{"id":31586,"date":"2018-11-20T16:11:05","date_gmt":"2018-11-20T16:11:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=31586"},"modified":"2018-11-20T16:18:04","modified_gmt":"2018-11-20T16:18:04","slug":"eine-grose-primaballerina-aktiv-in-hohem-alter-yoga-ballett-mit-marcia-haydee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/eine-grose-primaballerina-aktiv-in-hohem-alter-yoga-ballett-mit-marcia-haydee\/","title":{"rendered":"Eine gro\u00dfe Primaballerina aktiv in hohem Alter: Yoga-Ballett mit Marcia Hayd\u00e9e"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Eine gro\u00dfe Primaballerina aktiv in hohem Alter:\u00a0<\/em><\/strong><strong><em>\u201eOh, ich habe so gerne Schokolade gegessen, viel zu viel.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Yoga-Ballett mit Marcia Hayd\u00e9e. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Was macht eine Primaballerina, wenn sie nicht mehr auf den gro\u00dfen Tanzb\u00fchnen der Welt steht bzw. sich dort\u00a0 t\u00e4nzerisch bewegt? Sie unterrichtet weiter und bildet aus. Und sie entwickelt etwas Neues: Dies tat Marcia Hayd\u00e9e, die aus Brasilien stammende fr\u00fchere erste T\u00e4nzerin des Stuttgarter Balletts, mit der die schw\u00e4bische Kompanie buchst\u00e4blich aus dem Dornr\u00f6schenschlag erwachte und weltweite Ber\u00fchmtheit erlangte. Zun\u00e4chst experimentierte sie mit dem Theater, leitete einige Jahre lang eine Kompanie in Santiago de Chile, bereiste die Atacama-W\u00fcste, bevor sie etwas ganz\u00a0 Neues, Eigenes entwickelte: Yoga-Ballett, eine Kombination aus Yoga und Ballett, geeignet f\u00fcr T\u00e4nzer und Nicht-T\u00e4nzer. Den Ansto\u00df dazu verdankt sie zum einen ihrem Alter, zum anderen ihrem Mann, dem Yoga-Lehrer G\u00fcnter Sch\u00f6berl.<\/p>\n<p>Ruhig, ein wenig schlurfend, betrat das ehemalige junge \u201eh\u00e4ssliche Entlein\u201c, das zum \u201estrahlenden Schwan\u201c mutierte \u2013 dank des ehemaligen Direktors des Stuttgarter Balletts, John Cranko \u2013 den Gymnastiksaal im Sportinstitut T\u00fcbingen, um dort einen Intensiv-Kurs in \u201eYoga-Ballett\u201c durchzuf\u00fchren, f\u00fcr T\u00e4nzer und Nichtt\u00e4nzer aller Altersgruppen. \u201eKommen Sie, wir machen eine Vorstellungsrunde, bevor es losgeht. Sie k\u00f6nnen mich Siezen oder Duzen, wie Sie wollen. Ich bin ein ganz unkomplizierter Mensch!\u201c<\/p>\n<p>Die ehemalige Primaballerina des Stuttgarter Balletts gab sich seit Februar 2014 mehrmals die Ehre: Sie folgte einer Einladung der Sport- und Tanzp\u00e4dagogin, Yogalehrerin und Leiterin des \u201eAkasha Tanzensembles\u201c, Inge Seefluth vom Hochschulsport T\u00fcbingen, mit der sie eine langj\u00e4hrige Bekanntschaft pflegt, eine Intensiv-Fortbildung in Yoga-Ballett durchzuf\u00fchren. Dies ist eine Methode, die die Atem- und Entspannungstechniken des sich auf K\u00f6rper\u00fcbungen konzentrierenden Hatha-Yoga mit einigen Chi-Gong-Elementen und sanften Ballettbewegungen zu choreographischer Arbeit vereint. Das Ergebnis ist ein Tanz: Yoga-Ballett.<\/p>\n<p>Hayd\u00e9e hat diese Methode selbst entwickelt, gemeinsam mit ihrem Mann G\u00fcnter Sch\u00f6berl; ihr geb\u00fchrt und geh\u00f6rt das Urheberrecht daf\u00fcr. Vom Yoga fr\u00fch fasziniert, hat sie ihn ab dem 19. Lebensjahr selbst praktiziert. Ausschlaggebend f\u00fcr ihr Interesse daran war die Beobachtung von T\u00e4nzerinnen. Sie sah viele technisch brillante K\u00fcnstlerinnen auf der B\u00fchne, aber eine erschien ihr anders: Rosella Hightower, eine T\u00e4nzerin und Choreographin des Balletts in Cannes und Monte Carlo. Diese tanzte mit einer ungeheuren Leichtigkeit, man merkte ihr keine Ersch\u00f6pfung an. Die Frage, woran dies lag, beantwortete Hightower selbst: Sie praktizierte Yoga. Dadurch ging sie entlastender mit der K\u00f6rperatmung um, was dazu f\u00fchrte, dass sie mehr Energie auftankte, als die anderen T\u00e4nzerinnen und langsamer erm\u00fcdete. Dies offenbarte sich in der Leichtigkeit, mit der sie auf der B\u00fchne tanzte. Von Rosella Hightower inspiriert, begann Marcia Hayd\u00e9e selbst mit 19 Jahren t\u00e4gliches Hatha-Yoga-Training und sp\u00fcrte die Ver\u00e4nderung im Umgang mit der t\u00e4nzerischen K\u00f6rperarbeit am eigenen Leib. Bis ins hohe Alter tanzte und choreographierte sie selbst, in den letzten Jahren mit st\u00e4rkerer Konzentration auf theatralisches Tanztheater, dem sie sich ab 1994, gemeinsam mit dem Brasilianer Ismael Ivo, st\u00e4rker widmete, den sie einst pers\u00f6nlich nach Stuttgart holte (Ivo gr\u00fcndete, zusammen mit Rio Rutzinger und einigen Anderen, das ImPulsTanz-Festival Wien vor drei\u00dfig Jahren, der inzwischen erfolgreichsten und innovativsten Ausbildungsst\u00e4tte f\u00fcr Tanz europaweit, wenn nicht gar weltweit). Hayd\u00e9e lernte, ganz ruhige, beinahe statisch wirkende Bewegungsarbeit auf der B\u00fchne \u2013 und fand es faszinierend. Ihrer Meinung nach geh\u00f6rt dies zum Schwierigsten, das sie je gemacht hat. Besonders bewundert sie das japanische N\u014d-Theater; sie habe vor einigen Jahren ein St\u00fcck gesehen, in dem ein Teilnehmer einen Raum so langsam statisch durchquert, dass es insgesamt etwa vierzig Minuten daf\u00fcr braucht, von einem Ende zum anderen. \u00a0Im letzten Jahrzehnt leitete sie einige Jahre lang die Kompanie in Santiago de Chile. Doch jetzt ist sie am liebsten zuhause, das hei\u00dft: Bei ihrem Mann auf der Schw\u00e4bischen Alb. Hier fand und findet sie Ruhe, die sie in Anbetracht ihres vollen Terminkalenders dringend ben\u00f6tigt. Auch wenn sie sich selbst weder Ersch\u00f6pfung noch Erm\u00fcdung anmerken l\u00e4sst, auch nicht am Ende eines Arbeitstages.<\/p>\n<p>Der vollkommen ausgebuchte Workshop fand in der Zusammenarbeit mit ihrem Mann G\u00fcnter Sch\u00f6berl statt, der die Musik koordinierte. Hayd\u00e9e begann mit ruhigen Entspannungs\u00fcbungen auf der Matte, ohne Musik. Dann folgte eine behutsame Aneinanderreihung der kleinen Entspannungssequenzen zu einer Kombination mit sanfter meditativer Musik im Hintergrund, die schlie\u00dflich zu einer kleinen Choreographie zusammengesetzt wurde. Hayd\u00e9e korrigierte die Bewegungen der einzelnen Teilnehmerinnen, darunter auch eine muslimische T\u00e4nzerin (es gab keinen einzigen m\u00e4nnlichen Teilnehmer), mit wachem Blick und klaren, ruhigen Anweisungen. Die \u201egrande dame\u201c des Stuttgarter Balletts erkl\u00e4rte ruhig und verst\u00e4ndlich. Mit kleinen Kontrollg\u00e4ngen zwischendurch korrigierte sie behutsam, mit den zartesten H\u00e4nden und Fingern, die man sich vorstellen kann, r\u00fcckte H\u00e4nde zurecht, korrigierte die Wirbels\u00e4ulen- und Bein-Haltung, lobte eine gute Haltungsposition. Aber bei aller Sanftheit: Mit klarer, deutlicher Stimme; Hayd\u00e9e strahlt eine nat\u00fcrliche Autorit\u00e4t aus, unvorstellbar, dass jemand ihr nicht zuh\u00f6ren oder Folge leisten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Der Arbeitstag wurde von ihr beendet mit einem gro\u00dfen Kreis; dann forderte sie jede einzelne Teilnehmerin auf, zu der aufgelegten Samba-Musik individuell zu tanzen und aus dem Kreis herauszutreten. Hayd\u00e9e begann, intensiv zu wackeln und zu zittern, als st\u00fcnde sie auf einem Wagen einer Samba-Schule in Rio de Janeiro, wo sie aufgewachsen ist \u2013 mit Musik. Ihrer gl\u00fccklichen Kindheit und ihrer unb\u00e4ndigen Bewegungslust verdankt sie bis heute ihr Lebensgef\u00fchl; nicht alle Erlebnisse ihres Lebens waren unbeschwert. Sie erz\u00e4hlte, sie habe eine gl\u00fcckliche Kindheit gehabt, in einer tollen Familie, die ihr volle R\u00fcckendeckung gab. Mit drei Jahren begann sie den Spitzentanz \u2013 viel zu fr\u00fch, wie sie sagt, ihre F\u00fc\u00dfe sind dadurch kaputt gemacht worden. Man sollte nicht fr\u00fcher als mit acht, neun Jahren beginnen, auf Spitze zu tanzen, damit die F\u00fc\u00dfe und ihre Knochen ausreichend Kraft entwickeln konnten, bevor sie einer solchen Belastung ausgesetzt werden; vielleicht auch sp\u00e4ter Das ist ihre Erkenntnis und \u00dcberzeugung, die sie heute offen vertritt. Aber: Sie habe keine Schmerzen. Marcia Hayd\u00e9e tr\u00e4gt immer Socken; darunter bilden sich die Formen ihrer verkr\u00fcmmten Zehen deutlich ab. Ohne Musik und Tanz kann sie nicht leben: \u201eIch bin auf die Welt gekommen, um zu tanzen. Wenn ich Musik h\u00f6re, fange ich sofort an, mich zu bewegen. Ich h\u00f6re t\u00e4glich Musik, ich brauche das zum Leben.\u201c<\/p>\n<p>Im anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4ch \u00fcber ihr Leben und ihre Arbeit als T\u00e4nzerin und Choreographin (sie hat etwa acht oder neun St\u00fccke selbst bearbeitet) gibt sie kleine Geheimnisse preis: Als sie als Teenager nach London kam, um Klassisches Ballett zu lernen, nahm sie innerhalb k\u00fcrzester Zeit viel an Gewicht zu, acht oder neun Kilo. Die Ern\u00e4hrung war einfach anders als zuhause in Brasilien, das englische Essen setzte mehr an. Und. \u201eOh, ich habe so viel Schokolade gegessen, viel zu viel.\u201c Als sie John Cranko kennen lernte, spielte das keine Rolle mehr. Er mochte die junge pummelige Brasilianerin und glaubte an sie. Er erkannte sofort ihr dramatisches Talent, ihre unglaublich starke Ausstrahlung. Diese hat sie bis heute behalten. Sie hat nach wie vor ein wundersch\u00f6nes Gesicht, mit diesem tiefen, melancholischen Zug darin, mit ihrer immer gleichen Art, sich zu schminken: Dunkler Lidschatten, schwarze Tusche, rote Lippen. Immer noch tr\u00e4gt sie als eine ihrer Grundfarben gerne Schwarz, zumindest die Trainingshosen. Ihre Haut ist wei\u00df wie Elfenbein, mit zarten Altersflecken, ihre Arme grazil und muskul\u00f6s, ihre H\u00fcften recht rundlich, ihr Hals lang und schlank. Sie sieht immer noch aus wie eine melancholische Julia, heute eben mit vielen, zarten, kleinen Altersf\u00e4ltchen, den nach wie vor kindlichen B\u00e4ckchen und einem zarten, melancholischen Zug um die Lippen, der auf das hindeutet, wor\u00fcber sie nicht so gerne spricht: Die Verluste in ihrem Leben, das Davongehen von Menschen, die sie liebte und mit denen sie viel ihrer Arbeits- und Lebenszeit geteilt hat: John Cranko, Richard Cragun, ihr Bruder. Hayd\u00e9e wei\u00df um die Probleme in Lateinamerika, sie kennt die sozialen Tanzprojekte aus Brasilien und Chile, wo Tanz Bestandteil der Sozialarbeit ist. John Cranko hat sie viel zu verdanken: \u201eAlles, was ich bin, habe ich John Cranko zu verdanken. Er hat mich geformt und gebaut als T\u00e4nzerin. Er hat immer an mich geglaubt. Ich habe gemacht, was er sagte; er lag immer richtig.\u201c Ihr Mann, der Schwabe G\u00fcnter Sch\u00f6berl, hat Ruhe und Gleichgewicht, Ausgeglichenheit und Gelassenheit in ihr Leben gebracht: \u201eIch mag die Schwaben. Sie sch\u00fctzen mich.\u201c Mit ihrem hohen Alter hat sie nach wie vor ein unglaubliches Charisma und eine leicht kindliche Ausstrahlung, die durch ihren wachen, ein klein wenig traurigen, Blick und ihre runden B\u00e4ckchen unterstrichen wird. Ihre Empfehlungen und ihr Rat wird von Choreographen immer noch gesch\u00e4tzt: So hat sie eine der ersten Solistinnen f\u00fcr das Stuttgarter Ballett empfohlen, die talentierte Koreanerin Sue Jin Kang. Hayd\u00e9e hat die Erfahrung und den Blick f\u00fcr K\u00f6nnen, Qualit\u00e4t und Talent. Das Erkennen von Begabung und Talent sch\u00e4tzt sie hoch ein; es war die Voraussetzung f\u00fcr die Karrieren von Rudolf Nurejew, der mit 18 Jahren erst zum Ballett kam, und f\u00fcr Rodrigo Guzman, der mit 20 mit dem Klassischen Ballet begann. Man kann sich keine Primaballerina und Diva vorstellen, die menschlicher und bodenst\u00e4ndiger sein k\u00f6nnte als Marcia Hayd\u00e9e; sie ist die personifizierte Menschlichkeit. Dies ist nicht verwunderlich; als T\u00e4nzerin blieb ihr nichts Anderes \u00fcbrig, als sich anzupassen, was durch die vielen Reisen auf Tourneen n\u00f6tig ist. Man kann als T\u00e4nzerin nicht einfach sagen: \u201eOh, ich habe Schmerzen, es geht mir nicht gut, ich f\u00fchle mich nicht wohl. Nein, heute Abend muss ich auf der B\u00fchne stehen und funktionieren. Ich muss tanzen, und ich muss gut sein! Das Publikum erwartet das von mir!\u201c Um dies zu verkraften und durchzustehen, habe ihr die Praxis des auf K\u00f6rpertechniken konzentrierten Hatha-Yoga sehr geholfen. Und das Trinken von Wasser.<\/p>\n<p>Diese von Hayd\u00e9e entwickelte Methode ist f\u00fcr T\u00e4nzer wie Nichtt\u00e4nzer und f\u00fcr alle Altersgruppen geeignet ist und wirkt dennoch sehr sch\u00f6n. Viele \u00e4ltere T\u00e4nzer und T\u00e4nzerinnen bauen heute Yoga in ihren Alltag ein, um diesen zu entschleunigen und zu erleichtern. Es scheint insgesamt eine gute Wirkung zu haben.<\/p>\n<p><strong><em>Autorin:\u00a0 A. M. Harwazinski<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gro\u00dfe Primaballerina aktiv in hohem Alter:\u00a0\u201eOh, ich habe so gerne Schokolade gegessen, viel zu viel.\u201c Yoga-Ballett mit Marcia Hayd\u00e9e. Was macht eine Primaballerina, wenn sie nicht mehr auf den gro\u00dfen Tanzb\u00fchnen der Welt steht bzw. sich dort\u00a0 t\u00e4nzerisch bewegt? Sie unterrichtet weiter und bildet aus. 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