{"id":52820,"date":"2021-03-01T17:17:14","date_gmt":"2021-03-01T17:17:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=52820"},"modified":"2026-04-16T11:33:35","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:35","slug":"lieben-ueber-die-angst-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/lieben-ueber-die-angst-hinaus\/","title":{"rendered":"Lieben \u00fcber die Angst hinaus"},"content":{"rendered":"<h2>Marco Goeckes Choreografie \u201eDer Liebhaber\u201c vertieft die\u00a0 literarische Vorlage von Marguerite Duras<\/h2>\n<p>Ungew\u00f6hnlich schon, aber au\u00dfergew\u00f6hnlich derzeit eben nicht. Die erste Urauff\u00fchrung eines Handlungsballetts von Marco Goecke als\u00a0 k\u00fcnstlerischem Direktor beim Staatsballett in Hannover musste mehrfach verschoben werden. Die Gr\u00fcnde sind bekannt. Nun gibt es Goeckes neueste Kreation online zu erleben. Das ist gut so. Die Zahl der Liebhaber und Liebhaberinnen seines so au\u00dfergew\u00f6hnlichen wie expressiven und dennoch immer auch zutiefst verinnerlichten Tanzstiles d\u00fcrfte sich erweitern.<\/p>\n<p>Marco Goecke w\u00e4hlt f\u00fcr sein Ballett die Erz\u00e4hlung \u201eDer Liebhaber\u201c von Marguerite Duras, 1984, im Alter von 70 Jahren verfasst, gern als autobiografischer Text bezeichnet. Es handelt sich aber eher um ein autobiografisches W\u00fcrfelspiel, eine Mischung aus ganz sicher biografisch konnotierten Wunsch- und Traumbildern, in dem man sich besser zurecht finden kann, wenn man sich zuvor \u00fcber die Biografie der 1996, im Alter von 82 Jahren verstorbenen Autorin informiert hat. Schreiben bedeute f\u00fcr sie, so Duras, eine Krise zu durchstehen. In der Erz\u00e4hlung der \u201eLiebhaber\u201c geht es u.a. vor allem darum als 15j\u00e4hrige junge Franz\u00f6sin im damaligen Indochina, heute Vietnam, mehrere Krisen zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Da ist die Familie mit der psychisch unzuverl\u00e4ssigen Mutter, dem j\u00fcngeren Bruder, der fr\u00fch sterben wird, dem \u00e4lteren, der in Spielsucht, Alkohol- und Drogenexzessen untilgbare Schulden anh\u00e4uft, zu dem die Mutter aber immer stehen wird. Das vermisst die F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Gymnasiastin, gerade in der Zeit des ersten erotischen Erwachens, verunsichert wie auf der F\u00e4hre in der Mitte eines unaufhaltbaren Flusses, dessen Strom sich auf das offene Meer zu bewegt. Kein Zur\u00fcck zum verlassenen Ufer, das andere noch nicht in Sicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_52822\" aria-describedby=\"caption-attachment-52822\" style=\"width: 930px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-52822 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/imgtoolkit.culturebase.org_.jpg\" alt=\"\" width=\"930\" height=\"620\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/imgtoolkit.culturebase.org_.jpg 930w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/imgtoolkit.culturebase.org_-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/imgtoolkit.culturebase.org_-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/imgtoolkit.culturebase.org_-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 930px) 100vw, 930px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-52822\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Der Liebhaber&#8221; Alle Fotos Staatsoper Hannover\/Ralf Mohr<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und dann diese schicksalhafte Begegnung mit jenem jungen, aber eben \u00e4lteren Mann, der ihr beim ersten Anblick verf\u00e4llt. Und schon treffen zwei aus ihren Familien Fl\u00fcchtende aufeinander, er will seinen Traditionen wohlhabender chinesischer Vorgaben entkommen, was ihm nicht gelingen wird, sie den ihren. Was ihr insofern m\u00f6glich ist weil sie nach dem Motto handelt, \u201eMein Wille geschehe. Ich sage, wann diese \u201eLiebe\u201c ein Ende hat. Weil ich es will und ich zur\u00fcck gehe nach Frankreich.&#8221;<\/p>\n<p>Als die altgewordene Erz\u00e4hlerin, deren Leben mit H\u00f6hen und grausamsten Abgr\u00fcnden, todesnahen Tiefen sich dem Ende n\u00e4hert, als dieses Leben, dem sie nur entkommen konnte, Kraft jener Erinnerungen, die in der Mitte des Flusses, zwischen den Ufern begannen, dem Ende zugeht, schlie\u00dft sich ein Kreis: Er, der Liebhaber, dessen Leben an der Seite der f\u00fcr ihn bestimmten Frau nur durch die eigens beschworene Sinnest\u00e4uschung, indem er sie im Bild jener jungen Frau auf dem Fluss annimmt, gelingen konnte, ruft sie an. Aus dem fernen China, es sei wie fr\u00fcher, \u201edass er nie aufh\u00f6ren werde sie zu lieben, dass er sie lieben werde bis zu seinem Tod.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-52823\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/ebase.org_.jpg\" alt=\"\" width=\"930\" height=\"620\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/ebase.org_.jpg 930w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/ebase.org_-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/ebase.org_-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/ebase.org_-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 930px) 100vw, 930px\" \/><\/p>\n<p>In Marco Goeckes Choreografie bestimmt der Fluss die genial gestaltete B\u00fchne von Michaela Springer und Marvin Ott im Licht von Udo Haberland. Aus dem nun menschenleeren Raum des Theaters kommt dieser symboltiefe Fluss, flie\u00dft \u00fcber die gesamte Breite der B\u00fchne nach hinten, in die H\u00f6he, eben nicht auf ein Meer des Ertrinkens zu, sondern auf die rettende Imagination der Unendlichkeit des Theaters.<\/p>\n<p>Das Ballett beginnt mit originalen, fern\u00f6stlichen Kl\u00e4ngen, \u201eNostalgique Vietnam\u201c. Und da nehmen zun\u00e4chst die T\u00e4nzer aus Hannover, auch mit h\u00f6rbarem Atem, diese optische und klangliche Verf\u00fchrung an. Sie erkunden ihre Potenziale bewegter Reaktionen der K\u00f6rper, erhalten durch den eigenen Atem der den Kl\u00e4ngen fremder Rhythmen und Sprachfetzen folgt, wie sich scheinbar unaustauschbare kulturelle Selbstverst\u00e4ndnisse in der dynamischen Kraft des Tanzes erg\u00e4nzen k\u00f6nnen. Im Tanz findet eine Reise nach Innen statt. Was aus den innersten Gr\u00fcnden so nach oben dr\u00e4ngt l\u00e4sst das Fremde zum Eigenen werden.<\/p>\n<p>In der Mitte dieses Flusses, in der Erz\u00e4hlung auf einer F\u00e4hre, begegnen sich das M\u00e4dchen und der Mann.<br \/>\nDie Musik hat sich gewandelt. \u201eLa Mer\u201c von Claude Debussy assoziiert die Einsamkeit der Weite, aber auch musikalische Erinnerungen an das Erwachen der K\u00f6rperlichkeit eines Menschen noch fernab aller M\u00f6glichkeiten lebensordnender Strukturen.<\/p>\n<p>Und dann das M\u00e4dchen und der Mann, Sandra Bourdais und Maurus Gauthier, keine Verfremdungen in Sachen Herkunft oder Alter, aber diese immer wieder so ber\u00fchrenden, blitzartigen Zuckungen der K\u00f6rper in den Situationen des Erwachens, der gegenseitigen Wahrnehmungen und daraus sich entwickelnder W\u00fcnsche, Sehns\u00fcchte, Erfahrungen und Entscheidungen. Der Tanz als Entdeckung der N\u00e4he, mit der Kraft ausbrechender Bewegungen aus den Landschaften der K\u00f6rper. Marco Goeckes Tanz als Aufblitzen auch schon wieder verl\u00f6schender Kommunikation der K\u00f6rper bringt so etwas wie die Energie dessen, was nicht aussprechbar ist, hinter den Worten der Erinnerungserz\u00e4hlung, zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Und wenn dann in wildem Ausbruch des Tanzes die Gruppe in bestialisches Lachen ausbricht, dann mutet dies an wie eine Szene des kommentierenden Chores in der antiken Trag\u00f6die.<\/p>\n<p>Und mit einer T\u00e4nzerin wie Sandra Bourdais und Maurus Gauthier gewinnen Goeckes t\u00e4nzerische Symbole der Ekstase mit den Bildern der Fluchten in die fremden K\u00f6rper immer wieder Momente nachvollziehbarer Realit\u00e4ten, wenn auch fern von allem Realismus falsch verstandenen Tanztheaters.<\/p>\n<p>Hin und wieder blitzt auch Humor auf, etwa bei versch\u00e4mten Ber\u00fchrungen, immer aber im Schutz der Musikalit\u00e4t.<\/p>\n<p>So erhalten in der klingenden Umh\u00fcllung der Musik des Adagios aus Maurice Ravels Klavierkonzert vor allem auch Ana Paula Carmago als k\u00fchle Mutter, Rosario Guerra als \u00e4lterer und Giovanni Visione als j\u00fcngerer Bruder fernab aller m\u00f6glicher Verteufelungen jene f\u00fcr diese Kreation so typischen Z\u00fcge der Unausweichlichkeit ihrer existenziellen Wege, also Tragik von ber\u00fchrender Tiefe.<\/p>\n<p>Goecke f\u00e4llt keine Urteile \u00fcber diese \u201eFamilie aus Stein\u201c, wie sie die Autorin nennt. Er gibt den Menschen ihre individuellen Freiheiten der Bewegung in der Abstraktion ihres Tanzes.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-52824\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/culturebase.org_.jpg\" alt=\"\" width=\"930\" height=\"620\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/culturebase.org_.jpg 930w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/culturebase.org_-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/culturebase.org_-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/culturebase.org_-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 930px) 100vw, 930px\" \/><\/p>\n<p>Wenn dann zu den Kl\u00e4ngen von \u201eD\u2019un soir triste\u201c der so jung verstorbenen Komponistin Lili Boulanger sich un\u00fcberh\u00f6rbar Richard Wagners Sehnsucht nach dem \u201eLiebestod\u201c vernehmen l\u00e4sst, geht dieser Tanz in der Mitte des Flusses zu Ende. Der Mann folgt seinem Vater, \u00e4u\u00dferlich, im Innern l\u00e4sst sich die Erfahrung uferloser Weite nicht eind\u00e4mmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das M\u00e4dchen deutet sich die R\u00fcckkehr nach Paris an, losgesagt von der Mutter, angelockt von fernen Kl\u00e4ngen des Vergn\u00fcgens, kaum zu vernehmen, eher zu sp\u00fcren, die so wunderbar rauchige, spr\u00f6de, ganz sicher auch von weiten Erinnerungslandschaften gezeichnete Stimme der Zizi Jeanmarie. Und wenn dazu ein Flowerboy tanzt, der f\u00fcr Momente die Grenzen der Konventionen zu durchbrechen vermag, dann ist das M\u00e4dchen, jetzt endg\u00fcltig zur Frau geworden, angekommen in Paris. Melancholische Walzer von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin lassen einen Hauch von Ruhe aufkommen, endg\u00fcltige Beruhigung aber nicht. Die Bilder des Tanzes, \u201evon unertr\u00e4glicher Pracht\u201c, h\u00f6ren nicht auf und die Versuche, die Liebe zu lieben, auch nicht. Aber auch die Angst, sich in der Mitte dieses Lebensflusses zu verlieren l\u00e4sst sich nicht endg\u00fcltig stillen.<\/p>\n<p>Wenn Marguerite Duras vom, \u201eLieben \u00fcber die Angst hinaus\u201c, spricht dann gelingt dies in der Bildsprache tanzender K\u00f6rper mit dieser Kreation von Marco Goecke und einer ph\u00e4nomenal aufgestellten Ballettkompanie vor allem dadurch, dass hier nichts von allen diesen Assoziationen bebildernd gezeigt wird. Die Kunst dieses Tanzes besteht kraft der individuellen Ausstrahlung aller T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer darin in einer Vielzahl von Facetten eher diese verflixte Suche nach der Kraft intimer N\u00e4he sp\u00fcrbar zu machen.<\/p>\n<p>Und wie dies Oliver T- Becker als Lifeproducer mit Hans-Peter Eckardt, Eric Lehmann, Malte Unger und Sara Mautner an den Kameras an den Bildschirmen erlebbar machen verdient wahrhaft hohe Beachtung.<\/p>\n<p><em>Boris Gruhl<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marco Goeckes Choreografie \u201eDer Liebhaber\u201c vertieft die\u00a0 literarische Vorlage von Marguerite Duras Ungew\u00f6hnlich schon, aber au\u00dfergew\u00f6hnlich derzeit eben nicht. Die erste Urauff\u00fchrung eines Handlungsballetts von Marco Goecke als\u00a0 k\u00fcnstlerischem Direktor beim Staatsballett in Hannover musste mehrfach verschoben werden. Die Gr\u00fcnde sind bekannt. Nun gibt es Goeckes neueste Kreation online zu erleben. 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