{"id":32160,"date":"2019-03-11T11:38:56","date_gmt":"2019-03-11T11:38:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=32160"},"modified":"2019-03-11T11:38:59","modified_gmt":"2019-03-11T11:38:59","slug":"nijinsky-was-here","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/nijinsky-was-here\/","title":{"rendered":"Nijinsky was here"},"content":{"rendered":"\n<p>Marco Goecke beschenkt das Ballett Z\u00fcrich mit seinem\n\u201eNijinsky\u201c: Konzentration und Applaus hoch drei f\u00fcr die Schweizerische\nErstauff\u00fchrung im Opernhaus Z\u00fcrich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"850\" height=\"532\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_2164-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32154\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_2164-2.jpg 850w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_2164-2-300x188.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_2164-2-600x376.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_2164-2-768x481.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_2164-2-272x170.jpg 272w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption>Jan Casier und zwei Petruschka T\u00e4nzer Wei Chen und Riccardo Mambelli in NIJINSKI, Foto Carlos Quezada<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eigentlich w\u00e4re keine weitere Rezension n\u00f6tig, denn Goeckes\nWerk \u2013 ein Meisterwerk ohne jeden Zweifel \u2013 ist seit seiner Urauff\u00fchrung mit\nGauthier Dance 2016 im Theaterhaus Stuttgart hinl\u00e4nglich bekannt; es ist oft\ngezeigt und viel besprochen, ja besungen worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch wird hier eine weitere Hymne auf zwei Tanz-Genies\nangestimmt, um auch den <em>genius loci<\/em>\nein bisschen abzufeiern. &nbsp;Denn vor 100\nJahren, am 4. M\u00e4rz 1919, fuhr Nijinsky \u2013 mit seiner Frau Romola und den\nSchwiegereltern \u2013 &nbsp;von St. Moritz, wo er\nam 19. Januar zum letzten Mal \u00f6ffentlich getanzt resp. sich den Erwartungen des\nnoblen Publikums verweigert hatte, nach Z\u00fcrich. Nijinsky mochte diese Stadt\nnicht, wie er in seinen Tageb\u00fcchern schreibt: Die sei trocken, voller Fabriken\nund Gesch\u00e4ftsleute. Sein Weg f\u00fchrte ihn jedoch nicht wie geplant an die B\u00f6rse,\nwo er zu Geld zu kommen hoffte, sondern in die psychiatrische\nUniversit\u00e4tsklinik, Burgh\u00f6lzli im Volksmund, zu Prof. Eugen Bleuler, der bei\nihm Schizophrenie diagnostizierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz und auf den Punkt gebracht \u2013 wie alles bei Marco Goecke\n\u2013 erfolgt die Anamnese auf der B\u00fchne: Ein Arzt (Dominik Slavkovsk\u00fd) begegnet\nseinem prominenten Patienten zun\u00e4chst auf Augenh\u00f6he, sodass man sich fragt, wer\nhier \u00fcberhaupt verr\u00fcckt ist. Doch schnell wird klar, wer sticht und wer\ngestochen wird. Jan Casier tanzt Nijinsky, und dieser geht noch mehr unter die\nHaut als sein <em>Woyzeck<\/em> in Christian\nSpucks Ballett. Das grosse Leid(en) eines psychisch kranken Menschen: Goecke\nmacht es \u2013 anders, aber nicht weniger eindringlich als John Neumeier \u2013\nsichtbar, f\u00fchlbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterschied zu Stuttgart wird in Z\u00fcrich zu Live-Musik\ngetanzt. Pavel Baleff dirigiert die ersten beiden Klavierkonzerte von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin,\nwas f\u00fcr ungeheuer spannende Momente zwischen B\u00fchne und Orchestergraben sorgt,\nzumal sich die Bewegungssprache und die Musik \u2013 Stakkato und Schmelz \u2013 nicht\nselten zu widersprechen scheinen. &nbsp;Zwischen\nden Klavierkonzerten gibt Claude Debussys <em>Pr\u00e9lude\n\u00e0 l\u2019apr\u00e8s-midi d\u2019un faune<\/em> dem Pianisten Adrian Oettiker eine kurze\nVerschnaufpause. Wie schon Nijinskys <em>Faun<\/em>-Choreografie\nseit ihrer Urauff\u00fchrung in Paris 1912 die Gem\u00fcter erhitzen und unsere\nWahrnehmung von Choreografie an sich irritieren kann, raubt uns auch Goeckes <em>Faun<\/em> den Atem. Wenn Nijinsky \u2013 zwar im\nTraum \u2013 seinem Jugendfreund Isajef begegnet und sie in fast schon kindlicher\nSpiel-Lust ihre K\u00f6rper erforschen, knistert es gewaltig. Und es knallt, sobald\nSergej Diaghilev das Gleiche von seinem Superstar, Sch\u00fctzling und Lover\neinfordert, denn offensichtlich ist das Machtgef\u00e4lle, das Missbrauchspotential\ndieser Alliance, dieser Hassliebe, die Tanzgeschichte geschrieben hat. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"850\" height=\"530\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_0904.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32155\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_0904.jpg 850w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_0904-300x187.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_0904-600x374.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_0904-768x479.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_0904-272x170.jpg 272w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption>Lucas Valente, Iacopo Arregui, Dominik Slavkovksi, Meiri Maeda, in NIJINSKY, Foto Carlos Quezada<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>William Moore interpretiert den Impresario der legend\u00e4ren\nTanzcompagnie, der es mit seiner feinen Nase (und \u00fcberragendem Kunstverstand)\ngeschafft hat, den <em>Ballets Russes<\/em> zu\nWeltruhm zu verhelfen. Goecke versteht es, diese manipulative Figur mit wenigen\nBewegungen \u2013 ein T\u00e4nzeln und Herumscharwenzeln \u2013 und Accessoires in ihrer\nganzen Ambivalenz darzustellen: Pelzkragen, Gehstock und Hut \u2013&nbsp; und fertig ist der Aristokrat, der den Takt\nangibt. Gleichwohl ist es gerecht, dass auch er von der Muse Terpsichore (Katja\nW\u00fcnsche) gek\u00fcsst wird \u2013 und nicht nur Nijinsky, der Gott des Tanzes. \u00dcberhaupt\nl\u00e4sst Goecke allen Figuren mit ihren K\u00e4mpfen und Kr\u00e4mpfen Gerechtigkeit\nwiderfahren. Auch den Frauen. Irmina Kopaczynska, Polin auch sie, verk\u00f6rpert die polnische\nMutter, M\u00e9lanie Borel die furiose Romola und Elena Vostrotina \u2013 kalt und\nschlagkr\u00e4ftig \u2013 die geistige Umnachtung, den Tod. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"850\" height=\"530\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_3797.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32156\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_3797.jpg 850w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_3797-300x187.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_3797-600x374.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_3797-768x479.jpg 768w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/nijinski_c_carlos_quezada_3797-272x170.jpg 272w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption>Jese Fraser, M\u00e9lisa Ligurgo (Zwei Libellen)  Foto Carlos Quzada<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Gut, durften vor dem tristen, aber w\u00fcrdigen Ende noch vier rasante\nFrauen in Rot so richtig sch\u00f6n Raum einnehmen, rennen, mit den Armen rudern,\ngestikulieren \u00e0 la Goecke und so nicht nur <em>Le\nSpectre de la Rose<\/em> pervertieren, sondern auch an aktuellen Gender-Diskursen\nkratzen oder Queer-Perspektiven er\u00f6ffnen \u2013 Marco Goecke sei Dank!<\/p>\n\n\n\n<p>Evelyn Kl\u00f6ti<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marco Goecke beschenkt das Ballett Z\u00fcrich mit seinem \u201eNijinsky\u201c: Konzentration und Applaus hoch drei f\u00fcr die Schweizerische Erstauff\u00fchrung im Opernhaus Z\u00fcrich. 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