{"id":52862,"date":"2021-03-12T16:31:18","date_gmt":"2021-03-12T16:31:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=52862"},"modified":"2026-04-16T11:33:35","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:35","slug":"mit-unbestechlichem-sinn-fuer-eleganz-detailschaerfe-und-humor-zum-tod-der-choreografin-und-regisseurin-ute-raab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/mit-unbestechlichem-sinn-fuer-eleganz-detailschaerfe-und-humor-zum-tod-der-choreografin-und-regisseurin-ute-raab\/","title":{"rendered":"\u201eMit unbestechlichem Sinn f\u00fcr Eleganz, Detailsch\u00e4rfe und Humor\u201c. Zum Tod der Choreografin und Regisseurin Ute Raab"},"content":{"rendered":"<p>An diesen unbestechlichen Sinn f\u00fcr Eleganz, Detailsch\u00e4rfe und Humor, der die Arbeit mit der Choreografin und Regisseurin Ute Raab, die vergangenem Sonnabend im Alter von 56 Jahren ihrem Krebsleiden erlag, erinnert der Dresdner K\u00fcnstler Tobias Herzz Hallbauer. Der Musiker, S\u00e4nger und vor allem kreativ Grenzen der Genres\u00a0 verbindende K\u00fcnstler lernte Ute Raab 1997 am Staatsschauspiel kennen. Hier geh\u00f6rte sie als Choreografin, die es in besonderer Weise vermochte genau jene Bewegungsformen zu entwickeln, die Schauspielerinnen und Schauspieler, S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger zum Tanzen brachten und dennoch individuell authentisch zu bleiben. Er war dabei, wird sich gerne erinnern: \u201eDie sch\u00f6ne Helena\u201c im Gro\u00dfen Garten, die Filmadaption \u201eClockwork Orange\u201c im Schauspielhaus, \u201eI hired a Contract Killer\u201c von Aki Kaurism\u00e4ki im TIF &#8211; Theater in der Fabrik. Da war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Klaus Dieter Kirst, \u201eDas kalte Herz\u201c nach Hauff oder Anton Tschechows \u201eDer Kirschgarten\u201c. Am Kleinen Haus machte nicht zuletzt ihre Mitarbeit die B\u00fchnenfassung von Hermann Hesse \u201eDer Steppenwolf\u201c zum Erfolg.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 F\u00fcr Tobias Herzz Hallbauer begann die \u201erichtige\u201c Zusammenarbeit mit Ute Raab 2017 bei freien Produktionen, wie z.B. der Theaterfassung nach dem Film \u201eDer Himmel \u00fcber Berlin\u201c.<\/p>\n<p>An den Landesb\u00fchnen folgte als eine der letzten Inszenierungen mit ihr \u201eDer gestiefelte Kater\u201c. Im vergangenen Jahr, schon stark von der Krankheit gezeichnet, in intensiver Therapiephase, noch eine intensive Zusammenarbeit im Dresdner Zentralwerk, das Monologst\u00fcck \u201eDer Trinker\u201c nach Fallada. Das war ihr Abschied von der B\u00fchne.<\/p>\n<p>So wie sich Tobias Herzz Hallbauer an diese letzte Phase ungebrochener Kreativit\u00e4t erinnert, so auch Stefan Wiel, seit 2003 Ausstattungsleiter an den Landesb\u00fchnen Sachsen, an die erste choreografische Arbeit von Ute Raab, 1986, am Theater in Bautzen. Diese Choreografie f\u00fcr die Oper \u201eDie verkaufte Braut\u201c war die Diplomarbeit f\u00fcr die Hallenserin nach erfolgreichem Choreografiestudium an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig.<\/p>\n<p>Bis heute erinnert sich Stefan Wiel daran, dass die Absolventin v\u00f6llig professionell einstieg, sich sofort als \u201edramaturgisch denkende Choreografin mit einem klaren Gef\u00fchl f\u00fcr t\u00e4nzerische Momente als auch f\u00fcr die Gesamtwirkung der Inszenierung\u201c, einbrachte.<\/p>\n<p>Immer wieder, so Wiel, den bald eine eine pers\u00f6nliche Freundschaft mit ihr verband, brachte Ute Raab in die auch vor allem an den Landesb\u00fchnen folgenden, gemeinsamen Arbeiten ihr \u201egutes Gef\u00fchl f\u00fcr \u00e4sthetisches Zusammenspiel von Bewegung, Musik und Bild\u201c, ein. Das erwies sich auch in der Zusammenarbeit mit Jan Michael Horstmann, der es wagte als Dirigent und Regisseur eines der anspruchsvollsten Werke barocker, franz\u00f6sischer Operntradition auf die Radebeuler B\u00fchne zu bringen ohne auf die f\u00fcr dieses Genre so typische Ballettmusik zu verzichten, mehr noch, auf den Tanz: \u201eM\u00e9d\u00e9e\u201c von Marc-Antoine Charpentier. Das war nur m\u00f6glich, so angesichts ihres Todes, Jan Michael Horstmann, am Telefon, in der Zusammenarbeit mit einer Choreografin wie Ute Raab. Sie verstand es eben ganz der Musik entsprungene Bewegungen zu kreieren, die f\u00fcr ihn in der lebendiger Erinnerung, auch an den Humor der Ute Raab eigen war, \u201ePina Bausch und Ludwig Ludwig XIV zusammen treffen lie\u00dfen\u201c.<\/p>\n<p>Bald wurde man auch au\u00dferhalb Dresdens auf Ute Raab aufmerksam, die nach ihren Jahren von 1993 bis 1997 als Chefchoreografien am Theater in Plauen, wo sie auch die Tanztage begr\u00fcndete, sich im besten Sinne des Wortes frei machte, und sich bald als Choreografin oder Regisseurin, mehr noch wenn sie beide K\u00fcnste vereinen konnte, einen Namen machte. Bald wurde sie an bedeutende B\u00fchnen wie Krefeld-M\u00f6nchengladbach, Schauspiel Bonn und Frankfurt, nach Oberhausen oder als Dozentin an die Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst in Graz verpflichtet und kehrte als Lehrende an die Leipziger Theaterhochschule zur\u00fcck. In Leipzig erhielt sie auch 2006 den Sonderpreis der euro-scene f\u00fcr \u201eDas beste deutsche Tanzsolo\u201c. Mit einer Arbeit, die weithin mit Begeisterung wahrgenommen wurde, kreierte sie zun\u00e4chst am Thalia-Theater ihrer Heimatstadt Halle das St\u00fcck ohne Wort, \u201eDas Ballhaus\u201c nach \u201eLe Bal\u201c, 1983 am Theatre du Champagnol in Paris uraufgef\u00fchrt, weltber\u00fchmt geworden durch die Verfilmung von Ettore Scola. Ute Raab nannte dieses St\u00fcck eine \u201ePerle\u201c der Theatergeschichte. F\u00fcr diese 80 Jahre der Geschichte eines Ballhauses, mit H\u00f6hen und Tiefen, mit Pracht und Armseligkeit, mit der Kunst ohne Worte Menschen unterschiedlichster Art zusammenzuf\u00fchren, sich verlieren zu lassen, sich zu lieben, zu verlassen, Verklemmte, Exaltierte, Denunzianten, Ganoven, Sch\u00fcchterne und Draufg\u00e4nger, konnte sie in der Zusammenarbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern die ungeahnte Weite der Facetten des Ausdrucks durch den Tanz im Zusammenklang mit Musik und Raum erkunden. Ute Raab sagte dazu, dass Menschen, wenn sie im Alltag belastet seien, \u201eTanzformen entwickeln, die befreiend sind.\u201c<\/p>\n<p>Und an diese befreienden Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Ute Raab erinnert sich auch die S\u00e4ngern Iris Stefanie Meier, mit der sie das St\u00fcck f\u00fcr eine Frau \u201eHeute Abend Lola Blau\u201c mit der Musik von Georg Kreisler 2017 im Kulturbahnhof Radebeul-Ost inszenierte. Die Krankheit war schon fortgeschritten, der Probenbeginn wurde verlegt, und dennoch, so die S\u00e4ngerin, \u201eWir legten beide unsere ganze Seele in diese Produktion, wir haben jedes Wort herausgearbeitet, jede Art von \u00c4u\u00dferlichkeiten wurde vermieden, selbst die Haltung des kleinen Fingers wurde korrigiert, wenn es aus ihrer Sicht n\u00f6tig war.\u201c Und ihrer Sicht konnte sich Iris Stefanie Meier ganz sicher anvertrauen. Bei allem, auch das ist lebendig in der Erinnerung, den Humor hatte Ute Raab nie verloren, der machte sie stark. Lie\u00df sie mit den immer st\u00e4rker sp\u00fcrbaren Belastungen der Krankheit umgehen und dennoch nach anstrengenden Therapien \u201egut gelaunt und voller Energie\u201c auf sie Probe kommen. An eine Nachricht, deren Text diese dankbare R\u00fcckschau auch beenden soll, erinnert sich Iris Stefanie im genauen Wortlaut, den sie ihr einmal schrieb: \u201eLiebe Iris! Bin aus der Praxis raus. Komme 10.48 Uhr Bahnhof Neustadt an. Sammelst Du mich ein und dann fahren wir singend, den Krankenh\u00e4usern und \u00c4rzten entfliehend, auf unsere Probe!!! Liebsten Gruss, Ute.\u201c<\/p>\n<p>Boris Gruhl<\/p>\n<figure id=\"attachment_52863\" aria-describedby=\"caption-attachment-52863\" style=\"width: 576px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-52863\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2020-August-576x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"576\" height=\"1024\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-52863\" class=\"wp-caption-text\">Ein letztes Foto: Ute Raab im August 2020 (Quelle Privat)<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An diesen unbestechlichen Sinn f\u00fcr Eleganz, Detailsch\u00e4rfe und Humor, der die Arbeit mit der Choreografin und Regisseurin Ute Raab, die vergangenem Sonnabend im Alter von 56 Jahren ihrem Krebsleiden erlag, erinnert der Dresdner K\u00fcnstler Tobias Herzz Hallbauer. 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