{"id":32668,"date":"2019-07-04T08:48:39","date_gmt":"2019-07-04T08:48:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=32668"},"modified":"2019-07-04T08:48:39","modified_gmt":"2019-07-04T08:48:39","slug":"der-ballettabend-a-jour-zeitgenossische-choreographien-beim-bayerischen-staatsballetts-im-munchner-prinzregententheater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/der-ballettabend-a-jour-zeitgenossische-choreographien-beim-bayerischen-staatsballetts-im-munchner-prinzregententheater\/","title":{"rendered":"Der Ballettabend \u201e\u00c1 Jour \u2013 zeitgen\u00f6ssische Choreographien\u201c beim Bayerischen Staatsballetts im M\u00fcnchner Prinzregententheater"},"content":{"rendered":"<p><strong>D\u00fcsteres Vergn\u00fcgen<\/strong><\/p>\n<p>Wo man hinsieht, regiert der Tod \u2013 beim Dreiteiler \u201e\u00c1 Jour\u201c des Bayerischen Staatsballetts. Erst in neoklassisch-sch\u00f6ner Verkleidung, dann wird es emotional-wuchtig. Zum Schluss herrscht ein derartiges \u00dcberma\u00df an (Selbst)Mordlust, dass das Zusehen pures Vergn\u00fcgen bereitet. Obwohl hier alle drei Frauen die H\u00e4lfte der Zeit vornehmlich als Leichen tanzen. Schwerkraftselig-brillant \u00fcbrigens. Um solche Ideen schaurig-ansprechend und zugleich \u00fcberaus witzig zu choreografieren, braucht es wahrlich Talent.<br \/>\nInsgesamt entwickelt sich nichts, wie man es erwartet. Das verleiht diesem hinrei\u00dfend morbiden Ballettabend am 28. Juni 2019 mit zwei Urauff\u00fchrungen und einem 35-min\u00fctigen Solo f\u00fcr M\u00fcnchens Spezialgast Sergei Polunin lebhafte Frische und stellt die Relevanz zeitgen\u00f6ssischer Kreationen aufs Beste heraus. Scharnierfunktion hat dabei Yuka Oishis inhaltlich eigenwillige Auslegung von Strawinskys \u201eLe sacr\u00e9 du printemps\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_32670\" aria-describedby=\"caption-attachment-32670\" style=\"width: 672px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-32670\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/A_Jour_Sacre_S-Polunin_c__G._Gherciu_GSV_7403.jpg\" alt=\"\" width=\"672\" height=\"840\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/A_Jour_Sacre_S-Polunin_c__G._Gherciu_GSV_7403.jpg 672w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/A_Jour_Sacre_S-Polunin_c__G._Gherciu_GSV_7403-300x375.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/A_Jour_Sacre_S-Polunin_c__G._Gherciu_GSV_7403-600x750.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/A_Jour_Sacre_S-Polunin_c__G._Gherciu_GSV_7403-240x300.jpg 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 672px) 100vw, 672px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-32670\" class=\"wp-caption-text\">Sergej Polunin \u201eLe sacr\u00e9 du printemps\u201c, Ch. Yuka Oishis<br \/>Foto Sergej Gherciu<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die sich zu ekstatischer Turbulenz steigernde Musik berauscht zwar nur vom Band, treibendes Element bleibt sie dennoch. Insbesondere wenn das f\u00fcr und mit Polunin erarbeitete St\u00fcck aus dem Opferritual eine Hommage an Vaslav Nijinsky macht. Premiere war 2018 in St. Moritz. Ein bedeutsamer Ort f\u00fcr Nijinsky, an dem der Jahrhundertt\u00e4nzer ein letztes Mal \u00f6ffentlich auftrat, bevor ihn der Wahnsinn v\u00f6llig in die innere Isolation trieb.<\/p>\n<p>Bei John Neumeier in Hamburg \u2013 dort war die Japanerin seit 2002 im Ensemble \u2013 mag die ab 2015 freischaffende Choreografin viel \u00fcber Nijinsky erfahren haben. So wird der B\u00fchnenboden von einem gro\u00dfen Ring aus Herbstlaub dominiert. Schlie\u00dflich zeichnete Nijinsky zuletzt nur noch Kreisstrukturen. Stellenweise gibt es jedoch erhebliche Durchh\u00e4nger. Polunin versteht es aber immer wieder ausdrucksvoll neu anzusetzen. Beispielsweise wenn er kurz Nijinskys ber\u00fchmten Faun zitieren darf oder mit Blick durch den Zielsucher eines imagin\u00e4ren Gewehrs verharren muss.<\/p>\n<p>Er pirouettiert und battiert \u2013 technisch sehr fein \u2013 unter changierendem Licht, kauert und kreucht ge\u00e4ngstigt umher und versucht, dem Abdriften ins Vergessen bzw. Sich-Verlieren mit explosiven Sprungakten zu entkommen. Vergebens. Nicht einmal dicke Seile, lange verborgen unter den Bl\u00e4ttern, geben mehr Halt. Im finalen Aufb\u00e4umen dieses \u201eSacr\u00e9\u201c ist Polunin derma\u00dfen in ihr Gewicht verstrickt, dass es ihn machtlos niederrei\u00dft. Vom Solisten her wirklich eindrucksvoll.<\/p>\n<p>Ebenfalls seine ganz eigene Geschichte erz\u00e4hlt Edwaard Liang zum zweiten Satz aus Franz Schuberts Streichquartett \u201eDer Tod und das M\u00e4dchen\u201c. Der in Kalifornien aufgewachsene Taiwanese, Ex-Solist des New York City Ballet und Nederlands Dans Theater, speist sein Bewegungsvokabular stilistisch aus klassischen Elementen. Den modernen Touch verleihen seinem St\u00fcck Passagen, in denen sieben Jungs \u2013 optisch durch teuflisch nach hinten gegeelte Frisuren und geschw\u00e4rzte Arme zur Einheit verschn\u00fcrt \u2013 viel Kontakt zum Untergrund halten. Meist akzentsynchron zur leicht kratzig aus den Boxen surrenden Komposition.<\/p>\n<p>Alles ist stimmig. Der Plot allerdings entwickelt sich nur schleichend. Geheimnisbelastet gibt sich das solistische Dreiecksgef\u00fcge aus Henry Grey und zwei Zwillingsschwestern (Kristina Lind und Prisca Zeisel). Mal f\u00fchrt er, dann nehmen sich die zwei Frauen den athletisch-eleganten Mann vor. Am Ende entweicht ihm sein Leben. Bildstark symbolisiert durch rote B\u00e4nder, die von den Ladies und deren offensichtlich diabolischer Begleitgruppe aus der Mitte seiner Brustgurte gezogen werden. Tolle, verkehrte Welt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_32671\" aria-describedby=\"caption-attachment-32671\" style=\"width: 840px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-32671 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_J.Cook_K.Ryzhkova_R.Strona_c__S._GherciuGSV_8192.jpg\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_J.Cook_K.Ryzhkova_R.Strona_c__S._GherciuGSV_8192.jpg 840w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_J.Cook_K.Ryzhkova_R.Strona_c__S._GherciuGSV_8192-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_J.Cook_K.Ryzhkova_R.Strona_c__S._GherciuGSV_8192-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_J.Cook_K.Ryzhkova_R.Strona_c__S._GherciuGSV_8192-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-32671\" class=\"wp-caption-text\">Ksenia Ryzhkova, Jonah Cook, R. Strona in Andrey Kaydanovskiys \u201eCecil Hotel\u201c Foto Sergej Cherciu<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auf die Perspektive kommt es auch in Andrey Kaydanovskiys \u201eCecil Hotel\u201c an \u2013 dem choreografischen H\u00f6hepunkt nach den Pause. Nicht nur wer Originalit\u00e4t im Tanz und\/oder Krimis sch\u00e4tzt, wird diesen veritablen Horrortrip durch herrlich angestaubtes Ambiente lieben. Dazu hat Dmitry Cheglakov einen Soundtrack ersonnen, f\u00fcr den Edgar Wallace gemordet h\u00e4tte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_32673\" aria-describedby=\"caption-attachment-32673\" style=\"width: 840px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-32673\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_K.Ryzhkova_c__S.GherciuGSV_8890.jpg\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_K.Ryzhkova_c__S.GherciuGSV_8890.jpg 840w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_K.Ryzhkova_c__S.GherciuGSV_8890-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_K.Ryzhkova_c__S.GherciuGSV_8890-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Cecil_Hotel_K.Ryzhkova_c__S.GherciuGSV_8890-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-32673\" class=\"wp-caption-text\">Ksenia Ryzhkova in Andrey Kaydanovskiys \u201eCecil Hotel\u201c Foto Serghej Cherciu<\/figcaption><\/figure>\n<p>Stimmig zum fiesen Psychothriller passen au\u00dferdem das mehrdeutige Ende sowie die genialen Interpreten. Darunter Jonah Cook und Ksenia Ryzhkova als lacklederbestiefelte Prostituierte mit unvergleichbarer Egalo-Miene. Ohne jeglichen Peinlichkeitsfaktor! Bedauerlicherweise werden beide k\u00fcnftig bei uns blo\u00df mehr als G\u00e4ste aus Z\u00fcrich zu sehen sein. Dorthin haben sie sich nun auf die erdenklich skurrilste Art verabschiedet.<\/p>\n<p>Es platscht. Man h\u00f6rt jemanden ertrinken. Dann f\u00e4llt der Spot auf Dustin Klein. Den mit Wischmob ausgestatteten Lobby-Boy, der alles mitbekommt, was die ber\u00fcchtigten Serienm\u00f6rder Richard Ram\u00edrez (Jinhao Zhang) und Jack Unterweger (Jonah Cook) an m\u00f6rderischen Taten in den Fluren und Zimmern des ideengebenden Hotels aus Los Angeles an Mordphantasien ausleben. Als Verweis auf den \u2013 zuletzt 2013 \u2013 ungekl\u00e4rten Tod einer Studentin im versiegelten Hotelwassertank l\u00e4sst Kaydanovskiy S\u00e9verine Ferrolier im nassen T-Shirt durch die Szenerie geistern. Ein Mats Ek h\u00e4tte das nicht besser hinbekommen.<\/p>\n<p><em>Vesna Mlakar<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wiederaufnahme vom 10.-12. Januar 2020. Prinzregententheater in M\u00fcnchen. Karten: Tel.: 21851920<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D\u00fcsteres Vergn\u00fcgen Wo man hinsieht, regiert der Tod \u2013 beim Dreiteiler \u201e\u00c1 Jour\u201c des Bayerischen Staatsballetts. Erst in neoklassisch-sch\u00f6ner Verkleidung, dann wird es emotional-wuchtig. Zum Schluss herrscht ein derartiges \u00dcberma\u00df an (Selbst)Mordlust, dass das Zusehen pures Vergn\u00fcgen bereitet. Obwohl hier alle drei Frauen die H\u00e4lfte der Zeit vornehmlich als Leichen tanzen. Schwerkraftselig-brillant \u00fcbrigens. 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