{"id":36670,"date":"2019-09-15T13:49:19","date_gmt":"2019-09-15T13:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=36670"},"modified":"2026-04-16T11:33:53","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:53","slug":"der-faun-in-zeiten-von-me-too","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/der-faun-in-zeiten-von-me-too\/","title":{"rendered":"Der Faun in Zeiten von \u201eMe Too\u201d &#8211; Matteo Carvones Fabelwesen geistert im M\u00fcnchner Gasteig"},"content":{"rendered":"<p>Was ein Faun am Nachmittag macht, ist seit Mallarm\u00e9 und Debussy ein vom Publikum l\u00fcstern aufgenommener Skandal. Vor allem seit Nijinski vor \u00fcber 100 Jahren die Zuschauer nachhaltig verst\u00f6rte mit seiner Choreografie, die alles hinter sich lie\u00df, was die hohe Tanzkunst bis dato ausmachte. Schlie\u00dflich hatten ihn antiken Darstellungen im Louvre zu unerh\u00f6rt eckigen Bewegungen inspiriert.<\/p>\n<p>Der Faun als Gestalt, die &#8211; back to the roots &#8211; grauer Vorzeit entsteigt und mit seiner t\u00e4nzerischen Schwerf\u00e4lligkeit, seinen H\u00f6rnern und seinem Tierfell als Symbol des Dionysischen, Exzesshaften wohlige Schauer ausl\u00f6st. Zumal er ja die Nymphen, hinter denen er her ist, nicht erwischt und sich nur an einem zur\u00fcckgelassenen Schleier schadlos halten kann \u2013 wenn man Ovid Glauben schenkt, der das urt\u00fcmlich haarige Fabelwesen immerhin schon gesitteter pr\u00e4sentiert und mit einer Pan-Fl\u00f6te ausstattet, mit der er seine Sehnsucht in die Welt hinaus klagt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-36672\" style=\"font-weight: bold; color: #777777; font-size: 12px; text-align: right;\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_140kl.jpg\" alt=\"\" width=\"709\" height=\"551\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_140kl.jpg 709w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_140kl-300x233.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_140kl-600x466.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><\/p>\n<p>Der Faun in mystischem Licht (B\u00fai Rouch)Der Faun als Naturwesen also. Und das bleibt er bis heute. Nur dass der Firnis der Zivilisation sehr d\u00fcnn ist und der Alte sein Unwesen nicht nur auf der B\u00fchne, sondern vor allem im Leben treibt. Man erkennt ihn nicht mehr auf den ersten Blick als solchen. Er lauert nicht mehr in der freien Natur, sondern im Hotel und tr\u00e4gt jetzt einen wei\u00dfen Bademantel, ist aber in alter Manier gierig hinter jedem weiblichen Wesen her, das nicht schnell genug fliehen kann &#8211; und wenn sie nicht willig ist, eben mit Gewalt. Und das nicht nur am Nachmittag, sondern rund um die Uhr.<\/p>\n<figure id=\"attachment_36673\" aria-describedby=\"caption-attachment-36673\" style=\"width: 709px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-36673 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_016bx.jpg\" alt=\"\" width=\"709\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_016bx.jpg 709w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_016bx-300x184.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_016bx-600x368.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-36673\" class=\"wp-caption-text\">Steigt aus der Tiefe empor: Der Faun. Bei genauerem Hinsehen sind es jedoch zwei.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dabei w\u00e4re der Faun durchaus kultivierbar und zu einem brauchbaren &#8211; weil konsumierenden &#8211; Wesen unserer Gesellschaft umzugestalten, die dem Rauschhaften durchaus zug\u00e4nglich ist in Gestalt des Alkohols. Was w\u00e4re, wenn der Faun sich zu einem gesitteten Picknick auf eine Decke in die Wiese setzt, sich ein Glas Rotwein munden l\u00e4sst und dabei Mallarm\u00e9 zitiert\u2026 Zumindest solange es noch Wiesen und Natur gibt, solange noch Grillen zirpen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_36674\" aria-describedby=\"caption-attachment-36674\" style=\"width: 503px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-36674\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_133kl.jpg\" alt=\"\" width=\"503\" height=\"709\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_133kl.jpg 503w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_133kl-300x423.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Faun-U_133kl-213x300.jpg 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 503px) 100vw, 503px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-36674\" class=\"wp-caption-text\">Auch Faune k\u00f6nnen scheu sein (Matteo Carvone)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Jedenfalls gibt der Faun k\u00fcnstlerisch was her. Gerade f\u00fcr den Tanz. Matteo Carvone, Ex-T\u00e4nzer des G\u00e4rtnerplatztheaters und Choreograf, hat nun zusammen mit B\u00fai Rouch eine ganz moderne \u201eFaun-tastische\u201d Performance erarbeitet, die den Faun aus dem mystischen Dunkel in unsere Welt katapultiert. Die Black Box im M\u00fcnchner Gasteig erwies sich dabei als idealer Auff\u00fchrungsort.<\/p>\n<p>Aus dem Loch in der Wiese erscheint zun\u00e4chst ein Bauch, dann Schultern und Arme, ehe ein bepelzter Kopf hervorlugt. Schlie\u00dflich verl\u00e4sst dieses Wesen auf allen Vieren den Urgrund, l\u00e4uft erst z\u00f6gernd, dann immer schneller um das Loch herum, bis sich ein Zweiter dazugesellt. Diese Faune richten sich schlie\u00dflich auf, recken die Brust wie Tarzan und haben, scheint es, richtigen M\u00e4nnerspa\u00df.\u00a0Doch die Entwicklung geht voran. Pl\u00f6tzlich ert\u00f6nt h\u00f6fische Musik, und die beiden erheben anmutig das gezirkelte Bein, wandeln sich in Menschen, werfen also den Pelz ab. Sie erscheinen nun wie Wladimir und Estragon aus Becketts \u201eWarten auf Godot\u201c. Da setzt sich einer schon mal auf den R\u00fccken das anderen, es geht gesittet zu, bis man zu den Kl\u00e4ngen von \u201eMy Way\u201c in \u00c9douard Manets ber\u00fchmtem Gem\u00e4lde \u201eDas Fr\u00fchst\u00fcck im Gr\u00fcnen\u201c landet.<\/p>\n<p>Und was macht der Faun jetzt? Er versinkt r\u00fccklings voran wieder in seinem Loch, aus dem er jederzeit neu als der tierhaft Wilde auftauchen k\u00f6nnte. \u201eDer Scho\u00df ist fruchtbar noch, aus dem das kroch\u201d, w\u00fcrde es bei Bert Brecht hei\u00dfen. Eine atmosph\u00e4risch \u00e4u\u00dferst intensive Vorstellung, der das Publikum gebannt folgt.<\/p>\n<p>Kaum zu verstehen, dass Matteo Carvone sie gegen viele Widrigkeiten verwirklichen musste, denn sein Antrag auf st\u00e4dtische F\u00f6rdermittel war abgelehnt worden. Obwohl man h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen, dass er hochk\u00fcnstlerisch arbeitet. Carvone hat im vergangenen Jahr bereits Liszts \u201eFaust-Sinfonie\u201c f\u00fcr Orgel in der Gasteig-Philharmonie t\u00e4nzerisch umgesetzt. Wir sind gespannt auf weitere Projekte.<\/p>\n<p>Ute Fischbach-Kirchgraber<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ein Faun am Nachmittag macht, ist seit Mallarm\u00e9 und Debussy ein vom Publikum l\u00fcstern aufgenommener Skandal. Vor allem seit Nijinski vor \u00fcber 100 Jahren die Zuschauer nachhaltig verst\u00f6rte mit seiner Choreografie, die alles hinter sich lie\u00df, was die hohe Tanzkunst bis dato ausmachte. 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