{"id":53108,"date":"2021-05-15T09:12:40","date_gmt":"2021-05-15T09:12:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=53108"},"modified":"2021-05-21T13:29:06","modified_gmt":"2021-05-21T13:29:06","slug":"choreograf-und-taenzer-raimund-hoghe-verstirbt-im-alter-von-72-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/choreograf-und-taenzer-raimund-hoghe-verstirbt-im-alter-von-72-jahren\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Raimund Hoghe"},"content":{"rendered":"<p>Skizzen von leblosen K\u00f6rpern, auf den B\u00fchnenhintergrund projiziert, untermauern in Rabih Mrou\u00e9s St\u00fcck \u201eElephant\u201c das Thema Tod. Im Wechselspiel mit den schwarz-wei\u00dfen Bildern nehmen Interpreten am Boden liegend genau gleiche Posen ein. Am Tag nach dem unerwarteten Tod von Raimund Hoghe ist das stille St\u00fcck als Live-Stream beim M\u00fcnchner Festival DANCE f\u00fcr zeitgen\u00f6ssischen Tanz zu sehen. Unter normalen Umst\u00e4nden h\u00e4tten sich Mrou\u00e9, der in Berlin lebende Regisseur, Schauspieler, Autor und Visual Artist aus Beirut, und der mit einer R\u00fcckgratverkr\u00fcmmung geborene Choreograf, T\u00e4nzer, Filmemacher, Journalist und von 1980 bis 1989 Dramaturg von Pina Bausch vermutlich \u00fcber ihre Art, choreografisch Kanten und Abgr\u00fcnde des Menschseins aufzuzeigen, ausgetauscht.\u00a0Dazu wird es nicht mehr kommen. Hoghe \u2013 vergangenen Herbst nach einer Vielzahl von Auszeichnungen zuletzt mit dem Deutschen Tanzpreis geehrt und wiederholt mit seinen ausdrucksstarken, bedeutsamen St\u00fccken bei Dance zu Gast \u2013 verstarb in der Nacht auf den 14. Mai in seiner D\u00fcsseldorfer Wohnung. Ein leiser Abschied des geb\u00fcrtigen Wuppertalers \u2013 nur zwei Tage nach seinem 72. Geburtstag. Ohne Chance, die pandemiebedingt verschobenen Projekte nun jemals nachzuholen. Die letzte seiner rund 30 choreografischen Arbeiten \u201eTraces\u201c muss unvollendet bleiben. Das als Ersatz f\u00fcr die urspr\u00fcnglich geplante Produktion \u201eCanzone per Ornella\u201c in Verkn\u00fcpfung mit Live-Gespr\u00e4chen vorgesehene Filmprogramm \u00fcber das reiche und komplexe \u0152uvre des K\u00fcnstlers schrumpfte in sich zusammen \u2013 vergleichbar dem markant buckligen, in seiner zerbrechlichen Gestalt oft provokant-selbstverst\u00e4ndlich \u201ein den Kampf geworfenen K\u00f6rper\u201c.\u00a0Hoghes Arte-Portr\u00e4t \u201eDie Jugend im Kopf\u201c aus dem Jahr 2016 \u00fcber Marie-Th\u00e9r\u00e8se Allier \u2013 sie verankerte 1983 dank ihrer M\u00e9nagerie de Verres die Tanzmoderne in Paris \u2013 glich bereits einem Nachruf auf ihn. Auf einen, der sich selbst zum Auftakt in knappen offenen S\u00e4tzen unverhohlen gradlinig auf den Punkt bringt: \u201eIch kann gut zuh\u00f6ren, aber ich kann nicht singen und auch kein Instrument spielen\u201c \/ \u201eIch beobachte Menschen und versuche, sie nicht gleich zu beurteilen.\u201c \/ \u201eIch versuche nicht, nach den Erwartungen anderer zu leben\u201c \/ \u201eIch will mir treu bleiben. Ich will nicht dass Menschen wegen ihrer Religion, ihrer Nationalit\u00e4t, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres K\u00f6rpers ausgegrenzt und verfolgt werden.\u201c\u00a0Sp\u00e4t \u2013 erst 1994 \u2013 kreierte Hoghe sein erstes eigenes Solo \u201eMeinw\u00e4rts\u201c. Der Beginn einer pers\u00f6nlichen B\u00fchnenkarriere, die stets ein Stellungbeziehen auszeichnete. Von da an war jeder Titel Programm und in Hoghes Choreografien schrieben sich Statements anhand der darin auftretenden K\u00f6rper und unter Verwendung bisweilen wunderlicher, manchmal abstruser Requisiten quasi von selbst in den Raum. Egal, ob darin gesellschaftspolitische Themen, Vergangenheit und Gegenwart oder Sch\u00f6nheit verhandelt wurden, ob es um Erinnerungen, Beziehungen, Gef\u00fchle, Ikonen, legend\u00e4re Pers\u00f6nlichkeiten oder Schicksale ging.\u00a0Hoghe machte Tanztheater mit der rituellen Kraft eines Zeremonienmeisters. Niemals \u00fcberfrachtete er seine Werke, konterkartiere Gewalt lieber mit Z\u00e4rtlichkeit und trumpfte mit streng formaler Reduziertheit auf. Die ureigene Macht seiner Bilder war Entschleunigung \u2013 manchmal zauberhaft, bisweilen anstrengend bis hin zu starkem Pathos. Hoghe blieb in vieler Hinsicht ein Au\u00dfenseiter. Sein Blick auf die Welt war bis zuletzt herzlich forsch und kritisch, dabei bisweilen auch leicht ironisch. Das Verschwinden seiner kreativen Stimme \u2013 in Frankreich fr\u00fcher anerkannt und verehrt als bei uns \u2013 rei\u00dft ein tiefes, per se kaum durch anders besetzte Revivals wieder zu f\u00fcllendes Loch in die internationale Tanzlandschaft.<br \/>\n<em>Vesna Mlakar<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Skizzen von leblosen K\u00f6rpern, auf den B\u00fchnenhintergrund projiziert, untermauern in Rabih Mrou\u00e9s St\u00fcck \u201eElephant\u201c das Thema Tod. Im Wechselspiel mit den schwarz-wei\u00dfen Bildern nehmen Interpreten am Boden liegend genau gleiche Posen ein. 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