John Neumeier hat das Hamburg Ballett nicht geleitet. Er hat es erschaffen. Mehr als fünf Jahrzehnte lang, mit einer Konsequenz, die Bewunderung und Schaudern zugleich verdient. Als er 2024 abtrat, hinterließ er nicht einfach eine vakante Stelle, sondern ein Gravitationsfeld — und wer sich ihm nähert, spürt dessen Sog. Was er hinterließ, war eine Institution von globalem Rang — und ein Werk, das die Tanzwelt bis heute definiert: Ballette, die nicht illustrieren, sondern denken, durchdrungen von einem psychologischen Blick, der dem klassischen Ballett eine völlig neue Sprache gab.
Die Hamburger Ballett-Tage wurden zur Pilgerreise für Publikum aus ganz Europa und weit darüber hinaus. Gastspiele füllten Häuser in Tokio, Paris und New York. In der klassischen Tanzwelt ist das eine Ausnahmeerscheinung.
Genau das macht die Frage der Nachfolge so folgenreich — und so heikel.
Demis Volpi hat das auf eine Weise gespürt, die er sich sicher anders vorgestellt hatte. Seine Intendanz überlebte kaum eine Spielzeit. Ein offener Brief, unterzeichnet von mehr als der Hälfte der Compagnie, machte die innere Zerrüttung öffentlich: Vorwürfe eines vergifteten Arbeitsklimas, Vertragsverweigerungen führender Solisten, ein Vertrauensbruch, der sich nicht mehr kitten ließ. Im Sommer 2025 trennte sich der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper von Volpi — still, aber ohne Ausweg.

Seitdem führt das Hamburg Ballett sich selbst. Oder genauer: Es führen drei Menschen, die das Haus in- und auswendig kennen. Lloyd Riggins, der Amerikaner, der seit 1995 hier tanzte, dann Ballettmeister wurde und seit Jahren als stellvertretender Direktor wirkt. Nicolas Hartmann, der Mann für die administrativen Nervenstränge des Betriebs. Und Gigi Hyatt, die Neumeier einst selbst zur Ersten Solistin ernannt hatte und heute die Ballettschule leitet. Kein Triumvirat aus Überzeugung, eher eines aus Notwendigkeit — und vielleicht gerade deshalb funktioniert es.
Nun hat der Aufsichtsrat die Verlängerung beschlossen: Riggins und Hartmann bleiben bis Mitte 2027. Was als Notlösung begann, bekommt damit Kontur und Gewicht.
Das Programm folgt einer nachvollziehbaren Logik: Neumeiers Werk pflegen, weiterentwickeln, aber nicht einmotten. Für neue Produktionen sollen Choreografinnen und Choreografen von außen kommen — Stimmen, die der Compagnie frische Reibung bieten, ohne ihr die Seele auszutreiben. Das ist kein musealer Ansatz. Es ist der Versuch, ein Erbe lebendig zu halten, ohne so zu tun, als wäre nichts geschehen.
Was parallel dazu läuft, ist mindestens so interessant wie die Spielplanfrage. Ein extern moderierter Dialog soll innerhalb der Compagnie klären, wie man künftig miteinander arbeiten will — und was man von einer neuen Intendanz erwartet. Dass Hamburg diesen Weg geht, ist eine direkte Konsequenz aus dem Volpi-Debakel. Und eine kluge.
Wer nach 2027 das Hamburg Ballett leiten wird, steht noch nicht fest. Die Suche läuft, diskret, wie es sich für dieses Haus gehört. Bis dahin regiert das Interimsprinzip — nicht als Verlegenheitslösung, sondern als bewusste Atempause. Hamburg gibt sich Zeit. Und das, in der gehetzten Welt des Kulturbetriebs, ist keine Schwäche. Es ist ein Urteil.
Mihaela VIERU
Interimsleitung des Hamburg Balletts bis Mitte 2027 verlängert – hamburg.de





