{"id":54365,"date":"2022-04-01T16:36:38","date_gmt":"2022-04-01T16:36:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=54365"},"modified":"2026-04-16T07:28:55","modified_gmt":"2026-04-16T07:28:55","slug":"david-dawson-alexei-ratmansky-und-marco-goecke-beim-bayerischen-staatsballett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/david-dawson-alexei-ratmansky-und-marco-goecke-beim-bayerischen-staatsballett\/","title":{"rendered":"David Dawson, Alexei Ratmansky und Marco Goecke beim Bayerischen Staatsballett"},"content":{"rendered":"<p>Berichtet von zwei unserer Top-Journalistinnen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Die Taube in der Hand<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war ein aufregender Abend im M\u00fcnchner Nationaltheater: Der Russe Alexei Ratmansky schwenkte beim Verbeugen unabl\u00e4ssig die ukrainische Flagge, Marco Goecke lie\u00df schwarze Asche regnen und vers\u00f6hnte die ob seines neuartigen Stils zun\u00e4chst konsternierten, dann zunehmend gefesselten M\u00fcnchner Zuschauer mit einer wei\u00dfen Friedenstaube. Im neuen Ballettabend \u201ePassagen\u201c ging David Dawson mit seiner Urauff\u00fchrung \u201eAffairs of the Heart\u201c fast unter \u2013 nicht etwa, weil sein St\u00fcck keinen Bezug zum Krieg hatte, sondern weil der k\u00fcnstlerische und handwerkliche Unterschied zu den beiden Choreografie-Hochkar\u00e4tern neben ihm doch betr\u00e4chtlich war.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54368\" aria-describedby=\"caption-attachment-54368\" style=\"width: 1920px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54368 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_DAWSON_c__C.Quezada__ReFrame__JPG_19_Homepage_3840x2160px_0c3a9c4700-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_DAWSON_c__C.Quezada__ReFrame__JPG_19_Homepage_3840x2160px_0c3a9c4700-1.jpg 1920w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_DAWSON_c__C.Quezada__ReFrame__JPG_19_Homepage_3840x2160px_0c3a9c4700-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_DAWSON_c__C.Quezada__ReFrame__JPG_19_Homepage_3840x2160px_0c3a9c4700-1-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_DAWSON_c__C.Quezada__ReFrame__JPG_19_Homepage_3840x2160px_0c3a9c4700-1-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_DAWSON_c__C.Quezada__ReFrame__JPG_19_Homepage_3840x2160px_0c3a9c4700-1-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_DAWSON_c__C.Quezada__ReFrame__JPG_19_Homepage_3840x2160px_0c3a9c4700-1-600x338.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54368\" class=\"wp-caption-text\">\u201eHerzensangelegenheiten\u201c Ch. David Dawson, Foto Carlos Quezada<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dawsons \u201eHerzensangelegenheiten\u201c haben ihren Titel von der Musik bekommen, einem Violinkonzert des Kanadiers Marjan Mozetich. So mild wie die Irritationen, die der Komponist in seine ansonsten angenehm melodische, fast romantische Musik einstreut, so muten auch die kleinen Widerhaken an, die Choreograf Dawson in seinem neoklassischen Idiom verteilt: eine kurze Windung im Oberk\u00f6rper, eine abgeknickte, aber sehr elegant abgeknickte Hand, alles weit entfernt von William Forsythes radikaler, harter Dekonstruktion. Es gibt viele hohe Hebungen, manchmal entstehen Strukturen wie ein weiter Kreis f\u00fcr die sechs M\u00e4nner oder die sieben Frauen. Die T\u00e4nzer blicken meist schr\u00e4g nach oben ins Leere, Beziehungen untereinander entstehen nicht, es ist ein rein abstraktes Werk in betont schmucklosen, blaugrauen Trikots. Shale Wagman beeindruckt mit einem Joker-artigen, sprungreichen Solo, aber die Bewegung in Dawsons St\u00fcck flie\u00dft durchweg viel zu gleichf\u00f6rmig, seine Dynamik wirkt fast mechanisch, auch scheint der britische Choreograf kaum Wert auf die Phrasierung einer Bewegung zu legen. \u201eAffairs of the Heart\u201c ist tanzreich und virtuos, aber was bleibt am Ende? Vielleicht Eno Henzes fl\u00e4chig-farbiges, suggestives B\u00fchnenbild, das von Gr\u00fcn-Pink ins Tiefblau und dann in ein bleiches Grau changiert \u2013 auch hier mit milden Irritationen durch geometrische Elemente.<\/p>\n<p>Alexei Ratmanskys Version der \u201eBilder einer Ausstellung\u201c entstand 2014 f\u00fcrs New York City Ballet, er verwendet die originale Klavierfassung von Modest Mussorgskys Partitur. Kinderbunt hinskizzierte Kreise und Quadrate wechseln an der R\u00fcckwand mit jeder neuen Szene, Wendall K. Harrington lie\u00df sich f\u00fcr die Projektionen von einer Farbstudie Wassily Kandinskys inspirieren, ebenso Adeline Andr\u00e9 f\u00fcr die bunten, schleierleichten Kleidchen und durchsichtigen Anz\u00fcge. Die lose Folge von Bildern hat einen spielerischen, oft \u00fcberm\u00fctigen Charakter \u2013 es ist ein Episodenballett wie die \u00fcber 50 Jahre alten \u201eDances at a Gathering\u201c von Jerome Robbins, an die es auf so vielf\u00e4ltige Weise erinnert. Zu jeder musikalischen Nummer entstehen kleine Geschichten, inspiriert von Mussorgskys \u00dcberschriften oder auch nicht \u2013 wir sehen Freundschaft, Liebe, kleine Abschiede, Scherze, alles in den unterschiedlichsten Gruppen und Strukturen. Ratmansky choreografiert klassisch, aber mit einem modernen, lockerleichten Anflug \u2013 mal ist ein Joggen drin, ein Hocken oder ein Hinausfliegen auf den Schultern eines Partners. Die \u00c4sthetik wirkt verspielt, frei, manchmal fast sportlich.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54367\" aria-describedby=\"caption-attachment-54367\" style=\"width: 1920px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54367 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022-03-22_OHP_Ratmansky_c__S._Gherciu-1_fb93c50376.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1280\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022-03-22_OHP_Ratmansky_c__S._Gherciu-1_fb93c50376.jpg 1920w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022-03-22_OHP_Ratmansky_c__S._Gherciu-1_fb93c50376-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022-03-22_OHP_Ratmansky_c__S._Gherciu-1_fb93c50376-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022-03-22_OHP_Ratmansky_c__S._Gherciu-1_fb93c50376-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022-03-22_OHP_Ratmansky_c__S._Gherciu-1_fb93c50376-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022-03-22_OHP_Ratmansky_c__S._Gherciu-1_fb93c50376-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54367\" class=\"wp-caption-text\">\u201eBilder einer Ausstellung\u201c Ch. Alexei Ratmansky, Foto Sergej Gherciu<\/figcaption><\/figure>\n<p>Fast wie im ber\u00fchmten Robbins-Ballett gelingt es Ratmansky, den Tanz so aussehen zu lassen, als entst\u00fcnde er gerade spontan aus der Musik. Und immer wieder schwebt eine Erinnerung an die alten Ballette durch \u2013 eine Hebung aus \u201eLa Sylphide\u201c, eine Ahnung slawischer Elemente wie aus \u201eLes Noces\u201c, ein clowneskes Paar \u00e0 la Harlekin und Columbine, ein wenig Hacke-Spitze-Folklore: Es sind fast nie direkte Zitate, sondern liebevolle Erinnerungen. Indem Ratmansky sie so fl\u00fcchtig und nat\u00fcrlich integriert, macht er die alten Bilder zu einem festen Bestandteil unserer Ballettsprache. Ein ganz direktes Zitat verbindet sein St\u00fcck mit \u201eDances at a Gathering\u201c, wo ebenfalls f\u00fcnf Paare einen freundschaftlichen Reigen tanzen: Auch bei Ratmansky schauen sie, genau wie am Schluss bei Robbins, alle fragend in den Himmel und dann ber\u00fchrt jemand nachdenklich den Boden, hier ist es eine Frau.<\/p>\n<p>Der Choreograf sch\u00f6pft aus einem \u00fcberreichen Vokabular, es passiert immer wieder \u00dcberraschendes. Besonders h\u00fcbsch sind vor allem die Abg\u00e4nge der jeweiligen Szenen \u2013 da werden die Frauen im hohen Flug hinausgetragen, die T\u00e4nzer staksen grotesk von dannen, jede Pose ist eine kleine Pointe. Dramatisch wird es auch, sogar dunkel, in einem sehr gewagten Duo steht die Frau auf der Brust des Mannes und richtet sich hoch auf. Einstudiert wurde das Werk von Amar Ramasar, beim NYCB einst Teil der Erstbesetzung und in M\u00fcnchen als Einspringer f\u00fcr die zwei verletzte Solisten ein Vorbild f\u00fcr die viel j\u00fcngeren, aber lange nicht so lockeren Kollegen \u2013 der New Yorker tanzte moderner im Sinne von sportlicher, relaxter, \u00fcberm\u00fctiger.<\/p>\n<p>Den kr\u00e4ftigen Farben der beiden Vorg\u00e4ngerst\u00fccke (es ist ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher bunter Ballettabend) setzte Marco Goecke, der choreografische Philosoph alles Schwarzen, eine d\u00fcstere, von Rauch durchwaberte B\u00fchne entgegen, auf der es dunkle Flocken regnet \u2013 Asche oder schwarzen Schnee, jedenfalls sieht es nach Apokalypse und Trauer aus. Die dunkel-fantastische Partitur \u201eMannequin\u201c der Koreanerin Unsuk Chin erinnert zun\u00e4chst an die Tintinnabuli-Gl\u00f6ckchen Arvo P\u00e4rts und wird dann immer nerv\u00f6ser, gewaltiger, flirrernder; Goecke beschw\u00f6rt dazu eine Beklemmung herauf, die einen viel tiefer trifft, als Ballett das normalerweise vermag. Das vom Ratmansky-Jubel aufgebrezelte M\u00fcnchner Ballettpremierenpublikum, das auf den hier noch ungewohnten Goecke-Stil zun\u00e4chst mit Unruhe reagierte, wurde von \u201eSweet Bones\u2018 Melody\u201c regelrecht in den Sitz gebannt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54369\" aria-describedby=\"caption-attachment-54369\" style=\"width: 1920px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54369 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_GOECKE_c__C.Quezada__JPG_1_Carollina_Bastos_Homepage_3840x2160px_e9f74efe75.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_GOECKE_c__C.Quezada__JPG_1_Carollina_Bastos_Homepage_3840x2160px_e9f74efe75.jpg 1920w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_GOECKE_c__C.Quezada__JPG_1_Carollina_Bastos_Homepage_3840x2160px_e9f74efe75-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_GOECKE_c__C.Quezada__JPG_1_Carollina_Bastos_Homepage_3840x2160px_e9f74efe75-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_GOECKE_c__C.Quezada__JPG_1_Carollina_Bastos_Homepage_3840x2160px_e9f74efe75-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_GOECKE_c__C.Quezada__JPG_1_Carollina_Bastos_Homepage_3840x2160px_e9f74efe75-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/csm_2022_03_22_OHP_Passagen_GOECKE_c__C.Quezada__JPG_1_Carollina_Bastos_Homepage_3840x2160px_e9f74efe75-600x338.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54369\" class=\"wp-caption-text\">\u201eSweet Bones\u0315 Melody\u201c Carolina Bastos, Ch. Marco Goecke, Foto Carlos Quezada<\/figcaption><\/figure>\n<p>Anfangs verhaken sich Einzelne zu Duos oder Trios ineinander, ungew\u00f6hnlich nah f\u00fcr Goecke, und doch auf eine merkw\u00fcrdig distanzierte Art. Seit einiger Zeit entdeckt der Choreograf, der seine Sprache st\u00e4ndig erweitert, auch geometrische Strukturen wie Reihen oder Rhomben, die in fl\u00fcchtigen Bildern aufschimmern. Bald aber verl\u00e4uft die Achse stetig von hinten nach vorne, als k\u00e4men Fl\u00fcchtende oder Einzelk\u00e4mpfer aus der Tiefe n\u00e4chtlicher, zerst\u00f6rter Stra\u00dfenz\u00fcge. Udo Haberlands Licht verf\u00e4rbt sich zu einem bedrohlichen Gelb, die T\u00e4nzer tragen irgendwann M\u00e4ntel \u00fcber ihren weiten schwarzen Hosen. Wie verlorene Seelen wirbeln einzelne in irre schnellen Drehungen durch den Rauch, verwandeln die Impulse der flirrenden, bedrohlichen Musik zu nerv\u00f6sen St\u00f6rfeuern. \u201eEs ist ein Weinen in der Welt\u201c hallt durch die Nacht, Else Lasker-Sch\u00fclers Gedicht vom \u201eWeltende\u201c. Kurz vor Schluss l\u00f6st das St\u00fcck dann eine Zeile des Gedichts ein: \u201eWir wollen uns tief k\u00fcssen\u201c. Die Weltenangst manifestiert sich im Innersten jedes Einzelnen \u2013 Goecke \u00fcbersetzt die Dichterin aus seiner Heimatstadt Wuppertal in bedr\u00fcckende Bilder. Am Schluss steht Ant\u00f3nio Casalhino still an der Rampe und reckt uns aus der Dunkelheit eine wei\u00dfe Taube entgegen, die er fest in den H\u00e4nden h\u00e4lt. Wird sie losfliegen? Mit dieser Frage l\u00e4sst uns Goecke alleine.<\/p>\n<p><em>Angela Reinhardt<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<h2><strong>Herzensangelegenheiten<\/strong><\/h2>\n<p><strong>Das Bayerische Staatsballett startet in \u201ePassagen\u201c furios mit neuen St\u00fccken von David Dawson, Alexei Ratmansky und Marco Goecke in die <\/strong><strong>Ballettfestwoche<\/strong><strong>.<\/strong><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Drive! Da bricht sich in schlichten Dekorationen bravour\u00f6s frei \u2013 und f\u00fcr das handlungsballettverw\u00f6hnte M\u00fcnchner Publikum in einer doch recht anderen Physikalit\u00e4t als sonst zu erleben \u2013 eine unglaubliche Crew ausgew\u00e4hlter T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern im zeitgen\u00f6ssischen Duktus dreier v\u00f6llig unterschiedlicher Stile Bahn. Rein gar nichts ist davon zu sp\u00fcren, dass Marco Goecke und David Dawson, die zum ersten Mal mit dem Bayerischen Staatsballett gearbeitet haben, w\u00e4hrend des k\u00fcnstlerischen Entwicklungsprozesses mit Probenunterbrechungen oder Besetzungsausf\u00e4llen umgehen mussten.<\/p>\n<p><strong>Urauff\u00fchrung \u201eSweet Bones\u0315 Melody\u201c von Marco Goecke<\/strong><\/p>\n<p>Eine erste Ladung schwarzer Konfetti liegt schon am Boden, als die riesige Nebelschwade im Raum von einem der T\u00e4nzer durchbrochen wird. Raketengleich schie\u00dft er aus dem Hintergrund nach vorne, und der Bewegungskosmos um seine K\u00f6rperachse herum explodiert regelrecht. Bald sch\u00e4lt sich aus der Dunkelheit ein weiterer T\u00e4nzer. Mit zu Krallen gekr\u00fcmmten H\u00e4nden und Armen wie S\u00e4beln wird Unheimliches untereinander ausgefochten. Dazwischen r\u00fcckt man hautnah zusammen. Pl\u00f6tzlich fingert einer aus der Umklammerung heraus die R\u00fcckseite des anderen fast z\u00e4rtlich suchend nach etwas ab.<\/p>\n<p>Auf das erste l\u00e4sst Marco Goecke schnell das zweite Duett folgen. Die M\u00e4nner, jeden Muskel st\u00e4hlern angespannt, kommen zur Gruppe zusammen, ehe die erste von vier T\u00e4nzerinnen die weite Arena betritt. Lediglich der schattierte Lichtwechsel von Udo Haberland verleiht dem Ganzen eine atmosph\u00e4rische Idee von Zerst\u00f6rung bzw. Bedrohung. Da m\u00f6gen Schwaden wei\u00dfen Puders, den Frauen auf nackte m\u00e4nnliche Oberk\u00f6rper klatschen, an im Unbewussten schwelende Sorgen erinnern.<\/p>\n<p>Derzeit gibt es niemanden au\u00dfer Marco Goecke, der das Publikum choreografisch vom ersten bis zum letzten St\u00fcckaugenblick so irritierend krass zu besch\u00e4ftigen und in seiner inhaltlich von Power nur so strotzenden Verschwommenheit derart subversiv-packend anzusprechen vermag. Seiner allerersten Kreation f\u00fcr das Bayerische Staatsballett mit dem Titel \u201eSweet Bones\u0315 Melody\u201c gelingt eine fantastische Symbiose mit der ber\u00fcckend aufgew\u00fchlt vom Bayerischen Staatsorchester live gespielten Orchesterkomposition \u201eMannequin\u201c der S\u00fcdkoreanerin Unsuk Chin.<\/p>\n<p>Das Werk, das in einer reduzierten Besetzung unter der souver\u00e4nen Leitung von <a href=\"https:\/\/www.staatsoper.de\/biographien\/seligman-tom\">Tom Seligman<\/a> zu Geh\u00f6r gebracht wurde, basiert auf E.T.A. Hoffmanns Erz\u00e4hlung \u201eDer Sandmann\u201c und einer Hauptfigur, die \u2013 gefangen wie eine Marionette in einer bizarren Welt aus \u00c4ngsten und Visionen \u2013 zwischen Wahnvorstellung und Wirklichkeit hin- und hergerissen wirkt. Das klanglich \u00fcppige Fundament gibt Goecke eine perfekte Steilvorlage, dass sich elf Interpreten mit sehr individuellen Akzenten auf vollendet krude und unfassbar tiefe Art und Weise t\u00e4nzerisch ausleben. Da scheint das Herz der auch mal robotrig wie ferngesteuerten Protagonisten bisweilen zu verrutschen und dann weiter im Schritt zu pochen. Immer wieder verzahnen sich einzelne T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer \u2013 allesamt irgendwie In-Sich-Zerrissene. Sie ziehen ihr Gegen\u00fcber an den Wangen zu sich. Oder aber es dr\u00e4ngt sie voneinander fort, w\u00e4hrend einer den Hals des anderen zusammenpresst. Selbst unter H\u00f6chstgeschwindigkeit sitzt hier jede Geste, jedes Wirbeln um sich selbst einfach perfekt.<\/p>\n<p>Mittendrin l\u00e4sst Goecke f\u00fcr die Zeit, die es braucht, damit der T\u00e4nzer <a href=\"https:\/\/www.staatsoper.de\/biographien\/sollfrank-florian-ulrich\">Florian Sollfrank<\/a> <a href=\"https:\/\/www.aphorismen.de\/autoren\/person\/11113\/Else+Lasker-Sch%C3%BCler\">Else Lasker-Sch\u00fcler<\/a>s Gedicht \u201eWeltenende\u201c vortragen kann, jede Bewegung und den Klang in Stille erstarren. Deutlich zu verstehen wie sonst selten hat Goecke diesmal die einer fr\u00fcheren Zeit entliehenen Worte seinem ihm ureigenen Bewegungskosmos hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>So bringt er am Ende k\u00fcnstlerisch unglaublich gewieft und visuell reduziert auf fast nur Grau-Schwarz alles zuvor Gezeigte auf den gemeinsamen Nenner momentanen globalen Kriegs- und Weltschmerzes: die zu Beginn des Abends \u2013 flankiert von herrlicher Farbenpracht \u2013 von David Dawson in \u201eAffairs of the Heart\u201c aufgebotene famose Sch\u00f6nheit t\u00e4nzerischer Virtuosit\u00e4t und die erz\u00e4hlerische Verspieltheit, mit der Alexei Ratmansky im Mittelteil \u201eBilder einer Ausstellung\u201c punktet. Seltsam prallen gegen Ende Lippen f\u00fcr einen Kuss aufeinander und abschlie\u00dfend h\u00e4lt ein T\u00e4nzer \u2013 es ist M\u00fcnchens j\u00fcngster Shootingstar aus Portugal, Ant\u00f3nio Casalinho \u2013 eine wei\u00dfe Taube in der Hand. Sie darf kurz aufflattern, losfliegen aber nicht. Noch nicht?<\/p>\n<p><strong>Urauff\u00fchrung \u201eAffairs of the Heart\u201c David Dawson<\/strong><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Gegensatz zu David Dawsons Urauff\u00fchrung \u201eAffairs of the Heart\u201c, die den Abend in einer formalen Opulenz aus blo\u00df k\u00f6rperenergetischem Kreisen und den Raum vereinnahmenden Spiralen auf das Wunderbarste er\u00f6ffnet hatte. Sieben T\u00e4nzerinnen und f\u00fcnf T\u00e4nzer werden hier vor einer Palette wechselnder, geometrisch gefasst \u00fcber W\u00e4nde kriechender Farbnuancen einfach grandios zum Fliegen gebracht. Musikalisch war dies teils noch etwas wackelig \u2013 wohl aufgrund einer kurzfristigen Umbesetzung beim 25-min\u00fctigen titelgebenden \u201eKonzert f\u00fcr Violine und Streichorchester\u201c des kanadischen Komponisten Marjan Mozetich.<\/p>\n<p>Immer wieder ziehen ihre ausdrucksstark ungew\u00f6hnlich abgewinkelten H\u00e4nde die Aufmerksamkeit auf sich. Ganz en passant, als w\u00e4re das innerhalb einer schon brisanten Dynamik \u00fcberhaupt nichts, werden Hebungen und technisch irre Figuren in das unaufhaltsame Flie\u00dfen der Choreografie eingewoben. Aus zahlreichen Begegnungen und offenen Paarbeziehungen entsteht \u2013 emotional bewusst abstrakt \u2013 eine an Nuancen beeindruckend reiche, lebhaft pulsierende Seelenlandschaft. In ihrer F\u00fclle ist diese auf Anhieb unm\u00f6glich ganz zu erfassen. Was man mit nach Hause nimmt? Eine bildstarke Hommage an die Kraft des umsichtigen Miteinanders und der Liebe.<\/p>\n<p><strong>Deutsche Erstauff\u00fchrung von Alexei Ratmanskys \u201eBilder einer Ausstellung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Alexei Ratmanskys fr\u00f6hlich-freches St\u00fcck zu Modest Mussorgskis Klavierzyklus \u201eBilder einer Ausstellung\u201c aus dem Jahr 2014 passt sich da bestens als verbindendes Glied ein. Zehn Protagonisten sind es lediglich, die der Choreograf hier auf eine leichtf\u00fc\u00dfig-verspielte Promenade schickt. Ein kurioser Weltenbummel. Obwohl der 30-Min\u00fcter auf klassischer Balletttechnik basiert, werden die T\u00e4nzer durch quirlige Spr\u00fcnge, schnelle Drehungen, schwierige Hebungen, neuartige Schrittkombinationen, zeitgen\u00f6ssische Port de bras sowie hier und da kleine Twists st\u00e4ndig aufs Neue aus ihrer Komfortzone gesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Von Szene zu Szene nehmen seine T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer \u2013 als Einspringer darunter (f\u00fcr die erkrankten Prinzipals Osiel Gouneo und Yonah Acosta) Ratmanskys Ballettmeister <a href=\"https:\/\/rdir.inxmail.com\/st-zd.bayern\/d?o00b2koi00bfyu00d0000ms000000000g424b0jdv420jhwip3d7ztd2gbi3924\">Amar Ramasar<\/a> \u2013 an Fahrt auf. Sie formieren sich zu einer neugierig aufgelegten Mannschaft und exerzieren \u2013 zuweilen solistisch \u2013 eine Reihe kurioser Geschichten durch, mitunter von m\u00e4rchenhaften Charakteren wie einem weiblich besetzten zornigen Gnom oder der hier von einem Mann getanzten Hexe Baba Jaga. Verf\u00fchrerisch kindlich in seinem prompten Elan und stets im Einklang mit der Musik, die ihnen den Rhythmus, die Melodie und Stimmung von himmelhoch jauchzend bis zu hinterh\u00e4ltig oder kollektiv betr\u00fcbt vorgibt.<\/p>\n<p>Kandinskys ideengebende \u201eQuadrate und konzentrische Ringe\u201c tanzen via Projektionsdesign im Hintergrund mit. Angekommen beim finalen \u201eGro\u00dfen Tor von Kiew\u201c schweben sie wie Ballons, dann wie Sterne \u00fcber einen blauen Himmel. F\u00fcr M\u00fcnchen setzt der Choreograf als letzten H\u00f6hepunkt ein symbolisches Zeichen obenauf: Die Farben zerflie\u00dfen zu einem blauen und einem gelben Streifen. Genau wie die ukrainische Fahne, die Ratmansky beim Schlussapplaus hartn\u00e4ckig schwenkt, w\u00e4hrend seine Interpreten vom Publikum zu Recht bejubelt werden. Zu Putins Angriffskrieg hat der k\u00fcnstlerisch schon lange in Amerika verankerte Ratmansky \u2013 als geb\u00fcrtiger St. Petersburger mit Familie in der Ukraine, wo er einst im Nationalballett als Solist tanzte \u2013 bereits im Vorfeld klar Stellung bezogen.<\/p>\n<p><em>Vesna Mlakar<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berichtet von zwei unserer Top-Journalistinnen &nbsp; Die Taube in der Hand &nbsp; Es war ein aufregender Abend im M\u00fcnchner Nationaltheater: Der Russe Alexei Ratmansky schwenkte beim Verbeugen unabl\u00e4ssig die ukrainische Flagge, Marco Goecke lie\u00df schwarze Asche regnen und vers\u00f6hnte die ob seines neuartigen Stils zun\u00e4chst konsternierten, dann zunehmend gefesselten M\u00fcnchner Zuschauer mit einer wei\u00dfen Friedenstaube. 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