{"id":51753,"date":"2020-06-29T10:49:15","date_gmt":"2020-06-29T10:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=51753"},"modified":"2026-04-16T11:33:42","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:42","slug":"die-beruehrung-der-unberuehrbaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/die-beruehrung-der-unberuehrbaren\/","title":{"rendered":"Die Ber\u00fchrung der Unber\u00fchrbaren"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Premiere \u201eChanges\u201c mit Urauff\u00fchrungen von Damian Gm\u00fcr (\u201e45\u201c) und Odbayar Batsuuri (\u201eFalling Faces\u201c)<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es sind ungewohnte, lang nicht geh\u00f6rte Ger\u00e4usche im gro\u00dfen Saal des Stadttheaters. Die Klatscher werden aber gleich wieder unterbunden. Applausverbot. Das Corona-Virus k\u00f6nnte ja geweckt werden. Das w\u00e4re schade, dringen doch die ersten zarten Kulturtriebe aus dem dichten Deckel des Lockdowns. Also Vorhang auf, Mundschutz runter. F\u00fcr \u201eChanges\u201c \u2013 gegliedert in zwei Teile. Einmal ist es die Kooperation mit der Palucca Hochschule Tanz Dresden, die den Absolvent Odbayar Batsuuri mit seiner Choreografie-Abschlussarbeit \u201eFalling Faces\u201c auf die Pforzheimer B\u00fchne sp\u00fclt. Zum anderen ist es der stellvertretende Ballettchef Damian Gm\u00fcr aus dem eigenen Haus mit seinem dritten St\u00fcck \u201e45\u201c.<\/p>\n<p>Changes also &#8211; die Dinge \u00e4ndern sich. Auch das Ballett in Pforzheim. Sowieso und st\u00e4ndig. Gerade jetzt. Es passt sich an, \u201emutiert\u201c wie das Virus. Muss es auch. Die von Damian Gm\u00fcr schon vor Corona zum Thema gemachte \u201eSchutzzone\u201c eines jeden einzelnen Menschen \u2013 die besagten, wissenschaftlich erwiesenen 45 Zentimeter \u2013 bekommen eine ganz neue Bedeutung. Und sie muss auch neu reflektiert werden in Corona-Zeiten.<\/p>\n<p>Es geht los \u2013 mit 99 Zuschauern im gro\u00dfen Saal des Pforzheimer Theaterhauses. Ungewohnte Ger\u00e4usche bohren sich zun\u00e4chst in die Ohrmuscheln, ersch\u00fcttern das Trommelfell, versetzen in Alarmstimmung. Erster Akt: Der aus der Mongolei stammende Odbayar Batsuuri startet seine Choreografie \u201eFalling Faces\u201c mit Schl\u00e4gen wie die einer Kirchturmuhr. Und mit Dunkelheit. Hat die letzte Stunde geschlagen? Ist der Weltuntergang nahe? Schemenhaft erst und nachher im glei\u00dfenden Licht agierend wird eine Gruppe sichtbar. Ein Trupp Maler mit lockeren Arbeitshosen, bunten Hemden? Uniform, gleichf\u00f6rmig wirkt das. Erst nach einigen zwischen flie\u00dfend und stockend changierenden Bewegungsabl\u00e4ufen sch\u00e4len sich Individuen heraus. Individuen, die mit ihren H\u00e4nden ihr Gesicht verbergen, Allt\u00e4gliches tun wie \u201eAuto Fahren\u201c, die immer wieder auch ihr Gesicht gewaltsam mit den H\u00e4nden zum Hinschauen zwingen. Zur Kamera, in die Kamera, denn mit seiner Abschlussarbeit hat Odbayar Batsuuri die moderne Technologie der Gesichtserkennung in Tanz \u00fcbersetzt. Der Mensch ist bei ihm Objekt, er wird bei ihm von der Technik aufgesaugt. Das sieht dann so aus: Mechanisch, abgehackt \u2013 roboterhaft agierende K\u00f6rper, die sich auch wie ein Uhrwerk auspendeln, um dann im Zahnrad des Rhythmus einzurasten. Manchmal wie in Schockstarre eingefroren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_51755\" aria-describedby=\"caption-attachment-51755\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-51755\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild1_Brissot_Emery_FotoSabineHaymann-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild1_Brissot_Emery_FotoSabineHaymann-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild1_Brissot_Emery_FotoSabineHaymann-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild1_Brissot_Emery_FotoSabineHaymann-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild1_Brissot_Emery_FotoSabineHaymann-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild1_Brissot_Emery_FotoSabineHaymann-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild1_Brissot_Emery_FotoSabineHaymann-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-51755\" class=\"wp-caption-text\">Changes, Damian Gm\u00fcr, Brissot Emery. Foto Sabine Haymann<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein letzter Funke Mensch steckt noch in ihnen, emotionale \u00dcberbleibsel: Sie schieben weg, wehren ab, weichen aus, ducken sich, rennen auf der Stelle, strecken sich nach oben. Wie Ballettreferentin Alexandra Karabelas in der \u201ePutz- und Desinfektionspause\u201c erkl\u00e4rt hat der nicht einmal 30-j\u00e4hrige Odbayar Batsuuri die technische Umw\u00e4lzung zum Anlass genommen, um auszuloten, wie Menschen auf die Technik der Gesichtserkennung reagieren.<\/p>\n<p>Der Schweizer Damian Gm\u00fcr wiederum, seit ein paar Jahren in Pforzheim, hat sich schon vor Corona am Stadttheater mit der pers\u00f6nlichen Schutzzone eines Menschen besch\u00e4ftigt. Es sind 45 Zentimeter.\u00a0 Diese h\u00e4tte er vor der Pandemie sicher in entsprechenden Paar- oder Gruppensequenzen verdeutlichen k\u00f6nnen. Jetzt bleibt das auf wenige Tanzpaare beschr\u00e4nkt, die aus einem Haushalt kommen. Flankiert von auf ihrem \u201eQuadrat\u201c eingesperrten \u201eUnber\u00fchrbaren\u201c bekommt deren N\u00e4he eine ganz andere, weitreichendere Bedeutung. Aber die N\u00e4he hat ihren Preis: Verzweifelt umarmen sich die Beiden, zerren aneinander, halten sich, lehnen sich an, aber nach der ersten Euphorie werden auch erste aggressive Anzeichen einer Hackordnung sichtbar. Es sind poetische Bilder, die entstehen. Ausdrucksstarke. Auch deshalb, weil mehr Raum um die T\u00e4nzer deren Tanz sch\u00e4rfer, klarer sichtbar macht. Es ist aber nicht so, dass sich die im Stroboskop-Blitzlichtgewitter rollenden, springenden, kauernden, flie\u00dfenden T\u00e4nzer und T\u00e4nzerinnen, deren Bewegungen auf ihrem \u201eFeld\u201c verdichtet wirken, sie zu Solisten auf ihrer eigenen B\u00fchne des Quadrats machen, abschotten. Knie knicken ein, kraftvolle Spr\u00fcnge und Drehungen bilden einen Kontrast zu \u00e4ngstlich wirkenden, kauernden, r\u00e4tselnden Gesten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_51756\" aria-describedby=\"caption-attachment-51756\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-51756\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild5_Covi_HyeonWoo_FotoSabineHaymann-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild5_Covi_HyeonWoo_FotoSabineHaymann-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild5_Covi_HyeonWoo_FotoSabineHaymann-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild5_Covi_HyeonWoo_FotoSabineHaymann-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild5_Covi_HyeonWoo_FotoSabineHaymann-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild5_Covi_HyeonWoo_FotoSabineHaymann-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/THPF_Changes_45_DamianGm\u00fcr_Bild5_Covi_HyeonWoo_FotoSabineHaymann-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-51756\" class=\"wp-caption-text\">Damian Gm\u00fcr, Covi Hyeon Woo, Foto Sabine Haymann<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es ist der dumpfe, endlos wirkende Elektro-Rhythmus, dem das Quartett zwar immer wieder mit individueller Kraft etwas entgegen setzt, dessen Sog sie sich dann aber doch nicht entziehen k\u00f6nnen. Wie umfallende Dominosteine geben sie diesen \u2013 manchmal wie St\u00f6rche durch Morast stakend &#8211; weiter, sind ihm am Ende synchron unterworfen. Ein Fluss des Rhythmus, der alles niederrei\u00dft, wie Alexandra Karabelas ausf\u00fchrt. Die T\u00e4nzer und T\u00e4nzerinnen sind in ihrem Alleinsein dann doch wieder verbunden, sich im Rhythmus ber\u00fchrend. Ber\u00fchrung ohne Ber\u00fchrung. Manchmal wie in Trance.<\/p>\n<p>Der Abend zeigt auch die geistige Beweglichkeit des Trainingsleiters Damian Gm\u00fcr. Zwei gleich ablaufende Choreografien sind es in \u201e45\u201c, zur in modernen, d\u00fcsteren Kl\u00e4ngen eingebetteter Melodie \u201eZu Bethlehem geboren\u201c windet sich der Heiland, der Welterl\u00f6ser aus dem Dunkel. Um letztlich auf seinem klar definierten Lichtquader zu landen, dessen Grenzen sich nur im Dunkel oder Lichtblitzen aufl\u00f6sen, w\u00e4hrend sich im Vordergrund ein Paar ineinander verkn\u00e4ult, sich verzweifelt aneinander festkrallt.<\/p>\n<p>Der Vorhang f\u00e4llt. Klopfen auf Holz. Standing Ovation mit Luft-Klatschen. Die Geste z\u00e4hlt. Und sie ist unmaskiert. Freude pur. Auf dem ganzen Gesicht zu sehen.<\/p>\n<p><em>Susanne Roth\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Premiere \u201eChanges\u201c mit Urauff\u00fchrungen von Damian Gm\u00fcr (\u201e45\u201c) und Odbayar Batsuuri (\u201eFalling Faces\u201c) Es sind ungewohnte, lang nicht geh\u00f6rte Ger\u00e4usche im gro\u00dfen Saal des Stadttheaters. Die Klatscher werden aber gleich wieder unterbunden. Applausverbot. Das Corona-Virus k\u00f6nnte ja geweckt werden. Das w\u00e4re schade, dringen doch die ersten zarten Kulturtriebe aus dem dichten Deckel des Lockdowns. 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