{"id":31196,"date":"2018-07-24T16:09:08","date_gmt":"2018-07-24T16:09:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=31196"},"modified":"2018-07-24T16:10:45","modified_gmt":"2018-07-24T16:10:45","slug":"grandes-dames-ein-abend-fur-die-frauen-von-ihnen-selbst-und-von-mannern-uber-das-was-sie-ihnen-verdanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/grandes-dames-ein-abend-fur-die-frauen-von-ihnen-selbst-und-von-mannern-uber-das-was-sie-ihnen-verdanken\/","title":{"rendered":"\u201eGrandes Dames\u201c &#8211; Ein Abend f\u00fcr die Frauen, von ihnen selbst und von M\u00e4nnern \u00fcber das, was sie ihnen verdanken"},"content":{"rendered":"<h6>Mit \u201eGrandes Dames\u201c macht Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart darauf aufmerksam, dass Frauen als Choreografinnen noch immer weniger Chancen haben als M\u00e4nner.<\/h6>\n<p>Die Tanzwelt werde noch immer von M\u00e4nnern dominiert, so Eric Gauthier im Programmheft der neuesten Produktion, \u201eGrandes Dames\u201c.\u00a0 Er sagt auch, es sei an der Zeit, ihnen einen Abend zu widmen. Und so gibt es vier Urauff\u00fchrungen, zwei von Frauen, und zwei von M\u00e4nnern, f\u00fcr Frauen, denen sie viel zu verdanken haben.<\/p>\n<p>Und wie oft m\u00f6chte Eric Gauthier auch wieder in Stuttgart neben bekannten Choreografinnen und Choreografen eine bislang sicher nur wenigen bekannte Choreografin vorstellen, Virginie Brunelle, aus dem kanadischen Qu\u00e9bec, die erstmals in Europa arbeitet.\u00a0Ob die junge Choreografin schon zu den gro\u00dfen Damen ihres Faches z\u00e4hlt l\u00e4sst sich noch nicht sagen, dass man auf ihren weitere Entwicklung gespannt sein sollte, dass sie hoffentlich nicht zum letzten Mal f\u00fcr Gauthier Dance gearbeitet hat, m\u00f6chte man gerne hoffen.<\/p>\n<p>\u201eBeating\u201c hei\u00dft ihre Kreation f\u00fcr acht T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer, die musikalisch zun\u00e4chst sehr poetisch zu milden Klavierkl\u00e4ngen von Franz Liszt beginnt. Lassen Gemeinsamkeiten, Zuneigung, Partnerschaften, Liebesbeziehungen tats\u00e4chlich die Herzen im gleichen Takt schlagen, unabh\u00e4ngig von der erotischen Orientierung, in der Zweisamkeit oder in der Gruppe, oder gar in sehnsuchtsvoller Einsamkeit?<\/p>\n<figure id=\"attachment_31198\" aria-describedby=\"caption-attachment-31198\" style=\"width: 709px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-31198\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Beating_Brunelle_ReginaBrocke_0113.jpg\" alt=\"\" width=\"709\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Beating_Brunelle_ReginaBrocke_0113.jpg 709w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Beating_Brunelle_ReginaBrocke_0113-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Beating_Brunelle_ReginaBrocke_0113-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-31198\" class=\"wp-caption-text\">Szene aus &#8220;Beating&#8221; Ch. Virginie Bunelles \u00a9 Regina Brocke<\/figcaption><\/figure>\n<p>Solchen Fragen geht die Choreografin mit ihrer feinsinnigen und auch mitunter humorvollen, heiter grundierten, t\u00e4nzerischen Suche nach den Gl\u00fccksmomenten des Gleichklanges nach. Dass dabei nicht immer Wunsch und Wirklichkeit einen Einklang bilden l\u00e4sst sie nicht aus. Dass es in einer Reihe immer Erste und Letzte geben muss auch nicht. Auch nicht, dass die Weitergabe rhythmischer Takte der Zuneigung oder des Suchens auch Ver\u00e4nderungen und Verunsicherungen mit sich bringt macht die bewegten Bilder ihrer t\u00e4nzerischen Suche interessant und so wie die Musik von Henryk G\u00f3recki oder Max Richter dann auch ganz andere Kl\u00e4nge einbringen gibt sie auch dem Tanz sich wandelnde Zwischent\u00f6ne.<\/p>\n<p>Mutig ist es, eine so streitbare K\u00fcnstlerin wie Helena Waldmann f\u00fcr diesen Abend zu verpflichten. Und so geschieht es auch, in der besuchten Auff\u00fchrung, am 21. Juni, dass genau in dem Moment, in dem sich Momente der Stille ausbreiten in der ansonsten von den kr\u00e4ftigen Beats des Komponisten Jayrope unterlegten Arbeit \u201eWe Love Horses\u201c von Helena Waldmann, eine entr\u00fcstete Zuschauerin Geh\u00f6r verschafft:<\/p>\n<p>Das sei doch gar nicht sch\u00f6n, das sei doch so h\u00e4sslich, so ruft sie gut vernehmbar in den Saal. Recht hat diese emp\u00f6rte Dame, denn die Berliner Choreografin und Tanzregisseurin hat sich nie um den \u201esch\u00f6nen\u201c Tanz gek\u00fcmmert. Sie bringt in immer neuen Varianten genau das auf die Tanzb\u00fchne, was ganz und gar nicht sch\u00f6n ist in der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>In \u201eWe Love Horses\u201c l\u00e4sst sie die Peitsche knallen. Die T\u00e4nzerin Anneleen Dedroog als Domina auf hohen Stelzen wie ein l\u00fcsterner Satyr macht drei ihrer Kolleginnen und zwei Kollegen zu regelrecht kadavergehorsamen Zirkustieren in der Manege mit wippenden Federn auf den K\u00f6pfen und einem breiten Pferdehintern dieser in die Unnat\u00fcrlichkeit gepeitschten Wesen im Kost\u00fcmdesign von Judith Adam.<\/p>\n<p>Die Dressur des Alltags, der sich Menschen willig hingeben, weil ja angeblich Ordnung sein m\u00fcsse, wo k\u00e4men wir den hin, wenn sich jeder und jede nach ihrer oder seiner Facon bewegte. Nein, wir brauchen sie, die Peitsche des Gesetzes, der Ordnungen, der Unterdr\u00fcckung der Pers\u00f6nlichkeit, der wir uns wie dressierte Pferde untergeben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_31200\" aria-describedby=\"caption-attachment-31200\" style=\"width: 709px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-31200 size-full\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/WeLoveHorses_Waldmann_ReginaBrocke_0075.jpg\" alt=\"\" width=\"709\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/WeLoveHorses_Waldmann_ReginaBrocke_0075.jpg 709w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/WeLoveHorses_Waldmann_ReginaBrocke_0075-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/WeLoveHorses_Waldmann_ReginaBrocke_0075-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-31200\" class=\"wp-caption-text\">Szene aus &#8220;We love horses&#8221; Ch. Helena Waldmann \u00a9 Regina Brocke<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nein, sch\u00f6n ist das nicht anzusehen wenn die dressierten Wesen genau auf den Knall der Peitsche ihre Hintern schwingen, wenn sie sich in genormten, sexuellen Praktiken ganz ohne Poesie und Z\u00e4rtlichkeit einer ganz und gar nicht tierischen Lust hingeben und sich mit den H\u00e4ppchen l\u00e4hmender Zuckerbrot-Ideologien abspeisen lassen. Ja, das ist h\u00e4sslich. Das tut auch weh, und davon angewidert zu sein, darauf entsetzt zu reagieren, das w\u00e4re vielleicht ein erster Schritt in die Freiheit au\u00dferhalb der Manegen mit ihren Begrenzungen und Ausgrenzungen, mit denen wir meinen alles, was fremd ist, was uns wild erscheint, bannen zu k\u00f6nnen.\u00a0Helena Waldmanns Beitrag d\u00fcrfte sicher der h\u00e4rteste sein in dem vierteiligen Abend \u201eGrandes Dames\u201c, mit dem Gauthier Dance am Theaterhaus in Stuttgart seine nunmehr elfte Saison beendet.<\/p>\n<p>Es folgen in thematischer Korrespondenz zum Anliegen des Abends Urauff\u00fchrungen von Marco Goecke und in gemeinsamer Arbeit, von Eric Gauthier zusammen mit dem griechischen Choreografen Andonis Fonidakis. Jeweils eine sehr pers\u00f6nliche Hommage, an wahrhaft gro\u00dfe Damen des Tanzes, Pina Bausch und Louise Lecavalier.<\/p>\n<p>F\u00fcr Marco Goecke, geboren in Wuppertal, ist es Pina Bausch, der er die Grundlage f\u00fcr alle Leidenschaft, die er im Tanz entwickelt hat, verdankt. Im Programmheft erinnert er sich daran, wie er als Heranwachsender, der sich nach einem anderen Leben sehnte, empfand, dass sie es war, die alles auszudr\u00fccken schien, was er empfand, wonach er suchte, wovon er tr\u00e4umte.\u00a0So hei\u00dft sein Solo f\u00fcr Rosario Guerra zu Songs von Anthony and the Johnsons auch \u201eInfant Spirit\u201c.<\/p>\n<p>Und wie es dieser T\u00e4nzer vermag, die erinnernden und inspirierenden Tr\u00e4ume des Choreografen, zun\u00e4chst in tastender Knabenhaftigkeit, dann auch im korrespondierenden Widerstand zu den eigeneren, K\u00f6rperlichen M\u00f6glichkeiten und dem nicht versiegenden Eifer, doch immer noch eine weitere Grenze scheinbarer Gegebenheiten k\u00f6rperlicher Ausdruckskraft zu durchbrechen, das ist grandios.\u00a0 Hier wird nichts kopiert, nichts nachgemacht, aber vieles nachempfunden, nicht ganz ohne Wehmut, denn die Melancholie der Kl\u00e4nge jener Songs ist nicht \u00fcberh\u00f6rbar.\u00a0Und wenn sich Rosario Guerra am Ende dieses Solos eine Nelke ans Revers steckt, dann kann man es wieder sehen, in der Erinnerung, dieses wogende Feld, in Pina Bauschs Choreografie \u201eNelken\u201c.<\/p>\n<p>Auch Eric Gauthier nimmt eine befl\u00fcgelnde Erinnerung an die Jugend in Toronto zum Anlass f\u00fcr seine Hommage an eine Ikone des Tanzes. Noch heute, so sagt er, befl\u00fcgle ihn die explosive Energie der ehemaligen Frontt\u00e4nzerin der kanadischen Kult-Company La La La Human Steps, Louise Lecavalier, die er als Ballettsch\u00fcler in seiner Kanadischen Heimat kennenlernte.<\/p>\n<p>\u201eElectric Life\u201c, eine Kreation in zwei Teilen, ganz klar eine Hommage an Louise Lecavalier, auch mit der von ihr so geliebten Musik von David Bowie. Ja, Gauthier l\u00e4sst nun seine Solistin zun\u00e4chst in einem dem Titel gem\u00e4\u00dfen Kreis von Leuchtstoffr\u00f6hren, die auch etwas Gespenstisches andeuten m\u00f6gen, ihre tanzakrobatischen Kraftakte vollf\u00fchren. Mag sein, seine Art, Erinnerungen in t\u00e4nzerische Gegenwart zu \u00fcberf\u00fchren, bewegen sich nahe am Zitat, verfallen aber dann doch nicht der Gefahr einer puren Rekonstruktion. Daf\u00fcr stehen auch die Wahnsinsenergie der T\u00e4nzerin Garazi Perez Oloriz und des T\u00e4nzers Maurus Guthier mit den sich drehenden Spungvarianten, athletischen Hebefiguren, k\u00e4mpferischem Gegeneinander und knappen Momenten des Miteinanders, was alles wirkt, als sei auch dies eine Motivation des Tanzes, sich gegenseitig an- und aufzustacheln.<\/p>\n<figure id=\"attachment_31202\" aria-describedby=\"caption-attachment-31202\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-31202 size-large\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/ElectricLife_Gauthier_Foniadakis_ReginaBrocke_0142-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/ElectricLife_Gauthier_Foniadakis_ReginaBrocke_0142-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/ElectricLife_Gauthier_Foniadakis_ReginaBrocke_0142-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/ElectricLife_Gauthier_Foniadakis_ReginaBrocke_0142-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/ElectricLife_Gauthier_Foniadakis_ReginaBrocke_0142-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-31202\" class=\"wp-caption-text\">Szene aus &#8220;Electric Life&#8221; Ch. Eric Gauthier, Antonis Foniadakis \u00a9 Regina Brocke<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der zweite Teil des St\u00fcckes, jetzt von Andonis Foniadakis, der erneut mit Gauthier Dance zusammenarbeitet, \u00fcbernimmt den Furor des Duettes im ersten Teil und \u00fcbertr\u00e4gt ihn auf die Gruppe. Dabei wird auch der Lichtkreis aufgel\u00f6st, die Elektrik des Tanzes und die des Lichtes ergeben neue Sichtweisen von raumgreifender Energien. Das hat schon Momente des Wahnsinns im Spiel mit Licht und Dunkelheit, mit aufpeitschenden Klanggrundierungen, mit einer Art der Grenz\u00fcberschreitung dessen, was explosiver Tanz m\u00f6glich macht. Was nat\u00fcrlich bestens funktioniert bei so explosiven T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer dieser Kompanie.<\/p>\n<p>Boris Gruhl<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit \u201eGrandes Dames\u201c macht Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart darauf aufmerksam, dass Frauen als Choreografinnen noch immer weniger Chancen haben als M\u00e4nner. 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