handlungsballette? Doch hoppla: Unter dem brav nach oben gerundeten Port des bras werfen uns die Ballerinen forsche Blicke zu, wackeln mit ihren Schultern und wippen \u2013 trotz Spitzenschuhen \u2013 ihre H\u00fcften tief im Pli\u00e9. Bewegungen f\u00fcr das Bild einer Brandung \u2013 sprachlich ausformuliert mit Hilfe des klassischen Schrittvokabulars. Stilistisch stellt dies einen klaren Schulterschluss zum Choreografen Marius Petipa dar, der das Ballett zu Tschaikowskis Lebzeiten gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p>Als entscheidender Inspirationsquelle hat sich Ratmansky der melodisch satten Komposition \u2013 von Mikhail Agrest gesoftet und ungewohnt transparent dirigiert \u2013 in ihrer Bewegtheit, Farbigkeit und ihrem Rhythmus bedient. Dementsprechend hat er seine Choreografie gestaltet und seine Ideen in Tanz \u00fcbersetzt. Die farbig zur\u00fcckgenommene Ausstattung von Jean-Marc Puissant fungiert zus\u00e4tzlich als visuelle Kommentarebene innerhalb der Stimmungen und Seelenlandschaften.<\/p>\n<p>Puissant war fr\u00fcher selbst T\u00e4nzer. Nichts in seinem B\u00fchnenbild, das sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert, beengt den Raum. \u00c4hnlich wie Ratmansky choreografisch vorgeht, werden wir an die unterschiedlichsten Spielorte versetzt: an den grausam-gef\u00fchlsverlogenen d\u00e4nischen K\u00f6nigshof bei \u201eHamlet\u201c, auf Prosperos meerumtoste, karge Insellandschaft im \u201eSturm\u201c und zu Veronas gro\u00dfz\u00fcgigen Pl\u00e4tzen und in die pr\u00e4chtige Palastanlage der Capulets in \u201eRomeo und Julia\u201c.<\/p>\n<p>Schade, dass der neue Abendf\u00fcller durch zwei lange Pausen insgesamt etwas zerrissen wirkt. Dennoch bietet \u201eTschaikowski-Ouvert\u00fcren\u201c ungemein viel. Derzeit vermag kein anderes Ballett die herausragende Qualit\u00e4t und Brillanz des aus unterschiedlichen Pers\u00f6nlichkeiten zusammengesetzten Bayerischen Staatsballetts besser herauszustellen. H\u00f6chsten Respekt f\u00fcr ein tolles Wechselspiel aus Anmut, Virtuosit\u00e4t und geometrischer Klarheit!<\/p>\n<p><em>Vesna Mlakar<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politisch hat sich Alexei Ratmansky klar entschieden. 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