{"id":54703,"date":"2022-05-30T10:11:40","date_gmt":"2022-05-30T10:11:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=54703"},"modified":"2026-04-16T07:28:53","modified_gmt":"2026-04-16T07:28:53","slug":"schmerz-und-traum-sehnsucht-und-vision-schwanengesang-in-graz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/schmerz-und-traum-sehnsucht-und-vision-schwanengesang-in-graz\/","title":{"rendered":"Schmerz und Traum, Sehnsucht und Vision: \u201dSchwanengesang&#8221; in Graz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein ber\u00fchrender wie bewegender \u201dSchwanengesang\u201c\u00a0 nach dem Liederzyklus von Franz Schubert in einer Choreografie von Andreas Heise mit dem Ballett der Oper in Graz<\/strong><\/p>\n<p>Da ist dieser Raum auf der Vorderb\u00fchne des Grazer Opernhauses. Ganz nah an den Menschen. Und da sind sie, in diesem Raum mit dem Fl\u00fcgel und den Kirchenb\u00e4nken, auf denen sie sitzen k\u00f6nnen, zur Besinnung, um Abschied zu nehmen, um auszuruhen, um sich nahe zu sein, um sich der Einsamkeit hinzugeben im Schutz des Theaters, wenn dieser hier zum regelrecht spirituellen Raum wird.<\/p>\n<p><em>Fotos: \u00a9 Ian Whalen<\/em><\/p>\n<p>Da sind die sie, die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer, Fabio Agnello, Michele Tirapelle, Giulio Panzi, Rosa Maria Pace, Yannick Neuffer, Mireia Gonzalez Fernandez, Isabel Edwards, Kirsty Clarke, Ann-Kathrin Adam, Stephanie Carpio, Lorenzo Galdeman, Lucie Horn\u00e1, Philipp Imbach, Frederico Oliveira, Christoph Schaller, Marina Schmied, Paulio S\u00f3v\u00e1ri und Beate Vollack. Letztere leitet die Grazer Kompanie und sie hat einen Brief geschrieben, an Franz Schubert: \u201eGeliebter Franz!\u201c, einen Brief an die Vergangenheit aus Graz, wo Schubert im letzten Jahr seines Lebens lebte, bevor er im Alter von nur 31 Jahren starb. Und mit diesem Brief beginnt dieser Grazer \u201cSchwanengesang\u201c, bevor man in den Zuschauerraum geht, in einer ganz besonderen Form der Einf\u00fchrung, weit ab vom \u00fcblichen Aufz\u00e4hlen von Fakten und Namen. Die T\u00e4nzerin, im Kost\u00fcm einer Schubert-Zeitgenossin, liest ihren Brief mit zartem Ton der Zuneigung bei dennoch traurigem Unterton und er\u00f6ffnet so, ganz im Sinne einer choreografischen Inszenierung dieser posthum ver\u00f6ffentlichten 14 Lieder von Franz Schubert, jenen folgenden \u201cSchwanengesang\u201c.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne dann auch jener kleine Schreibtisch, an dem nun auch immer wieder der Bariton Wilfried Zelinka versuchen wird etwas zu Papier zu bringen, etwas erneut zu lesen, um am Ende eben doch jenes so ber\u00fchrende Verm\u00e4chtnis mit der \u201cTaubenpost\u201c abzusenden.<br \/>\nUnd diese hier besungene Sehnsucht in ihren vielen Varianten ist es auch, die den Tanz, den Gesang, das Spiel des Pianisten Emiliano Greizerstein, befl\u00fcgelt. Diese Sehnsucht des Gesanges kann in die H\u00f6he des t\u00e4nzerischen Aufstieges f\u00fchren aber auch in die Tiefe einzelner Verlassenheit, st\u00e4rker noch, immer wieder in diese ersch\u00fctternden Situationen der Einsamkeit zu zweit oder vereinzelt in der Gruppe.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54705\" aria-describedby=\"caption-attachment-54705\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54705 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9644-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1708\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9644-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9644-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9644-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9644-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9644-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9644-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9644-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54705\" class=\"wp-caption-text\">Giulio Panzi, Wilfried Zelinka, Lorenzo Galdeman und Isabel Edwards \u00a9 Ian Whalen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und dabei sind uns diese T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer auf ihren Wegen der so unterschiedlichen Sehns\u00fcchte doch so nahe. Auch wenn sie von Louise Flanagan in sich verbundenen Farbt\u00f6nen ihrer Kost\u00fcme in gewisser Weise einer Realit\u00e4t der Allt\u00e4glichkeit enthoben sind. Ihre Gesichter aber, ihre Blicke, ihre Gesten, so k\u00f6nnte man ihnen noch wenige Stunden zuvor in einem Caf\u00e9, auf der Stra\u00dfe, in der Bahn begegnet sein. Das ist eine der ganz starken Wirkungen dieser Auff\u00fchrung, diese T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer auf ihren Wegen des Abschieds und des Zueinanders, eben ihrer \u201eSchwanenges\u00e4nge\u201c, kommen uns sehr nahe.<br \/>\nDer S\u00e4nger gibt ihnen seine Stimme, entweder von der klingenden, sch\u00fctzenden Sensibilit\u00e4t des Pianisten umh\u00fcllt, oder auf dessen Sicherheit eines Klangfundaments, um sich auch stimmlich immer wieder in schmerzerf\u00fcllte Klangbereiche nicht zu wiederholender Augenblicke zu begeben. Die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer aber, in diesen gro\u00dfartigen, choreografischen Dialog gef\u00fchrt, senden ihre Stimmen, die Kl\u00e4nge der Bewegungen ihrer K\u00f6rper, gewisserma\u00dfen diese inneren Stimmen, in der Freiheit der Wahrnehmung f\u00fcr die h\u00f6chst konzentriert folgenden Zuschauerinnen und Zuschauer.<br \/>\nZun\u00e4chst aber, auch dies sowohl musikalisch als auch optisch von besonderer Intensit\u00e4t, zu Ausz\u00fcgen aus Schuberts Impromptu in B-Dur, ebenfalls postum ver\u00f6ffentlicht, jene Bilder der Tr\u00e4ume, der Visionen und des Schmerzes, bevor dann im ersten Lied von der \u201eLiebesbotschaft\u201c selbst das dahineilende Tempo nicht \u00fcber die Vergeblichkeit dieses Traumes von einer Geliebten hinweg t\u00e4uschen kann.<\/p>\n<p>Die Tanzenden dazu in ganz unterschiedlichen F\u00fcgungen, Paare, Frauen und Frauen, M\u00e4nner und M\u00e4nner, Einsamkeit, Aufbruch, R\u00fcckkehr.<br \/>\nOder im f\u00fcnften Lied, \u201cAufenthalt\u201c, der Schmerz im Tanz des einsamen T\u00e4nzers im optischen Dialog mit dem Schmerz des einsamen S\u00e4ngers, dem gleich darauf mit den T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern in der abgrundtiefen Aussichtslosigkeit des Liedes jenes Fliehenden, den es in die Welt hinaus treibt, aber auf jenen Wegen, denen eben kein Segen nachfolgt: \u201cIn der Ferne\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54706\" aria-describedby=\"caption-attachment-54706\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54706 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9769-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1708\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9769-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Image-by-Ian-Whalen-id__IWP9769-300x200.jpg 300w, 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dennoch der Nachdenklichkeit nicht ausweichenden Begleitung, dem so begeisternden wie aber auch verunsichernden Tanz der Paare, blitzen aber auch so etwas wie Zitate romantischer Ironie auf.<br \/>\nImmer wieder erstaunlich, wie es dem Choreografen Andreas Heise gelingt jeglicher Art m\u00f6glicher illustrierender Wirkung des Tanzes entgegen zu stehen.<br \/>\nDie dramaturgische Verbl\u00fcffung, vor dem Lied \u00bbDer Atlas\u00ab, den Gesang verstummen zu lassen, zwei Schubert-St\u00fccke erklingen lassen, eben jene Briefschreiberin und den S\u00e4nger in eine Begegnung der Vergeblichkeit zu f\u00fchren, die dann, wenn der S\u00e4nger am Boden liegt, wie eine m\u00f6gliche Vorahnung empfunden werden kann, auf die Klage \u00fcber jene Last die dann auf dessen Schultern liegen wird.<\/p>\n<p>Wenn der S\u00e4nger ihr Bild besingt, dann lassen eine T\u00e4nzerin und ein T\u00e4nzer eben aus jenen dunklen R\u00e4umen Momente des lichten Tanzes aufblitzen, tief aus innerer Empfindung, Momente der Hebungen, der Vision vom Aufgehoben sein um dann doch auf diesen Boden jener so einsamen wie unentrinnbaren Tatsachen zur\u00fcckgehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54707\" aria-describedby=\"caption-attachment-54707\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54707 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IWP3319-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1708\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IWP3319-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IWP3319-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IWP3319-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IWP3319-768x512.jpg 768w, 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Zur\u00fccknahme, um somit etwas zu vermitteln von den ungeahnten M\u00f6glichkeit musikalischer Visionen, sich ganz tief den bis heute unausgesprochenen R\u00e4tseln der Biografie Schuberts zu n\u00e4hern: Eben jenes Doppelg\u00e4ngers, auf dem Weg in den Abgrund der Einsamkeit. Daf\u00fcr stehen auch die so eindr\u00fccklichen wie zutiefst ber\u00fchrenden Motive einsamer Umarmungen eines nicht sichtbaren, aber eben erahnbaren Menschen, einer Frau, einem Mann, der Tanz l\u00e4sst diese Bilder der Sehnsucht immer wieder f\u00fcr Momente aufleben.<\/p>\n<p>Am Ende, der S\u00e4nger allein, den zu Beginn zerknitterten Brief streicht er mit innerer Hingabe wieder glatt. Jetzt kann er ihn absenden, eben mit jener \u201cTaubenpost\u201c, er wird seine Ankunft nicht verfehlen, und jeder, jede, der oder die ihn erhalten wird, an diesem Abend im Grazer Opernhaus, wird sich seiner Sehnsucht stellen m\u00fcssen und sich aber auch frage, ob man sie denn wirklich kenne, diese mitunter so tief verborgene Sehnsucht.<\/p>\n<p>Und sp\u00e4testens dann ist es Andreas Heise gelungen mit der ganzen Kraft seiner so unaufdringlichen, aber dennoch so intensiven Sensibilit\u00e4t seiner Musikalit\u00e4t, den Klang, die Lieder, diese Texte mit ihren so pers\u00f6nlichen Geschichten, den Tanz wie selbstverst\u00e4ndlich aus den inneren Stimmen und Empfindungen der T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer in diese so eindringlichen Bilder der Sehnsucht des Tanzes zu f\u00fchren. Und damit ist Heises Choreografie dieses Abschiedsgesanges &#8211; das mag wie ein Widerspruch erscheinen &#8211; zu einer Choreografie der Ankunft geworden, sie kommt an, bei den Menschen, die sich ihr zu \u00f6ffnen verm\u00f6gen. Dies aber d\u00fcrfte m\u00f6glich sein, denn schon bald kann man sich hingeben, das Vertrauen wird stark, man wird hier nicht verf\u00fchrt, man wird gef\u00fchrt, ganz nahe hin zu sich. Aber, und auch darin liegt die Kraft dieser Kunst an diesem Abend des Schwanengesanges, in diesem Gesang, in dieser Musik, in diesem Tanz des Abschieds, verl\u00f6schen das Licht der Hoffnung und die Kraft der Sehnsucht eben nicht. Das vermag der Tanz, das kommt ganz sicher auch aus dem tiefsten Innern eines Choreografen wie Andreas Heise, dem eben die sensible Kraft eigen ist, T\u00e4nzerinnen, T\u00e4nzer, den S\u00e4nger, den Pianisten, im Lichtdesign von Johannes Schadl, so wunderbar zu sich und somit auch zu uns zu f\u00fchren. Nahe am Puls der Zeit, aber keine Zugest\u00e4ndnisse an die so oft erhabenen Zeigefinger des Zeitgeistes. Daf\u00fcr eine starke Einladung der eigenen Sehnsucht zu trauen, sich auf den Weg zu machen, sie zu entdecken, diese individuelle Kraft der Freiheit. Dieser \u201cSchwanengesang\u201c vermag es, Abschied und Ankunft zu verbinden.<\/p>\n<p>Boris Gruhl<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein ber\u00fchrender wie bewegender \u201dSchwanengesang\u201c\u00a0 nach dem Liederzyklus von Franz Schubert in einer Choreografie von Andreas Heise mit dem Ballett der Oper in Graz Da ist dieser Raum auf der Vorderb\u00fchne des Grazer Opernhauses. Ganz nah an den Menschen. 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