{"id":48677,"date":"2020-04-07T07:05:57","date_gmt":"2020-04-07T07:05:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=48677"},"modified":"2026-04-16T11:33:46","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:46","slug":"tanz-im-stream-und-auf-dvd-groses-ballett-fur-den-heimischen-bildschirm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/tanz-im-stream-und-auf-dvd-groses-ballett-fur-den-heimischen-bildschirm\/","title":{"rendered":"Tanz im Stream und auf DVD \u2013 gro\u00dfes Ballett f\u00fcr den heimischen Bildschirm"},"content":{"rendered":"<p>Der Teufel steckt \u2013 sprichw\u00f6rtlich \u2013 im Detail. Was vor kurzem noch niemand f\u00fcr m\u00f6glich hielt, passiert: Der winzige Krankmacher-Fiesling SARS-CoV-2 hebt gerade die gesamte globalisierte Welt aus den Angeln. Pl\u00f6tzlich l\u00e4uft nichts mehr in gewohnten Bahnen. Ein Flickenteppich des Stillstands breitet sich aus. F\u00fcr wie lange bleibt erstmal ungewiss.<\/p>\n<p>Dass die verordnete Auszeit im Kulturbetrieb kein Kreationskiller ist, stellt die Findigkeit Kunstschaffender unter Beweis, die nun in t\u00e4glich wachsender Zahl eine Pr\u00e4senz via digitaler Portale und Formate beizubehalten suchen. Und damit auch die Kritiker vor neue Herausforderungen stellen. Ist bei der Einsch\u00e4tzung und Bewertung doch das analoge Live-Wahrnehmen stets eine wichtige Komponente. Au\u00dfer man besch\u00e4ftigt sich mit den sorgfaltsvoll f\u00fcr den Hausgebrauch auf Silberscheiben gepressten Produkten CD oder DVD. Sie k\u00f6nnen Zuschauern im un\u00fcberschaubaren Online-Wirrwarr brisanter, toller, guter, mittelm\u00e4\u00dfiger und blo\u00df zeitfressender Beitr\u00e4ge wie ein verl\u00e4sslicher Anker vor dem Fischen oder gar Versinken im Tr\u00fcben bewahren.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst haben sich Live-\u00dcbertragungen von Opern- und Ballettauff\u00fchrungen renommierter H\u00e4user wie der Metropolitan Opera New York, des Bolschoi-Theaters Moskau und des Royal Opera House London etabliert. Als internationale Erg\u00e4nzung heimischer Theaterinstitutionen \u2013 ausgestrahlt in eigens digital aufger\u00fcsteten Kinos\u00e4len. Aber auch hier hat letztlich die Schlie\u00dfung aufgrund der Corona-Pandemie zugeschlagen. Ohne Option auf eine baldige R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t im Fall der Met, die k\u00fcrzlich sogar das vorzeitige Ende ihrer Saison 2019\/2020 verk\u00fcndet hat.<\/p>\n<p>Aktuell sind Tanzkompanien wie das Royal Ballet, das bereits seit Jahren regelm\u00e4\u00dfig Meisterwerke seines Repertoires auf k\u00e4uflichen Datentr\u00e4gern konserviert, jedenfalls klar im Vorteil. So k\u00f6nnen spontan \u00e4ltere, momentan nicht auf dem Spielplan stehende Werkkaliber wie Arthur Pitas abgr\u00fcndige, unter Verwendung von unglaublich viel Sirup eklig-geniale Tanzadaption von Franz Kafkas \u201eDie Verwandlung\u201c f\u00fcr ein Streaming aus der Schublade geholt werden. Unbedingt sehenswert: <strong>\u201e<\/strong>The Metamorphoses\u201c, kostenfrei abrufbar \u00fcber die Website des Royal Opera House am 17. April, 19 Uhr Londoner Ortszeit.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu bot der digitale Spielplan der Staatsoper Unter den Linden bislang nur Patrice Barts \u201eNussknacker\u201c- und \u201eSchwanensee\u201c-Aufzeichnungen aus dem Jahr 1999 \u2013 damals noch mit dem Ballett der Staatsoper Berlin, aus dem im Zusammenschluss mit den Ensembles der Deutschen und der Komischen Oper Berlin 2004 das Staatsballett Berlin hervorging. Tats\u00e4chlich war ab Mitte M\u00e4rz die Wiederaufnahme ebendieser \u201eSchwanensee\u201c-Fassung geplant. Sie wurde \u2013 genau wie die Wiederaufnahme von Ray Barras Version beim Bayerischen Staatballett \u2013 kurz vor der Premiere situationsbedingt ausgesetzt.<\/p>\n<p><strong>Stuttgart Ballet@Home \u2013 Highlights der Saison 24 Stunden on demand<\/strong><\/p>\n<p>In Stuttgart kredenzte man den Ballettfans online erst gratis den Mitschnitt der letztj\u00e4hrigen Neueinstudierung von Marcia Hayd\u00e9es sehenswertem \u201eDornr\u00f6schen\u201c \u2013 in Top-Besetzung mit Friedemann Vogel und Elisa Badenes \u2013 allein die schon lohnte den Zeiteinsatz! Als empfehlenswerte Erg\u00e4nzung \u2013 oder einfach, weil es um einen der besten T\u00e4nzer Deutschlands geht \u2013 bietet sich die Erstausstrahlung des Dokumentarfilms \u201eFriedemann Vogel \u2013 Verk\u00f6rperung des Tanzes\u201c am 10. April, um 14 Uhr im SWR an (Wiederholung: 4.7., 22:55 auf 3sat). Der Diplom-\/Abschlussfilm von Katja Trautwein wird anschlie\u00dfend ein Jahr lang unter ARDmediathek.de zu sehen sein.<\/p>\n<p>Noch bis 7. April um 22 Uhr strahlen die Stuttgarter in der zweiten Runde von \u201eStuttgart Ballet@Home\u201c den Urauff\u00fchrungsabend \u201eCreations I \u2013 III\u201c vom Herbst 2019 mit Choreografien ihres Ersten Solisten Roman Novitzky, ihres Halbsolisten Fabio Adorisio und Gastchoreograf Andreas Heise als Video-on-demand aus.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle Repertoirefreaks, die John Crankos Abendf\u00fcller vermissen: \u201eRomeo und Julia\u201c sowie \u201eOnegin\u201c hat das w\u00fcrttembergische Spitzenensemble noch vor dem Intendantenwechsel in beispielhaften Besetzungen auf DVD (Unitel) vorgelegt. Auf die Verfilmung \u201eDer Widerspenstigen Z\u00e4hmung\u201c wird man nun aber wohl l\u00e4nger als geplant warten m\u00fcssen. Vor Corona sollte Crankos Ballettkom\u00f6die n\u00e4mlich am 1. April auf die Stuttgarter B\u00fchne zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p><strong>Schwerpunkt: Produktionen des Royal Ballet London der Saison 2018\/2019 (alle DVDs: Opus Arte)<\/strong><\/p>\n<p>Ebenfalls am 1. April wollte das Royal Ballet seinen pomp\u00f6s-prunkvollen und zugleich konservativ-opulenten \u201eSchwanensee\u201c in neuer Besetzung mit dem Publikum unz\u00e4hliger Kinos weltweit teilen. Abgeblasen! Auch in London ruht das aktive B\u00fchnenleben. Ger\u00fcchte um den talentierten Tanzsch\u00f6pfer Liam Scarlett wegen \u201eMe Too\u201c-Vorw\u00fcrfen gab es schon l\u00e4nger. Nach acht Jahren als Hauschoreograf ist er mittlerweile diesen lukrativen Job los. Auf DVD verbleiben die Eindr\u00fccke seiner vor technischen Herausforderungen an das pure Virtuosentum der Interpreten nur so strotzende Neukreation des Tschaikowsky-Klassikers aus dem Jahr 2018 (Opus Arte). Eine insbesondere vom Aspekt der Ausstattung her enorm aufwendige, ja regelrecht erschlagend sch\u00f6ne Produktion.<\/p>\n<p>Auf inhaltlich neue Akzentsetzung wurde zwar weitgehend verzichtet, daf\u00fcr in punkto technischer Details f\u00f6rmlich geklotzt \u2013 sowohl bei Dekor und Kost\u00fcmen als auch choreografisch. Die offene Verwandlung vom platzeinnehmenden Schlossgartenbild des ersten zur Seewaldlichtung des zweiten Akts, w\u00e4hrend der heiratsunwillige Prinz Siegfried seinen Gedanken freien Lauf lassend im Vordergrund tanzt, besitzt Hollywood-Technicolor-Breitwand-Qualit\u00e4t im besten Sinn. Gewiss werden hier alle denkbaren identifikatorischen (Gef\u00fchls-)Anspr\u00fcche beim Zuschauer nicht blo\u00df erf\u00fcllt, sondern wom\u00f6glich \u00fcbertroffen. Und das ist schon was \u2013 angesichts des sp\u00e4tromantischen, ohrwurmgeschw\u00e4ngerten M\u00e4rchenplots.<\/p>\n<p>In den Hauptrollen bestechen Marianela Nu\u00f1ez (Odette\/Odile) und Vadim Muntagirov (Siegfried). Sie geben ein un\u00fcbertrefflich brillantes Paar ab. Deshalb sollte man die Aufzeichnung von Peter Wrights \u201eThe Nutcracker\u201c von 2019 (Opus Arte) mit diesen beiden als Prinz und Zuckerfee gleich mitbestellen. Immerhin handelt es sich um eine der gelungensten klassischen Nussknacker-Adaptionen f\u00fcr Gro\u00df- und Klein, weil alles so herrlich altmodisch und fantastisch \u00fcberzuckert daherkommt. Am st\u00e4rksten jedoch ber\u00fchren Nu\u00f1ez und Muntagirov in Natalia Makarovas \u201eLa Bayad\u00e8re\u201c-Mitschnitt aus derselben Spielzeit. Wie ergreifend und mit welch zarter Entschlossenheit die herzhaft frische Primaballerina mit ihren 20 Jahren B\u00fchnenerfahrung und Nonplusultra-Aura einem die tragische Liebesgeschichte der Tempelt\u00e4nzerin Nikija nahebringt, ist \u2013 auch technisch \u2013 unfassbar.<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-48677 gallery-columns-3 gallery-size-medium'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/opus-arte_cover_manon-2\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"212\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Manon-212x300.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Manon-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Manon-300x425.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Manon.jpg 424w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/opus-arte_cover_natalia-2\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"212\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Natalia-212x300.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Natalia-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Natalia-300x425.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Natalia.jpg 412w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/opus-arte_cover_nussknacker-2\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"210\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Nussknacker-210x300.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Nussknacker-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Nussknacker-300x428.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Opus-Arte_Cover_Nussknacker.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure>\n\t\t<\/div>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Rolle ihrer Kontrahentin Gamzatti f\u00fcllt Natalia Osipova voll und ganz aus. Immer mal wieder gastierte die tanzversessene Ausnahmeballerina aus Moskau auf Einladung von Staatsballettchef Igor Zelensky in M\u00fcnchner Produktionen. Doch wer wissen will, auf was f\u00fcr ein kreatives Spektrum der Superstar auf Spitzen sich tats\u00e4chlich einl\u00e4sst, dem sei das Portr\u00e4t \u201eForce of Nature. Natalia\u201c (Opus Arte) des Filmemachers Gerry Fox mit eindr\u00fccklichen Proben- und Vorstellungsbeispielen empfohlen. Es endet bei Sidi Larbi Cherkaoui, der mit Osipova in der Titelpartie sein einaktiges Ballett \u201eMedusa\u201c zu elektronischer Musik und Arien von Henry Purcell realisierte. Das ungew\u00f6hnliche St\u00fcck findet sich in toto auf einer weiteren DVD des Royal Ballet. Bestens eingerahmt von <strong>\u201e<\/strong>Within the golden hour\u201c \u2013 einer abstrakten Choreografie Christopher Wheeldons f\u00fcr sieben Paare, zu der ihn Gustav Klimt inspiriert hat \u2013 und \u201eFlight Pattern\u201c von Crystal Pite. Die erste Urauff\u00fchrung der Kanadierin f\u00fcr 36 T\u00e4nzer der Kompanie widmet sich dem Schicksal von Fl\u00fcchtlingen und wurde 2018 zu Recht mit dem Olivier Awards ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Zelensky gro\u00dfe St\u00fccke auf das von Kevin O\u2019Hare vorbildlich durch Klassik und Moderne gef\u00fchrte Ensemble h\u00e4lt und k\u00fcnstlerisch engen Kontakt pflegt. 2015 brachte Wayne McGregor dort sein Triptychon \u201eWoolf Works\u201c (Musik: Max Richter) heraus. Drei bildstarke St\u00fccke voll choreografischer Rasanz, die inhaltlich auf die beliebtesten Romane der Autorin verweisen: \u201eMrs. Dalloway\u201c, \u201eOrlando\u201c und \u201eDie Wellen\u201c. Die perfekte Erg\u00e4nzung f\u00fcr daheim, wenn das Bayerische Staatsballett ab 10. April noch einmal seinen zeitgen\u00f6ssischen Abend \u201ePortrait Wayne McGregor\u201d als Video-on-demand Revue passieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Alternativ zu Historien- oder Kost\u00fcmfilmen k\u00f6nnen Tanzbegeisterte f\u00fcr lange Abende ohne reale Theaterbesuche au\u00dferdem auf zwei ebenfalls 2019 ver\u00f6ffentlichte Meisterwerke von Kenneth MacMillan zur\u00fcckgreifen: \u201eMayerling\u201c mit Steven McRae als Kronprinz Rudolf und Sarah Lamb als Mary Vetsera. Leider in Nicholas Georgiadis\u2019 alter, erdr\u00fcckend opulenter Samt- und Pl\u00fcschanmutung. Und die ist definitiv \u00fcberholt, seit J\u00fcrgen Rose im Mai 2019 f\u00fcr die Stuttgarter Erstauff\u00fchrung dieses Ballettdramas nach wahren Begebenheiten eine wunderbare szenische Rundumerneuerung gl\u00fcckte. Diese Vorstellung mit Friedemann Vogel in einer g\u00e4nzlich eigenen Hauptrolleninterpretation am 11. April ab 18 Uhr noch einmal \u2013 wenn auch blo\u00df aus der Konserve \u2013 rekapitulieren zu k\u00f6nnen, ist die Oster\u00fcberraschung schlechthin.<\/p>\n<p>Last but not least mein aktuell pers\u00f6nlicher Sofa-Favorit: \u201eManon\u201c von Kenneth MacMillan. Live im Kino wurde man von Sarah Lambs und Vadim Muntagirovs \u00fcberragender, sich bis zum Schluss kaum fassbar immer noch weiter steigernder Interpretation schier \u00fcberw\u00e4ltigt. Tats\u00e4chlich funktioniert das auch nur zu zweit eine Nummer kleiner am eigenen PC.<\/p>\n<h3><strong>Filmpoesie \u00fcber Traumabew\u00e4ltigung<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Damien Manipel Film \u201eIsadoras Kinder\u201c sollte am 23. April in die deutschen Kinos kommen. Der M\u00fcnchner Verleih Exsystent hat ihn jetzt schon auf die Plattform www.kino-on-demand.com gestellt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Wer in diesem Movie irgendwelche Erkl\u00e4rungen erwartet, wird entt\u00e4uscht. Das Meiste wird einfach vorausgesetzt: Dass Isadora Duncan eine Ikone des modernen Tanzes in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war, 1913 durch einen tragischen Unfall ihre beiden Kinder verlor, diesen Verlust acht Jahre sp\u00e4ter k\u00fcnstlerisch in der Choreografie \u201eDie Mutter\u201c aufgriff und dass dieses Solo aus ihrem Sch\u00fclerinnenkreis heraus in der von dem Ausdruckst\u00e4nzer Rudolf von Laban entwickelten Tanzschrift nachtr\u00e4glich festgehalten wurde.<\/p>\n<p>Als formaler Ersatz f\u00fcr ausufernde Monologe und Dialoge, die nur die vorherrschende, \u00fcberaus bildpoetische, kontemplativ-emotionale Filmstille st\u00f6ren w\u00fcrden, dienen kurze Einblendungen von Datumsangaben oder historischen Abbildungen \u2013 und vor allem eine geradezu epische Breite von ungewohnt schnittlosen Kameraeinstellungen. Immer wieder im Blickfang: spielende Kinder. Der Zuschauer aber wird ohne inhaltlich schl\u00fcssige Begr\u00fcndung dazu verdammt, vier unterschiedliche Frauen bei ihrem Tun zu beobachten. 84 lange Minuten lang.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-48683\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/isadoras-kinder-filmplakat-202x300.jpg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/isadoras-kinder-filmplakat-202x300.jpg 202w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/isadoras-kinder-filmplakat-300x446.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/isadoras-kinder-filmplakat-600x893.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/isadoras-kinder-filmplakat-768x1142.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/isadoras-kinder-filmplakat-688x1024.jpg 688w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/isadoras-kinder-filmplakat.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px\" \/><\/p>\n<p>Im ersten von drei, seltsam lediglich \u00fcber die unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit dem Tanzst\u00fcck miteinander verbundenen Handlungsteilen begleiten wir eine junge T\u00e4nzerin \u2013 glaubhaft-intensiv verk\u00f6rpert von der franz\u00f6sischen Schauspielerin Agathe Bonitzer \u2013 bei ihrer Duncan-Recherche. Ihr Einstieg sind die Memoiren der K\u00fcnstlerin. Was diese Lekt\u00fcre alles ausl\u00f6sen kann, mag man sich denken. Das Ganze gipfelt in einer autodidaktischen Einstudierung von \u201eLa m\u00e8re\u201c. Daf\u00fcr setzt sich die Protagonistin intensiv mit der in Labanotation \u00fcberlieferten Choreografie Duncans auseinander, scheint diese recht komplexe Bewegungspartitur v\u00f6llig zu verinnerlichen. Sch\u00f6n, das anschauen und ihren k\u00fcnstlerisch-empathischen Zugang mitf\u00fchlen zu d\u00fcrfen. Aber warum bleibt uns ein kompletter Durchlauf des blo\u00df drei Minuten dauernden Tanzsolos und zugleich einzigem Motivationsargument des gesamten Filmplots vorenthalten? Weil die talentierte Agathe Bonitzer \u201enur\u201c Schauspielerin ist und keine Tanz-Performerin?<\/p>\n<p>Mit einem Inklusionsprojekt, das am Kulturzentrum eines kleinen bretonischen Ortes aufgef\u00fchrt werden soll, geht es weiter. Das einzustudierende St\u00fcck: abermals Duncans Solo \u201eDie Mutter\u201c. Die Beteiligten: Choreografin Marika Rizzi und als Interpretin Manon Carpentier, jugendliche Darstellerin mit Down-Syndrom. Auch bei diesem Vorbereitungsprozess entsteht ein Eindruck schier unendlicher Leere: leere B\u00fchne, leerer Zuschauerraum, leeres Foyer bei Probenpausen, die zur Interpretation n\u00f6tige Suche nach innerer Leere. Diese Bild\u00e4sthetik wird dann in eine N\u00e4he zur Gef\u00fchlsleere bzw. zum Abschiedsschmerz ger\u00fcckt, die Duncan als Mutter beim Verlust ihrer beiden Kinder versp\u00fcrt haben wird. In einer ber\u00fchrenden Sequenz dr\u00fcckt Manon die verschr\u00e4nkten Arme ohne Kind darin an ihre Brust. Im Tanz funktioniert das, die filmische \u00dcbersetzung leider nicht.<\/p>\n<p>Die letzte epiloghafte Episode setzt hier noch eins drauf: Einsam kehrt eine \u00e4ltere Zuschauerin (die jamaikanische Choreografin und T\u00e4nzerin Elsa Wolliaston) der im Teil zuvor erarbeiteten Auff\u00fchrung von Duncans \u201eLa m\u00e8re\u201c nach Hause zur\u00fcck. Zuvor war die Kamera noch en d\u00e9tail bei ihrem Nachtmahl in einer Pizzera dabei. Am Ende erweist sich, dass wohl auch diese Frau einst ein Kind verloren hat. Allein in ihrer Wohnung greift sie Bewegungen auf. Doch dies walzt die Kameralinse mittels \u201egedehnter Augenblicke\u201c fast unertr\u00e4glich aus. Der Betrachter bleibt au\u00dfen vor, wird nicht mitgenommen, nirgends hineingezogen.<\/p>\n<p>Bei \u201eIsadoras Kinder\u201c handelt es sich weder um einen Spiel- noch einen Dokumentarfilm, sondern um ein sehr spezielles, sehr ambitioniertes Werk des Ext\u00e4nzers und Regisseurs Damien Manivel. In seiner v\u00f6llig introvertiert-\u00fcberdehnten Art des visuellen Schilderns verst\u00f6rt es und erinnert \u2013 in seinem eher performativen Charakter und quasi als extremer Gegenpol \u2013 an die skurril-makabre franz\u00f6sische Filmkom\u00f6die \u201eDie feine Gesellschaft\u201c mit Juliette Binoche von 2016. Momentan merken viele von uns: Besinnung auf sich selbst und Entschleunigung sind ja generell nichts Schlechtes, aber irgendwann reicht es auch.<\/p>\n<p><em>Vesna Mlakar<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Teufel steckt \u2013 sprichw\u00f6rtlich \u2013 im Detail. Was vor kurzem noch niemand f\u00fcr m\u00f6glich hielt, passiert: Der winzige Krankmacher-Fiesling SARS-CoV-2 hebt gerade die gesamte globalisierte Welt aus den Angeln. Pl\u00f6tzlich l\u00e4uft nichts mehr in gewohnten Bahnen. Ein Flickenteppich des Stillstands breitet sich aus. F\u00fcr wie lange bleibt erstmal ungewiss. 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