{"id":52479,"date":"2020-12-20T16:01:04","date_gmt":"2020-12-20T16:01:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=52479"},"modified":"2026-04-16T11:33:37","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:37","slug":"weisser-schwan-schwarzer-schwan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/weisser-schwan-schwarzer-schwan\/","title":{"rendered":"Wei\u00dfer Schwan, schwarzer Schwan"},"content":{"rendered":"<h3>Zum Disput ums Schminken beim Staatsballett Berlin.<\/h3>\n<p>Die feuilletonistischen Wogen schlagen derzeit hoch \u00fcber dem Staatsballett Berlin zusammen. Vornehmlich Journalistinnen holen in ihren Beitr\u00e4ge weit aus, andere legen emp\u00f6rt nach. Was ist geschehen? Eine schwarze Gruppent\u00e4nzerin soll sich f\u00fcr die Vorstellungen von \u201eSchwanensee\u201c entgegen ihrem Willen wei\u00df schminken, wie es im \u00fcbrigen ihre wei\u00dfen Kolleginnen auch tun. Es geht hier nicht darum, Hautfarbe zu vertuschen, sondern sich in den Dienst einer Rolle zu stellen. Wei\u00dfe Schw\u00e4ne sind in diesem Ballett jene fahlen Geisterwesen, denen der Zauberer Rotbart nur des Nachts gestattet, in ihre menschliche Gestalt zur\u00fcckzukehren. Schauen wir uns diesen Klassiker etwas genauer an. Sein Grundkonflikt besteht im Widerpart von wei\u00dfem Schwan und schwarzem Schwan. Odile, der schwarze Schwan, ist das Trugbild, das Rotbart kreiert, um Siegfried zum Treuebruch am wei\u00dfen Schwan zu verf\u00fchren, was auch gelingt und Odettes Tod an gebrochenem Herzen zur Folge hat.<\/p>\n<p>W\u00fcrde unter den wei\u00dfen Schw\u00e4nen eine sichtbar schwarze T\u00e4nzerin auftreten, lie\u00dfe das den weniger erfahrenen Besucher sofort schlussfolgern: Aha, das ist also der schwarze Schwan, der sich schon mal heimlich unter die wei\u00dfen Schw\u00e4ne gemischt hat. Und wenn dann nicht diese T\u00e4nzerin, sondern sp\u00e4ter eine wei\u00dfe als Odette auftaucht, dann bricht das dramaturgische Konstrukt des Balletts endg\u00fcltig zusammen. W\u00e4re wiederum der schwarze Schwan auch mit einer schwarzen T\u00e4nzerin besetzt, lie\u00dfe sich das als Rassismus deuten: gut also gleich wei\u00df, schwarz gleich b\u00f6se. Bei keinem anderen Klassiker, ob \u201eGiselle\u201c, \u201eLa Bayad\u00e8re\u201c oder \u201eDornr\u00f6schen\u201c, ist mithin die Besetzung der Rollen so diffizil. Denn treulos vor der Hochzeit in den Tod getriebene Br\u00e4ute etwa in \u201eGiselle\u201c m\u00fcssen nicht zwingend wei\u00df sein, und Tempelt\u00e4nzerinnen im &#8211; zugegebenerma\u00dfen &#8211; Fantasie-Indien der \u201eBayad\u00e8re\u201c sind in diesem Vielv\u00f6lkerstaat durchaus auch von unterschiedlicher Hautfarbe.<\/p>\n<p>Wenn andrerseits das komplett schwarz besetzte Dance Theatre of Harlem einen \u201eSchwanensee\u201c inszeniert, stimmt die innere Logik dieses Balletts auf ganzer Linie. Es w\u00e4re also unsinnig zu behaupten, das in Europa erfundene Ballett sei ausschlie\u00dflich Wei\u00dfen vorbehalten. Nur eben geht es sehr wohl um inhaltlich-dramaturgische Stringenz der Werke, und die hat nichts mit der Hautfarbe zu tun, wohl aber mit dem Dienst an der jeweiligen Rolle. Bei \u201eOthello\u201c-Balletten beispielsweise bietet sich die Besetzung der Titelfigur mit einem schwarzen T\u00e4nzer ebenso an, wie ein wei\u00dfer Darsteller denkbar ist, dann in seiner Au\u00dfenseiterposition eben anderweitig charakterisiert, wie das etwa Arila Siegert in ihrer Kreation \u201eOthello und Desdemona\u201c 1988 an der Komischen Oper Berlin getan hat. F\u00fcr beide Auffassungen existieren gen\u00fcgend weitere praktische Realisierungen.<\/p>\n<p>Um auf das Staatsballett Berlin zur\u00fcckzukommen. Was der besagten T\u00e4nzerin \u00fcber dieses eine Ballett hinaus widerfahren ist und ob ihr die St\u00fcckkonstellation verst\u00e4ndlich vermittelt wurde, ist eine andere, \u00fcber k\u00fcnstlerische Aspekte hinausreichende Frage. Und die ist innerhalb der Kompanie b\u00fcndig zu kl\u00e4ren. Rassismus hat in keinem ohnehin multinational besetzen Ensemble Platz. Denn der Tanz ist eine der Kunstgattungen, in denen Internationalit\u00e4t allerorts aktiv und erfolgreich gelebt wird.\u00a0 Dieses Privileg darf und wird um keinen Preis verlorengehen.<\/p>\n<p><em>Ihr <\/em><em>Volkmar Draeger ,<br \/>\nChef-Redakteur<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Disput ums Schminken beim Staatsballett Berlin. Die feuilletonistischen Wogen schlagen derzeit hoch \u00fcber dem Staatsballett Berlin zusammen. 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