{"id":35912,"date":"2019-09-02T09:59:19","date_gmt":"2019-09-02T09:59:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=35912"},"modified":"2026-04-16T11:33:53","modified_gmt":"2026-04-16T11:33:53","slug":"klaus-geitels-tanzkritiken-man-ist-kuhn-genug-um-unmodern-zu-sein-1959-1979","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/klaus-geitels-tanzkritiken-man-ist-kuhn-genug-um-unmodern-zu-sein-1959-1979\/","title":{"rendered":"Klaus Geitels Tanzkritiken \u201eman ist k\u00fchn genug, um unmodern zu sein\u201c, 1959\u20131979"},"content":{"rendered":"<p>Wenn er lobte, konnte das folgenderma\u00dfen klingen: \u201eDas Ganze aber ist so feurig zusammengeschwei\u00dft, schie\u00dft wie eine Stichflamme auf und wird mit ebensoviel K\u00f6nnen wie virilem Charme ausgestreut \u2026\u201c (S. 223). Und falls ihm etwas nicht gefiel, attestierte er dem Tanz mitunter, dass er \u201enach Biederkeit\u201c schmecke oder geneigt sei, \u201esich k\u00fcnstlerisch zu verbiestern\u201c (S. 171).<br \/>\nKlaus Geitel schrieb \u00fcber Ballett und Tanz, wie niemand sonst, er zog abenteuerliche Metaphern heran und nutzte ungew\u00f6hnliche Vokabeln. Mit ihm starb auch eine bestimmte Form von Tanzkritik. Umso wichtiger, dass der Henschel Verlag in diesem Jahr einen Band mit einer Auswahl seiner Zeitungsartikel aus zwanzig Jahren ver\u00f6ffentlicht, denn so hat man seine ungew\u00f6hnlich lebendige und reiche Sprache beim Lesen wieder im Ohr \u2013 der Kurzlebigkeit von Tageszeitungen zum Trotz.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-35913\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/getimage.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"429\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/getimage.jpg 270w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/getimage-189x300.jpg 189w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/p>\n<p>\u201eEr kannte Gott und schrieb f\u00fcr die Welt\u201c betitelt Frank-Manuel Peter sein ausf\u00fchrliches Vorwort. Er (das Deutsche Tanzarchiv K\u00f6ln\/die SK Stiftung Kultur) und Klaus Geitels Erbe, sein Adoptivsohn und Lebenspartner Rodney Geitel-Bautista, fungieren als Herausgeber. \u201eAusgew\u00e4hlte Tanz- und Ballettkritiken aus den Jahren 1959\u20131979\u201c sind hier auf 275 Seiten versammelt, neben einem 23-seitigen Gespr\u00e4ch aus dem Jahr 2003 sowie einem editorischen Nachwort.<br \/>\nKlaus Geitels Texte sind eine eigene Kunstform. Damals noch als Besprechungen in der Rubrik Feuilleton beheimatet \u2013 auch sie ist heute teilweise ausgestorben \u2013, durfte sich Klaus Geitel in der Tageszeitung beneidenswert ausbreiten, was ihn keineswegs daran hinderte, ebenso in die Tiefe zu gehen. Nicht ausschlie\u00dflich Kritiken sind im Buch geb\u00fcndelt, auch schriftliches Nachdenken \u00fcber Mi\u00dfst\u00e4nde oder Nachrufe sind nachzulesen.<\/p>\n<p>Nicht nur die Texte, auch die Gastspiele waren damals offenbar deutlich l\u00e4nger als heute, so gastierte beispielsweise Maurice B\u00e9jart mit seiner Truppe ganze 40 Tage lang in Berlin, wie Klaus Geitel am 15. Januar 1959 berichtete. An die Anf\u00e4nge des Nederlands Dans Theater wird ebenso erinnert wie an die letzten Auftritte Dore Hoyers. \u00dcber die ann\u00e4hernd 70-j\u00e4hrige Martha Graham, deren Abgang von der B\u00fchne l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig gewesen sei, schreibt er anl\u00e4sslich eines Gastspiels 1962, sie gleiche \u201eeinem erloschenen Vulkan\u201c, markiere Tanz nur noch anstatt zu tanzen, und ihre Auftritte seien \u201egespenstisch\u201c und \u201eleider auch peinlich.\u201c (S. 135) Niemand konnte derart geistreich, originell und humorvoll \u00fcber Tanz und Ballett schreiben, meist in einem lockeren Plauderton, als vermittle er seine Eindr\u00fccke einem guten Freund. Der moderne Tanz schneidet indes unter dem Strich schlechter ab als das Ballett, dem er seit seiner Jugend zugetan war. Mitunter lie\u00df sich Klaus Geitel auch \u00fcber die Kost\u00fcmierung der Tanzenden aus, sofern auff\u00e4llig: \u201eIn Kittelchen, Tr\u00e4gerr\u00f6ckchen und anderen Diminutiven der Textilindustrie wird strampelnd getollt;\u201c (S. 151). \u00a0 \u00a0Mein Lieblingszitat aus dem insgesamt 336 umfassenden Taschenbuch: \u201eDer Wurm in drin in diesem Ballett, aber er macht von Zeit zu Zeit ganz h\u00fcbsch M\u00e4nnchen. Dem applaudierten die einen. Die anderen sahen nichts als den Wurm.\u201c Die umfangreiche Sammlung von Klaus Geitels Texten ist wurmfrei, lesenswert und sehr unterhaltsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dagmar Ellen Fischer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn er lobte, konnte das folgenderma\u00dfen klingen: \u201eDas Ganze aber ist so feurig zusammengeschwei\u00dft, schie\u00dft wie eine Stichflamme auf und wird mit ebensoviel K\u00f6nnen wie virilem Charme ausgestreut \u2026\u201c (S. 223). 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