{"id":54607,"date":"2022-05-18T07:46:58","date_gmt":"2022-05-18T07:46:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=54607"},"modified":"2026-04-16T07:28:53","modified_gmt":"2026-04-16T07:28:53","slug":"dresden-frankfurt-dance-company-zeitgeist-tanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/dresden-frankfurt-dance-company-zeitgeist-tanz\/","title":{"rendered":"Dresden Frankfurt Dance Company: Zeitgeist Tanz"},"content":{"rendered":"<h4>Poesie, Schmerz und Widerstand<br \/>\nGodani, Forsythe, Goecke: die Dresden Frankfurt Dance Company setzt Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr den zeitgen\u00f6ssischen Tanz in Dresden<\/h4>\n<p>Es beginnt mit Bach. &#8220;Bach Off&#8221; hei\u00dft die Kreation von Jacopo Godani zu einer Auswahl t\u00e4nzerischer S\u00e4tze aus Suiten f\u00fcr Violoncello von Johann Sebastian Bach. Diese S\u00e4tze werden vom Cellisten Alex Lau gespielt, leider verz\u00f6gert die technische Verst\u00e4rkung den Ton und es stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, warum hier \u00fcberhaupt Verst\u00e4rkung, der Klang dieses Instruments d\u00fcrfte allein schon die n\u00f6tige, vor allem aber auch authentische Pr\u00e4senz haben.<\/p>\n<p>Zwei Paare \u00fcberf\u00fchren die Poesie des Klanges in die der Bewegungen. Die Musik flie\u00dft gewisserma\u00dfen vom Instrument durch die H\u00e4nde und den K\u00f6rper mit dem Instrument des Solisten \u00fcber in die der T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer und zudem noch \u00fcber eine betr\u00e4chtliche, r\u00e4umliche Distanz zu weiteren T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern, die wir zun\u00e4chst wie Schattenfiguren im fahlen Licht, am hinteren Rand der B\u00fchne wahrnehmen.<br \/>\nImmer wieder hat man den Eindruck, hier breite sich der Klang der Stille aus, hier durchflie\u00dfe dieser Klang die K\u00f6rper und bewege dann die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer in jene h\u00f6chst sensiblen Formen klanglicher Bewegungen, die dann die Zusehenden so stark ber\u00fchren. Es ist ein so wunderbares Geben und Nehmen. Und dieses Bild gewinnt dann auch eigene Gestalt, wenn die Figuren aus der Ferne des Schattens treten. Wenn sie von jenen beiden Paare, die zuvor auch immer wieder den Cellisten mit seinem Instrument bewegt haben, sich nun ebenfalls bewegen lassen und sich in einer gef\u00fchlten Weise der Unendlichkeit diese der klingenden Ber\u00fchrung geschuldete Bewegung fortsetzt. Es ist am Ende eine Feier der Behutsamkeit. Vielleicht auch so etwas wie die neu gewonnene Kraft der N\u00e4he nach langen Zeiten der Distanzen.\u00a0 Der Gegensatz zur n\u00e4chsten Choreografie k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer kaum sein und doch erschlie\u00dft sich schon bald ein kunstvoller Dialog seelischer Verbindungen zwischen der Poesie des Beginns und den widerst\u00e4ndigen Bildern der \u00dcberwindung des Schmerzes die darauf folgen.<\/p>\n<p><em>Fotos von\u00a0Bach Off! von Jacopo Godani<br \/>\nFotos: Dominik Mentzos<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_54609\" aria-describedby=\"caption-attachment-54609\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-54609\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A3927-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1877\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A3927-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A3927-300x220.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A3927-1024x751.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A3927-768x563.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A3927-1536x1126.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A3927-2048x1502.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A3927-600x440.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54609\" class=\"wp-caption-text\">Anne Jung, Zoe Lenzi Allaria, David Leonidas Thiel, Sam Young-Wright, Violoncello: Petar Pej\u010di\u0107<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_54610\" aria-describedby=\"caption-attachment-54610\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-54610\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A4237-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1790\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A4237-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A4237-300x210.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A4237-1024x716.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A4237-768x537.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A4237-1536x1074.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A4237-2048x1432.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A4237-600x420.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54610\" class=\"wp-caption-text\">T\u00e4nzer*innen der Dresden Frankfurt Dance Company, Violoncello: Petar Pej\u010di\u0107<\/figcaption><\/figure>\n<p>&#8220;Quintett&#8221; von William Forsythe wurde vor nunmehr fast 30 Jahren, am 9. Oktober 1993, beim Ballett Frankfurt uraufgef\u00fchrt. Forsythe schuf dieses Werk damals f\u00fcr seine schwer erkrankte und kurz darauf verstorbene Frau. Jacopo Godani geh\u00f6rte zu den T\u00e4nzern, mit denen dieses Quintett geschaffen wurde. In optisch ver\u00e4nderter Form, vor allem ohne die Nutzung einer Versenkung der B\u00fchne, wie bei der Auff\u00fchrung in der Semperoper, brachte Forsythe dieses St\u00fcck schon nach Hellerau schon in der Zeit seiner k\u00fcnstlerischen Leitung der Company.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54611\" aria-describedby=\"caption-attachment-54611\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-54611\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A9684-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1676\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A9684-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A9684-300x196.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A9684-1024x670.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A9684-768x503.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A9684-1536x1006.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A9684-2048x1341.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A9684-600x393.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54611\" class=\"wp-caption-text\">Quintett von William Forsythe<\/figcaption><\/figure>\n<p>Godani hat nun in seiner neuen Einstudierung sich zudem in straffem Ma\u00dfe auf diese ganz andere Generation von T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern der gegenw\u00e4rtigen Company konzentriert, also keine Nachahmung, sondern eine neue Sicht, kraft der eigenen, individuellen Pers\u00f6nlichkeiten dieses Quintetts.<br \/>\nDa ist nat\u00fcrlich wieder die Faszination des Klanges. Zun\u00e4chst aus weiter Ferne, kaum wahrnehmbar, dann immer n\u00e4he, in diesen so melancholischen Wiederholungen einer Endlosschleife: &#8220;Jesus blood never failed me yet&#8221; von Gavin Bryars. Der Gesang eines Obdachlosen. Die Stimme droht jeden Moment zu versagen, aber doch ist immer wieder die Kraft da, um die n\u00e4chste Wiederholung zu beginnen. Kein Aufgeben. Und da beginnt auch dieser so beeindruckende wie wie zutiefst ber\u00fchrende Tanz dieses Quintetts so zerbrechlicher, wie dennoch so starker T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer. Ja, sie verlassen die Szene immer wieder, sind aber gleich darauf wieder da, wenn die Kraft nachl\u00e4sst werden sie aufgefangen, gest\u00fctzt, begleitet. Mag sein, dass dies Visionen sind angesichts der Ausweglosigkeit des Weges eines geliebten Menschen, f\u00fcr den es kein Zur\u00fcck gibt. Immer wieder kann sich der Tanz bei h\u00f6chstem technischem Anspruch \u00fcber die allt\u00e4glichen Erfahrungen der Vergeblichkeit &#8211; nicht hinwegsetzten, schon gar nicht hinweg tanzen &#8211; nein in Momente sch\u00f6nster Lebenserfahrung verwandeln. Es sollte ja auch f\u00fcr Forsythe, in dieser Zeit schmerzlicher Erfahrungen kein trauriges St\u00fcck sein, es solle genau das Gegenteil seins, sagte er, \u201eeine Hommage an das Leben angesichts des Todes\u201c.\u00a0 Und zudem l\u00e4sst diese Choreografie immer wieder etwas sp\u00fcren von der Kraft des Tanzes, jener Muttersprache des Menschen, die ganz sicher \u00fcber die Erfahrungen der Allt\u00e4glichkeit hinauszuweisen vermag, aber auch sich diesen Erfahrungen in der Schutzlosigkeit k\u00f6rperlicher Verletzlichkeit, die dem Tanz eigen ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54612\" aria-describedby=\"caption-attachment-54612\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-54612\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A0063-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1708\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A0063-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A0063-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A0063-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A0063-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A0063-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A0063-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Q6A0063-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54612\" class=\"wp-caption-text\">Good Old Moone von Marco Goecke<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gerade kam die Nachricht, dass der Choreograf Marco Goecke in diesem Jahr den Deutschen Tanzpreis erh\u00e4lt, da feierte seine Choreografie &#8220;Good Old Moone&#8221; ihre Dresdner Premiere als Abschluss des dreiteiligen Abends &#8220;Zeitgeist Tanz&#8221;. Goeckes Tanz explodierender K\u00f6rper, die von einer inneren Kaff derma\u00dfen getrieben sind, dass die Bewegungen der Arme und H\u00e4nde immer wieder wie elektrisch aufgeladene Blitze herausschie\u00dfen, ist von wahrhaft provozierender Kraft. Provokation, also etwas Verborgenes herauszusto\u00dfen, muss hier ganz positiv verstanden werden, als eine Chance der Kunst, des Tanzes insbesondere, sichtbar zu machen, was uns im Innern mitunter zu zerrei\u00dfen droht. Und wenn dann noch die Poesie des Titels das alles unter dem Licht des guten alten Mondes geschehen l\u00e4sst, dann sollte man schon recht vermuten, dass dieser Choreograf auch immer wieder ein Meister poetischer Ironie ist. Und so wie Patti Smith die starken T\u00f6ne ihres Gesanges im j\u00e4hen Wechsel \u00fcbergehen l\u00e4sst in die verbale Kunst ihrer Poesie, so die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer im Miteinander und Gegeneinander. Ist es Liebe, ist es Sehnsucht, ist es Trauer, ist es Schmerz, was diese zum einen so verunsichernden, zuckenden Bewegungen, zum anderen aber auch so sehnsuchtsvollen, zueinander wollenden Bewegungen im wahrsten Sinne des Wortes provoziert. Goeckes Tanz schleudert schutzlos Dinge heraus, die im Verborgenen Schmerz verursachen. Und das kann dann auch im besten Sinne zum Schreien sein. Goecke ist ja als Choreograf ein Meister stummer Schreie. jetzt aber geht es dar\u00fcber hinaus, die T\u00e4nzerin Anne Jung verbindet die existenziellen Bilder des schreienden K\u00f6rpers mit denen der sich Bahn brechenden Stimme. Und so schlie\u00dft sich der Kreis dieser Assoziationen des Zeitgeistes, der so poetisch kraft der \u00fcber dreihundert Jahre alten Musik begann, in den schmerzhaften Widerstand f\u00fchrte und nun &#8211; das mag schon widerspr\u00fcchlich klingen &#8211; in die Poesie des Widerstandes f\u00fchrt: Ganz sicher auch angetrieben von den aktuellen Verunsicherungen des Geistes einer Zeit, in der man sich danach sehnen k\u00f6nnte, vers\u00f6hnt zu tanzen, im verschwimmenden Licht des guten alten Mondes.<br \/>\nDas alles aber w\u00e4re nicht so nahe dran am Geist der Zeit, erlebte man hier nicht eine Company, sowohl von explosiver, dann aber immer wieder von so sensibler und individueller Kraft. Gl\u00fcckwunsch, Jacopo Godani, Gl\u00fcckwunsch, Dresden, hier werden Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt f\u00fcr den zeitgen\u00f6ssischen Tanz.<\/p>\n<p><em>Boris Gruhl\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Poesie, Schmerz und Widerstand Godani, Forsythe, Goecke: die Dresden Frankfurt Dance Company setzt Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr den zeitgen\u00f6ssischen Tanz in Dresden Es beginnt mit Bach. &#8220;Bach Off&#8221; hei\u00dft die Kreation von Jacopo Godani zu einer Auswahl t\u00e4nzerischer S\u00e4tze aus Suiten f\u00fcr Violoncello von Johann Sebastian Bach. 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