Cathy Marston, deren Vertrag gerade bis 2029/2030 verlängert worden ist, tritt vor das Publikum und widmet Timeframed dem jüngst verstorbenen Hans van Manen. Er hätte zur Premiere hier sein sollen, verbindet ihn doch eine lange Tradition mit Zürich. Das Werk Live hat 1979 Tanzgeschichte geschrieben und wird nach Amsterdam und Wien erstmals in der Schweiz live aufgeführt. Van Manens Partner Henk van Dijk hat es zusammen mit Feline van Dijken einstudiert.
Ein Kameramann umkreist eine Tänzerin, fängt jede Bewegung, die kleinste Regung ihres Körpers ein, während Kateryna Tereshchenko am Flügel Listzs Klavierstücke spielt. Riesengross und wunderschön ist die neue Solistin Ayaha Tsunaki – ein Gewinn! – auf der Leinwand zu sehen, bevor sie – ein bedeutungsvoller Blick – Karen Azatyan ins Foyer folgt. Gebannt schaut man zu und versteht nach der Rückblende, die eine übergriffige Pas de deux-Szene im Studio zeigt, warum die Tänzerin es vorzieht, den Tanzpartner und das Haus zu verlassen. Das Bild, wie Ayaha Tsunaki sich einen Mantel überwirft und in Spitzenschuhen quer über den nebelverhangenen Platz in Richtung Tramstation geht, ist der wunderbare Abschluss eines großartigen Abends, der Paarbeziehungen, und zwar Frauen und Männer auf Augenhöhe, ins Zentrum stellt.

Ayaha Tsunaki und Joel Woellner eröffnen das Zeitfenster mit dem ersten subtilen Pas de deux von acht aus William Forsythes New Suite, dieser Perlenkette aus Duetten aus drei verschiedenen Balletten zu Musik von Händel, Berio und Bach. Eine Perle ist schöner als die andere, jeder Pas de deux frisch, variantenreich und exquisit. Die Freude, diese Perlen tanzen zu dürfen, sieht man jedem einzelnen Paar an. Der Funke springt und glimmt auch im mittleren, zeitgenössischen Teil von Timeframed, den zwei Neukreationen. Leicht ist es nicht, seine Choreografie zwischen zwei Schwergewichten des Tanzes zu präsentieren, und es gelingt Lucas Valente und Andonis Foniadakis unterschiedlich gut.
Der Brasilianer Lucas Valente kennt die Compagnie bestens, weil er ihr als Tänzer viele Jahre angehörte. Nach Arbeiten als Choreograf für das Junior Ballett ist Bare sein erstes Stück für das Ballett Zürich. Valente setzt voll und ganz auf die Kraft der großen Gruppe, die den Soundtrack zur Choreografie gleich selbst liefern.

Die Tänzer in Boxerstiefeln, langen Hosen und freien Rücken füttern die aufgehängten Mikrophone mit Geräuschen, ihrem Atem und ihren Rufen, als ob sie gerade dabei wären, Phrasen eines Stücks zu lernen: now jump! Die Bewegungen sind pur, roh und rhythmisch komplex. Was dynamisch und spannend beginnt, geht dann mit Hilfe eines Metronoms und später Trommeln jedoch in eine etwas lange synchrone Sequenz über. Nichtsdestotrotz erntet Lucas Valente den herzlichsten Applaus des Abends.

Gespannt war man auf den gefeierten griechischen Choreografen Andonis Foniadakis.
Orbit greift das Pas de deux-Thema von Forsythe und van Manen auf und treibt es energetisch und athletisch auf die Spitze. Zu lauter und etwas langweiliger Musik von Bryce Dessner und Ludovico Einaudi schwirren die vier Paare wie wild gewordene Insekten umeinander und in die Lüfte. Fashionstar Anastasios Sofroniou hat sie in glitzernde Bodys gesteckt, die sich auch unter einem Zirkuszelt gut machen würden. Orbit wirkt überspannt und gehetzt, roh und grob im Vergleich zu den anderen Stücken. Im Programmheft schreibt Foniadakis, er wolle die Tänzer “begeistern und sie zum Strahlen bringen. Wenn sie merken, dass sie eine Grenze überschreiten, macht mich das glücklich. Und sie hoffentlich auch!” Ob Nancy Osbaldeston und Esteban Berlanga, Breanna Foad und Kilian Smith, Nehanda Péguillan und Brandon Lawrence sowie Alyssa Pratt und Wei Chen das auch so sehen, sei dahingestellt. Die Zerreißprobe haben sie jedoch mit Bravour gemeistert; das Publikum dankt es ihnen mit großem Applaus.
Das Beste – Forsythe – zu Beginn, das Beste – van Manen – zum Schluss und das Dazwischen – Valente und Foniadakis – kann und darf sich sehen lassen. Hans van Manen hätte große Freude an Timeframed gehabt.





