{"id":52711,"date":"2021-02-07T15:27:28","date_gmt":"2021-02-07T15:27:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=52711"},"modified":"2026-04-16T11:33:36","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:36","slug":"eine-selbst-geschaffene-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/eine-selbst-geschaffene-welt\/","title":{"rendered":"Eine selbst geschaffene Welt"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Goyo Montero schuf mit Hans Hadulla einen Tanzfilm: &#8220;\u00dcber den Wolf&#8221;<\/strong><\/h3>\n<p>\u201eAngst essen Seele auf\u201c, hei\u00dft ein ber\u00fchmter Film des deutschen Regisseurs\u00a0 Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Auch wenn dort v\u00f6llig anders von sozialer Ausgrenzung Fremder erz\u00e4hlt wird, k\u00f6nnte sein Titel auch Goyo Monteros neueste Sch\u00f6pfung \u201e\u00dcber den Wolf\u201c kommentieren. Seit 27. Dezember ist das knapp einst\u00fcndige Werk von Regisseur Hans Hadulla und dem Kamerateam des BR Klassik im digitalen Fundus des Staatstheaters N\u00fcrnberg und auf der Webpage des BR Klassik abrufbar, zudem auf Youtube. Doch was ist \u201e\u00dcber den Wolf\u201c? Ein Tanzfilm? Eine gefilmte Schauspiel-Performance mit Tanz? Eine getanzte Installation mit\u00a0 einem gro\u00dfartig monologisierenden Schauspieler? Oder eine \u00e4sthetisierte Dokumentation dar\u00fcber wie Montero und das Ballett des Staatstheater N\u00fcrnberg die vergangenen zw\u00f6lf Monate erlebt und f\u00fcr sich k\u00fcnstlerisch verarbeitet haben? Oder schlicht eine wunderbare neue Tanzpremiere, die wegen Corona nicht sein durfte? \u2013 Wahrscheinlich alles. Sechs Wochen sind seit der Online-Premiere vergangen. Knapp 10.000 Klicks verzeichnete das Werk allein \u00fcber die Seiten, die das Staatstheater betreut, und es ist weiterhin abrufbar. Jederzeit. Szene f\u00fcr Szene. Das neue Erleben von Tanz erfolgt heute zerst\u00fcckelt. Das liegt aber auch an der ungeheuren Komplexit\u00e4t von \u201e\u00dcber den Wolf\u201c und es f\u00fchrt zum Nachdenken dar\u00fcber, wie es vor Conora war. Noch vor einem Jahr erlebte man eine Tanzauff\u00fchrung live und meistens nur einmal und man trug das, was sie in vielleicht neunzig Minuten in einem ausgel\u00f6st hatte, \u00a0als Nachhall in der eigenen Erinnerung in die jeweils neue Gegenwart. Der Rest, die vielen Details, waren schnell vergessen. Das ist jetzt anders. Das kontinuierliche in Gang setzen des Films verkn\u00fcpft sich mit der fortdauernden Pr\u00e4senz der Pandemie. Jedes neue Aufrufen lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Detail \u2013 mal die Sprache, mal die Atmosph\u00e4re, mal den Handlungsfortgang. F\u00fcr den Tanz, der mal live war und dessen K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler seit Wochen schon wieder nicht in ihren Beruf aus\u00fcben d\u00fcrfen, ist das eine Schande.<\/p>\n<p>Die Pandemie geisselt weiterhin das Kulturleben Deutschlands. Anstelle der K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler haben sich die Medien in einen vielstimmigen Chor verwandelt. Tagein, tagaus stimmen sie mit unz\u00e4hligen Solisten aus allen Teilen der Gesellschaft ein mehrteiliges Gesamtkunstwerk an, in dem Gefahren, Verluste und Chancen zu Hauptmotiven geworden sind.<\/p>\n<p>\u00dcber Monate hat Montero wie viele andere seiner Kollegen\u00a0 sehr wach diesem neuen Massenkonzert zugeh\u00f6rt. \u201e\u00dcber den Wolf\u201c ist sein Statement. Sein Spiegel nach au\u00dfen. Es ist ein dunkler Spiegel, einer, der das Vedr\u00e4ngte zeigt, die Schatten, das Verborgene, das nach au\u00dfen Projizierte um es selbst nicht sehen zu m\u00fcssen: den paranoiden Umgang mit der Angst. \u201eWovor hast Du Angst? Wovor f\u00fcrchtest Du Dich am meisten?\u201c fragt er auch sodann zu Beginn des Films w\u00e4hrend man ihm am Bildschirm hinein in das Opernhaus folgt. Mit ihm die G\u00e4nge entlang wandert. Leere Balletts\u00e4le betritt, um sich warm machende T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer zu streifen. Sp\u00e4ter sitzen sie in der Maske, danach fertig f\u00fcr den Auftritt backstage. Der Vorhang hebt sich. Der Blick f\u00e4llt in das leere Parkett, und mit Montero klettert man weiter bis hoch in den Schn\u00fcrboden, w\u00e4hrend seine innere Stimme nie aufh\u00f6rt, weiter davon zu erz\u00e4hlen, wie und warum \u201e\u00dcber den Wolf\u201c in Anlehnung an Prokofjews ber\u00fchmtes Kinderkonzert\u00a0 \u201ePeter und der Wolf\u201c entstanden ist: als Versuch, \u201eVereinsamung, Angst, Entfremdung und Furcht auszudr\u00fccken\u201c; als M\u00f6glichkeit von einem Menschen zu erz\u00e4hlen, der leidet. Der Stimmen im Kopf hat. Der nicht mehr bei sich ist. Der alles nach au\u00dfen wendet, bis es ihm gelingt, \u201eden Wolf\u201c als jene Welt zu erkennen, die er selbst erschaffen habe. Auf die Pandemie gewendet, wiederholt Montero eine Wahrheit, die er seit seiner wegweisenden \u201eNussknacker\u201c-Interpretation in seiner \u00c4sthetik als Hauptmotiv etabliert hat: dass wir alle eins und jeder sind und die Freiheit besitzen zu handeln. Mit \u201e\u00dcber den Wolf\u201c verwandelt Montero das H\u00f6rst\u00fcck f\u00fcr Kinder so in Zusammenarbeit mit seinem Team nicht nur in ein sinnlich-packendes Psychodrama, sondern auch in ein zuk\u00fcnftiges Mahnmal, wenn wir einmal auf diese Zeit zur\u00fcckblicken werden. Es wird sich zeigen, ob sich die dort gezeigte Utopie, die am Schluss zu sehen ist, realisiert haben wird. Die B\u00fchne leuchtet frei und offen. Kraftvoll tanzt das gesamte Ensemble, von oben gefilmt, zusammen, mutig und mit offenem und fr\u00f6hlichem Gesicht nach vorne laufend.<\/p>\n<figure id=\"attachment_52712\" aria-describedby=\"caption-attachment-52712\" style=\"width: 724px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-52712\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-724x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"724\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-724x1024.jpg 724w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-768x1086.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-1086x1536.jpg 1086w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-1448x2048.jpg 1448w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-300x424.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-600x849.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Staatstheater-Nuernberg_2020_21_Ballett_Ueber-den-Wolf_UA_Peter_und_der_Wolf_FINAL_c_Oliver_Schuck-scaled.jpg 1810w\" sizes=\"auto, (max-width: 724px) 100vw, 724px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-52712\" class=\"wp-caption-text\">Motiv von Oliver Schuck<\/figcaption><\/figure>\n<p>Kammerschauspieler Thomas Nunner liefert in dem zun\u00e4chst d\u00fcster und beklemmend startenden Film eine gro\u00dfartige Performance. Atemlos verfolgt man immer wieder in Nahaufnahmen sein W\u00fcten, S\u00e4useln, Sprechen, Schimpfen, Jammern, Beharren und Zaudern. Ohne Pause wechselt er von einer Sprechrolle in die n\u00e4chste und intoniert so die unterschiedlichsten Erfahrungen, Meinungen, W\u00fcnsche, Gef\u00fchle und Sehns\u00fcchte, die Montero, der auch das Libretto geschrieben hat, Peter, der Katze, dem Vogel, dem Gro\u00dfvater und der Ente in den Mund gelegt hat. Es sind harte, die Dinge ansprechende S\u00e4tze auch \u00fcber die Wohlstandsgesellschaft, in der die Bedingungen f\u00fcr den \u00dcberlebenskampf gegenseitig aufgerechnet werden.<\/p>\n<p>Hinter Nunner oder um ihn verschieben sich permanent W\u00e4nde, zwischen denen die Prokowjewschen Figuren tanzend auftauchen: Olga Garcia als Peter, Andy Fernandez als Ente, Lucas Axel als Katze Sofie Vervaecke als Vogel und Oscar Alonso als m\u00fcrrischer, alles Verbietende Gro\u00dfvater. Tanz- und Sprechszenen laufen oft parallel. Dann repr\u00e4sentiert der Tanz die Sprache und vermag doch, zus\u00e4tzlich eigene Bilder zu schaffen, die die Sprache wiederum \u00fcbersteigen. \u201e\u00dcber den Wolf\u201c experimentiert insofern mit den Grenzen der Kunstformen. Gro\u00dfartig ist der inszenierte Raum: ein unwirtlicher klaustrophobischer Niemandsort, an dem \u00a0Quader unterschiedliche R\u00e4ume, W\u00e4nde und Mauern bilden, bis Peter sie endlich vermag umzusto\u00dfen. Manchmal wirken sie auch wie Grabplatten. Den passenden Sound lieferte wie gewohnt der Kanadier Owen Bolten. Hart verkanten sich auch seine metallisch klingenden Klangr\u00e4ume mit den Melodien Prokofjews. Wer es erleben will, klickt <a href=\"https:\/\/www.br.de\/mediathek\/video\/ballett-online-urauffuehrung-ueber-den-wolf-von-goyo-montero-av:5fa3a6f64bcdfb001a6e617f\">HIER.<\/a><\/p>\n<p><em>Alexandra Karabelas<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goyo Montero schuf mit Hans Hadulla einen Tanzfilm: &#8220;\u00dcber den Wolf&#8221; \u201eAngst essen Seele auf\u201c, hei\u00dft ein ber\u00fchmter Film des deutschen Regisseurs\u00a0 Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Auch wenn dort v\u00f6llig anders von sozialer Ausgrenzung Fremder erz\u00e4hlt wird, k\u00f6nnte sein Titel auch Goyo Monteros neueste Sch\u00f6pfung \u201e\u00dcber den Wolf\u201c kommentieren. Seit 27. 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