{"id":38177,"date":"2019-10-13T10:16:15","date_gmt":"2019-10-13T10:16:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=38177"},"modified":"2026-04-16T11:33:52","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:52","slug":"das-madchen-mit-den-schwefelholzern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/das-madchen-mit-den-schwefelholzern\/","title":{"rendered":"&#8220;Das M\u00e4dchen mit den Schwefelh\u00f6lzern&#8221; in Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Flammen mit den Augen h\u00f6ren<\/strong><\/p>\n<p>Das Opernhaus Z\u00fcrich pr\u00e4sentiert die Schweizerische Erstauff\u00fchrung von Helmut Lachenmanns Oper <strong>&#8220;Das M\u00e4dchen mit den Schwefelh\u00f6lzern&#8221;<\/strong>, von Christian Spuck zum ersten Mal als Ballett inszeniert. Ein eiskalter Abend, der nicht kalt l\u00e4sst.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-38179\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4600.jpg\" alt=\"\" width=\"886\" height=\"738\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4600.jpg 886w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4600-300x250.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4600-600x500.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4600-768x640.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 886px) 100vw, 886px\" \/><\/p>\n<p>Christian Spuck setzt auch diesmal auf sein bew\u00e4hrtes Team: Emma Ryott (Kost\u00fcme), Rufus Didwiszus (B\u00fchnenbild) und Martin Gebhart (Licht). Aber &#8220;Das M\u00e4dchen mit den Schwefelh\u00f6lzern&#8221; ist noch dunkler, noch k\u00e4lter, noch trister als seine gefeierte &#8220;Winterreise&#8221; &#8211; und choreografisch ausgereifter und spannungsreicher.<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmte Komposition von Helmut Lachenmann (UA 1997 in Hamburg) ist anspruchsvoll. Mit Textfetzen und Ger\u00e4uschen \u2013 Ritsch! ein Schwefelholz f\u00e4ngt Feuer! \u2013 schrillen Stimmen und Radioeinsprengseln illustriert die Musik das himmeltraurige M\u00e4rchen von Hans Christian Andersen nicht, sondern ruft einen Zustand von K\u00e4lte und Verlassenheit hervor. Die Basler Madrigalisten sowie die Philharmonie Z\u00fcrich unter der Leitung von Matthias Hermann besetzen nicht nur den Orchestergraben, sondern auch die Logen im ersten und zweiten Rang. Die T\u00f6ne kommen von \u00fcberall her und werden von den T\u00e4nzer\/innen auf der B\u00fchne mit Ronds de Jambes und Battements weitergeschleudert oder \u2013 freeze! \u2013 zu Posen gefroren, bei denen sich die K\u00e4lte bis in die gespreizten H\u00e4nde zeigt. Mit den Ohren sehen solle man seine Musik, sagt Lachenmann; mit den Augen h\u00f6ren, erg\u00e4nzt Spuck. Und das gelingt ihm \u2013 dank seiner gro\u00dfen und gro\u00dfartigen Compagnie, die in den letzten Jahren mit ihm k\u00fcnstlerisch enorm gereift ist.<\/p>\n<p>Allen voran: Michelle Willems. Sie tanzt das arme, frierende M\u00e4dchen aus dem M\u00e4rchen: anmutig und schwerelos, wenn sie ihre Visionen von warmen Stuben und G\u00e4nsebraten hat, aber auch wild, wenn sie z\u00fcndelt und sich w\u00e4rmt, statt die Streichh\u00f6lzer zu verkaufen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-38180\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4766.jpg\" alt=\"\" width=\"886\" height=\"738\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4766.jpg 886w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4766-300x250.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4766-600x500.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4766-768x640.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 886px) 100vw, 886px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-38181\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_5096.jpg\" alt=\"\" width=\"886\" height=\"738\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_5096.jpg 886w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_5096-300x250.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_5096-600x500.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_5096-768x640.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 886px) 100vw, 886px\" \/><\/p>\n<p>Auch wenn das Kind am Schluss doch stirbt oder mit ihrer Grossmutter \u00abin Glanz und Freude\u00bb zu Gott fliegt, ist er doch da, der Akt des Aufbegehrens. &#8220;Entweder du vernichtest dich selbst oder du vernichtest andere&#8221;, schreibt die Doppelg\u00e4ngerin des M\u00e4dchens (Emma Antrobus) an die Wand. Ein Zitat von Gudrun Ensslin, die mit den Lachenmann-Geschwistern, allesamt Pfarrerskinder, zur Schule ging, bevor sie als RAF-Terroristin 1968 ein Kaufhaus in Frankfurt anz\u00fcndete, Bomben legte und sich 1977 im Gef\u00e4ngnis das Leben nahm. F\u00fcr Helmut Lachenmann ist sie eine verformte Variante des M\u00e4dchens aus dem M\u00e4rchen und er verwendet Zitate aus ihren Briefen. Spuck l\u00e4sst Katja W\u00fcnsche als Gudrun Ensslin im 70er-Minirock auftreten, die Arme sch\u00fctzend vor die nackte Brust gelegt, den Stiefel auf den Kopf eines b\u00f6sen Clowns gestellt, und sie &#8220;Verrecken im Widerspruch&#8221; schreiben. Das sitzt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-38182\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4541.jpg\" alt=\"\" width=\"886\" height=\"738\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4541.jpg 886w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4541-300x250.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4541-600x500.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/das_maedchen_mit_den_schwefelhoelzern_c_gregory_batardon_4541-768x640.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 886px) 100vw, 886px\" \/><\/p>\n<p>Lachenmanns Musik und politische Aussage ist zeitgen\u00f6ssisch, doch Spuck \u2013 und vor allem Emma Ryott \u2013 lassen es sich nicht nehmen, auch das 19. Jh. defilieren zu lassen. Das Corps de ballet in Fr\u00e4cken und volumin\u00f6sen R\u00f6cken, versunken in ihren Pas de Deux\u2019, gibt die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, die weder Augen noch Herz hat f\u00fcr das arme Kind. Der Junge, der ihm einen Pantoffel stiehlt, tritt als Horde von Schulbuben auf und plagt es. Ihre Uniformen und Schaukelpferdchen k\u00f6nnten Relikte aus Spucks &#8220;Sandmann&#8221; und &#8220;Nussknacker und Mausek\u00f6nig&#8221; sein. Diese &#8220;alte&#8221; Welt der Kinderm\u00e4rchen kontrastiert und durchsetzt er mit gut choreografierten Sequenzen aus der &#8220;modernen&#8221; Erwachsenenwelt: Dem barf\u00fcssigen M\u00e4dchen stellt er &#8220;Schneeflocken&#8221;-T\u00e4nzerinnen auf Spitze gegen\u00fcber, die diesem unerbittlich klassische Sch\u00f6nheit und Virtuosit\u00e4t vorf\u00fchren, oder T\u00e4nzer, entweder halbnackt oder g\u00e4nzlich schwarz maskiert, die es emporheben, ihm Halt und W\u00e4rme geben oder es in die andere Welt entf\u00fchren. Ganz auf den Himmel und den Reigen der Seligen verzichten, mag man dann doch nicht.<\/p>\n<p>Am eindr\u00fccklichsten ist, als Lachenmann selbst auf der B\u00fchne steht und einen Text von Leonardo da Vinci \u00fcber die Furcht vor und das Verlangen nach dem Tod rezitiert \u2013 in Silben zerlegt, sodass man kaum etwas versteht. Aber das Corps de ballet macht mit stakkato artigen Gesten den abgehackten Text sichtbar und mit einem wunderbar fliessenden Pas de Deux machen Katja W\u00fcnsche und William Moore ihn sp\u00fcrbar, den sanften \u00dcbergang&#8230;<\/p>\n<p>Der Funke mag nicht bei allen im Publikum gesprungen sein: zu viele ungewohnte T\u00f6ne, krasse Bilder und deutliche Worte \u2013 und vor allem auch ein politischer Unterton, vor dem viele die Ohren lieber verschliessen. Aber die Anerkennung f\u00fcr die gewaltige Leistung der T\u00e4nzer\/innen, S\u00e4nger\/innen und Musiker\/innen war nicht zu \u00fcberh\u00f6ren\/-sehen.<\/p>\n<p>Evelyn Kl\u00f6ti<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Flammen mit den Augen h\u00f6ren Das Opernhaus Z\u00fcrich pr\u00e4sentiert die Schweizerische Erstauff\u00fchrung von Helmut Lachenmanns Oper &#8220;Das M\u00e4dchen mit den Schwefelh\u00f6lzern&#8221;, von Christian Spuck zum ersten Mal als Ballett inszeniert. 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