{"id":54280,"date":"2022-03-02T14:16:02","date_gmt":"2022-03-02T14:16:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=54280"},"modified":"2026-04-16T07:28:56","modified_gmt":"2026-04-16T07:28:56","slug":"drei-seelen-drei-sonnen-eine-winterreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/drei-seelen-drei-sonnen-eine-winterreise\/","title":{"rendered":"Drei Seelen, drei Sonnen, eine Winterreise"},"content":{"rendered":"<h3>Franz Schuberts Liederzyklus, ber\u00fchrend, kraft der Musik und des Tanzes<\/h3>\n<p>\u201eEine in vielerlei Hinsicht au\u00dfergew\u00f6hnliche und besonders eindr\u00fcckliche Interpretation des Schubert\u2019schen Meisterzyklus\u201c, hatte die Internationale Hugo Wolf Akademie e.V. in Stuttgart angek\u00fcndigt. Was dann im Stuttgarter Wilhelma Theater zu erleben war, d\u00fcrfte gerade angesichts der in j\u00fcngster Zeit mehrfachen choreografischen Interpretationen der \u00bbWinterreise\u00ab nicht wenige Erwartungen in hohem Ma\u00dfe \u00fcbertroffen haben.<br \/>\nEiner der bedeutendsten Liedinterpreten, Dietrich Fischer-Dieskau, spricht angesichts des \u201eLeidensausdruckes\u201c dieser Lieder von \u201everschreckender Intensit\u00e4t\u201c. Angesichts dieser Auff\u00fchrung kommt auch eine erschreckende Aktualit\u00e4t dazu, vor allem emotional, nicht im Sinne vordergr\u00fcndiger Aktualisierungen.<\/p>\n<p>In dieser choreografischen Inszenierung von Andreas Heise bildet diese Intensit\u00e4t eine sich am Ende als genial erweisende Grundlage. Nicht zuletzt wegen der \u00e4sthetischen Entscheidung, dem kammermusikalischen Charakter der Vertonungen jener 24 Lieder von Wilhelm M\u00fcller durch Franz Schubert kraft der Intensit\u00e4t der Stimme, des Tanzes und des Klavierspiels zu entsprechen. Das ist aber nur m\u00f6glich, wenn eine S\u00e4ngerin wie Juliane Banse sich immer wieder in die existenziellen Abgr\u00fcnde der Lieder des einsamen Wanders begibt.\u00a0 Wenn ein T\u00e4nzer wie Istv\u00e1n Simon sich in keinem Moment in illustrativen Irrungen verliert. Wenn ein Pianist wie Alexander Krichel durch die Sensibilit\u00e4t seiner sowohl mitf\u00fchlenden wie aber auch immer wieder aufrichtenden und kraftvoll, tr\u00f6stenden Begleitung, den Wandernden so unwahrscheinlich nahe ist, und somit letztlich mit ihnen auf dem Weg ist. Und noch einmal Fischer-Dieskau, f\u00fcr den Franz Schubert, \u201ewenige Werke, mit solcher seelischen Verve, mit solcher Betonung des Seelischen&#8221;, geschaffen habe, wie diesen Zyklus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54282\" aria-describedby=\"caption-attachment-54282\" style=\"width: 1063px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-54282\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6374.jpg\" alt=\"\" width=\"1063\" height=\"709\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6374.jpg 1063w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6374-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6374-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6374-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6374-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1063px) 100vw, 1063px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54282\" class=\"wp-caption-text\">Wilhelma Theater &#8220;Die Winterreis&#8221; Alle Fotos: Reiner Pfisterer\/IHWA<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und so wie im 20. Lied des Zyklus die Sopranistin Juliane Banse in so existenzieller, wie ber\u00fchrender Tongebung von jenen \u00bbDrei Sonnen\u00ab singt, die nicht die Ihren sind, und nun zwei von jenen, die sie einst hatte, auch verloren sind, und auch den Abschied von der dritten ank\u00fcndigt, so wird die gesamte musikalische und t\u00e4nzerische Gestaltung dieser unaufhaltsamen Reise in die Tiefe seelischer Einsamkeit zu einer Abfolge existenzieller Verlusterfahrungen. Und dennoch, der Tanz macht dieses immer wieder wie ein Aufb\u00e4umen so unausweichlich sichtbar. Es sind doch drei Seelen, die, um nicht g\u00e4nzlich daran zu verzweifeln, dass ihre Sonnen l\u00e4ngst kein Licht mehr f\u00fcr sie spenden, doch einander aufhelfen, einander tragen k\u00f6nnen. Und die sich sogar, wenn die kalten Winde scharf wehen auf dieser Winterreise, wenigstens f\u00fcr Momente einander Schutz geben k\u00f6nnen.\u00a0Das kann ganz direkt geschehen, in t\u00e4nzerischer, k\u00f6rperlicher N\u00e4he. Im Aufhelfen, im Aufheben, auch dann, wenn der T\u00e4nzer die S\u00e4ngerin tr\u00e4gt, der Pianist ihnen in aufhebendem Blick, vor allem in der Sensibilit\u00e4t seines Klanges, so etwas wie ein Fundament bereitet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-54283\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6590.jpg\" alt=\"\" width=\"1063\" height=\"709\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6590.jpg 1063w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6590-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6590-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6590-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6590-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1063px) 100vw, 1063px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-54284\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6690.jpg\" alt=\"\" width=\"1063\" height=\"709\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6690.jpg 1063w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6690-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6690-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6690-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6690-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1063px) 100vw, 1063px\" \/><\/p>\n<p>Das alles hat einen optischen Ausgangspunkt, bevor diese Reise beginnt:\u00a0 Der T\u00e4nzer Istv\u00e1n Simon kauert in verzweifelter Haltung, ganz in sich gekehrt, in dunkler Stimmung des Lichtes von Johannes Schadl, ganz nahe am schwarzen Boden der B\u00fchne, als wolle er in der Unergr\u00fcndlichkeit dieser Tiefe eine letzte Zuflucht finden. Es ist Alexander Krichel, der Pianist, der sich sch\u00fctzend \u00fcber ihn beugt und dann doch zu seinem f\u00fcr den weiteren Verlauf der Reise so unaufhebbaren Part an seinem Instrument finden muss.<br \/>\nDann, g\u00e4nzlich aus dem Dunkel, die S\u00e4ngerin: Wir sehen sie nicht, ihre Pr\u00e4senz aber ist da, immer wieder kraft der T\u00f6ne, die sich f\u00fcgen, zu Varianten der Melodik ganz unterschiedlicher Art. Jetzt singt sie davon, dass sie fremd eingezogen ist, und ebenso wieder ausziehen wird. Und immer wieder Abschiede: die leisen, in zerbrechlicher, lyrischer F\u00fchrung der Stimme; auch die aufb\u00e4umenden, in dramatischem Aufbegehren, aber auch in der schmerzenden Verletzlichkeit dunkel grundierter T\u00f6ne. Dazu immer mit dem Einsatz k\u00f6rperlicher Bewegung, dennoch nicht der geringste Ansatz Anflug t\u00e4nzerischer Illustration der Lieder, umso st\u00e4rker aber in der Kunst t\u00e4nzerischer Abstraktion.<br \/>\nUnd da kommen auch bei dieser K\u00fcnstlerin die Begabungen zusammen, sicher in erster Linie bekannt, gesch\u00e4tzt, ber\u00fchmt als S\u00e4ngerin, auf der B\u00fchne, im Konzertsaal, aber eben auch mit der M\u00f6glichkeit, wie hier, auf die Erfahrungen ihrer Ausbildung als T\u00e4nzerin zu vertrauen.<\/p>\n<p>Istv\u00e1n Simon als T\u00e4nzer mit besten klassischen Grundlagen, immer aber im Dialog mit neuen Formen des t\u00e4nzerischen und k\u00f6rperlichen Ausdrucks, kann in dieser Winterreise mit ersch\u00fctternden T\u00f6nen des k\u00f6rperlichen Gesanges aufwarten. Da ist der gro\u00dfe Reichtum seiner Facetten: expressiver Aufbruch, gekonnte Technik der Spr\u00fcnge, als gelte es diesen Weg jener unumkehrbaren Reise zu verlassen, die Grenzen zu durchbrechen. Dann aber wieder, ganz in der Musikalit\u00e4t des Gesanges, des Stils von Alexander Krichel, auch Passagen von Bewegungen schmiegsamer Art, wie denen eines m\u00f6glichen Einverst\u00e4ndnisses, sich der Erstarrung hinzugeben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-54285\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6469-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1063\" height=\"709\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6469-1.jpg 1063w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6469-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6469-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6469-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilhelma_Theater_IHWA_DSC6469-1-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1063px) 100vw, 1063px\" \/><\/p>\n<p>Ja, da sind auch immer wieder jene Lieder, die man zu kennen meint, aber in dieser Interpretation verlieren sie alle scheinbare Volkst\u00fcmlichkeit. Es findet sich eben keine Ruhe unter den rauschenden Zweigen des Lindenbaumes.<br \/>\nEs ist die Einsamkeit. Die Post hat keinen Brief. Die Stille des einst so lustig rauschenden Flusses t\u00e4uscht, und die wunderliche Kr\u00e4he kann dem einsamen Wanderer, hier den drei einsamen Wanderern, keine Treue bis zu Grabe verhei\u00dfen. Es sind drei wandernde Seelen, es sind drei Menschen, denen es eben nicht gelingt, den T\u00e4uschungen falscher Wegweiser zu widerstehen, deren Wirtshaus auf einem Totenacker gebaut ist. Und dann die Erkenntnis, selbst hier sind alle Kammern l\u00e4ngst belegt.<\/p>\n<p>Und so kehrt nach vielen zarten Begegnungen des Tanzes, nach aufhelfender Grundierung des Pianisten, nach den lyrischen T\u00f6nen unbestimmter Sehnsucht, dieses Trio der einsamen Wanderer am Ende zueinander zur\u00fcck. Es sind die T\u00f6ne dieses mystischen Leiermannes, den keiner h\u00f6ren will, dessen T\u00f6ne aber nun Juliane Banse, Istv\u00e1n Simon und Alexander Krichel schmerzhaft verinnerlicht haben. Sie werden zueinander finden. Mit dem Licht von Johannes Schadl verl\u00f6schen seine optischen Kompositionen ber\u00fchrender Stimmungen, die somit zu einem choreografischen Element dieser dunklen Reise einsamer Seelen unter den erloschenen Sonnen wurden.<\/p>\n<p>Ja, mag sein, man k\u00f6nnte denken, es liefe bei dieser Reise alles auf eine zutiefst pessimistische Grundstimmung zu. Nein! Dem ist nicht so. Und so erweist sich die choreografische Kraft von Andreas Heise. Nat\u00fcrlich geht es nicht darum, optimistische Br\u00fcche den Anspr\u00fcchen dieser Komposition entgegenzustellen. Nein, Heises Antanzen gegen die Einsamkeit erspart dem Publikum keine schmerzhaften Assoziationen eigener \u201eWinterreise-Erfahrungen\u201c. Auch kein voreiliges Vermitteln, dass ja alles nicht so schlimm sei, w\u00e4re im Sinne des Choreografen. Nein, diese 90 Minuten sind hart. So werden die M\u00f6glichkeiten der K\u00fcnste, die hier zusammenkommen, genutzt. Dies aber, um die Zuschauenden und Zuh\u00f6renden ganz ernst zu nehmen, Ihnen eine M\u00f6glichkeit zu geben, f\u00fcr jene kostbaren Momente im gesch\u00fctzten Raum des Theaters, sich zu \u00f6ffnen, sich einzulassen auf diese so einzigartige, assoziative Kraft des Tanzes und der Musikalit\u00e4t, des Lichtes und des Raumes, die hier zudem so \u00fcberzeugend zusammenfinden.<br \/>\nUnd es mag zun\u00e4chst wie ein Widerspruch wirken &#8211; aber kraft der Ber\u00fchrung durch diesen schmerzvollen Tanz-Klang, k\u00f6nnten wir Momente der Kraft beziehen, um uns auf die eigene Winterreise zu begeben.<\/p>\n<p><em>Boris Gruhl\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Schuberts Liederzyklus, ber\u00fchrend, kraft der Musik und des Tanzes \u201eEine in vielerlei Hinsicht au\u00dfergew\u00f6hnliche und besonders eindr\u00fcckliche Interpretation des Schubert\u2019schen Meisterzyklus\u201c, hatte die Internationale Hugo Wolf Akademie e.V. in Stuttgart angek\u00fcndigt. 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