{"id":24734,"date":"2016-05-26T14:24:22","date_gmt":"2016-05-26T14:24:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.danceforyou.nanowp.com\/?p=24734"},"modified":"2018-03-26T14:28:18","modified_gmt":"2018-03-26T14:28:18","slug":"der-wertungsrichter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danceforyou-magazine.com\/en\/der-wertungsrichter\/","title":{"rendered":"Der Wertungsrichter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Wertungsrichter:<br \/>\nSpa\u00dfbremse und politischer Erf\u00fcllungsgehilfe der Tanz-Verb\u00e4nde<\/strong><\/p>\n<p>Turniertanzen k\u00f6nnte so sch\u00f6n sein. Hochgemut betritt das Paar die Fl\u00e4che und schon geht es los. Die Musik schwelgt, die Bewegung flie\u00dft und himmlische Harmonie legt sich \u00fcber die Szenerie. So weit der Traum. Die Realit\u00e4t sieht anders aus. Das Paar kommt aufs Parkett und der Schreck sitzt ihm noch in allen Gliedern, weil sich beim Eintanzen un\u00fcberbr\u00fcckbare Gegens\u00e4tze aufgetan haben. Au\u00dferdem wurde man von der Konkurrenz schon vorsorglich getreten und mit dem Ellbogen traktiert, um klarzustellen, wer die Hoheit auf der Fl\u00e4che hat. Und dann stehen da noch einige Damen und Herren am Rande, die einem dann den Rest geben: die Wertungsrichter. Erfahrene T\u00e4nzer brauchen blo\u00df die Startliste und die Namen des Wertungsgerichts lesen, um zu wissen, wie das Turnier ausgeht. \u00dcberraschungen sind da eher die Ausnahme. Denn wie beim Eiskunstlauf gang und g\u00e4be, gibt es auch im Tanzsport unheilige Allianzen. Wertest Du mein Paar, werte ich Dein Paar, ist die eher harmlose Variante. Das Haus-Paar des ausrichtenden Clubs darf auch mit einem Bonus rechnen und wehe der clubeigene Wertungsrichter h\u00e4lt sich nicht daran, sondern folgt seinem Gewissen und den Wertungskriterien\u2026<\/p>\n<p>Bei internationalen Tanz-Turnieren wird daher schon mal darauf verzichtet, im Finale nach jedem Tanz die offene Wertung zu zeigen. Erst wenn alles vorbei ist, d\u00fcrfen die Herren und Damen ihre T\u00e4felchen heben. Was nat\u00fcrlich dazu f\u00fchrt, dass es kaum zu Erholungs-Pausen zwischen den T\u00e4nzen kommt und die Paare in einem Par-Force-Ritt mehr ihre Kondition als ihr Tanzverm\u00f6gen pr\u00e4sentieren. Denn so eine Runde entspricht schon mal einem Kilometerlauf &#8211; bei gro\u00dfen Starter-Feldern ist das Finale meist der sechste, der absolviert werden muss.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.danceforyou.nanowp.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Der-Wertungsrichter.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"276\" \/><\/p>\n<p>Dabei h\u00f6rt sich eigentlich alles gut an, wenn man liest, was die World Dance Sport Federation \u00fcber die Bewertung von Tanzsport \u00e4u\u00dfert. Da ist die Rede von der Faszination, die Tanzen ob seiner \u00c4sthetik aus\u00fcbt. Der Kunstaspekt der Performance wird herausgestrichen. Und von fairem Wettbewerb ist die Rede, bei dem alle darauf aus sind, die perfekte Synthese zwischen Technik, artistischen F\u00e4higkeiten und Athletik zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Da es ja keine Kriterien, etwa Stoppuhr oder Ma\u00dfband, wie in anderen Sportarten gibt, greifen eine ganze Reihe von Gesichtspunkten, wenn es um die Beurteilung geht. Von Posture ist die Rede, die T\u00e4nzer elegant aussehen l\u00e4sst, von Timing und Basis-Rhythmus, von K\u00f6rper-Linien, von Haltung, Bewegung, Pr\u00e4sentation, rhythmischer Aktion, Fu\u00dftechnik, Floorcraft usw. Aber auch wie die T\u00e4nzer als Paar zusammenwirken und wie ihre Kleidung und ihr Auftreten zusammen wirken. Wie Teile eines Puzzles sollen diese Kriterien ineinandergreifen, um das gew\u00fcnschte Bild zu ergeben. Wobei die Wertungsrichter nat\u00fcrlich sofort sehen (sollen), woran es krankt. Und nat\u00fcrlich werden diese Kriterien nicht alle zugleich angewendet. Der deutsche Amateurverband benennt das ganz klar: \u201eDie Wertungsgebiete sind hierarchisch geordnet: Kann man beispielsweise nach dem Wertungsgebiet 1 &#8211; Musik &#8211; die tanzenden Paare differenzieren, werden die nachfolgenden Wertungsgebiete nicht ber\u00fccksichtigt. Wenn alle Paare Takt und Grundrythmus gleicherma\u00dfen halten, wird das n\u00e4chstfolgende Wertungsgebiet herangezogen und so weiter.\u201c<br \/>\nDas bedeutet im Klartext, dass wenn als erstes Takt und Rhythmus stimmen sowie die Balancen, erst dann das Kriterium Bewegungsablauf dran ist und ganz zum Schluss erst die Charakteristik des Tanzes einschlie\u00dflich des Bestrebens, Musik zum Ausdruck zu bringen. Bis es soweit ist, haben die Tanzpaare aber bereits mehrere Klassen durchlaufen, in denen es keine Rolle spielt, ob sie nun die spielende Musik vertanzen oder nicht. Musikalit\u00e4t wird da nicht gewertet, nachdem es ja andere Unterscheidungsmerkmale gibt. Das hei\u00dft, erfolgs-orientierte Trainer legen auch gar keinen Fokus drauf. Tanzpaare werden nicht von Anfang an sensibilisiert f\u00fcr ihr Tun, sondern erst einmal athletisch auf Vordermann gebracht. Dementsprechend sieht das Tanzen im deutschen Amateurverband denn auch aus. Wer schlie\u00dflich in die S-Klasse aufsteigt, in der dann doch gelegentlich das Kriterium Musikalit\u00e4t in Anschlag gebracht wird, um die Paare auseinanderhalten zu k\u00f6nnen, muss verdutzt feststellen, dass es da noch etwas anderes gibt, von dem er wenig Ahnung hat. Wie auch. Selbst bei Weltmeisterschaften der World Dance Sport Federation gibt es Final-Paare, f\u00fcr die Musikalit\u00e4t ein Fremdwort ist &#8211; allen voran die russischen Tanz-Akrobaten, das Geschwisterpaar Konvalevsky. Wo es eigentlich auch darum gehen sollte, die Charakteristik der T\u00e4nze sichtbar zu machen, schafften sie es bei ihrer Einzelvorf\u00fchrung, einen langsamen Walzer im gestreckten Galopp so aufs Parkett zu donnern, dass man sich verdutzt die Augen rieb und sich fragte, ob denn da \u00fcberhaupt eine einzige Walzer-typische Rechtsdrehung vorgekommen ist&#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.danceforyou.nanowp.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Der-Wertungsrichter-1.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"256\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim World Danke Council (WDC), dem anderen gro\u00dfen Weltverband, dem die deutschen Professionals angeh\u00f6ren und der &#8211; wie wir berichtet haben &#8211; durch politische Manipulationen der World Dancesport Federation (WDSF) gezwungen war, eine eigene Amateur-Abteilung aufzumachen, liegen die Dinge anders. Hier werten ausschlie\u00dflich Professionals und nur, wer die Klasse selbst getanzt hat, darf werten. Das ist bei der WDFS anders. Hier haben die Funktion\u00e4re die Oberhoheit. Das hei\u00dft, jeder kann alles werten, sofern er denn die Lizenzschulungen absolviert. Ob er selbst je getanzt hat, ist unwichtig. Da wird der Proband auf Linie getrimmt und ist verpflichtet, genauso zu werten, wie es der Verband gerne hat. Bei einer Probewertung muss er in einem Life-Turnier parallel mitwerten und darf sich nur zu einem kleinen Prozentsatz von den eingesetzten Wertungsrichtern unterscheiden, sonst besteht er die Pr\u00fcfung nicht. Wenn man allerdings wei\u00df, dass eine Weltmeisterin im Professional-Lateintanzen beim Werten eines niederklassigen Latein-Turniers durchgefallen ist, dann regen sich doch einige Zweifel am System. Denn keiner wird mit Fug und Recht behaupten k\u00f6nnen, dass die Dame eben nichts vom Lateintanzen versteht\u2026<\/p>\n<p>Geht es da ums Tanzen oder darum, dass der Verband irgendetwas durchsetzen will?! Opportun ist zudem, dass so eine erworbene Lizenz st\u00e4ndig durch (teure) Erhaltungsschulungen erneuert werden muss. Das hei\u00dft, den Wertungsrichtern wird unter dem Vorwand von Fortbildung st\u00e4ndig vorgegeben, was und wie sie werten sollen. Politisch hochgerechnet hei\u00dft das: Fraktionszwang. Das geht sogar so weit, dass auf youtube ein kleines Filmchen eingespielt wurde, das zeigt, wie ein Wertungsrichter w\u00e4hrend des Wertens heimlich auf seinen Spickzettel schaut, ob er auch ja die \u201erichtigen\u201d Paare angekreuzt hat. Das pers\u00f6nliche Gewissen wird au\u00dfer Kraft gesetzt\u2026 Und sollten sich doch ein paar versprengte Wertungsrichter nicht von ihrer pers\u00f6nlichen Meinung abbringen lassen, werden sie eben bei der Vergabe von Turnierterminen vom Verband nicht mehr ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Das ist beim WDC und dem deutschen Professionalverband (einschlie\u00dflich seiner Amateur-League) nicht so. Hauptargument der Gegenseite: Professional sei keine gesch\u00fctzte Bezeichnung und jeder (Unbefugte) k\u00f6nne Professional werden. Doch in der Praxis ist das sehr selten. Bis auf ein versprengtes griechisches Paar vor etlichen Jahren, das auf C-Klasse-Niveau neben den Top-Professionals bei Weltmeisterschaften tapfer mitgestiefelt ist (prompt in der Vorrunde ausschied) und durch den Kontrast erst recht das K\u00f6nnen der Professionals belegte, ward niemand unter S-Klassen-Niveau gesichtet. Takt und Rhythmus stehen als Kriterien auch hier an erster Stelle, geht es doch in erster Linie darum, Musik zu vertanzen. Dann folgt gleich der Bewegungsablauf: \u201eDabei kommt es darauf an, dass sich das Paar dem Tanz entsprechend charakteristisch bewegt, dass je nach Tanz eine \u201eweiche\u201c und \u201eflie\u00dfende\u201c Bewegung zu sehen ist. Schwungvoll soll das Tanzen ebenfalls sein. Hat das Paar eine zu kleine, nicht schwungvolle Bewegung, kann es z.B. im Takt sein, aber nicht rhythmisch und musikalisch, da dieses alles zusammenh\u00e4ngt\u201d kann man auf der DPV-Homepage nachlesen. Nat\u00fcrlich spielen auch Haltung und Technik eine Rolle. \u201eHier werden u.a. Dinge wie Basic, Fu\u00df-(arbeits)technik und Beinarbeit mit zur Bewertung herangezogen. So ist z.B. ohne Beherrschung der richtigen Technik musikalisches Tanzen (normalerweise) zu wenig dynamisch und dynamisches Tanzen zu wenig musikalisch&#8221; erkl\u00e4rt der DPV seine Bewertungskriterien. Sogar die Ausstrahlung des Paares kann bei gleichwertigen Leistungen eine Rolle spielen. Von einer automatischen Hierarchie ist jedoch keine Rede. Das hei\u00dft, hier wird das Augenmerk von Anfang an auf das gesamte Tanzen gelegt. Wer je Turniere des WDC \u2013 gerade auch auf h\u00f6herer Amateur-Ebene \u2013 verfolgt hat, beispielsweise beim London Ball, sieht sofort, dass hier ein anderes Tanzen stattfindet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es \u00fcberall Bestrebungen, das Wertungssystem zu verbessern. So sind gerade erste Testversuche beim WDC gelaufen, in denen der ehemalige Italienische Latein-Landesmeister Roberto Pregolato Neuerungen pr\u00e4sentierte. Da wurde im Finale allen Wertungsrichtern \u2013 ohne dass sie es vorher gewusst h\u00e4tten \u2013 nur ein einziges Wertungsgebiet zugeteilt. So konnten sie sich in den 15 bis 20 Sekunden, die ihnen je Paar in der Runde zum Werten bleib, ganz klar auf nur eine Sache konzentrieren. Und siehe da: pl\u00f6tzlich zeigten sich nach der Addition der Pl\u00e4tze in den Einzelkomponenten komplett andere Ergebnisse, als man sie vorhergesehen h\u00e4tte! Das ist schon mal ein hervorragender Ansatz, beim Werten all die anderen Gesichtspunkte, au\u00dfer den Tanz-Kriterien, au\u00dfen vor zu lassen.<\/p>\n<p><em>Autor: Ute Fischbach-Kirchgraber<br \/>\nFotos: Thomas Kirchgraber<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wertungsrichter: Spa\u00dfbremse und politischer Erf\u00fcllungsgehilfe der Tanz-Verb\u00e4nde Turniertanzen k\u00f6nnte so sch\u00f6n sein. Hochgemut betritt das Paar die Fl\u00e4che und schon geht es los. Die Musik schwelgt, die Bewegung flie\u00dft und himmlische Harmonie legt sich \u00fcber die Szenerie. So weit der Traum. Die Realit\u00e4t sieht anders aus. 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