{"id":30962,"date":"2018-06-10T10:35:03","date_gmt":"2018-06-10T10:35:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/?p=30962"},"modified":"2018-06-10T11:22:44","modified_gmt":"2018-06-10T11:22:44","slug":"intensives-kammerspiel-als-tanztheater-in-der-kirche-maria-stuart-von-reiner-feistel-zum-abschied-in-chemnitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/intensives-kammerspiel-als-tanztheater-in-der-kirche-maria-stuart-von-reiner-feistel-zum-abschied-in-chemnitz\/","title":{"rendered":"Intensives Kammerspiel als Tanztheater in der Kirche  \u201eMaria Stuart\u201c von Reiner Feistel zum Abschied in Chemnitz"},"content":{"rendered":"<p>Ballett, Tanztheater an einem ungew\u00f6hnlichen Ort: F\u00fcr seinen nicht ganz freiwilligen Abschied in Chemnitz w\u00e4hlte der Choreograf Reiner Feistel die Chemnitzer St. Markuskirche. Hier treffen Maria Stuart, K\u00f6nigin von Schottland und Elisabeth I., K\u00f6nigin von England, aufeinander, f\u00fcr Maria endet dies t\u00f6dlich, f\u00fcr Elisabeth in tragischer Einsamkeit.<\/p>\n<p>Der in Leipzig ausgebildete Reiner Feistel war ab 1984 T\u00e4nzer und Solist beim Ballett der Staatsoper Dresden. Von 1997 bis 2013 war er Ballettdirektor an den Landesb\u00fchnen Sachsen und wurde mit Beginn der Spielzeit 2013\/2014 k\u00fcnstlerischer Leiter und Chefchoreograf beim Ballett in Chemnitz. Ungew\u00f6hnlich und \u00fcberraschend war es, dass er von dieser Position mitten in der laufenden Spielzeit des letzten Jahres abberufen wurde.<\/p>\n<p>Dabei hatte er, etwa mit seiner Sicht auf den Klassiker \u201eGiselle\u201c, seinen Ballettabend \u201eMozart-Briefe\u201c oder mit dem ersten Teil des mit dem S\u00e4chsischen Tanzpreis ausgezeichneten Abends, \u201eGesichter der Gro\u00dfstadt\u201c &#8211; nach Gem\u00e4lden von Edward Hopper, durchaus Akzente gesetzt, die auch \u00fcberregional wahrgenommen wurden.<\/p>\n<p>Sabrina Sadowska, zuvor Ballettbetriebsdirektorin und erste Ballettmeisterin, wurde zur Ballettdirektorin ernannt. Unter ihrer Leitung wolle man dem Publikum eine gr\u00f6\u00dfere Bandbreite an Ballettproduktionen anbieten, \u201edie vom klassischen Handlungsballett \u00fcber zeitgen\u00f6ssische Tanzabende bis hin zu Nischenproduktionen reichen wird\u201c, hie\u00df es in einer Meldung. Dazu wolle man auch verst\u00e4rkt international agierende Choreografen einladen. Immerhin, mit der recht unterhaltsamen und showm\u00e4\u00dfigen Choreografie \u201eRomeo und Julia\u201c von Luciano Cannito hat das schon mal publikumswirksam funktioniert. Was die Zukunft bringt wird man sehen. Reiner Feistel \u00fcbernimmt mit Beginn der neuen Saison die Stelle des Ballettdirektors am Theater in Ulm. Seine Urauff\u00fchrung zum Abschied in Chemnitz, \u201eMaria Stuart\u201c, in der St. Markuskirche, wurde mit langanhaltendem Applaus und gro\u00dfem Jubel gefeiert.<\/p>\n<p>Wie der Choreograf mit den r\u00e4umlichen Herausforderung des monumentalen Bauwerkes, in der Nachempfindung norddeutscher Backsteingotik, von 1893 bis 1895 erbaut, umzugehen vermag, ist von beeindruckender Wirkung.<\/p>\n<p>Der Raum wird einbezogen. Das Mittelschiff ist leer, dem Tanz vorbehalten, das Publikum auf ansteigenden Podesten auf beiden Seiten, der Altarraum mit vielen brennenden Kerzen wird t\u00e4nzerisch nicht einbezogen, ist dennoch von besonderer Wirkung.<\/p>\n<p>\u00dcber der Tanzfl\u00e4che schweben unz\u00e4hlige, zierliche Schwerter, darunter stehen sich die Throne der konkurrierenden K\u00f6niginnen gegen\u00fcber. Ausstatter Klaus Hellenstein hat sie als \u00fcberdimensionale Prunkkleider gestaltet, in denen die T\u00e4nzerinnen gefangen sind und in denen sie ohne ihr Zutun durch den Raum bewegt werden k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen im Kreis gedreht werden, sie k\u00f6nnen auf Konfrontation gebracht werden. Wenn die T\u00e4nzerinnen diese Gef\u00e4ngnisse der Macht verlassen, sind sie Menschen, junge Frauen. Das ist wohl eine Grundidee dieser Choreografie, die man in knapp 90 Minuten ohne Pause als ein auf das Wesentliche konzentriertes Kammerspiel unter der architektonischen \u00dcbermacht dieses Raumes erlebt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_30964\" aria-describedby=\"caption-attachment-30964\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-30964 size-large\" style=\"font-weight: bold; color: #777777; font-size: 12px; text-align: right;\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR14_c_zenna-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR14_c_zenna-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR14_c_zenna-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR14_c_zenna-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR14_c_zenna-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-30964\" class=\"wp-caption-text\">Alanna Saskia Pfeiffer (Elisabeth I.) in Maria Stuart \/ Tanztheater von Reiner Feistel (Urauff\u00fchrung) Foto von Ida Zenna<\/figcaption><\/figure>\n<p>Isabel Domhardt tanzt die Rolle der Maria Stuart, Alanna Saskia Pfeiffer, die der Elisabeth I., und wie sie die Unterschiede der Charaktere dieser Frauen gestalten, das ist jeweils intensiv und \u00fcberzeugend, vor allem ber\u00fchrend. Da sind die Momente der jugendlichen Unbeschwertheit der Isabel Domhardt als Maria, da ist die Strenge, die sie aber immer wieder zu durchbrechen sucht, der Alanna Saskia Pfeiffer als Elisabeth. Und da ist der immer pr\u00e4sente T\u00e4nzer Benjamin Kirkman als \u201eMortem\u201c &#8211; das Schicksal, eigentlich die Hauptrolle, als Kunstfigur in Wei\u00df, Engel und Satan zugleich. Er lenkt die Geschicke, gibt den Frauen Richtungen vor, die sie in die Unentrinnbarkeit der Vorgaben politischer Machtstrukturen f\u00fchren. Die Repr\u00e4sentanten dieser Strukturen sind M\u00e4nner. Die Frauen werden f\u00fcr sie zu Marionetten und Werkzeuge.<\/p>\n<p>Und doch gelingen ihnen immer wieder Momente des Widerstandes. Es gibt im Tanz der K\u00f6niginnen H\u00f6hepunkte von vision\u00e4rer Kraft, wenn sie sich nahe kommen und sp\u00fcren k\u00f6nnten, dass sie in ihren menschlichen Anspr\u00fcchen sich n\u00e4her sind als es das Korsett der M\u00e4chte ihnen erlaubt.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner, die dabei ganz unterschiedliche Rollen spielen, M\u00f6rder und Intriganten, Geliebte, Liebhaber, Ehem\u00e4nner und Verr\u00e4ter, werden in jeweils eindringlicher, choreografischer Charakterisierung kraftvoll und widerspr\u00fcchlich zugleich, von Sandra Ehrensperger, Alejandro Guindo Mart\u00edn, Ivan Charnev, Jean-Blaise Druenne, Alessio Ciacco und Milan Mal\u00e1\u010d getanzt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_30968\" aria-describedby=\"caption-attachment-30968\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-30968\" src=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR05_c_zenna-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR05_c_zenna-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR05_c_zenna-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR05_c_zenna-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/MARIA_STUART_PR05_c_zenna-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-30968\" class=\"wp-caption-text\">Alanna Saskia Pfeiffer (Elisabeth I.) in Maria Stuart \/ Tanztheater von Reiner Feistel (Urauff\u00fchrung) Foto von Ida Zenna<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und wenn am Ende Maria unterliegt, das Symbol der Macht, dieser Thron, zerfleddert wird, sich dessen Gest\u00e4nge wie ein bis dahin verborgenes Gef\u00e4ngnis darstellt, dann geht der Blick Elisabeths auf ihrem Thron einsam und sehnsuchtsvoll in unbestimmte Ferne. Eine tragische Siegerin.\u00a0Wesentlich f\u00fcr dieses Tanztheater ist die Musik in Form einer Klangcollage mit Zitaten und Passagen, die von der Renaissance bis in die Gegenwart f\u00fchren und verschiedene Genres miteinander in Beziehung setzen in der Zusammenstellung unterschiedlicher Kl\u00e4nge mit eigenen Kompositionen von Bernd Sikora. Dazu das Spiel an der Orgel von Sebastian Schilling, welches bei ausgezeichnet ausgesteuerter Tontechnik dieser Korrespondenz der Kl\u00e4nge besondere Akzente setzt.<br \/>\nAlles dem Raum, der Handlung, der Thematik angemessen, dramaturgisch konsequent.\u00a0Vorantreibend oder besinnlicher, wenn es darum geht Momente der Ruhe und des Innehaltens zu setzen. Nat\u00fcrlich spielt die Raumakustik eine besondere Rolle, macht noch einmal die Tragik der kleinen Menschen auch in der klanglichen \u00dcberw\u00e4ltigung von ihnen nicht zu bestimmender M\u00e4chte sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>So erh\u00e4lt dieses Kammerspiel auch musikalische, beeindruckende Dimensionen der Weite im Sinne einer Reise durch die Zeiten. Und diese Reise f\u00fchrt am Ende vom 16. Jahrhundert, ganz ohne vordergr\u00fcndige Andeutungen, vor allem emotional und assoziativ, zu uns, in die Gegenwart.<\/p>\n<p>Boris Gruhl<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ballett, Tanztheater an einem ungew\u00f6hnlichen Ort: F\u00fcr seinen nicht ganz freiwilligen Abschied in Chemnitz w\u00e4hlte der Choreograf Reiner Feistel die Chemnitzer St. Markuskirche. 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