{"id":52908,"date":"2021-03-21T09:00:14","date_gmt":"2021-03-21T09:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=52908"},"modified":"2026-04-16T11:33:34","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:34","slug":"den-haag-souls-made-apparent-junior-company-ndt-2-live-aus-dem-zuiderstrandtheater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/den-haag-souls-made-apparent-junior-company-ndt-2-live-aus-dem-zuiderstrandtheater\/","title":{"rendered":"Den Haag \u201eSouls made apparent\u201c: Junior Company NDT 2, live aus dem Zuiderstrandtheater"},"content":{"rendered":"<p>Jedes der beiden Werke f\u00fcr sich allein ist schon eine Sensation. Zu einem Abend geb\u00fcndelt, ergeben sie grandiose 65 Minuten Tanz: Ji\u0159\u00ed Kyli\u00e1ns Choreografie<em> 27\u201952\u201d<\/em> aus dem Jahr 2002 und <em>The Big Crying<\/em>, dem j\u00fcngsten Werk von Marco Goecke, f\u00fcgen sich so organisch zum Doppelabend <em>Souls made apparent<\/em> zusammen, als ob sie f\u00fcreinander gemacht w\u00e4ren. Das ist insbesondere dem gemeinsamen Nenner zu verdanken: dem NDT 2, der Junior Company des Nederlands Dans Theaters mit Sitz in Den Haag. Die 19 T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer pr\u00e4sentieren die zwei tanztechnisch hoch anspruchsvollen und darstellerisch sehr herausfordernden Werke mit \u00fcberbordender Kraft und Differenziertheit \u2013 und genau das brauchen die beiden St\u00fccke auch.<\/p>\n<p>In diesen Zeiten sind die <em>Sichtbar gemachten Seelen<\/em> nat\u00fcrlich ausschlie\u00dflich als Stream zu erleben, doch die Intensit\u00e4t der Tanzenden schafft den Sprung von der B\u00fchne durch den Bildschirm zum indirekt anwesenden Publikum. Auch technisch kann der Live-Stream nahezu reibungslos aus den Niederlanden weltweit zug\u00e4nglich gemacht werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-52911\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_9_2047_9559-1024x816.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"816\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_9_2047_9559-1024x816.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_9_2047_9559-300x239.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_9_2047_9559-768x612.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_9_2047_9559-600x478.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_9_2047_9559.jpg 1181w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<figure id=\"attachment_52910\" aria-describedby=\"caption-attachment-52910\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-52910 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_1_2047_0457-1024x649.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"649\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_1_2047_0457-1024x649.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_1_2047_0457-300x190.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_1_2047_0457-768x486.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_1_2047_0457-600x380.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2752_2021\u00a9-Joris-Jan-Bos_online_1_2047_0457.jpg 1181w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-52910\" class=\"wp-caption-text\">27\u201952\u201d \u00a9 Joris Jan Bos<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zu Beginn f\u00e4ngt die Totale den Raum ein und definiert damit den Rahmen. Ein paar verlorene T\u00f6ne schwirren \u00fcber die B\u00fchne. Ihnen folgen sechs T\u00e4nzerInnen, \u00e4hnlich orientierungslos, in einer Art Warm-Up. Nach dieser Einleitung steht ein Paar im Fokus, deren tanzende K\u00f6rper nur vom Hals abw\u00e4rts zu sehen sind, denn \u00fcberraschend senkt sich wie aus dem Nichts von oben eine bewegliche, wei\u00dfe Trennwand vor ihnen herab. Aus gro\u00dfer N\u00e4he und geradezu intimen Gesten\u00a0 entwickelt sich zwischen den beiden eine zunehmende Distanz, so erkundet er beispielsweise ihren K\u00f6rper, indem er mit seiner Hand in einem Abstand von rund zehn Zentimetern ihre Konturen nachzeichnet. Die akustische Ebene dominiert sodann eine m\u00e4nnliche Stimme, ein Gedicht zitierend, w\u00e4hrend der m\u00e4nnliche Part des (nun nicht mehr existierenden) Paares zum r\u00fcckw\u00e4rts abgespielten, jetzt unverst\u00e4ndlichen Text ein Solo zelebriert. Sie ist zuvor in eine hintere Ecke geflohen, wo sie einen breiten Streifen des wei\u00dfen, ebenfalls weichen Bodenbelags hochhebt. Er folgt ihrem Beispiel \u2013 und sie wendet sich einem neuen Mann zu.<\/p>\n<p>Diese Motive werden im Folgenden variantenreich wiederholt: Die Musik von Dirk Haubrich wurde f\u00fcr dieses Werk komponiert, er l\u00e4sst sich durch die Ur-Version von Gustav Mahlers 10. Sinfonie zu einer Bearbeitung inspirieren. Hinzu kommt immer wieder gesprochener Text in deutscher, englischer und franz\u00f6sischer Sprache, jeweils vor- und r\u00fcckw\u00e4rts ablaufend, und der biegsame Bodenbelag wird auf verschiedene Weise einbezogen \u2013 als Schutzschild, Umhang, Grenze, un\u00fcberwindliches Hindernis oder auch, um sich darunter zu verstecken. Einem Paar zieht es konkret den Boden(Belag) unter den F\u00fc\u00dfen weg, doch sie reagieren spielerisch und wissen sich mit Spr\u00fcngen und Gewichtsverlagerungen zu retten. Das finale Pas de Deux, in dem Mann und Frau mit nacktem Oberk\u00f6rper tanzen, bekommt durch ihre Barbusigkeit, aber auch aufgrund sanfter Ber\u00fchrungen an den Oberschenkeln eine erotische Konnotation. Schlie\u00dflich klatschen mit lautem Knall lange Streifen des Bodenbelags aus dem Schn\u00fcrboden auf die B\u00fchne \u2013 die Welt ist und bleibt unberechenbar. Davon erz\u00e4hlen auch die wechselvollen Beziehungen in Kyli\u00e1ns Choreografie: Die einzig verl\u00e4ssliche Gr\u00f6\u00dfe in unserem Leben ist Unsicherheit.<\/p>\n<figure id=\"attachment_52912\" aria-describedby=\"caption-attachment-52912\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-52912\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_7.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_7.jpg 1000w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_7-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_7-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_7-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-52912\" class=\"wp-caption-text\">THE BIG CRYING \u00a9 Rahi Rezvani<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach einer Pause von wenigen Minuten beginnt die Urauff\u00fchrung von Marco Goeckes<em> The Big Crying<\/em>\u00a0mit einem Feuer: Flammen z\u00fcngeln am oberen Ende eines Stabs im B\u00fchnenhintergrund. Vorne steht ein Mann, mit dem R\u00fccken zu Publikum. Nach und nach hasten einzelne Menschen aus der Dunkelheit hinter dem Feuerstab auf ihn zu, bespringen ihn und huschen alsbald zur\u00fcck in das Schwarz der B\u00fchnentiefe. Erst wenig sp\u00e4ter sind individuelle Gesichter und die einheitliche Kleidung zu erkennen: schwarze Hosen und ein Oberteil, das aus unz\u00e4hligen schmalen schwarzen Streifen besteht. Musikalisch dominiert die US-amerikanische Singer-Songwriterin Tori Amos, die den Tanz mit f\u00fcnf Songs begleitet und die weiteren Musikst\u00fccke fast vergessen macht. Zu ihren <em>Blood Roses<\/em> wuseln die Tanzenden in rasantem Tempo auf die B\u00fchne und wieder zur\u00fcck ins Dunkel, sodass man an lichtscheue Spinnen denken muss, obwohl alle sich auf zwei Beinen bewegen. Goeckes typische Staccato-Bewegungen scheinen hier im Tempo so gesteigert, dass alles Menschliche von den 19 T\u00e4nzerInnen abf\u00e4llt, mitunter wirken sie wie flinke Insekten, dann in stark reduzierten Gesten wie undefinierbare zappelnde dunkle Materie.<\/p>\n<figure id=\"attachment_52913\" aria-describedby=\"caption-attachment-52913\" style=\"width: 666px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-52913\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_5.jpg\" alt=\"\" width=\"666\" height=\"1000\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_5.jpg 666w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_5-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_5-300x450.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/THE-BIG-CRYING-\u00a9Rahi-Rezvani_online_5-600x901.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-52913\" class=\"wp-caption-text\">THE BIG CRYING \u00a9Rahi Rezvani<\/figcaption><\/figure>\n<p>Doch sobald lautlose Schreie und stummes Lachen ihr Gesicht beherrscht, sind sie als individuelle Pers\u00f6nlichkeiten wahrnehmbar. Nur um bald darauf wie eine Horde Molek\u00fcle zu wirken, die sich nicht recht zum Andocken an verwandte Teilchen entschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Goeckes K\u00f6rpersprache erfordert ein H\u00f6chstma\u00df an Kontrolle und zeitlicher Pr\u00e4zision, und doch l\u00e4sst er seine Protagonisten aussehen, als h\u00e4tten sie jegliche Beherrschung verloren. Absto\u00dfen und Anziehen endet zu einem akustischen Rauschen. Zum Schluss steht wiederum ein Mann mit dem R\u00fccken zum Publikum, w\u00e4hrend Einzelne ihn mit liebevollen oder fl\u00fcchtigen Gesten ber\u00fchren. Der Feuerstab kehrt zur\u00fcck, und in der letzten Szene sitzt ein T\u00e4nzer auf dem Boden, w\u00e4hrend er den Oberk\u00f6rper vorneigt und wieder aufrichtet \u2013 die meditative Ruhe der Bewegung steht in krassem Gegensatz zu seinem weit aufgerissenen Mund.<\/p>\n<p>Ob man Crying mit Schreien oder eher mit Weinen \u00fcbersetzt \u2013 beides hat einen stimmigen Bezug zur Choreografie. Deren Urspr\u00fcnge gehen zur\u00fcck auf den Herbst 2020, kurz nachdem Marco Goeckes Vater verstarb. Aus dieser Kausalit\u00e4t macht der Choreograf gar keinen Hehl. Die ruckartigen Bewegungen und die Verkrampfungen der Gliedma\u00dfen lassen mitunter den Eindruck entstehen, als l\u00f6sten sich die K\u00f6rper im Schmerz auf. Ein \u00e4u\u00dferst eindringliches Werk, das eine ebenso gro\u00dfe Faszination wie Verst\u00f6rung zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dagmar Ellen Fischer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes der beiden Werke f\u00fcr sich allein ist schon eine Sensation. Zu einem Abend geb\u00fcndelt, ergeben sie grandiose 65 Minuten Tanz: Ji\u0159\u00ed Kyli\u00e1ns Choreografie 27\u201952\u201d aus dem Jahr 2002 und The Big Crying, dem j\u00fcngsten Werk von Marco Goecke, f\u00fcgen sich so organisch zum Doppelabend Souls made apparent zusammen, als ob sie f\u00fcreinander gemacht w\u00e4ren. 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